Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 19 (1.5.1936)
- Date
- 1936-05-01
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland wer boten 1 Jüdische IDodicnsdiri Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden"' Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 1. Mai 1936 Nummer 19 Gegen die Feinde Österreichs. Eine Feier der Ostmärkischen Sturmscharen in Baden bot dem Bundeskanzler Dr. S c h u s c hnig den Anlaß zu einem Appell zum Gegenangriff auf die Feinde Oesterreichs. Die Feinde Oesterreichs? Welch politisches Paradoxon scheint die Zusammenstellung dieser Worte zu bedeuten! Wer kann diesem kleinen Land Feind sein, dessen 6 Millionen Einwohner nicht räuberische Beduinen sind, die ihre Nachbarn ständig beunruhigen, sondern friedliche Mitschöpfer und Träger der abendländichen Kultur? Wenn irgendwo in der Wildnis fremder Erdteile andersfarbige Menschen sich im Rhythmus eines Wiener Walzers wiegen, wenn in den Weltzentren der Kultur die Seelenforschung auf den von Sigmund Freud erschlossenen Wegen neuen Erkenntnissen entgegenreift, so sind das gewiß österreichische Eroberungen, aber es sind Eroberungen, die keine Feinde schaffen können; sondern nur Freunde — sollte man meinen. Diese Ansicht erwies sich auch als richtig, so lange Europa bei aller nationalen und politischen Zerrissenheit sich eins fühlte in dem Bekenntnis zu einer kulturellen Tradition, zur Kontinuität des im biblischen Sittengesetz verwurzelten Rechtsgedankens. Erst als im Zentrum Europas dieses stolzeste Bollwerk der abendländischen Zivilisation durch barbarische iWiÜlkür beseitigt wurde, erst als im Deutschen Reiche das moralische Fundament der menschlichen Wechselbeziehungen durch das im Urwald geltende zoologische Naturgesetz, demzufolge der rassisch Schwache und Wehrlose von dem Starken gefressen wird, ersetzt wurde,;ejrst von diesem Moment an bekommt Oesterreich es zu seinem Leidwesen zu spüren, daß es Feinde hat, und es gereicht ihm zur höchsten Ehre, daß seine Feinde identisch mit den Feinden der europäischen Kultur sind. Vor diesen warnt Bundeskanzler Doktor Schuschnigg: „Es ist so, als ob ein Generalangriff wieder einmal unternommen würde, um dieses Land in seinen Grundfesten zu erschüttern, der sich verschiedener Angriffspunkte bedient, um zu dem nun schon seit Jahren versagt gebliebenen Erfolg zu gelangen. Wir haben alle Ursache, diesem Generalangriff offenen Blickes gegenüberzutreten; denn nur der, der die Gefahren sieht und sie erkennt, wird sie zu meistern vermögen." Der Kanzler hat da auf den wundesten Punkt der österreichischen Verteidigungsstellung hingewiesen: die mangelnde Erkenntnis der Gefahr. Vergebens wendet sich die katholische Zeitschrift „Der christliche Ständestaat" gegen Versuche, unter Heranziehung katholischer Argumentationen den nationalsozialistischen Antisemitismus nachzuahmen. Wenn Pater Bichlmair ' gegen die „schleche biologische Erbmassef' der Juden wettert, so liefert er ein geradezuklassisches Beispiel der Verquickung des katholischen Begriffs der" „Erbsünde" mit dem nationalsozialistischen Schlagwort „Rasse". Solcher Taktik gegenüber warnt „Der christliche Ständestaat" davor, dem Nationalsozialismus den Wind aus den Segeln nehmen zu wollen, anstatt ilin gänzlich; mit Einschluß des Judenhasses, abzulehnen. Diese Warnung sollte auch Staatsrat Kunschak beherzigen. Bundeskanzler Doktor Schuschnigg hat es in seiner Badener Rede für g r u n d v e r f e h 11 erklärt, nur das zu sagen, was das jeweilige Auditorium gern hört. In vollem Gegensatz zu diesem Kanzlerworte, das die amtliche ..Wiener Zeitung" als das Motto der ganzen Rede wertet,j rüstet sich Kunschak, in einer Freiheitsbund-Versamnilung auf dem Heldenplatz die altbewährte) Schlagkraft antisemitischer Mätzchen auf die leichtbetörte Masse zu einem billigen rhetorischen Triumpf zu mißbrauchen und am Denkmal des edlen Ritters, der gesagt hat, daß ohne den jüdischen Bankier Oppenheimer Oesterreich; türkisch geworden wäre, das Nazi-Schlagwort zu paraphrasieren: „Die Juden sind unser Unglück!" Bundeskanzler Doktor Schuschnigg erklärte es als Aufgabe des Cafe-Restaurant ilP^ctfz^d* et 99 an der Sctiweüenbrflche Der gnle Hollee Die Yorzfltf iMhe Ktkhe Die mäßigen Preise neuen Oesterreich, den Ungeist der Spekulation zu bekämpfen und auszurotten. Kunschak und Dr. C z e r m a k werfen sich zu Wortführern jener auf, die die Juden von allen geistigen Betätigungen fern halten und die Presse gleichschalten möchten. Gibt diese Gegenüberstellung nicht eine geradezu erschütternde Rechtfertigung der in Baden ausgesprochenen Meinung des Bundeskanz- Rasiere Dldi gilt und billig Oeslcrrelchlsclies Qualität* faDrlhal Ueberau erhältlich lers. „daß zu wenig Klarheit in den Begriffen beste h t und zu viel mit Schlagworten gearbeitet wird"? Solch geistiger Verwirrung gegenüber hält Dr. Schuschnigg einen Aufklärungsfeldzug ganz großen Stils als Gegenangriff gegen den Nazimus für geboten. Er bemühte sich auch gleich an Ort und Stelle, in den grundlegenden Fragen das Prinzipielle klar herauszuarbeiten. Am glücklichsten gelang ihm dies wohl in der Formulierung, daß nicht die Organisationszugehörigkeit, sondern die Leistung über die Stellung des arbeitenden Menschen entscheiden solle. Das war ein Hieb ins Zentrum des Nationalsozialismus, der ja den kollektivistischen Kadavergehorsam gegenüber Parteiparolen weit über die individuelle Leistung stellt; aber auch ein harter Schlag für die diversen österreichischen „Freiheitsbünde" und deutsch-arischen Berufsorganiationen, die sich mit reklamehaften Bekenntnissen zu mehr oder weniger gut getarnten Nazi-Schlagwörtern um die Leistung drücken zu können hoffen. Wo die Leistung über die Phrase siegt, dort hat der Nationalsozialismus das Spiel verloren. Wir Juden wünschen uns niemals etwas anderes, als nach unseren Leistungen eingeschätzt zu werden, und quittieren die Mahnung des Regierungschefs mit Dank und Anerkennung. Interessante Stimmen zur Judenfrage. „Der christliche Ständestaa t", dessen Art, die nationalsozialistische Bewegung und im besonderen das Judenproblem zu behanden, sich wohltuend von der Methode abhebt, die in manch anderen christlich-katholischen Organen unier dem Einflüsse der Tagespolitik in sehr unc Ii ristlich er Weise angewendet wird, widmet den größten Teil seines am 26. April erschienenen Wochenheftes der Erörterung der Judenfrage, indem er zur möglichst vielseitigen Beleuchtung dieses im allgemeinen allzu gewaltsam in den Vordergrund gedrängten Problems in einer Reihe von . interessanten Artikeln verschiedene Autoren zu Worte kommen läßt. „Der christliche Ständestaat", der in jeder Wochennummer" sehr lesenswerte, auch für uns Juden, ja vielleicht gerade für uns Juden, überaus beachtenswerte Gedanken zum Ausdruck bringt, hält auch diesmal sein hohes Niveau. Wir müssen uns hier begnügen, aus den umfangreichen Aufsätzen einige Zitate zu bringen, die die Einstellung und die Kultur ihrer Verfasser und der Herausgeber widerspiegeln. In einem Artikel „Falsche Antithesen" aus der Feder des Univ.-Proi. Dr. Dietrich v. H i I d e b r a n d, dessen hervorragende Persönlichkeit dem „Christlichen Ständestaat" ihre Marke aufdrückt, heißt es u. a.: . . . „Generell muß gesagt werden: Jeder, der sich gegen einen anderen Menschen durch die bloße Tatsache seiner Abstammung einnehmen läßt — beweist damit, daß er geistig beschränkt und ungerecht ist und sich auf einer sehr niedrigen Kulturstufe berindet. Wenn ein Oesterreicher, sobald er erfährt, daß jemand jüdischer Abstammung ist, die Nase rümpit und darum schon gegen ihn eingenommen ist, ja wenn er auch nur einen anderen nichtjüdischer Abstammung a priori bevorzugt, so zeigt er sich als beschränkter törichter Mensch, der einer wahren geistigen und moralischen Kultur entbehrt. Unsere Einstellung einem Menschen gegenüber darf nur durch dessen Geistesart bestimmt werden, durch seine religiöse und moralische Beschaffenheit, durch seine individuelle Mentalität.----