Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 18 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 18 — 24. April 1936 Seite 5 Die Verantwortungslosigkeit der zionistischen Propaganda. Von Schalom Ben C h o r i m, Jerusalem. Viele, vor allem junge Juden in den Ländern der Zerstreuung leben in einer besonderen Spannung, welche durch eine beständige, fast starre Blickrichtung nach Palästina hervorgerufen wird. In den zionistischen und revisionistischen Jugendbünden ist das Ausgerichtetsein auf „das" Land praktisch oberstes Erziehungsprogramm. Erfolg: die Menschen dieser Bünde leben ein Doppeldasein. Sie gehen zwar physisch durch die Straßen Wiens, Warschaus, Paris usw., aber ihr Geist, ihre Seele befinden sich bereits in Tel-Aviv oder Jerusalem. Ich kannte viele solcher junger Menschen, die kaum Anteil nahmen am Leben, das sich rings um sie abspielte, auch nicht am jüdischen Leben ihrer Gemeinde, sondern einzig fanatisch und fasziniert „nach Palästina lebten" und sich über lokale Vorfälle in einer gallüäischen Kolonie ereifern konnten, von Freud und Leid ihres jüdischen Nachbars aber unberührt blieben. So negieren diese Juden die Diaspora und erhoffen die Erfüllung, die Sinngebung ihres Lebens in Palästina. Man mißverstehe mich nicht: nicht so sehr Geld und Gut erwarten sie, vielmehr etwas Unwägbares, ein Imponderabile der Erlebnissphäre, die Erfüllung eines nicht ganz klar definierten Ideals der Bewährung, das Sinnhaftwerden der eigenen Existenz im nationalen Kollektiv. Kommen diese fcuisrlien — nach heißen Zertifikatskämpfen und entbehrungsreichen Hachscharah-Monaten — in das Land ihrer hypertrophierten Erwartungen, so stellt sich bald eine Ernüchterung ein, die oft einem seelischen Debakel gleichkommt. ..Alijah-Kater" nennt Hugo Hermann in seiner etwas schnoddrigen Weise diese Seelenverfassung des Neueingewanderten. Aber der Alija-Kater ist, wie jeder „Kater", kein Dauerzustand. Er geht vorüber. Was bleibt, ist eine furchtbare innere Leere, ein Abgestumpftwerden — das große Vakuum. Gandhi hat einmal gesagt, ein Ideal sei nur dann ein echtes — wenn es im Letzten unerreichbar ist. Wir Juden sind zwar als Messianisten andrer Meinung, aber wir bekennen, ein erreichtes Ideal, das sich als ein trügerisches erwies, ist eine verhängnisvolle und gefährliche Erscheinung, zumal wenn dieses Ideal kein individuelles, sondern ein kollektives ist. Es ist nicht die Schuld des Landes Palästina und seiner Bewohner, daß so viele Einwandereherb enttäuscht werden, die Schuld liegt bei den hemmungslosen Propagandisten, die einer sehnsüchtigen, opferbereiten Generation ein Wunschbild, genannt „Erez Israel", vorgaukeln und so lange gewisse Ideen einhämmern, bis sie stärker sind, als die Galuth-Wirklichkeit, aber — und hier liegt das Verhängnis — nicht stärker als die Wirklichkeit Palästinas, das ein Land ist, wie alle Länder, nur vielleicht besonders arm und zurückgeblieben, und dessen Menschen sind wie die Menschen in Europa und Amerika. In den Städten ist nichts zu spüren von der „Geineinschaft", oder gar der „Verwirklichung Gottes zwischen den Menschen", von der so viele träumten. Im Gegenteil: hemmungslosen Egoismus und nackte Ge 1 d s u c h t habe ich nirgends so ausgeprägt angetroffen, wie in diesem Lande: die Menschen kommen hierher, um wirtschaftlich zu beginnen; kaum einer sitzt sorglos auf ererbtem Gut. Dort aber, wo wirtschaftliche Tradition fehlt, muß die eigene Initiative stärker ^ein, als etwa in Europa, wo überkommener Farnilienbesitz weiten Kreisen ein Leben gestattet, das den Wissenschaften und Künsten oder den Aufgaben der Gemeinschaft gewidmet ist. All dies ist verständlich und daher entschuldbar, aber schön ist es nicht. Viele Menschen zerbrechen ar dieser Erkenntnis und ihre Enttäuschung formt sie zum Widerbild ihrer selbst. Menschen!, die voll hochgespanntester Erwartungen ins Land kamen, weiden hier die hemmungslosesten Erfolgsmenschen, die nur noch in Ziffern denken und einzig dem Erwerb leben. Das große Vakuum aber muß irgendwie gefüllt v/erden. Das Masten nach Gütern des Tages alein genügt nicht. Nachdem das jahrelang leuchtend erhaltene Ideal „Zion" an der Wirklichkeit Palästinas zerbrochen ist, bedürfen die Menschen, welche gewohnt waren, in einer höheren Spannung zu leben, eines neuen Ideals. Es sind mir hier Menschen begegnet, die buchstäblich auf der Suche noch einem Ideal leben. Sie sind getrieben \on dem Willen zum Glauben, ganz gleichgültig an was, nur um das große Vakuum in sich auszumerzen. Von hier aus wird die außergewöhnliche Radikalisierung des palästinensischen J i s c h u w verständlich. Einmal zutiefst enttäuscht, -befinden sich diese Menschen im Zustand der Gereiztheit, der Aggression. Sie suchen nach einem Schuldigen, den sie am Rockzipfel erwischen können, um ihm zuzurufen: „Halt, du bist an allem schuld, erst wenn du vernichtet bist, kann sich mein Schicksal zum Guten wenden." Dem ölgetränkten Werg gleichen sie... und fällt der Funke der politischen Losung darauf... so stehen sie — wie in diesen unheilvollen Tagen — in lichterlohen Flammen ... Flammen des Hasses, die verzehren, aber nicht wärmen. Nur Wenige führt der Weg der Enttäuschung in die Bezirke des Göttlichen, die Erfüllung in sich selbst Seit 1933 ist in Deutschland kein jüdischer Roman eines jüdischen Autors erschienen, der in der Gegenwart vor sich geht. Man begnügte sich damit, jüdisches Schicksal in historischer Vergangenheit darzustellen. Vor kurzem wurde nun in Berlin ein Roman veröffentlicht, der zwar in unseren Tagen spielt, aber nichts von der gegenwärtigen Problematik der Juden in Deutschland, nichts von den Ereignissen der drei letzten Jahre enthält. Dennoch behandelt der in Wien lebende Sorna Morgenstern, als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung" bekanntgeworden, ein aktuelles Thema — ein Thema, das für den Juden immer aktuell war, ist, sein wird . . . und gerade jetzt wieder zu besonderer Bedeutung anwuchs: der Jude zwischen Assimilation und Stammesbewußtsein. Sogleich sei gesagt, daß dies bedeutende Thema in Morgensterns Roman eine bedeutende Gestaltung gefunden hat Auch jenseits des jeden Juden bewegenden, erregenden Stoffes ist dies Buch ein Kunstwerk hohen Ranges. Welt, Menschen und Hauptmotiv sind gleicherweise tiefgründig, weitschichtig, eindringlich dargestellt und durch das organische Ineinanderwachsen und Sichgegenseitig-höher-Tragen dieser drei Elemente zu einer Einheit geformt, durch die Morgensterns Erzählung zum Prosaepos, zur Dichtung, gesteigert wird. Diese Einheit zu finden, war um so schwieriger, als es hier zu einem fast unbarmherzigen Zusammenprall zweier Welten kommt: der Welt des ungebrochenen, in selbstverständlicher Tradition stark gebliebenen Ostjudentums und der Welt eines von Religion und Stammesbewußtsein gleich entfernten modernen Großstadtjudentums. Ganz einfach und deshalb um so wirksamer ist der Aufbau des Romans —vom Idyll zum Drama, um wieder ins Idyll zurückzufinden. Diese einfache, klare, große Form war nur möglich durch eine einfache, klare, große Erfindung der Geschehnisse. Das Idyll beginnt in Podolien; aber wir werden nicht in jenes durch die jiddische Literatur immer wieder dargestellte Leben des östlichen Kleinstadt-Ghettos geführt, sondern aufs weite Land, in die fruchtbare Ebene, auf den Gutshof eines gesetzestreuen Großgrundbesitzers. Seit vielen Generationen ist der reiche Besitz in den Händen derselben jüdischen Familie, die von Angestellten, Kleinbauern, Dörflern patriarchalisch hochgeachtet wird. Das Buch setzt mit einem dichterischen Meisterstück ein: Morgenandacht des verwitweten Großgrundbesitzers Mohylewski in „Großvaters Zimmer", eine Art Privatsynagoge, und seine Fahrt durch die erntestrotzende Herbstlandschaft, mit Jankel, dem Goi, dem siebenundsiebzigjährigen jüdischen Oberverwalter, derso ins Land hineingewachsen ist, daß er Wien II., Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen sind. Denn wer sucht, um anklagen zu können, der findet nicht Gott. Die Wege zu ihm sind die des zerknirschten, nicht des empörten Herzens. Das große Vakuum ist nur für die allerwenigsten die Position, von der aus sie zum Sinai vorstoßen. Wohl aber ist es der Vorraum hemmungsloser, destruktiver Leidenschaften und eines die Keime echten Lebens zerstörenden Zynismus. Das sei jenen zu bedenken gegeben, die durch ein Ueberspannen der Erwartungen das große Vakuum in den Seelen vieler Tausender verschuldet haben. sich von der Religion entieriit hat. Mohylewski reist als Abgesandter zum Kongreß der gesetzestreuen Juden nach Wien: aber ihn und Jankel treibt noch die andere- „Sache": Mohylewskis Bruder, einst abgefallen in Wien, dann gefallen im Weltkrieg, hat einen Sohn hinterlassen, der gefunden und eingeholt werden soll. Und es kommt die ersehütternde dramatische Szene während des Kongresses, dessen Beginn die «roßten Zaddikim des Ostens im stillen Gebet segnen. Da wird dieser Neffe, ein Student — hingeführt durch seinen Vormund, den amtliehen Pressechef, ein „gutes Produkt der Assimilation" — durch eigenes Erlebnis innerlich bereits aufgelockert und dem Judentum sich wieder zuneigend, bei einer Rede von einem hysterischen Lachkrampf geschüttelt, als vermeintlicher Attentäter von den Juden verprügelt und, ohnmächtig hinausgetragen, von dem Onkel erkannt. Wie in alten Volkserzählungen bringt Jankel alles zum Guten. Der Nette kehrt um, in mehrfacher Bedeutung: zum Glauben der Väter, zum Grundbesitz der Väter. Er geht den Weg zurück nach Osten, mit Gewinn des Judentums, den der Vater, unter Verlust des Judentums, nach Westen ging. Man vermute aber nicht, daß dieser Roman be- Xchren. belehren will. Hier ist nichts Doktrin, nichts Tendenz, nichts auch nur Sittenbeschreibung. Alles wird Geschehen, Bewegung, Menschgestalt, Dichtung. In der geschlossenen Welt des Ostens ragen drei Figuren von klassischer Geschlossenheit: der toratreue Gutsbesitzer mit Gymnasialbildung, dem sein tätiges Leben ganz zur religiösen Funktion wird; der rustikale, kindlich-primitive Hüne Jankel in Reithose und Kaftan; und die „versorgte Pesje", die sich um alles bekümmernde, verkümmerte alte Jungfer. Gegen diese stehen die drei gleitenden Figuren eines Schnitzlerischen Wien: der verständnisvolle, kultivierte Beamte Frankl, mit seinem verheimlichten Judentum; die oberflächliche, etwas kokette Mutter, die nichts vom Judentum wissen will; und ihr Sohn, Sproß des Abtrünnigen, in dem elementar das Judentum wieder emporbricht. Und aus Kontrasten werden Harmonien. Nicht nur im Zusammenspiel der Hauptgestalten. Mächtige Akkorde schwellen: das Sere- Lesen Sie nächsten Montag im Wiener Montagblatt ^rPorjcti den Roman von Schalom Asch Der elektrische Stuhl? V TUCHHAUS TABAK ST^n"^™"* x. salzgbies 5 Stoffe für Damen und Herren „Der Sohn des verlorenen Sohnes." Roman von Sorna Morgenstern, Erich Reiss Verlag, Berlin 1935.