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Die Wahrheit · 1936-04-24 · Heft 18 (24.4.1936) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 18 (24.4.1936)
Date
1936-04-24
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 18 — 24. April 1936 Seite 3 eruieren. Und man erkennt die Berechtigung dieser Kritik angesichts der Tatsache, daß Vizebürgermeister Kresse auf unsere Aufforderung, das angeblich in seinen Händen befindliche Material betreffend die jüdische Boykottbewegung gegen christliche Geschäftsleute zu veröffentlichen, persönlich nicht reagiert, dafür aber in dem ihm nahestehenden Organ des Gewerbebunds eine antiarische „Verschwörung" der jüdischen Aerzte aufdecken läßt, die darin besteht, daß diese Aerzte ihren Patienten jüdische Fachärzte zur Spezialbehandlung empfehlen. Also weil jüdische Mediziner bei der Beratung der Patienten ihrem Gewissen und nicht dem arischen Geschäftsweiser folgen, sind sie antichristliche Verschwörer, während der Verband deutsch-arischer Rechtsanwälte ungehemmt seine standeswidrige Klientenfischerei sogar schon ins Ausland ausdehnen darf. Dieses hält allerdings mit seiner Kritik nicht so schonend zurück wie die inländischen Standesbehörden und der Obmann des genannten Verbandes, Dr. Viktor T s c h a d e s c h, Wien-Kärntnerstraße, hat sich von einem Amsterdamer Kollegen, den er für seinen antisemitischen Feldzug zu gewinnen suchte, eine saftige Abfuhr geholt. Er bekam den Bescheid, daß in Holland kein einziger anständiger arischer.Rechtsanwalt bereit sein werde, seine Praxis durch eine Spekulation auf den Antisemitismus zu erweitern. Der Erteiler dieser guten Lehre hat auch gezeigt, wie recht Bundeskanzler Doktor Schuschnigg mit seiner Aeußerung hat: „Mit dem Mittel des Rufmordes sind in Oesterreich keine politischen Lorbeeren zu holen." Denn er beantwortete den Versuch der Wiener deutsch-arischen Rechtsanwälte, an den jüdischen Kollegen R u fmord zu begehen, mit der Bemerkung, er kenne zahlreiche österreichische Rechtsanwälte und habe nicht die Erfahrung gemacht, daß die arischen Kollegen tüchtiger und zuverlässiger wären als die nichtarischen. In Holland und anderen Kulturländern begreift man eben nicht das Geschäftsprinzip des Antisemitismus, gerade das Manko an Tüchtigkeit und Zuverlässigkeit durch den Hinweis auf die arische Rasse auszugleichen. Angesichts dieser Praxis können wir Juden getrost jedem objektiven Schiedsspruch entgegensehen, wer sich in Wirklichkeit gegen das Ansehen Oesterreichs versündigt: Jüdische Boykotthetzer gegen die Christen oder antisemitische Boykotthetzeir gegen die Juden. Wir finden es aber begreiflich, wenn der Bundeskanzler die Rolle des Schiedsrichters ablehnend nach beiden Seiten hin die Mahnung richtet: „Ich betrachte es für völlig unzulässig, aber auch für wahrheitswidrig, wenn der eine dem anderen — es handelt sich meist um Uebungen mit Gegenseitigkeit in solchen Fällen, und Licht und Schatten sind gerecht verteilt — vorwerfen würde, er werde durch die Machtaspirationen des anderen an die Wand gedrückt. Ich halte es tür höchst bedenklich, kurzsichtig und sinntos, und würde es niemals ruhig hinnehmen können, wenn der eine oder andere anfangen würde, mit offenen oder versteckten Drohungen zu operieren." Nun, was die Drohungen betrifft, haben wir •luden gleichfalls das bessere Gewissen. Womit könnten wir drohen? Dagegen lesen wir im „Vorarlberger Volksblatt": „Wir brauchen einen vernünftigen, lautlosen und daher staatspolitisch geleiteten Antisemitismus, der die Grundlagen der Rechts- und Wirtschaftsordnung nicht zerstört." Nichts desavouiert den faktischen Bedarf nach Antisemitismus besser als die Tatsache, daß er just in jenem Bundesland verlangt wird, wo es die wenigsten Juden gibt. Und so erscheint die Ablehnung des antisemitischen Rezepts durch die staatspolitische Leitung des christlichen Ständestaats nur allzu verdient, die Bundeskanzler Hr. Schuschnigg in folgendem Bekenntnis zum konfessionellen Frieden höchst beachtenswert formuliert hat: „Niemand, der irgend einer gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft in Oesterreich angehört, kann sich darüber beklagen, daß er in der Uebung seiner religiosenUeberzeugung,in seinen k o n f e ssioneilen Rechten bedroht worden wäre. Wir denken auch nicht daran. Im Gegenteil, jede Unduldsamkeit in der Sphäre des Gewissens würde österreichischen Grundauffassungen widersprechen, jeder kann in seinem Glauben hier in Frieden leben, vorausgesetzt, daß es sich ihm <4tui^ti& Olwwl&vule*«' denn O D O L wirkt vorbeugend gegen Infektionen, also gegen Schnupfen, Halsschmerzen und andere Gefahren. ODOL erfrischt und belebt. ODOL erhält Zähne und Mundhöhle gesund. Deshalb sollen Ihre Kinder früh mit ODO L-M u n d p f I e g e beginnen und den Spruch beherzigen: Halte mit ODOL gesund — Zähne, Mandeln, Hals und Mund! 2XD& T MUNDWASSER ZAHNPASTA [ ist das Kennzeichen für ein weiter vervollkommnetes ODOL, dessen antiseptische Wirkung in hervorragendem MaBe gesteigert worden ist. Bakteriologische und klinische Versuche haben die überlegene bakterizide Wirkung wissenschaftlich erwiesen. Erzeugt nach den von der W. V. d. Zahnärzte Wiens approbierten Rezepten und unter ständiger Kontrolle der zahnärztlichen und pharmakofjnottUchen Institute der Universität in Wien. um den Glauben handelt und nicht um die Politik. Daß wir aber ohne Unterschied des Glaubens und ohne konfessionelle Differenzierung uns verpflichtet fühlen, das bodenständige Clement zu betonen, bedarf wohl keiner besonderen Unterstreichung." Jedes Wort, das da von der obersten staatlichen Autorität verlautbart wurde, bedeutet eine glänzende Rechtfertigung des von der „U n i o n" seit jeher konsequent vertretenen Stundpunktes, daß das Judentum nur als Glaubensgemeinschaft, die jüdische Kultusgetneinde nur als r e I ig i ö s e Körperschaft Anrecht auf Anerkennung findet, die Politisierung dieser beiden Begriffe aber da's größte Unheil bringen muß. Der Kanzler will den Glauben, nicht aber die Politik respektieren. Das bedeutet eine Verurteilung von höchster Stelle der politischen Experimente des jüdischen Nationalismus, dar in der Seitenstettengasse ein letztes Refugium des politischen Parteiunwesens samt seinen Korruptionserscheinungen einzunisten bestrebt ist. Der Kanzler hat auch das richtige Abwehrmittel gegen das von ihm und von uns bekämpfte Uebel genannt: Betonung des bodenständigen Elements. Indem Doktor Schuschnigg ausdrücklich darauf hinwies, daß er diese Betonung „ohne Unterschied des Glaubens und ohne konfessionelle Differenzierung" durchgeführt wissen wolle, hat er sich deutlich von jenen distanziert, die das Wort Bodenständigkeit gern als Umschreibung für Antisemitismus mißbrauchen. Anderseits kann der Bundeskanzler, der am Sonntag den ans Frankreich emigrierten Prinzen Eugen mit Recht als einen der größten Oesterreicher und in derselben Rede den aus dem Norden stammenden Georg Reimers als Muster eines Oesterreichers gefeiert hat, den Begriff der Bodenständigkeit sicherlich nur so verstanden wissen, wie auch wir ihn auffassen: engste Verbundenheit mit österreichischem Geschick und österreichischer Kultur. Wir dürfen deshalb wohl auch in der Auffassung seiner Zustimmung sicher sein, daß nicht so sehr der zufällige Geburtsort als vielmehr der Grad der Assimilationsfähigkeit und vor allem des A s s i m i 1 a t i o n s w i I- 1 e n s an österreichisches Geschick und österreichische Kultur den richtigen Maßstab für die Bodenständigkeit bildet. Wenn alle in diesem Sinne bodenständigen Wiener Juden bei der Neuwahl des Kultusvorstandes ihre Pflicht tun und für den Glauben, gegen die „nationale" Politik stimmen, dann werden sie aufs eindruckvollste dokumentiert haben, daß des Kanzlers Mahnung zur disziplinierten Geschlossenheit der ganzen Bevölkerung bei uns Juden auf fruchtbaren Boden gefallen ist. Araber-Revolte in Palästina. Heute setzen viele Juden, weniger infolge der zionistischen Agitation als wegen der katastrophalen Gestaltung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse und der Sperre der früheren Auswanderungsländer, ihre Hoffnungen auf Palästina, von wo anfangs dieser Woche niederschmetternde Nachrichten über Judenpogrome eintrafen. Das demagogische Schlagwort der Zionisten, daß das Land nur auf die Juden warte, um ihnen Leben. Ehre und Freiheit sowta ungestörte Entfaltungsmöglichkeiten ihres kulturellen Ehrgeizes zu bieten, ist seit der Balfour-Deklaration schon zweimal grausam Lügen gestraft worden und die sich überstürzenden Meldungen, die uns jetzt aus Palästina ereilen und noch keinen Ueberblick über den Umfang und die Aussichten des neueste» Araberaufstands gestatten, lassen befürchten, daß jetzt die dritte „Regulierung" der jüdischen Einwohnerzahl hl der „Jüdischen Heimstätte" nach den bereits in den Jahren 1919 und 1929 erprobten Mustern versucht wird. Daß man sich diesmal nicht einmal bis zur erst in 3 Jahren fälligen Abrundung des Jahrzehnts geduldete, hat seine Ursache wohl in der früher nicht erwarteten, aber durch Hiters Judenpolitnjk bewiirkten Rekordzahl der jüdischen Einwanderung der letzten Zeit. In den letzten vier Jahren wandarten nicht weniger als 200.000 Juden nach Palästina ein und 200 Quadratkilometer Boden wurden von den Juden in dieser Zeit zu den früher besessenen 1200 Quadratkilometern neu hinzuerworben. Das Jahr 1935 war in dieser Beziehung ein Rekordjahr: fast 65.000 Juden wanderten ein, 78 Quadratkilometer Boden wurden erworben, Palästina hat fast dreißig Prozent jüdischer Bevölkerung erlangt. Daß die Araber diese ungeahnte Masseneinwanderung als einen jüdischen Eroberungsfefdzug werten, ist die Schuld des unsinnigen Feldrufs der Zionisten. die nicht müde werden, das nebulose Ziel eines salbständigen Judenstaates zu verkünden, womit sie nicht nur die alteinsässige arabische Bevölkerung, sondern auch die englische Mandatmacht, deren KofonialpoHtik niemals den Ehrgeiz zeigte, für andere die Kastanien aus dem Feuer zu holen, vor den Kopf stoßen. Sie erreichten damit nur. daß bei der jeweiligen Palästina-Regierung die Sympathien für die arabischen Forderungen ständig überwogen, und die jetzige ist eifrig am Werke, den Arabern das längst versprochene Parlament zu schaffen. Die Juden, die in diesem Parlament in der Minderheit wären, obstruieren diesen Plan und zogen sich dadurch verstärkter« Haß zu. Während die Juden in Europa als Demokraten veirfolgt werden, machen sie sich in Palästina als Feinde des parlamentarischen Systems mißliebig. So oder so: „Der Jude wird verbrannt!"

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