Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 18 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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der auf der Verfechtung dieser Minderiieitsreclue durch unsere jüdischnationalen Glaubensgenossen fußende Gegensatz immer mehr verschärft wurde, bis er in der jetzt bestehenden Krise der Wiener Kultusgemeinde seinen Höhepunkt erreichte. Wir sehen ruhig einem objektiven Urteile entgegen, welcher Seite das Verschulden an dieser gewiß beklagenswerten gegenwärtigen Lage der Wiener Judenschaft zuzuschreiben ist. Prof. Ehrmann hat sich nicht nur auf den Rückblick auf das vergangene Vierteljahrhundert beschränkt, er hat auch ein Programm für die Zukunft gegeben, indem er sagte: „Die politischen Verhältnisse drängen zu neuen Formen -und neuen Gestaltungen., Es wird aucli unserem vielgeprüften Vaterlande endlich der große Friedensstifter erstehen, und daß in diesem großen Friedensschlüsse die Rechte und legitimen Interessen unserer Olaubensbrüder gewahrt werden, ist eine der wichtigsten Aufgaben, deren großer Teil auch der „Union" zufallen wird." Und der Vorsitzende der damaligen Festversamnilung faßte ihre Eindrücke in die Worte zusammen: „Indem wir nun die Schwelle eines neuen Vierteljahrhunderts im Bestände des Vereines betreten, gelobt der Vorstand, auch weiterhin zu kämpfen und zu streiten für die Rechte dos Judentums in dem Vaterlande, mit dem wir unzertrennlich verbunden sein wollen." Der Vorstand wird in einem nahen Zeitpunkte seinen Mitgliedern in einer festlichen Versammlung mündlich und auch durch eine diesem zweiten Jubiläumsfetste gewidmete Festschrift darlegen und nachweisen, daß er auch in dem zweiten Viertel jahrhundert getreulich im Sinne des „Mahn- und Wectonufes" des Dr. Bloch als des geistigen Urhebers der „Union" und der Vereinsstatmen seines Amtes gewaltet und daß er die Mahnung, die ihm Prof." Ehrmann für diese zweite Periode auf dein Weg mitgab, und das Gelöbnis des Vorstandes, soweit es in seinen Kräften stand, zur Erfüllung gebracht hat. Die „Union" ist immer auf der Wacht gestanden, um die Rechte des Judentums und auch der einzelnen Juden zii schützen und zu hüten. Aber auch unsere Gegner haben in dieser zweiten Periode ihre Waffen noch mehr gestärkt und geschärft. Während in den ersten 25 Jahren sich die Anfeindungen im großen und ganzen mehr gegen einzelne Juden richteten, geht nun der Angriff, insbesondere in den letzten Jahren, gegen das Judentum als Ganzes, gegen seine Rechte, ja gegen seine Existenz. Und diese Angriffe gehen auch von Persönlichkeiten aus, die im öffentlichen Leben eine bedeutende, einflußreiche Stellung einnehmen, und sie suchen und finden ihre Helfer in manchen maßgebenden Organisationen. Und wir dürfen an dieser Stelle nicht die entsetzliche, unheilvolle Barbarei, die gegen unsere Glaubengenossen im Dritten Reiche sich austobt, unerwährt lassen. Aus tiefstem Herzen geben wir unserer namenlosen Trauer über das schmachvolle Geschick unserer geistig so hochstellenden Glaubensgenossen im Deutschen Reiche Ausdruck, die aller ihrer Rechte und ihres Vermögens beraubt und aus dem Vaterlande, in welchem sie nahezu 2000 Jahre — in Köln bestand doch schon im Jahre 351 eine Judengemeinde, welcher Kaiser Justinian im Dezember desselben Jahres eine Verfassung gegeben hat — seßhaft sind, und für welches im Weltkriege 12.000 seiner jüdischen Söhne ihr Leben geopfert haben, vertrieben werden sollen. Nicht minder widmen wir unser schmerzlichstes Mitgefühl unseren in jüngster Zeit dahingemordeten Brüdern im Heiligen Lande, dessen Wiederaufbau für die heimatlosen und frommen Glaubensgenossen, die ihre heilige Sehnsucht nach Palästina führt, und für jene, die in den Ländern, in denen sie wohnen, nicht bleiben wollen oder nicht können, auch uns Herzenssache ist, den beklagenswerten Opfern des tief bedauerlichen Gegensatzes zwischen der arabischen Bevölkerung und den jüdischen 'Einwohnern Palästinas. Möchte doch die Kluft zwischen beiden Volksstämmen sich für immer schließen! Nahezu am Schlüsse dieser zweiten Periode unseres Bestandes steht unsere Verfassung aus dem Jahre 1934, in welcher die Gleichheit aller Bundesbürger vor dem Gesetze (Artikel 16) und die volle Glauben*- und Gewissensfreiheit (Artikel 27) verbürgt wird. Und wir dürfen wohl unser volles Vertrauen in jene Staatsmänner, die jetzt oder in Zukunft die Geschicke Oesterreichs zu lenken berufen sind oder sein werden, setzen, daß sie unsere Verfassung in allen ihren Bestimmungen getreulich zur Durchführung bringen werden, schon in Erinnerung an einen Ausspruch des Erbauers des neuen Oesterreichs, unseres Märtyrerkanzlers Dollfuß. In einer öffentlichen, am 25. März 193-1 gehaltenen Rede betonte er: „Jeder, der treu und ehrlich auf seinem Platze seine Pflicht erfüllt, ist ein gleichwertiger Bürger dieses Landes." Vizekanzler Starhemberg erklärte auf einem Empfang der Anglo-Amerikanischen Presse-Association, daß die Dienste der wertvollen Judenschaft für den Wiederaufbau des Staates benötigt werden und. in Anspruch genommen werden sollen. Und der gegenwärtige Bundeskanzler Dr. Kurt v. Schuschnigg, dem wir Juden wegen seiner hohen Geistigkeit und wegen der edlen Eigenschaften seines Gemütes und wegen seines rastlosen Strebens für die Unabhängigkeit und Wohlfahrt unseres Vaterlandes ungeteilte Verehrung entgegenbringen, betonte am 22. 'Oktober 1934 einer jüdischen Deputation gegenüber, daß die Bundesregierung selbstverständlich auf dem Boden des Verfassungsgrundsatzes der Gleichheit und Gleichberechtigung aller Staatsbürger vor dem Gesetze zu stehen gesonnen sei. Wir wollen nun zum Schlüsse, an der Schwelle des dritten Vierteljahrhunderts auch Ausblick in die Zukunft unserer österreichischen Judenschaft halten. Wir wollen auch in aller Zukunft, so wie wir es auch bisher und unsere Vorfahren seit ur- Cafe Pension Ecksfein Semmering ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■ denklichen Zeiten in gewissenhafter Erfüllung der Gebote unserer heiligen Religion gehalten haben, treu und ehrlich unsere Pflicht gegen unser Vaterland, in welchem das Judentum seit weilt mehr als 1000 Jahren seßhaft und bodenständig ist, er- Wie unsere Leser wissen, ist in der letzten Zeit die österreichische Oeffentlichkeit von einei wahren Sturzflut antisemitischer Reden und Zeitungsartikel überrascht worden, die in uneingeweihten Kreisen des Auslands leicht den Eindruck hervorrufen konnte, daß sich Oesterreich wirklich schon in den Gau 8 des Dritten Reiches verwandelt habe. Es ist viellefilcht Zufall, aber jedenfalls Tatsache, daß diese judenfemdlichen Kundgebungen zeitlich und inhaltlich wie ein Echo auf das famose Friedensangebot Hitlers an Oesterreich wirkten. Der Unernst dieses Angebots wurde zwar durch verschiedene Begleiterscheinungen, wie das plötzliche Aufflackern der Nazi-Fememordpest in Steiermark und die Ernennung österreichischer Nazipropagandisten zu Mitgliedern des neuen deutschen Reichstags so deutlich unterstrichen, daß sich die autorisierten Kreise nicht einmal zu einer Antwort bemüssigt sahen. Es scheint aber, daß gewisse Faktoren, die nicht im Vordergrund der politischen Bühne agieren und gerade deshalb von Unlustkomplexen beherrscht werden, die im Antisemitismus ein altbewährtes Entladungsmittel finden, die Gelegenheit für günstig erachteten, um Herrn Hitler ihrerseits die Bereitwilligkeit, mit seinem System Frieden zu schließen, zu dokumentieren. Zuerst hat Kunschak sich veranlaßt gesehen, mit seinem jetzt hervorgeholten Judengesetz zu beweisen, daß er sich schon im Jahre 1918 auf der Höhe befand, die der deutsche Nationalsozialismus erst anno 1935 erklommen hat. Bedenklicher ist es schon, wenn Vizebürgermeister Kresse, der über die städtischen Lieferungen zu entscheiden hat, offen den Judenboykott auf seine Fahne schreibt und im selben Atem den Juden Christenboykott vorwirft und wenn uns P. B i c h 1 m a i r nicht bloß die „Verleugnung Christi", sondern auch unsere „schlechte biologische Erbmasse" vorwirft. Doppelt genäht hält besser und die Vermengung des religiösen mit dem rassischen Prinzip sollte wohl Herrn Hitler klar machen, um wie viel bes- BeSOrgt Eure BÜCher durch die Buchhandlung IHliRMÄlFM 1WIKIIMIR Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel.R41-4-20 Kataloge gratis! füllen. Wir wollen für den Wiederaufbau unseres Staates aus vollem Herzen alle Dienste, die für dieses von uns allen miterstrebte Ziel benötigt v/erden, leisten. Wir wollen mit allen unseren Kräften an dem Gedeihen und an der Wohlfahrt unseres Bundesstaates mitarbeiten und wir wollen die Pflichten übernehmen, deren Erfüllung unsere staatliche Gemeinschaft von jedem ihrer Bürger mit Recht fordern darf. Wir wollen in der Betätigung dieser Pflichten uns von keinem Mitbürger, wes Glaubens er immer sei, überbieten lassen. Wir haben es unseren Glaubensgenossen immer und immer gesagt, daß wir uns nicht auf den Wortlaut und den Geist der Verfassung stützen wollen, sondern daß wir durch unser Tun und Verhalten zum Wohle unseres Vaterlandes es in die Herzen unserer andersgläubigen Mitbürger einhämmern wollen, daß wir die Gleichberechtigung nicht nur dem geschriebenen Gesetze, sondern unserer Arbeit und unserem Wirken für den Wiederaufbau und die Prosperität unseres Staates verdanken wollen. Von unserem gütigen Schöpfer aber, dem Gotte Israels, erbitten wir in diesem Augenblicke, zu Beginn eines neuen Zeitabschnittes, für unser schwer bedrängtes friedloses Weltall, daß er in seinem gnadenreichen Vaterherzen den Frieden bringe der ganzen Welt, Frieden unserem geliebten Vaterlande und Frieden unserer Glaubensgenossenschaft nach dem Spruche unserer Heiligen Schrift: Friede, Friede denen in der Ferne und denen in der Nähe, spricht der Ewige und ich will sie heilen (Jesaia Cap. 57, V. 19). Dr. Jakob O r n s t e i n. ser es manche österreichische Kleriker verstehen, die katholische mit der nationalsozialistischen Weltanschauung in Einklang zu bringen, als der Münchner Erzbischof Kardinal Faulhaber, der in bewußtem Gegensatz zu der Hakenkreuzmofal auf den hohen sittlichen Wert des Alten Testaments hinwies. P. B i c h 1 m a i r hält sich vielleicht für den besseren Diplomaten. Jedenfalls haben seine Haßpredigten im Verein mit der Judenhetze der oben zitierten und noch etlicher anderer Persönlichkeiten in den jüdischen Kreisen des Inlands und des Auslands größte Beunruhigung bezüglich der Gestaltung des konfessionellen Zusammenlebens in Oesterreich hervorgerufen. Deshalb ist die Rede, die der maßgebendste Gestalter der österreichischen Politik, Bundeskanzler Dr. Schuschnigg, am vorwöchigen Donnerstag vor einem Auditorium von katholischen Akademikern und ostmärkischen Sturmscharen gehalten hat, eine staatsmännische Tat ersten Ranges. Denn der Bundeskanzler hat sich darin nicht nur klar und deutlich zum konfessionellen. Frieden bekannt, sondern aucli sehr beherzigenswerte, trotz ihrer vornehm zurückhaltenden Formulierung von jedem, der guten Willens ist, nicht mißzuverstehenden Lehren darüber, was Oesterreich nottut, nach allen Seiten erteilt: „Von allen Seiten werden mitunter kurzsichtige Fehler begangen. Und manche Seite hat das Gefühl, daß es eine besondere Befriedigung geben könnte, sei es, gelegentliche Nadelstichpolitik zu betreiben oder in irgend einer Zeitung den anderen es einmal recht gründlich zu sagen. Diese Befriedigung steht nicht dafür, wenn man die Verwirrung in Betracht zieht, die dadurch in weiten Kreisen entstehen kann." Da unter den heutigen Verhältnissen gesprochene und gedruckte Nadelstiche für den Verabiolger nur dann gefahrlos zu sein pflegen, wenn sie gegen dieJuden gerichtet sind, sind die Adressaten dieser Kaiialerkritik unschwer zu Glaube und Politik.