Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 18 (24.4.1936)
- Date
- 1936-04-24
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Groschen In Deutschland verboten! isch e ie Wahrheit mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden M Erscheint jeden Freitag «piiiiiiiiniM^^ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkcnio Wien: A ICO 918 52. Jahrgang: Wien, 24. April 1936 Nummer 18 50 Jahre „Union". 24. April 1886-24. April 1936. Rückblick und Ausschau. Am 24. April 1886 fand die konstituierende Gründungsversammlung der „Union" statt; die „Union" vollendet demnach am heutigen Tage das 50. Jahr ihres Bestandes. Jedes denkende menschliche Einzelwesen beschaut, an einem Markstein seines Lebens angelangt, sinnend die bereits zurückgelegte Wegstrecke und blickt gleichzeitig oft bangend und zagend, aber doch immer erwartungsvoll auf die ungewisse Zukunft, die vor ihm liegt. Auch eine Vereinigung, die doch nur eine Vielheit von Menschen ist, muß sich an einem zeitlichen, bedeutenden Wendepunkte ihres Daseins Rechenschaft ablegen über ihr Wirken und Schaffen, das nunmehr im Schöße ihrer Vergangenheit aufbewahrt liegt, und sich die Frage vorlegen, welche Arbeiten und welche Taten ihr Streben und ihr Wollen in der nun ihrer harrenden Zukunft der Erfüllung näherbringen sollen. Die „Union" hat im April 1910 ihr 25jähriges Jubiläum festlich begangen. In einer glücklichen Zeit des tiefsten, ungestörten Weltfriedens. Aber Kar bald nach Verlauf von kaum zwei-Jahren erdröhnte, hart an den Toren der habsburgischen Doppelmonarchie, der dumpigrollende Donner des Balkankrieges, des unseligen Vorläufers des entsetzlichen, durch vier Jahre währenden männermordenden Weltkrieges. Das Ende dieses schrecklichen Schlachtens brachte uns den grauenvollen Schand- und Zwangsfrieden, der die Zertrümmerung der einst so mächtigen Monarchie, die wir luden mit allen Fasern unserer Seele liebten und für deren siegreiche Erhaltung tausende unserer Brüder und Söhne ihr Herzblut hingaben, besiegelte. Gerade in diesen Tagen, am 200. Todestage ihres Paladins, Prinz Eugenius, des edlen Ritters haben wir Pietätvoll das wehmütige Andenken an unser einstiges, Kroßes, schönes Vaterland wieder gefeiert. Auch unseren Vorfahren war Prin2 Eugenius, dieser große Heerführer und Staatsmann, der Beschützer der Künste und Wissenschaften, ein edler Ritter; in jener Zeit der schmachvollen Qhetto-Existenz unserer Voreltern suchte er vorurteilslos den Verkehr und die Gastfreundschaft mit manchen Juden. Von ihm stammte ein Ausspruch, mit dem er die Bedeutung und den Wert des hervorragendsten Juden der damaligen Zeit, des Gründers unserer Kultusgemeinde, Samuel Oppenheimers, dem '■■'ir auch die Erhaltung unseres älthistorischen Friedhofes in der Seegasse verdanken, anerkannte; von ihm, der bekanntlich der erste Jude war, der nach der Judenaustreibung vom Jahre 1670 wieder in Wien seinen Wohnsitz nehmen durfte, sagte Prinz Eugen: „Ohne Oppenheimer wäre Oesterreich türkisch worden." Der Friede nach dem Weltkrieg brachte namenloses Elend über Sieger und Besiegte; an die bitteren Nachkriegsjahre schloß sich eine verheerende wirtschaftliche Krise, unter deren Folgen wir noch leiden und deren Ende noch nicht abzusehen ist. Die „Union" hat auch in dieser, für die ganze Menschheit und insbesonders für unser nun so klein gewordenes Vaterland verhängnisvol- ■ len Periode an den Prinzipien, die sie ins Leben gerufen haben, unerschütterlich festgehalten. Dr. Josef Bloch, dessen Name als des siegreichen Bekämpfers des Prof. Rohling, den Bloch mutig und furchtlos wiederholt öffentlich des Meineides wegen seiner Behauptung, daß unsere religiösen Vorschriften das erlogene Blutrituale begünstigen, ja gebieten, bezichtigte, für ewige Zeiten in das Buch der jüdischen Geschichte einverleibt ist, veröffentlichte in seiner „Oesterreichischen Wochenschrift" am 15. Oktober 1884 seinen-berühmt gewordenen „Mahn- Cafe-Restaurant Fetfzer M 99 an der SchwedenbrucKe Der gute Haifee Die vorzügiidie KU<He Die mäßigen Preise 4- VERWALTUNGEN SÄTZE - HYPOTHEKEN ^jj* «jfr KÄUFE - VERKÄUFE V Dipl.-Ksufm. r ft. SZILAGYI % IX, ROTENLÖWENG. 3 BEH. AUT. SESSAL TEL. A 10-5-69 und Weckruf, in welchem er „an alle jene Männer, die einen offenen Blick für die drohenden Gefahren, einen patriotischen Sinn und ein begeistertes Herz für unsern uralten Volksstamm" haben, die Aufforderung richtete, daß sie sich „zu gemeinsamem Handeln, zu einem Schutzbündnis zusammentun, um die Bildung eines israelitischen Bürgervereines in Angriff zu nehmen. Mit stolzem Haupte, in dem Bewußtsein, daß wir auf unserem Rechte bestehen, wollen wir uns sammeln und mit unseren geistigen Waffen den Kampf aufnehmen zur Verteidigung der bedrohten politischen und sozialen Rechte der Juden." Diese in dem Aufrufe Dr. Blochs in begeisterte Worte zusammengefaßten Zwecke der „Union" wurden zunächst durch die Statuten festgehalten, welche den Verein insbesondere zur „energischen Verteidigung der verfassungsmäßigen Rechte der österreichischen Juden als vollberechtigte und gleichverpflichtete Bürger des Staates unter Ablehnung jeder Sonderstellung und zur Wahrung der allgemeinen und politischen Rechte jedes einzelnen Juden" verpflichtete. Daß die „Union" diesen vornehmsten Zielen ihrer Gründer im ersten Vierteljahrhundert ihres Bestehens stets und unentwegt nacheiferte, wurde zu unsorer stolzen Befriedigung an unserem Jubeltage im Jahre 1910 durch zwei unserer hervorragendsten Glaubensgenossen Basiere Didi gut und billig Ocsterrelc&isclies QualiimraDrihal Ueberau erhältlich in ihren Reden bei unserer damaligen Fesrieier anerkannt. Prof. Saiomon E h r m a n n, der hochberühmte Wissenschaftler, dessen seinerzeitige Zugehörigkeit zu unserem Vorstande der „Union" zum immerwährenden Ruhme gereicht, sagte: „Die österreichischen Juden kommen ihrer Pflicht, den Besitzstand an Kulturgütern zu heben und zu bewahren, weiter auszubilden und materiell dazu beizutragen, getreulich, reichlich, ja überreichlich nach. Sie können aber und müssen auch verlangen, daß ihnen auch die Rechte werden, weche daraus fließen, die geschriebenen und geschriebenen Rechte. Daß auch ihre Rechte als Staatsbürger, die Gleichheit vor dem Gesetze, aufrechterhalten werde, liegt wohl im tiefsten Interesse des Staates selbst begründet. Und die „Union" war immer zur Stelle, wo in den weiten Gauen unserer Vaterlandes das Gesetz verletzt, das Recht bedroht erschien. Damit hat sie sich ein nicht hoch zu veranschlagendes Verdienst erworben. Zum erstenmal trat der Jude politisch organisiert seinen politischen Gegnern von Angesicht zu Angesicht entgegen. Fest und ruhig, nicht flehend, sondern auf sein Recht pochend." Die Ansprache des zweiten, auch von unseren Feinden als ideal veranlagten Menschen anerkannten, ausgezeichneten Glaubensgenossen, des Reichsratsabgeordneten Dr. Julius O f ti e r, der nichts für sich und alles iür das österreichische Volk erstrebte, erscheint uns als ein wertvoller Kommentar zu der angeführten Bestimmung der Statuten über die Ablehnung jeder Sonderstellung der jüdischen Staatsbürger. Er sagte: „Die Juden haben niemals iür sich irgend etwas wollen. Sie haben nie nach etwas anderem gestrebt, als daß man ihnen die Menschenrechte gäbe und zugestehe, sie seien Menschen und Staatsbürger wie alle anderen. Und ich halte es auch für eine Sünde, ja noch mehr für einen — Fehler, wenn die Juden einen anderen Standpunkt annehmen, als daß sie sagen: Wir wollen iür uns keine Sonderrechte, wir wollen aber als Menschen und Staatsbürger anerkannt sein gleich den anderen allen. Wir wollen vor den anderen nichts voraus haben, aber auch nichts weniger als diese anderen. Wir tun. was unsere Pflicht ist, aus vollem Herzen. Dann wollen wir aber auch die Rechte, welche den anderen gegeben werden, für uns selbst." In diesen Worten, die gewissermaßen prophetisch die „Minderheitsrechte" des Friedensvertrages von Saint Germain vorausahnen, liegt wohl eine scharfe Zurückweisung dieser Minderheitsrechte. Und wir dürfen an unserem Jubeltage uns nicht verhehlen, daß diese Minderheitsrechte zu unserem Bedauern einen Zwiespalt in der österreichischen Judenschaft erzeugten und daß