Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 17 (17.4.1936)
- Date
- 1936-04-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064606-3064622--20637-3085903- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
DIE WAHRHEIT Nr. 17 — 17. April 1936 Seite 3 . ' Ks bedeutet einen gewissen Ausgleich, wenn man erfährt, daß die Edelmütigkeit in einigen Ländern auch ihre Belohnung in sich getragen hat. In Holland z. B. — und ich habe es auch schon aus anderen Ländern gehört — haben die Flüchtlinge durch ihre Tüchtigkeit und Unternehmungslust eine Vermehrung der Arbeitsplätze geschaffen, die ihrer eigenen Zahl mindestens gleichkommt." James G. McDonalds bekannte Rücktrittserklärung beim Ausscheiden aus seinem Amt als Hoher Kommissär für die jüdischen und anderen Flüchtlinge aus Deutschland ist dem Buch als Anhang im Wortlaut angefügt. Norjiiaii B e n t w i c h, de Verfasser des Buches, Professor of International Relations an der Hebräischen Universität in Jerusalem und früher Attorney General des Gouvernements von Palästina, der unter den Mitarbeitern des Flüchtlingskommissars als Direktor der Hohen Kommission in vorderster Reihe stand, spricht in 'der Einleitung seinen Kollegen im Büro der Hohen Kommission und den vielen Helfern seinen Dank aus. Auch er legt Wert darauf, zunächst auf einige tröstliche Erscheinungen, die mau in den trüben und traurigen Schilderungen der Ereignisse nicht übersehen darf, hinzuweisen. Er nennt folgende Züge: „die menschenfreundliche Reaktion in so manchem Lande; die Seßhar'tigmachung von mehr als zwei Drittel derer, die Deutschland verlassen haben, und zwar hauptsächlich in Palästina, aber auch in beachtenswerter Zahl in Nord- und Süd-Amerika; die Eingliederung Tausender in das wirtschaftliche und kulturelle Leben der Alten Welt; die Umschulung von Tausenden junger Männer und Frauen, die den Berufen des Handels und den freien Berufen angehörten oder die in ihrem akademischen Studium unterbrochen wurden, für körperlich arbeitende Gewerbe; die Solidarität der akademischen Welt in ihrem rettenden Eintreten für die Wissenschaft und Lehrtätigkeit der akademischen Flüchtlinge; die Entschlossenheit, mit der den in ihrem zu Hause entwurzelten jungen Kindern neue Lebensmöglichkeiten geschaffen wurden; die Stärkung des Gefühls der Brüderlichkeit im jüdischen Volk und die nie versagende Bereitschaft der Quäker, bei jeder menschlichen Not zu helfen ohne Unterschied von Glaube oder Rasse; und schließlich die internationale Zusammenarbeit, organisiert in der League tor international collaboration. Das alles sind Kennzeichen des Geistes der Menschlichkeit, der durch unverdiente Leiden auf den Plan gerufen wird." Menschliche Mildtätigkeit kann Schmerz und Leiden mildern, kann sie aber nicht heilen . . . Die Not ist größer als je. Das Problem ist nicht gelöst; es tritt in ein breiteres und akuteres S t a d i u m." Die elf Kapitel des Buches gliedern den Stoff folgendermaßen: Es wird zunächst der Auszug aus Deutschland im Jahre 1933 skizziert, das antisemitische Piogramm der nationalsozialistischen Partei, die Rassengesetzgebung, die Ausschließung der Juden, „Nichtarier" und Liberalen aus ihren Berufen, die Ausmerzung der Juden aus dem Wirtschaftsleben, und in diesem Zusammenhang als Folge von alledem mit genauen Zahlenangaben die jüdische Auswanderung 1933. Es wird die Richtung dieser Auswanderung beschrieben: nach Frankreich, Tschechoslowakei, den Niederlanden, Polen, nach den Ueberseeländern, vor allem Palästina und U. S. A. Die Schwierigkeiten für die Aufnahme der Auswanderer werden dargelegt, und es wird die Notwendigkeit der internationalen Zusammenarbeit dargetan. — Hieran schließt sich die Schilderung der Aufnahme und Verteilung der Ausgewanderten von April bis Dezember 1933 in den verschiedenen Ländern. — Dann folgt die Behandlung des Flüchtlingsproblems durch den Völkerbund. Dies wird im nächsten Kapitel noch näher erläutert durch den Bericht über die Gründung des Amtes des Hohen Kommissars. Eingehend werden dann dessen Beziehungen zu den Regierungen geschildert, die Behandlung der Staatenlosen, des Paßwesens usw. Auch die Beziehungen zur deutschen Regierung gehören in diesen Rahmen. Von besonderer Wichtigkeit sind die mit dem 6. Kapitel beginnenden Darstellungen der Arbeit der philanthropischen Organisationen 1934 bis 1935. In besonderen Abschnitten werden behandelt: Frankreich, Tschechoslowakei, die Niederlande, Belgien, die Schweiz, Spanien, die skandinavischen Länder, Polen, Großbritannien, Italien, U. S. A., das Saargebiet. Die Umschulung der Flüchtlinge und ihre Berufsausbildung; in Europa und in Palästina, die Ansiedlung in Palästina und in anderen Ländern werden in den folgenden Kapiteln behandelt. Hieran schließt sich ein Kapitel über Hochschullehrer und freie Berufe. Kapitel 10 geht auf die nichtjüdischen Flüchtlinge ein, auf ihre Zahl, auf die Proteste der Kirchen, das Zusammenwirken christlicher und jüdischen Organisationen, die Hilfe der Quäker, die Hilfe für Pazifisten, Gewerkschaftler und Sozialisten usw. — Das Schlußkapitel ist überschrieben: „Die Zukunft der Arbeit für die deutschen Flüchtlinge". Es handelt von der Notwendigkeit einer zentralen Organisation unter der Autorität des Völkerbundes und von juristischen und politischen Problemen; von den Maßregeln, die das Leben der Juden in Deutschland unerträglich machen, und von Plänen für eine Auswanderung auf breiter Basis. Einige wichtige Einzelheiten aus der großen Fülle des in diesem Buche gebotenen Materials seien hier herausgegriffen. Es sind selbstverständlich nur kleine Proben aus dem überaus reichhaltigen Stoff, der überall nur das Notwendigste bietet und jedes überflüssige Wort vermeidet. Einige Zahlen: „Die jüdische Bevölkerung im Deutschen Reich betrug Anfang 1933 schätzungsweise 570.000. Nach der letzten vorangegangenen amtlichen Zählung waren es 564.000 innerhalb einer Gesamtbevölkerung von 62,500.000, also weniger als ein Prozent." „Die genaue Zahl derer, die aus Deutschland unter dem Druck des Terrors oder weil sie sich dem neuen Regime nicht unterwerfen wollten, geflohen sind, ist nicht anzugeben. Schätzungsweise sind bis Ende 1933 insgesamt 60.000 Menschen ausgewandert. Von diesen waren schätzungsweise SO Prozent Juden." Die Schlußfolgerung des Buches wird zusammengefaßt in die Worte, die ein für die deutschen Flüchtlinge in Paris arbeitender Mann ausgesprochen hat: „. . . Wie kann ein Mensch, weil er Jude, Katholik, Sozialdemokrat oder Pazifist ist, ein Mensch von ehrenwerter Ueberzeugung, der gearbeitet : llnixuuJOtd; (Klub der Mitglieder und Freunde der „Union; österreichischer Juden") i I., Schottenring 25 Telephon A-19-2-77 [ Samstag, 18. April, 8 Uhr abends veranstaltet der | „UNION-FRAUEN-KLUB" 5 In den Klubraumen, 1., Schottenring 25, einen j GESELLIGEN ABEND; In liebenswürdigster Weise haben ihre Mitwirkung zugesagt: Ella Firbass, (Chansons), am Flügel Luise Kanitz : Olga Fuchs, vom Staatstheater in Dresden : Renee Gärtner, Konzertpianistin Regina Schein, Cellovirtuosin, am Flügel j Robert W. Spitz : Tanz Bridge S Gäste willkommen! Regiebeitrag S 1.— hat und gegenüber anderen hilfsbereit war. nun Ii e im a 11 o s und eingeschüchtert und erniedrigt leben müssen wie ein Bettler? Sicherlich, er kann nicht leben ohne Freunde. Sicherlich ist es unsere Pflicht, die Meinung der Welt für ihn günstig zu stimmen . . .'" Und Norman Benlwich schließt das Buch mit dem Satz: „Diese Aufgabe der Menschlichkeit ",ul5 erfüllt werden durch die Menschen vieler Länder, die guten Willens sind." Huldigungsadresse der britischen Juden an den König von England. Der König von England, Eduard VIII., empfing eine Abordnung britischer .luden im Buckingham Palast, die ihm im Rahmen eines größeren Empfanges von Abcrd.iiingen giroßer englischer Organisationen vorgestellt wurde. Der Deputation, die vom Präsidenten des Board cf Deputies of British Jews, Nevile Laski, geführt wurde, gehörten der Präsident der Anglo .lewish Association, Leonard Monteiiore, sowie Sir Osmond d*Avigdor Gcldsmid. Lady Spielman, Sir Isidore Salinen und Lionel de Rothschild au, Lionel de Rothschild verlas im Auftrage der Abordnung eine Huldigungsadresse an den König. In ihr wird namens des Board of Deputies of British Jews als der gewählten repräsentativen Körperschaft der Juden des britischen Reiches und im Namen der Anglo Jewish Association dem König und den Mitgliedern der königlichen Familie die tiefgefühlte Sympathie der jüdischen Untertanen des Königs zu dem schmerzlichen Verlust anläßlich des Todes von König Georg zum Ausdruck gebracht. Die Juden des Vereinigten Königreiches und des gesamten Empire, so heißt es in der Adresse, sind zusammen mit den anderen Untertanen Eurer Majestät von dem großen Unglück überwältigt, welches das britische Commonwealth' of Nations ihres Souveräns und Freundes beraubt und die ganze Welt in Trauer versetzt hat. In der Adresse werden weiterhin dem König anläßlich seiner Thronbesteigung die Glückwünsche der britischen Juden ausgesprochen und ihm versichert, daß die Ergebenheit und Treue seiner jüdischen Untertanen immer bestehen werden. König Eduard antwortete in allgemeinen Ausführungen auf die Huldiguiigsadressen der jüdischen und der anderen Abordnungen. Er übergab sodann jeder Deputation eine schriftliche Antwort. In der an die jüdische Delegation gerichteten Erwiderung heißt es: „Ich bin erfreut, Ihre loyale und ehrerbietige Adresse zu empfangen, die die Sympathie meiner iüdischen Untertanen in allen Teilen des Empire zu dein schmerzlichen Vertust zum Ausdruck bringt, den ich durch den Tod meines lieben Vaters erlitten habe. Ich danke Ihnen für Ihre große Wertschätzung der hohen Eigenschaften König Georgs und für Ihre Anerkennung der Einfachheit, die all sein Wirken während der sorgenvollen und bewegten Jahre seiner Regierung erfüllte, ich danke Ihnen auch für Ihre Glückwünsche zu meiner Thronbesteigung und für Ihre Versicherung einer unveränderten Ergebenheit. Ich hoffe, daß Segen und Glück mir bei Bewahrung des Friedens und der Einheit und Wohlfahrt meines Volkes beistehen werden." Eine Ergebenheitsadresse der britischen Juden wurde auch an die Königin- Wit'we gerichtet, in der ebenfalls die Anteilnahme der britischen Juden zum Tode König Georgs versichert wiird. Di-e KönAgin-Witwe hat durch ihren Privatsekretär in einem Dank- und Anerkennungsschreiben geantwortet. Zunehmender Antisemitismus in Jugoslawien, Der Kongreß des Verbandes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens p/otestitrt. Der Verband jüdischer Gemeinden im Königreich Jugoslawien, die Repräsentanz des jugoslawischen Judentums, hielt in den letzten Tagen in Belgrad ihren VI. Kongreß ab, an dem die Vertreter sämtlicher jüdischer Gemeinden Jugoslawiens teilnahmen. Die Besprechungen waren diesmal im wesentlichen dem Problem des stetig ansteigenden Antisemitismus in den verschiedenen Ländern gewidmet. Namentlich wurde auch auf die in der letzten Zeit in Jugoslawien betriebene heftige antisemitische Propaganda hingewiesen. Die Vertreter des jugoslawischen Judentums, versammelt auf diesem Kongreß, gaben ihrer Stimmung in einer Resolution Ausdruck, die den zuständigen Staatsstellen übergeben wurde. Die Resolution lautet: „Der Kongreß des Verbandes der jüdischen Gemeinden Jugoslawiens ist sich der Bedeutung der immer häufigeren antisemitischen Angriffe, die — obwohl sie von Grund aus das Prinzip der Gleichberechtigung der Glaubensgemenschaiten verletzen — in unserem Lande ungehindert ausgeübt werden, voll bewußt. Der Kongreß betont, daß der Antisemitismus, als Ausdruck der dunkelsten Rückständigkeit, das Gefühl der bürgerlichen Aufrichtigkeit und der patriotischen Pflichten in den Juden dieses Landes nicht erschüttern kann. Der Kongreß sieht jedoch in dem Antisemitismus, nebst den Beleidigungen und Erniedrigungen, die er den Juden zufügt, auch einen schweren moralischen Schaden für den Staat. Den antisemitischen Angriiien können die luden bloß das Gefühl der Ehre und der Menschenwürde entgegenstellen. Der Kongreß stellt fest, daß solche Erscheinungen, die bis vor kurzem hier unbekannt waren und welche nach seiner tiefsten Ueberzeugung in den breiten Volksmassen, die von einer traditionellen Großherzigkeit beseelt sind, keine Wurzel haben, in der jüdischen Gemeinschaft Jugoslawiens eine berechtigte und große Mißstimmung hervorriefen; der Kongreß fordert und erwartet von allen maßgebenden Faktoren die Respektierung einer vollen und tatsächlichen Gleichberechtigun g."