Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-04-17 · Heft 17 (17.4.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 17 (17.4.1936)
Date
1936-04-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064622--20636-3085902
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern Es kam vor, daß die Burschen bei einem Patrouillengang unterwegs einen Granattrichter gefunden und in ihm Versteck gesucht haben — oft fanden sie dort einen sterbenden „Feind". Und die letzten Worte des „Feindes" waren eine Bitte, die deutschen „Feinde" mögen die Habseligkeiten, die er bei sich hatte, seinen liebsten senden und ihnen über seine letzten Augenblicke und Gedanken berichten. Diese Menschen waren keine „Feinde" mehr und wenn sie dann Briefe nach Hause schrieben, dann erzählten sie ihren Angehörigen, daß die Französen ebenso leiden wie die Deutschen und daß der Krieg ein Greuel ist Das war ein Geschlecht, das noch im Schatten der großen deutschen Ideen und der großen deutschen Kunst aufgewachsen war, im Schatten jener Humanität, die Goethe so herrlich repräsentiert hat. Aber dann kamen andere, die den Haß zu predigen begannen, vorerst den Haß gegen eigene Brüder, die andere politische oder soziale Meinungen vertraten, und dann gegen andere Völker. Das wurde üblich und so avancierte der Haß zum politischen Prinzip. Und seine Folgen? Hat dieses Prinzip der Welt etwas Gutes gebracht? Wenn wir auch leider zugeben müssen, daß die Liebe sich bisher nie zu einer Machtposition aufschwingen konnte, um das Böse zu bekämpfen, so muß man doch anerkennen, daß die Menschen, die verschiedenen Völkern angehören, einander wenigstens achteten. Wir sahen Franzosen und Amerikaner, Engländer und Deutsche, Italiener und Juden, Schweden und Russen bei der gemeinsamen Arbeit für die Menschheit. Der edle Wettkampf auf dem Gebiete der Wissenschaft und1 der Kunst war wahrhaftig prachtvoll und das Deutschland der Vorkriegszeit hatte nichts dagegen, daß ein Dritte! der Nobelpreisträger Juden waren, obwohl paritätisch ihrer dreißigmal weniger sein sollten. Der Haß kam und zerschmetterte d:ese wunderbare Mitarbeit, die die französischen Forscher mit den deutschen und' die russischen mit den englischen vereint hatte. Als vor Jahren ein polnischer Politiker die „preußische Wissenschaft" verurteilt hatte (das war in der Zeit der Polen Verfolgungen in der Posener Provinz), haben die polnischen Schriftsteller dagegen protestiert. Die Wissenschaft war zu jener Zeit noch ein allgemeines, internationales und universelles Gut, und es war nicht Nr. 17 — 17. April 1936 statthaft, irgend welche wissenschaftliche Anstrengungen, seien es russische oder deutsche, zu brandmarken. Heute, nach Jahren, die doch Jahre der Entwicklung und der Erfahrung hätten sein sollen, kündigt der deutsche Gelehrte Prci Philipp Lenard die Herausgabe einer „deutschen Physik" an, die von allen „jüdischen Einflüssen" frei sein soll. Dieser Lenard hat nach Ausbruch des Weltkrieges seinen besten Assistenten, einen Russen, hinausgeschmissen, und die Schlüssel hat er sich durch einen anderen Assistenten, einen Schweden, zurückschicken lassen, „denn es ist doch eine Schande, wenn ein Deutscher mit seinem Feinde zusammenkommt". Also „deutsche Physik". Heine sagte, daß i in deutschen Wahnsinn auch eine Methode liegt. Es müßte also eigentlich auch' eine deutsche Medizin entstehen und, wenn sie konsequent sein wellte, müßte sie auf die Errungenschaften solcher deutscher Aerzte verzichten, wie Adler, Freud, Wassermann und Ehrl'ch. Später müßte auch die deutsche Biologie und Cafe Pension Echsfein Semmering Dieser Tage erscheint in London ein Buch von grundlegender Wichtigkeit über die deutschen Flüchtlinge und ihre Aufnahme in anderen Ländern; es handelt sich um einen auf authentisches Material gestützten, zusammenfassenden Bericht, der nicht nur als geschichtliche Fixierung der bisherigen Ereignisse, sondern auch als Grundlage für die weitere Behandlung dieses Problems in internationalem Rahmen Bedeutung hat. Der Titel dieses grundlegenden Buches lautet: Norman Bentwich, Dtrectar. of the High Commission for Refugees from Germany: „The Refugees from Germany April 1933 to December 1935". George AlMen & Unwin Ltd., London, 1936. 228 Seiten. Visc.ount Cecil of Chelwood hat das Vorwort geschrieben. Er sagt darin unter anderem: „Wer die Geschichte eines der größten Nationalverbrechen, das je begangen wurde, kennen lernen will, der kann nichts Besseres tun, als dieses kleine Buch zu kaufen und zu lesen. Er wird hier die Geschichte dieses Ereignisses geschildert finden ohne Leidenschaft u;id gestützt auf Tatsachen und Zahlen, die Schilderung, wie die deutsche Regierung eine Bevölkerungsgruppe verfolgt und zu Tode zu hungern versucht hat, der nichts anderes in Wahrheit vorge- DlE WAHRHEIT Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung IHII RMÄiNIINITyClHIINIII^ Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel. R41-4-20 Kataloge gratis! Kristallographie, die deutsche Geographie und Geschichte drankommen. Und nach der „Verdeutschung" der ganzen Wissenschaft kämen die Kunst und die Poesie an die Reihe. Maai sagt, die Liebe mache blind, aber noch b 1 i uder macht der Haß. Wenn der Haß zum Prinzip erhoben wird, werden ganze Menschengemeinschaften mit Blindheit'geschlagen. Und das ist das größte Unglück der Jetztzeit und zugleich die Quelle aller Krisen, unter denen die Menschheit leidet. worfen werden kann, als daß ihre Mitglieder Juden oder teilweise jüdisch sind. . . . Rund 80.000 Menschen haben Deutschland schon verlassen und Tausende, vielleicht Hunderttausende werden ihnen vielleicht zu folgen gezwungen sein . . . Die den umliegenden Ländern hierdurch aufgebürdeten Lasten und die menschenfreundlichen Anstrengungen, diese Lasten zu tragen, werden in diesem Buch beschrieben. Die deutsche Regierung hat keinen Finger gerührt, um mitzuhelfen. Aber manche Züge dieses Kampfes sind bewundernswert. Die jüdische Freigebigkeit für ihre leidenden Rassegenossen ist bekannt. Sie hat sich in manchen Ländern glänzend bewährt. Das tat auch die Solidarität der Universitäten der Welt. Was die Professoren mit ihren immerhin beschränkten Mitteln getan haben, um ihren Brüdern im Exil zu helfen, das ist großartig. In unserem eigenen Land haben sie freiwillig eine prozentuale Abgabe ihres eigenen Einkommens auf sich genommen zugunsten derer, die noch ärmer sind als sie. Es hat sich erwiesen, daß die Universitäten Ausdruck sind der Universalität des menschlichen Geistes; und was in Britannien geschehen ist, das findet sein Gegenstück in manchen anderen Ländern. Zweifellos wird Deutschland unter diesem verbrecherischen Wahnsinn zu leiden haben. Es kann es sich sicherlich nicht leisten, sich selbst so mancher der besten Köpfe der Bürgerschaft zu berauben ... Tatsachen über das Flüchtlingsproblem. Seuitteton. Der Zauberlehrling. Unmöglich, den geborenen Antisemiten von seinem Wahne zu befreien. Wen so etwas befällt, der hat's lebenslänglich, denn es gehört eine verschobene innere Weichenstellung dazu, die in späteren Jahren kaum zu beheben ist. Ab£f daß es jemandem plötzlich vor seinen Mitantisemiten graust — gibt's das? Ich habe ihn seit Jahrzehnten gekannt, den Rechtsanwalt Dr. H. — nennen wir ihn einstweilen Hase. Seit Vorkriegszeiten saß er im Stadtverordnetenkollegium der Stadt und galt dort als Führer der antisemitischen Mittelstandspartei. Damals war sein Haar noch voll und dunkel und seine Nase nicht die bescheidenste. Vielleicht grollte gerade deshalb ein besonders nervöser Ton in seiner Stimme, wenn er auf die Juden zu sprechen kam. Als das Dritte Reich anbrach, stand er stramm auf der Naziseite. Endlich wurde mit den Fremdstämmig-'ii aufgeräumt. Plötzlich erfüllte sich ein Traum, den er eigentlich nur noch aus alter Tradition gehegt hatte. Wie das jedoch mit gewissen Träumen so geht: die Wirklichkeit ist manchmal noch verrückter. Judenboykott, ein paar eingeschlagene Fensterscheiben — das mochte ja sein, das gehörte wohl zum Gewitter des Umbruchs, aber das andere, wozu gehörte das?? — gehörte auch das zur Erneuerung? Hase hatte immer auf bürgerliche Reputierlichkeit gehalten. Und Gesetz und Recht mußte gelten. Weg m't der jüdischen Gleichberechtigung, weniger jüdische Studenten, numerus clausus auf den Universitäten, Besteuerung der Warenhäuser: das alles paßte in seinen Horizont. Aber nun saßen in seiner Sprechstunde verzweifelte Menschen, die sich das Leben nehmen wollten, weil ihr Urgroßvater unklar blieb, oder die aus der Stellung flogen, weil die Großmutter des Umgangs mit Juden verdächtigt worden war. Langsam kroch in Hase die Scham hoch. Er war als ehemaliger Antisemitenführer stadtbekannt. Wenn alte Nachbarn mit den Augen zwinkerten: „Schöne Zeiten, lieber Doktor, was?" — so hörte er heraus: ..Das haben Sie doch gewollt, nicht wahr?" Dann biß er die Zähne zusammen, um nicht mit einem Fluch herauszuplatzen. Indifferente, die sich nie um Politik gekümmert hatten, gingen jetzt aus Trotz in jüdische Geschäfte. Alte Klienten mieden das Büro Hase, suchten sich einen anderen Anwalt. Immer öfter passierte es. daß die Tafelrunde verstummte, wenn seine Frau abends bei Ziegenbalgs zum Bridge erschien. Hase war in seinem Viertel geachtet gewesen. Plötzlich grüßten ihn Leute im eigenen Hause nicht mehr. In ihren Blicken stand geschrieben: „So haben Sie es doch gewollt, Herr Doktor!" — Am Rande der Stadt liegt ein großer Wild. Hase spaziert nicht mehr wöchentlich dort herum wie früher. Ab und zu hat er dort Leute gesehen, die auf abseitigen Wegen dahinziehen, zwischen Gebüsch und Gestrüpp. Es sind Juden, die nicht mehr wissen, welche Straßen für sie frei sind . . . Jüdische Kollegen kennt er, die langsam verhungern. Zwei davon verloren Söhne im Weltkrieg, gefallen für Deutschland — jetzt werden ihre Namen aus den Gedenksteinen gekratzt. Einmal kam er nach Hause, da klebte an seiner Tür ein Stürmerblatt mit zotigen antijüdischen Karikaturen. Er riß es wütend herunter. „Was habe ich damit zu schaffen? Was geht mich dieser Dreck an?!" Zerfetzte den Wisch und stand) da wie Goethes Zauberlehrling: der Besen, den er gerufen und von dem er einst geträumt, er könnte die Welt sauber fegen, der war nicht mehr zu bannen. Sein Haar ist dünn und weiß geworden. Ehemaligen jüdischen Kollegen weicht er im großen Bogen aus. Merkwürdige Welt, denken die, — er, der ihre Demütigung ein Leben lang herbeisehnte, geht ihnen jetzt mit gesenkten Lidern aus dem Wege. Jüngst traf ihn einer meiner Freunde. Beide sind Stadträte gewesen, kannten einander seit Jahrzehnten. Es gab ein kurzes Gespräch. Als es auf die Juden übersprang, winkte Hase ab und biß die Zähne aufeinander, als müsse er einen Ausbruch hinunterschlucken. Dann ging ein Ruck durch den alten Herrn, er sah sich scheu um und sagte leise und mit bebender Stimme: „Sie erschlagen den Antisemitismus!" Suchte mit den Augen umher und stieg davon. G'ng mit eingezogenem Kopf, als trüge er die Scham von Unzähligen. Br. Br.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.