Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 17 (17.4.1936)
- Date
- 1936-04-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland verboten! Die Wahrheit mit den Veröffentlichungen der iXInion österreichischer Juden" Erscheint jeden Freitag Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 17. April 1936 Nummer 17 Wozu Minderheitsrecht f Als Staatsrat Kunschak in der Blüte seiner Jahre stand, da war das politische Leben noch schön! Man schimpfte lustig auf die Juden, ohne sich übertriebene Gedanken darüber zu machen, was dabei herauskommen sollte. Die künstliche Aufrollung der Judenfrage brachte Mandate ein. l/'eber diese politischen Erfolge hinaus auch noch wissenschaftlichen Lorbeeren nachzujagen, fiel niemandem ein. Wissenschaft definierte ein damals beliebter Parteigenosse als das, was ein Jud vom andern abschreibt. Also kam sie für Antisemiten nicht in Betracht. „Was ein Jud ist, entscheide i c h", sagte der Parteiführer und machte so jede Diskussion über die begriffliche Umschreibung des Judentums überflüssig. Es gab damals nicht einmal ein genau konzipiertes christlichsoziales Parteiprogramm, den Führer hatte die von einem Gegner nach einem solchen gestellte Frage bloß zum Lachen gereizt. Er überließ es den Juden, ihre polirische Weltanschauung sorgfältig in Paragraphe zu kleiden. Seither aber hat bekanntlich der böse, „zersetzende" jüdische Geist solchen Einfluß erlangt, daß auch extrem antisemitische Parteien ihre Volksverhetzung wissenschaftlich drapieren müssen. Zum Glück machen einem die Juden nicht nur so überflüssige Plage, sondern sie erleichtern diese auch durch ihre methodische Vorarbeit, so daß der „wissenschaftliche" Antisemitismus von heute als das definiert werden kann, wasAriervon den Jüdischnationalen abschreiben. Also setzte sich auch Herr Kunschak nach dem Umsturz von 1918 hin und verfaßte, wie unsere Leser schon wissen, ein „Gesetz über die Rechtsverhältnisse der jüdischen Nation", das die jüdischnationale Forderung nach einem nationalen ..Minderheitsrecht" für die Juden geschickt benützt, um die völlige Entrechtung der Juden zu formulieren. Wie unseren Lesern bereits bekannt, hat Prälat Dr. S e i p e 1 als Parteiführer diesen Gesetzentwurf in allen Teilen widerlegt und dann als ganzen abgelehnt. Es wirft daher ein bezeichnendes Licht auf die Moral der Zeitschrift „Schönere Zukunft", wenn in deren Nummer vom 1. März ein Doktor Stefan Z e 11 e r sich die Unterstellung erlauben darf, die Fleißaufgabe des Herrn Kunschak zum Vermächtnis des Dr. Seipel zu rechnen. Dieser Auffassung tritt die katholische Zeitschrift „D i e Erfüllung" in ihrer April-Nummer aufs energischeste entgegen und desavouiert' gleichzeitig den sittlichen und praktischen Wert des Kunschak-Entwurfes: „Zur Begründung eines Minderheitsrechtes für die Juden wird zumeist der Umstand geltend gemacht, daß einige Berufe im Uebermaß von Juden ausgeübt werden. Es ist gewiß ein ungesunder Zustand, wenn die Juden sich einseitig gewissen Berufen widmen, doch er ist historisch bedingt und kann, wenn anders man ihn in christlichem Sinn beseitigen will, nicht mit Paragraphen, sondern nur auf konstruktive Weise geändert werden." Ja, wenn eine konstruktive Lösung im Sinne des Antisemitismus läge, d. h. wenn dieser wirklich jemals positiv sittlichen Zwecken diente, statt doch bloß überall nur den destruktiven; Haßinstinkten der Masse zu schmeicheln, um sie auf schuldlose Prügelknaben abzulenken! Das weiß auch der Herausgeber der „Erfüllung": „Die Tendenz, die viele mit der Propagierung eines' Minderheitsgesetzes für die Juden verfolgen, ist doch die, die Juden aus dem wirtschaftlichen und vor allem aus dem kulturellen Leben möglichst weitgehend auszuschalten. Nun ist aber das Leben der Juden unter und mit den europäischen Völkern, das Schaffen unter und mit ihnen eine historische Tatsache, die beiden Teilen Pflichten auferlegt... Es ist doch merkwürdig, daß die, die soviel vom schädlichen Einfluß der Juden sprechen, niemals von jener jüdischen Einwirkung sprechen, die zum Besten Europas war." Diese traditionelle Diskretion der Antisemiten hat in Hitler-Deutschland, wo sich ja der Judenhaß bis zur Selbstkarikatur übersteigert, den prägnantesten Ausdruck in der Entfernung der Namen der jüdischen Kriegsgefallenen von den Heldengedenktafeln gefunden. Die Anerkennung jüdischer Verdienste durch die Antisemiten wird wohl auch außerhalb des Dritten Reiches ein frommer Wunsch der „Erfüllung" bleiben, so gern man auch lieber eine Erfüllungdes Wunsches sähe, Cafe-Restaurant „Fetfzer" an der Schwedeniirflche Geschäftsführung: MAX RECHTSCHAFFEN ünd zwar nicht bloß vom Standpunkt des Judentums aus, das ja durch Verfolgungen niemals geschwächt, sondern im Gegenteil stets gestärkt worden ist, sondern auch im Hinblick auf die Mission Oesterreichs, die sich der „Erfüllung" folgendermaßen darstellt: „In einer Zeit, wo ein deutscher Staat, gewiß nicht im Sinne aller seiner Untertanen, daran geht, die Juden aus dem allgemeinen Leben auszuschalten, sie seelisch zu zermürben, sie wirtschaftlich zugrunde Rasiere Dich gut und billig Oes(€rrelcm$che$ Qualität* faDriKal Ueberau erhältlich zu richten, ihnen Hab und Gut, Ehre und Ansehen zu nehmen, sie völlig zu vernichten, kann Oesterreich nur eine Haltung den Juden gegenüber einnehmen, die seinem Wesen und seiner Aufgabe in der Welt entspricht. . . . Juden haben in den letzten Jahrhunderten mancherlei gegen die Völker Europas gesündigt. Doch nie haben sie das getan, was ihnen heute geschieht. Das Unrecht und das Leid, mit dem sie überhäuft werden, wird ihnen zugefügt im Namen des deutschen Volkes. Darum hat Oesterreich die Pflichtder Buße, der geistigen Wiedergutmachung, ich betone: der geistigen Wiedergutmachung. Nicht besondere Positionen sollen für die Juden gefordert werden. Aber eins muß ihnen Oesterreich, sollte ihnen jeder Bürger dieses Staates geben: Gerechtigkeit und Liebe. Nicht das eine oder das andere, sondern beides." Das Zugeständnis, daß Juden mancherlei gegen Europa „gesündigt" hätten, ist wohl, abgesehen von dem katholisch-klerikalen Standpunkt des Autors, eine diplomatische captatio benevolentiae gegenüber den Antisemiten, denen aber gleichzeitig entgegengehalten wird, daß es auch arische Schädlinge des geistigen und wirtschaftlichen Lebens gibt, daß nicht alle Juden destruktiv wirken und daß es daher zur Eindämmung der von einzelnen Juden ausgehenden Schäden nicht notwendig ist, die Juden als Minderheitsnation zu erklären. Das deckt sich durchaus mit unserem Standpunkt. Aber wie ihn denen schmackhaft machen, die auf jüdischer wie christlicher Seite aus der Vortäuschung einer speziellen Judenfrage ihre politische Daseinsberechtigung ableiten? Haß als Prinzip. Von P. Hulka-Laskowski. Der Verfasser — er ist Christ und Arier — nimmt unter den polnischen Schriftstellern eine hervorragende Stellung ein. Der jüdische Gesetzgeber lehrte, man solle ni:ht den Fernen und Fremden, sondern den Nächsten, ja sogar den Verwandten lieben. Dies legt ein Zeugnis von seiner tiefen Weisheit ab. Wen von uns muß man denn auffordern, den Australier oder den Inder zu heben? Wenn es aber um Mitbürger geht, manchmal sogar um Nachbarn, die Wand an Wand mit uns wohnen — da ist es schon schwieriger: darum will die Nächsten liebe erst gelehrt werden. Und sie wurde in der Tat noch bis vor kurzem gelehrt, bis die Doktrin des totalen Staates kam und zynisch erklärte, man müsse den Feind hassen. Den Feind? Wer ist denn dieser Feind? Das wurde nicht gesagt, es wurde nicht mit dem Finger aui den Feind gezeigt, also konnte sich ihn jeder nach Gutdünken wählen und solange theoretisch hassen, bis sich eine Gelegenheit zum Ausbruch des aktiven Hasses ergab. Die deutschen Menschenfreunde versuchten nach dem Weltkriege, die Moral ihres Volkes wieder aufzubauen und verwiesen auf das Elend und die Leiden, die der Krieg für die ganze Welt gebracht hatte. Der deutsche Professor Witkop sammelte Briefe von hundertzwanzig gefallenen Studenten und gab sie heraus. In diesen Briefen kommt der edelste Idealismus, dessen der Mensch fähig ist, zu Worte. Junge Burschen schrieben an ihre Mütter, Väter, Freunde und Geliebte. Sic sprachen von ihren geheimsten Träumen, beichteten ihre Lieb© zum Leben, und zugleich malten sie Höllenbilder des Krieges, der nicht nur die Länder, sondern auch die Seelen der kriegführenden Völker verwüstete. Jeder dieser Schreibenden sah den „Feind" von der Nähe und konnte sich überzeugen, daß der „Feind" ebenso wie er selbst leidet und ebenso wie er das Leben liebt.