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Die Wahrheit · 1936-04-06 · Heft 15-16 (6.4.1936) · page 10

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 15-16 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
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Seite 10 Nr. 15/16 — 6. April 1936 DIE WAHRHEIT neu für sie ist, anders, ganz anders ist, als sie gewöhnt sind; weil die Sitte ganz anders ist hier und da! Gemeinsame Sitten haben wir nicht! Bekenntnis zur Tbora — das Eintrittsbillett zum jüdischen „Volk". Das ist bis jetzt alles negativ. Und nun möchte ich dem etwas Positives gegenüberstellen. Bei den verschiedenen — zivilisierten — Völkern kann ein Fremder sich naturalisieren lassen; ist das geschehen, so gehört er und gehören seine Nachkommen zum Volke. Wenn die zuständigen Obrigkeiten seinen Zutritt zum Volke genehmigt 4iaben, weil er so und solange im Lande gewohnt hat und er ein ehrlicher, rechtschaffener Mensch jst und es .sich gezeigt Yiai, daß er gewillt ist, zum Wohle des Landes und des Volkes mitzuarbeiten, und er eine gewisse Summe bezahlt hat — so steht dem nichts mehr entgegen. Der nicht zum jüdischen „Volke" Gehörige kann auch zum jüdischen Volke hinzutreten. Aber so nennt man das nicht. Man nennt das „zum Judenrume übertreten". Und mit Recht. Ein Beth-Din {rabbinisches Gerichtskollegium) kann den Zutritt zum jüdischen „Volke" nur dann genehmigen, wenn es wirklich und tatsächlich ein Hinzutreten zum Judentume, zur Thora ist. Ein Zutritt zum Volke, der nur und einzig abhängig ist von „religiöser" Ueberzeugung. Wo gibt es sonst so etwas in aller Welt? Nur wenn die echte, richtige, ehrliche religiöse Ueberzeugung da ist, kann einer Mitglied des jüdischen „Volkes" werden, kann einer Kind des großen Erzvaters werden — die Ueberzeugung von Thora und Thoragesetzen. Das ist ein Unikum und das kann nur ein Unikum sein. Nur bei Israel. Das eben kein Volk ist! „Jüdisches Volk" nur Wunschbild, aber keine Wirklichkeit. Nun wird es wahrscheinlich viele geben, die sagen werden: Ja, das isfo ja leider alles richtig; aber da steckt eben der Fehler! Wir sind ja ein Volk und eben deshalb sollen wir ja ein gemeinsames Land, eine gemeinsame Sitte, respektive Unsitte, eine gemeinsame Regierung usw. haben. Wir wollen auch Boden, Festungen, Legionen, Parlamente haben — wie die anderen. Wir wollen auch olympische Spiele haben, wie die anderen, die alten hellenistischen Olympischen Spiele, und wir nennen sie „Makkabia" — nach den Makkabäern, die gerade den Hellenismus bekämpft haben. Wir haben dies alles nicht; das ist aber eben verkehrt! Dieses ist eine ganz merkwürdige Verwechslung von dem Gewollten mit den Tatsachen. Diese Menschen wollen ein Volk bilden wie die anderen Völker, und deshalb wollen sie alles konstruieren, wie die anderen es haben. Wer sich immer auf Tatsachen zu berufen wagt und auf Tatsachen seine Wünsche zu begründen behauptet, darf noch weniger, was überhaupt keiner darf: Wünsche äußern, die nur und immer nur auf den eigenen Wünschen fußen. Man kann den Anspruch auf ein Land, auf Sprache, Regierung, Boden für das jüdische „Volk" nicht mit der Tatsache begründen, daß Israel ein Volk ist. Das ist es nicht. Durch den Begriff der Nation wird das universalistische Wesen des Judentums eingeengt und auf ein falsches Geleise geschobeirr, was zur sogenannten nationalen Assimilation, also letzten Endes zur Verflachüng und Verfälschung des wahren Judentums führt. Daß wir uns bis heute ohne Land, ohne gemeinsame Sprache und ohne gemeinsame Sitten als große Gemeinschaft erhalten haben, ist einzig und allein der religiösgeistigen Macht zuzuschreiben, der das Judentum bisher treu blieb. Auf ein kleines Ländeben mit einer eigenen Sprache und einer eigenen Kultur zusammengepfercht, büßt das Judentum sein weltumspannendes Wesen ein und sinkt zu einem kleinen Natiöncben unter anderen Nationen herab, von welchen es letzten Endes kulturell und auch politisch verschlungen werden wird. Im Caife.Restaurant „Fetzer" an der Schwedenbrücke (Besitzer: Fröhlich & Weiß) hat dieser Tage der bekannte Cafetier Herr Max Rechtschaffen die Geschäftsführung übernommen. Auch auf diesem Wege ergeht an alle Freunde und Gönner des auf Grund seiner bisherigen Tätigkeit allseits beliebten Herrn Max Rechtschaffen die höfl. Bitte, das nun unter seiner Geschäftsführung stehende Cafe-Restaurant „Fetzer" recht zahlreich zu besuchen. Die ausgezeichnete Küche, der bekannt gute Kaffeee und die zivilen Preise werden aMen Besuchern neuerlich die Erstklassigst dieses gut bürgerlichen Cafe-Restaurants dokumentieren. Statistik der Berliner Jaden. Auf 5 Todesfälle 1 Geburt. In dem „Statistischen Jahrbuch für Berlin", das statistische Ergebnisse für das Jahr 1934 bringt, wird die Zahl der in Berlin wohnenden Juden mit 163.796 angegeben. Im Jahna 1934 starben 1226 jüdische Männer und 1175 jüdische Frauen, zusammen 2401. Dem standen nur 473 Geburten gegenüber, von denen 220 Knaben und 253 Mädchen aus rein jüdischen Ehen stammen, 102 Geburten wurden aus Mischehen verzeichnet. Für die rein jüdischen Geburten und Todesfälle kommt somit eine Geburt auf fünf Todesfälle, Nomina sunt odiosa. Im Londoner Garrick-Theater wurde kürzlich ein aus dem Ungarischen übersetztes Stück „Vicky" aufgeführt, das in einem Wiener Hotel spielt. Nun hat der deutsche Botschafter bei der Direktion des Theaters dagegen Protest eingelegt, daß in dem Stück ein Hotelpage namens Hesekiel Hitler vorkommt. Der Botschafter erklärte, es sei besonders beleidigend, daß ein Mensch namens Hitler in dem Stück einen jüdischen Vornamen habe. Der Botschafter verlangt, daß die Rolle gestrichen werde. Wie eine Posener Zeitung meldet, fand am 24. März die Generalversammlung des dortigen jüdischen Handwerkerverbandes statt. Nach Erschöpfung der Tagesordnung wurde der Vorstand gewählt, dem folgende drei Herren angehören: MiedzEnski, Weinitraub und — Hittter. daß er es tief bedauere, daß die Antisemiten die Liebe der Juden zu Polen nicht anerkennen. Bei einem normalen Zusammenleben würden die Juden polnische Sprache und Kultur schneller in sich aufnehmen lind — wie dies in Amerika der Fall ist — ihre Energie rückhaltslos in den Dienst des gemeinsamen Vaterlandes stellen. Mr. George Backer, der einen repräsentativen Typ der neuen jüdischen Jugend Amerikas darstellt, erklärte, daß er zu den nichrnationalen Zionisten gehöre, zu den sogenannten Non-Zionists, bemerkte aber, daß die Non-Zionists Amerikas für das Palästina-Werk sind und glauben, daß von den 17 Millionen Juden 3 Millionen eine Gemeinschaft in Palästina bilden könnten. George Backer sprach seine Genugtuung darüber aus, daß die Juden in den Städten und Dörfern Polens, mit denen er in Verkehr getreten ist, unbeschadet der tiefen Armut, in der sie leben, ihren allgemein menschlichen Stolz und ihre menschliche Würde nicht verloren haben. Mitlcilongcn der Jugendlnion. Eröffnungsabend. Wie wir bereits in der letzten Nummer unseres Blattes berichtet haben, fand der Eröffnungsabend der „Jugend-Union" am 21. März d. J. in den schönen Räumen des neuen Heims der „Union österreichischer Juden" unter starker Beteiligung statt. Der Obmann der „Jugend- Union", Dr. Bruno David, begrüßte die zahlreichen Erschienenen und wies in seiner kurzen Ansprache darauf hin, daß die Zusammenfassung der jungen jüdischen Bevölkerung Oesterreichs zum Kampfe für ihre Rechte, für ein geistiges und gesellschaftliches Zusammenwirken das Ziel der „Jugend-Union" sei und daß es. f f TUCHHAIIS TABAK I., SALZGBIES 5 Garantiert original englische Stoffe für Damen und Herren Deutsches Todesurteil wegen Mordes an einem Juden. Das Schwurgericht in Braunschweig hat den 28jährigen Wilhelm Sievers wegen Ermordung des jüdischen Kaufmanns Zipfkowski zum Tode verurteilt. Der Angeklagte versuchte, seine Tat als eine politische hinzustellen. Er gab an, Ziprkowski durch einen Kopfschuß niedergestreckt zu haben, aus Empörung darüber, daß sich der Kaufmann mit zwei Mitgliedern der deutschen Arbeitsfront unterhalten hatte. Seine Verantwortung hatte keinen Erfolg, zumal Zeugen bekundeten, daß Sievers mit einigen Paketen den Laden Ziprkowskis verlassen hatte. Es konnte zwar nicht festgestellt werden, was er im einzelnen geraubt hatte, doch wurde der Raub als erwiesen angenommen. Der Gerichtsvorsitzende verlas bei der Urteilsbegründung demonstrativ, daß die Nürnberger Gesetze gegen d i e R a sse n ü b e rf r e m d u n g geschaffen worden seien, daß aber niemand daraus folgern dürfe, daß ein Fremdstämmiger in Deutschland keinen Schutz genieße. Ein Repräsentant der jüdischen Jugend Amerikas besucht Polen. Der Vorsitzende des Verwaltungsrates der Jewish Telegraphic Agency in New York, Herr George B a c k e r, hat Polen besucht und in Warschau eine Zusammenkunft der führenden jüdischen Publizisten veranstaltet Bei diesem Anlaß hat der Chefdirektor der JTA, Herr Jacob Landau, die Mitteilung gemacht, daß die Organisation der Jüdischen Telegraphen-Agentur ihren privaten Charakter abgelegt hat und in eine öffentliche Körperschaft umgestaltet wurde. Diese Umwandlung fand durch den bekannten amerikanischen Publizisten Herbert Bayard S w o p e, den früheren Chef der „New York World", statt. Mr. Swope betonte in einer Rede, daß es ein Gebot der Selbstachtung der Juden sei, einen gut funktionierenden Informationsdienst zu besitzen. Es wurde sodann ein Verwaltungsrat der Jewish Telegraphic Agency gewählt, die somit als Körperschaft öffentlichen Charakters konstituiert wurde. Zum Vorsitzenden des Verwaltungsrates wurde Herr George Backer gewählt, der als Publizist und Dramatiker viel Beachtung gefunden hat Er ist mit der einzigen Enkelin des verstorbenen Bankiers Jacob H. Schiff, Dorothea Schiff, verheiratet und ist nicht nur materiell, sondern auch geistig vollständig unabhängig. Mr. Backer erklärte, daß er aus Polen sehr gute Eindrücke mitnähme und heute um so wichtiger sei, die junge jüdische Bevölkerung organisch zu erfassen, als die Gefahren für sie nicht nur bei den Gegnern der Juden, sondern im Lager der Juden selbst durch Verfechtung falscher und für sie gefährlicher Ideologien wachsen. Mit der Einladung, dem Vereine beizutreten und an der Erfüllung dieser Aufgabe mitzuarbeiten, schloß Dr. David seine mit starkem Beifall aufgenommene Begrüßungsrede. Ing. Max B r a i n i n konferierte in witziger Art die Mitternachtsakademie, Fräulein Dita Deutscher sprach den von Prof. Glücksmann zur Eröffnung des Heimes der „Union" verfaßten Prolog mit ergreifenden Worten, Fräulein Lotte Bernhard brachte heitere Chansons, Fräulein Ruth Wasser zeigte bei ihren Tänzen wahre künstlerische Begabung und last not least entfesselten die heiteren Klaviervorträge von Hans H o r w i t z wahre Lachstürme. Sämtlichen Künstlern wurde von Seiten des Publikums lebhafter Beifall zuteil. In heiterer Stimmung verblieben die Gäste, von denen sehr viele der „Jugend- Union" beitraten, noch lange in den gemütlichen und schönen Räumen des Heimes. Mit dem Erfolg dieses Eröffnungsabends kann die „Jugend-Union" mit Recht zufrieden sein. „Das Rassenproblem." Ueber dieses Thema sprach am Mittwoch, den 25. März I. J., Prof. Dr. Harry Sycher, der Präsident der Gesellschaft für Anthropologie und Soziologie des Judentums. In dem ausgezeichneten Vortrag führte Prof. Dr. Sycher insbesondere die Unterschiede in der Rassenforschung zwischen der deutschen (Prof. Hans F. K. Günther) und der polnischen Schule (Prof. Czekanowski) aus, wobei er in der Lage war, auf die neuesten Forschungen Prof. Lebzelters hinzuweisen, der vor wenigen Wochen fand, daß alle die von Juden herrührenden Schädelskelette im Bereiche des Mittelgesichtes eine große Aehnlichkeit aufweisen. Auf Grund dieser Beobachtung kam Prof. Lebzelter zur Ansicht, daß Nase und Mund jene dominanten Elemente sind, die sich auf Grund der Vererbungsgesetze in weitem Maße durchzusetzen pflegen. _ Das zahlreich erschienene Publikum folgte den interessanten Ausführungen des Vortragenden und spendete ihm lebhaften Beifall. Dr. K. M. Nächste Veranstaltungen der „Jugend-'Union". Mittwoch, 8. April, präzise 18 Uhr: Dr. Benjamin Murmelstein: „Warum bin ich Jude?" Mittwocb, 15. April, 8 Uhr abends: Musikalischer Abend. Dr. Otto Kaperl, Violine. Am Klavier: Robert Walter Spitz. Lore Jellinek, Pianistin.

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