Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 15-16 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 15/16 — 6. April 1936 Seite 9 ftkMMtö Wien Im Seitenstettengasse 2 XI« i Zentralf rledhof neben dem I. Tor ^^^m^m Sechs Juden taten sich zusammen, um als geschlossene Gruppe aus der Stadt zu ziehen; sie wurden angegriffen und drei von ihnen wurden erheblich verletzt. Die Synagoge von Truskoias wurde mehrmals mit Steine^ bombardiert und liegt teilweise in Trümmern. Ein jüdisches Mädchen aus Truskoias, das vom Gericht einer benachbarten Stadt als Zeugin geladen worden war, konnte der Vorladung nicht Folge leisten, weil es unterwegs von den antisemitischen Posten angegriffen und am Verlassen der Stadt gehindert wurde. Den Juden in Truskoias wird keinerlei Polizeischutz zuteil. Ihr Appell an die übergeordnete Behörde in Warschau, einen verstärkten Polizeiposten in die Stadt zu legen, wurde dahin beantwortet, die Juden mögen vorher einen Zuschuß von 2000 Zloty erlegen. Bauern, die aus der Umgegend in der Stadt eintreffen, werden scharf bewacht, daß sie nicht einen jüdischen Laden oder eine jüdische Werkstätte betreten. An Markttagen dürfen sich Juden auf dem Markt überhaupt nicht sehen lassen. Steinbombardements gegen die jüdischen Läden sind an der Tagesordnung. Es gibt keinen Juden in Truskoias, der nicht mindestens zehnmal von Antisemiten attackiert wurde. Frauen und Kinder werden von dem antisemitischen Mob nicht geschont. Da einerseits die Bauern daran gehindert werden, in die Stadt gebrachte Lebensmittel an Juden zu verkaufen, anderseits die Juden nicht in die Dörfer gehen dürfen, um sich mit Lebensmitteln zu versorgen, ist die jüdische Bevölkerung dieses Ortes direkt dem Verhungern nahe. Juden aus anderen Orten werden daran gehindert, den Hungernden in Truskoias Lebensrnittel zu bringen. « Aehnliche Zustände herrschen in Pajenczna, einem anderen Ort im Distrikt Czenstochau. Für die im Orte noch zurückgebliebenen dreißig jüdischen Familien ist das Leben eine Hölle. Nichts wird von ihnen gekauft, nichts an sie verkauft. Nur in einer Straße dürfen sie sich frei bewegen. Ein Jude, der eine andere Straße betritt, wird angegriffen und zurückgetrieben. Aber auch in dieser „Ghetto-Straße" wurden die jüdischen Wohnungen oft von Huligans mit Steinen bombardiert. Die Fensterscheiben .sind so oft eingeschlagen worden, daß die Juden nicht mehr in der Lage sind, sie zu erneuern; die Fenster sind mit Brettern verschlagen. Tritt die Nacht ein, so verbarrikadieren sich alle Juden in ihren Wohnungen, weil sie blutige Angriffe befürchten. Es gibt im Orte keine Polizei und der von der übergeordneten Behörde erbetene Polizeischutz wird nicht gewährt. Die Juden haben nicht einmal die Möglichkeit, mit jüdischen Zentren in Verbindung zu treten, um diese über ihre Notlage in Kenntnis zu setzen, denn sie befinden sich geradezu in einem Belagerungszustand. Frau Friederike Sdiimef schek (Inhaberin der Speditionsfirma M. Schlmetschek) ladet höflichst zur Barwizwah ihres Sohnes Arnold ein, welche Samstag, den 11. April 1936, um 9 Uhr vorm., im Tempel, VI., Schmalzhofgasse stattfindet ff Jüdisches Volk"—ein Wunschbild. Von Oberrabbiner J. Tal, Utrecht. Es ist nun einmal so, daß man Worte aus dem Hebräischen und aus der jüdischen Gedankenwelt nicht nur so einfach in eine andere Sprache übersetzen kann. Man tut es natürlich doch. Aber dann geht's wie immer, wenn man etwas tut, was man nicht kann: die Sache geht schief. Und so ist es auch mit der Uebersetzung von „Volk" für das hebräische „Am" und „Qoj", besonders wenn diese Worte sich auf Israel beziehen. Denn alle die Eigenschaften, durch welche ein Volk ein „Volk" ist, fehlen dem jüdischen „Volk". Kein gemeinsames Land. Erstens das gemeinsame Land! Fünfunddreißig Jahrhunderte existiert Israel. Und wieviele davon hat es zusammen in dem gemeinsamen Lande gelebt? Noch nicht die Hälfte! Etwa fünfzehn bis sechzehn! Und das ist noch sehr reichlich gerechnet. Nein, das Land ist unser Volksmerkmal nicht. Keine Gemeinsamkeit der Sprache. Weiter: die gemeinsame Sprache. Gewiß, gewiß, man hat nie eine verkehrtere Charakteristik des Hebräischen gegeben, als da man es eine "tote Sprache" nannte! Das Hebräische war nie gestorben und ist nie tot gewiesen und wird nie sterben! In den Herzen und auf den Zungen und in den Gesängen und in den Schriften und Briefen Hunderttausender hat es immer und immer gelebt! Aber gemeinsame Sprache? Nein! Es hat immer Herzen und Zungen und Gesänge und Schriften und Briefe anderer hunderttausender Kinder Israels gegeben, auf welchen und in welchen das Hebräische nicht gelebt hat! Und nun denke ich nicht an die Falaschas z. B., die vom Hebräischen nichts wissen, oder an die Marannen oder die chinesischen Juden. Nein, ich denke an die vielen, vielen Kinder des jüdischen ..Volkes", in vielen Jahrhunderten seiner Existenz, die vom Hebräischen wenig oder fast nichts wußten; von den Tagen an, wo man das Kaddisch-Gebet auf Aramäisch einführen mußte, bis auf unsere Tage. Ich denke an die vielen, vielen Kindler Jdes Jüdischen „Vojkes", Männer und Frauen, die inmitten all der großen und kleinen jüdischen Gemeinschaften lebten und leben! Und auch außerdem: gemeinsame Sprache als Sprache des „Volkes", wie das Englisch die der Engländer, das Russisch die der Russen, war das Hebräische nicht! Auch all diejenigen, bei denen das Hebräisch lebte, sprachen es im gewöhnlichen Schmucltung von Gruiten und Gräbern LeopoldDeutsGhJienXI. einzige jüdische Gärtnerei beim Zentralfriedhof I. Tor, Tel. U 13-0-40 Zentralfriedhof IV. Tor, Tel. U 17-0-08 Eigene Kulturen Leben nicht. Schon während des Wohnens im Heiligen Lande sprach das Volk Aramäisch; schon sehr rasch nach der Rückkehr aus Babel. Und die babylonischen Juden sprachen das babylonische Aramäisch und die alexandrinischen Griechisch. Und nach der Zerstörung des Tempels? In Babylonien babylonisch-aramäisch, in Spanien spanisch, in Persien persisch, in den arabischen Ländern arabisch usw. usw. Und zum Schluß? Das alte Deutsch aus dem Mittelalter heißt sogar „Jüdisch"!! und das spricht man in New York und in Jerusalem, in Moskau und in London! Das Merkmal der Sprache hat dem jüdischen „Volke" dreiundzwanzig Jahrhunderte von den fünfunddreißig seiner Existenz gefehlt. Keine gemeinsame Abstammung. Weiter: die gemeinsame einheitliche Abstammung. Das stimmt ja überhaupt nicht. Weil es einfach kein Volk gibt, dessen Söhne und Töchter eine gemeinsame einheitliche Abstammung haben. Alles ist Mischung, Einströmung fremden Blutes, Gruppenverschiebung in früherer oder späterer Zeit, mit Mischung als unausbleibliche Folge. Einschlag und Kette verschiedener Art durcheinander — immer wieder. Es gibt kein Volk, das von ein paar Ehepaaren oder einer kleinen einheitlichen Gruppe Ehepaaren abstammt. Die Ureltern eines jeden Volkes kommen von fast allen Zonen der Erde her. Mit dem jüdischen „Volk" ist es genau so! Abraham und Sara waren Babylanier. Und, wenn man will, Isak und Rebekka, Jakob und Rachel und Lea ebenfalls. Aber die Sklavinnen Bilha und Silpa? Das werden schon Syrerinnen gewesen sein. Und die Frauen der Söhne Jakobs? Joseph hatte eine Frau aus der hohen ägyptischen Aristokratie. Schaul, Simons Sohn, hatte eine Kanaaniterin zur Mutter. Hatten die anderen Söhne auch alle Frauen aus der Verwandtengruppe in Haran? In Aegypten — wieviel ägyptisches Blut ist weiter dazugekommen? Und im Heiligen Lande erst? Im Lapidarstil erzählt das Richterbuch (3, 6) von der Mischung in den Richterjahrhunderten — eine ganze Menge fremden Blutes kommt da hinein. Zahllose Fälle von Blutmischung müssen durch die Berührung mit den Nachbarvölkern, besonders aber mit den Philistern, welche „Arier" waren, vorgekommen sein. Und die Kinder der Griechen aus des Mazedoniers Heer, und der Römer aus Pompejus" und Vespasianus' Heer — die es im Heiligen Lande natürlich so getrieben haben, wie Soldaten aus alter und neuer Zeit es immer im fremden Lande tun — sie alle sind einfach im jüdischen „Volke" aufgegangen. Die mongolischen Chasaren sind zum Judentum übergetreten — nach der Aufhebung ihres Reiches sind sie nach vielen Seiten geflüchtet und mit der jüdischen Umgebung verschmolzen. Ehen mit christlichen Frauen, die zum Judentum übertreten, sinu mancherorts in manchen Zeiten ganz gewöhnlich; in Rußland gab es sehr viele, die als Fremde („Gerim") bezeichnet wurden — bis in die jüngsten Zeiten. Wir sind also nicht „rassenrein". Fehlen einer gemeinsamen Geschichte. Weiter: Die gemeinsame Geschichte. Völker werden nur durch die gemeinsame Geschichte ihrer Kinder gemacht! Und durch nichts sonst. Menschen, die von allen Seiten zusammengekommen sind — Teile von Völkerstämmen, die durch Verträge zusammengefügt sind — durcheinandergewürielte Menschen und Menschengruppen — erst wenn sie* kürzere oder längere Zeit durch dieselbe Geschichte gegangen sind, dasselbe getragen und geschaffen haben, sind sie zu einem Volke geworden. Und wir? Wo ist unsere gemeinsame Geschichte? Die existiert nicht! Hat der türkische Jude dieselbe wie der französische? Der amerikanische wie der jemenitische? Man Stelleden Juden aus Marokko neben den aus den Niederlanden, den aus Italien neben den aus Surinam, den aus Deutschland neben den aus Abessinien — und man suche einmal nach gemeinsamer Geschichte! Und es war immer so! Man gehe nur den Jahrhunderten entlang in die Vergangenheit zurück! Man sehe nach Spanien, Persien, Arabien, Palästina, Rom usw., usw. Ueberall hatten die Juden eine andere Geschichte! Und vor der Zerstörung des Tempels war es genau so! In Babylonien anders als in Palästina, in Aegypten anders als in Kleinasien, in Parthien anders als in Syrien. Ganz, begreiflicherweise findet es seine Ursach© inder" Zerstreutheit über viele Länder. Die Juden haben immer die Geschichte der Länder, diören Bürger sie waren, ganz und voll mitgelebt. Eine gemeinsame Geschichte existiert für uns nicht! Weder gemeinsamer Volkscharakter noch gemeinsame Sitten. Weiter: ein gemeinsamer Volkscharakter. Bis zu einem gewissen Grade haben die Kinder eines Volkes etwas Gemeinsames in ihrem Charakter — trotz der vielen Unterschiede. Das Klima des Landes, die gemeinsame Geschichte, die gemeinsame gesellschaftliche Ordnung, Kultur usw. haben dies nach und nach ausgebildet. Es braucht fast nicht gesagt zu werden, daß es so etwas bei den Juden nicht gibt. Und es. ist auch ganz selbstverständlich. Das Wohnen in all den verschiedenen Ländern in allen Jahrhunderten mit allen seinen Folgen macht dies ganz verständlich. Man vergleiche den galizisqhen Juden min dem französischen, den jemitischen mit dem Maranen, den Litauer mit dem Marokkaner — wer möchte von gemeinsamem Charakter sprechen? Auch dieses Merkmal fehlt uns vollständig. Weiter: gemeinsame Sitte. Ja natürlich, wird der Außenseiter sagen, die jüdische Sitte ist doch überall gleich. Er hat recht; und zugleich hat er ganz und gar nicht recht Er hat recht — denn es gibt jüdische Sitte und jüdische Gebräuche. Es gibt ein jüdisches Gefühl für Menschen, Tiere, Sachen, aus jahrhundertelanger treuer Erfüllung der Thoragesetze entstanden. Aber zugleich hat er ganz und gar nicht recht. Denn dieser Minhag und dieses Gefühl und diese Sitten haben so vielen Spielraum und so viele Betätigungsmöglichkeiten und so viele verschiedenartige Verzweigungen und Verästelungen in all den vielem Ländern und Verhältnissen, daß sich die größten Unterschiede zeigen. Der galizische Jude bei einer Trauung in Kairo, der alteingesessene Engländer bei einem Beschneidungsfest in Litauen, der Perser bei der Hauschano-rabbo-Feier in Amsterdam, der Jude aus Buchara bei einer Schabbos-Sudo im Elsaß — mit welchem Interesse werden sie sich das alles ansehen und mit welcher Aufmerksamkeit werden sie das alles betrachten; eben weil übemus vieles