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Die Wahrheit · 1936-04-06 · Heft 15-16 (6.4.1936) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 15-16 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 8 Nr. 15/16 — 6. April 1936 DIE WAHRHEIT GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHL WIEN IX,, BERGGASSE HR. 19 FILIALEt XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungenfürKoscherfleisch unter Aufsieht des chrw. Rabbinatcs der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-QuaJitat zu den billigsten Marktpreisen ihr und der „Union" seit Jahrzehnten bestehen. Unvergeßlich lebt in den Kreisen der „Union" das Andenken an Dozent Dr. Qrünfeld, den verblichenen verdienstvollen Präsidenten der „Union" fort. Zu wiederholten Malen hat Frau Sofie Qrünfeld in der „Union" hochinteressante Vorträge gehalten und die Zuhörer mit ihren ihrem großen Tätigkeitsgebiete entnommenen Ausführungen wahrhaft begeistert. Dem „Union-Frauen- Klub" stand Frau Sofie Grünfeld seit seiner Reorganisation mit großem Interesse gegenüber, mit freundlichem Danke quittierte sie den einstimmigen Beschluß dieser Organisation, wonach die beliebte Jubilarin zum Ehrenmitglied ernannt wurde. Dieses wohlwollende Interesse der Jubilarin für die „Union" und deren Frauen-Klub gereicht diesen Organisationen zur besonderen Ehre. Denn man darf mit Fug und Recht behaupten, daß Sofie Grünfeld eine der höchst geachteten Damen der Wiener jüdischen Gesellschaft ist. Abgesehen von der Anerkennung, die ihr gemeinnütziges Wirken in jüdischen Kreisen fand, — sie war u. a. viele Jahre Präsidentin der Schwesternvereinigung der B'nai B'rith — hat Sofie Grünfeld auch von maßgebenden staatlichen Stellen höchste Auszeichnungen erhalten. Sie ist u. a. Dame des Elisabeth- Ordens, Besitzerin des Goldenen Ehrenzeichens für Verdienste um die Republik und des Offizierskreuzes I. Klasse vom Roten Kreuz etc., etc. So blickt auch die „Union" mit Bewunderung und Verehrung auf die Jubilarin und vereinigt ihre innigsten Glückwünsche mit denen ihrer treuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und der zwei Generationen von Wiener Kindern, die Sofie Grünfeld dem bürgerlichen Leben als wertvolle Mitglieder gerettet hat. Die Lage der Juden in Rumänien. Von besonderer Seite. IL Wirtschaftskrise und Antisemitismus. Es ist nicht zu leugnen, daß ein Großteil der rumänischen Bevölkerung vom Antisemitismus stark infiziert ist und daß der Judenhaß immer weitere Kreise zieht Latent ist er immer vorhanden, aber er wird künstlich genährt Die ökonomische Lage verschlechtert sich von Tag zu Tag. Die Korruption blüht, und man lenkt die allgemeinieUnzufriedenheit auf die Juden ab, obwohl sie von der Verwaltung so gut wie ausgeschlossen sind. Die Diversion auf die Juden ist ein beäiebtes Manöver, das in Rumänien seit vielen Jahren geübt wird. Heute wird kein Jude mehr in den Staatsdienst aufgenommen. Von leitenden Steflungen wurden sie allesamt entfernt. Auch die mit Cuza sympathisierenden Deutschen, müssen daran glauben. In des .angeschlossenen. Provinzen Virerden jüdische Rekruten zur Ablichtung mit Waffen nicht zugelassen. Zu den Juden des rumänischen Stammlandes hat man mehr Vertrauen. Selten aber wird ein Jude auch dort in die Offiziersschulen aufgenommen und immer seltener erhalten sie Offizäerschargen. Das uifter dieser Regierung erlassene Gesetz zurrt Schutze der nationalen Arbeit sollte bloß die ausländischen Arbeiter treffen, es wird aber so geharidhabt, daß es die Minderheiten und insbesondere die Juden trifft. Immer schwerer wird es für einen Juden, auch in Privatunternehmungen unterzukommen. Die freien Berufe sind überfüllt und die Aussichten der jüdischen Jugend sind geradezu trostlos. In den Advokatenkammern agitiert man auch mit Gewaltanwendung für eine Eliminierung des jüdischen Elementes. Vor kurzem ging die Leitung der Bukarester Kammer in antisemitische Hände über. Man versuch* auch im Rahmen der bestehenden Gesetze einen Teil der jüdischen Anwälte aus dem Berufe hinausdrängen. An der medizinischen Fakultät aller Universitäten besteht faktisch ein „Numerus clausus", fast ein „Numerus n u 11 u s". An der Bukanester Universität wurden zum ersten Jahrgang der medizinischen Fakultät nur fünf Juden zugelassen, und auch sie wurden vor kurzem blutig mißhandelt — unter ihnen ein jüdisches Mädchen. Aehnlich sind die Verhältnisse an den pharmazeutischen Fakultäten und in den Hochschulen für Technik. Vor kurzem wurden zirka hundert jüdische Studenten, die in Italien" studierten und wegen mangelnder Devisenzuteilung in ihre Heimat nach Jassy ^zurückkehrten und sich an der me- -dizinischen Fakultät feinschrieben, exmatrikuliert. weil die rumänischen Studenten mit einem Srudienstreik gegen die Zulassung dieser jüdischen Studenten protestierten. Im Zusammenhänge mit den Unruhen zur Zeit der Advokatenwahl in Bukarest fanden tagelang Angriffe auf Juden und jüdisches Vermögen statt und es hat lange gedauert, bis die Regierung sich dazu aufraffte, Ordnung zu machen. Das Attentat auf den Oberrabbiner Dr. Niemirtower ist ein Zeichen der bestehenden Spannung. Begangen hat es offenbar ein halbverrücktes Individuum, aber es unterliegt keinem Zweifel, daß der Ueberfall von antisemitischer Seite Bestellt war. Man weiß noch nicht, von welcher antisemitischer Seite. Falls man dem Untersuchungsrichter nicht in den Arm fällt, wird man es wohl noch erfahren. Sporadisch kommen überall antisemitische Ueberfälle vor. Wenn Juden sich zur Wehr setzen fticrlidier Scdcrabcnd Die berühmten Eisen-Selchwaren bekommen Sie am besten bei Nagel, Pratersfraße 33, Tel. R 47=4=49. Raber, Salami, Rindskamm, Znnge, Rolllleiscb, naturbelassene Weine, Karmel-Weine, Slibowitz ADS *W und die Angreifer verprügeln, werden sie von der Polizei verhaftet und strafrechtlich verfolgt. Obwohl in allen Städten Belagerungszustand und Pressezensur herrschen, erfreuen sich die antisemitischen Zeitungen vollster Preß- und Hetzfreiheit. Verleumdungen gegen die Juden sind an der Tagesordnung. Wiederholt wird auch das Ritualmordmärchen aufgetischt. Offen hetzt man gegen die Juden zu Mord und Totschlag und die seit kurzem erscheinende, stark antisemitische „Porunca Vremii" (Gebot der Stunde) ist die vetbreitetste Tageszeitung geworden. In der Kammer sitzen zwei jüdische Abgeordnete, die zur Regierungspartei gehören, auch im Senat sind die wenigem jüdischen Senatoren Anhänger der Regierung. Aber bisher hat sich in dieser Legislaturperiode keine Stimme für die Juden erhoben. Es wird eän neues Gewerbegesetz geplant, das insbesondere auch die Juden aus Handel und Gewerbe und Handwerk immer mehr hinausdrängen wird, ganz nach dem Muster in Polen. Von Jahr zu Jahr wird die materielle Lage der Juden in Rumänien immer schlechter. Die Not wächst1. Immer mehr engt sich der Lebensraum der Juden ein, und die Zeit ist nicht mehr fern, in den gleich wiie, in Polen das große Sterben der Juden wegen mangelnden Erwerbes beginnen wird. In Bessärabien leiden 50.000 Juden buchstäblich Hunger. Alle Versuche, Juden der Landwirtschaft zuzuführen, ätoßen auf heftigen Widerstand der nationalistischen Kreise, und vor diesem Widerstand kapituliert die Regierung gegen die bessere Ueberzeugung — wie: letzthin als die JCA eine Zentralstelle für Hilfe in Bessärabien einrichten wollte. So leben die Juden in Rumänien berechtigterweise in sehr gedrückter Stimmung und fürchten einen Umsturz von einem Tag auf den andern. Die Lagt der Juden in der polnischen Provinz. Der amerikanisch-jüdische Schriftsteller George Backer, Vorsitzender des Direktoriums der Jewish TelegrapTiic AgenCy, hat eine Reise durch einen Teil der politischen Provinz beendet und gibt seine Eindrücke wie folgt wieder: Wenn auch die antijüdische Propaganda in den polnischen Zentren hohe Weilen schlägt, so hat man doch hier keine Vorstellung davon, wie stark der antijüdische Terror in der polnischen Provinz sich auswirkt. Hier wie dort aber drängt sich der Eindruck auf, daß die antisemitische Bewegung in Polen wohl organisiert sei und zentral nach einem wohldurchdachten Programm geleitet wird. Angefangen von den Debatten im Sejm, wo ein antijüdischer Redeexzeß beklatscht wird und die Popularität des Urhebers auch außerhalb des Sejm steigert, bis in das kleinste Dorf, wo die antijüdische Propaganda, von bezahlten Agitatoren geleitet, den Charakter gemeiner Aufreizung zu physischen Attacken annimmt, geht ein systematischer Angriff auf die jüdische Position in Polen vor sich. Die antisemitische Stimmung prägt sich so sehr im täglichen Leben aus, daß ein Pole, der sich nur gegen blutige Pogrome wendet, schon als Pro-Semit gilt. In den kleineren Städten und auf dem Lande gibt es zwei Kräfte, die sich gegen physische Gewalt gegenüber den Juden stemmen: der ältere Teil der Bauernschaft und die Kirche. Doch betätigen sich auch diese beileibe nicht philosemitisch; sie predigen lediglich einen „anständigen" Antisemitismus, der sich deii gesellschaftlichen Blockade und des Boykotts bedienen sollte, um die Juden aus Polen zu treiben. Der Einfluß und die Autorität dieser beiden Kräfte wird aber durch die radikalen Agitatoren rapid untergraben. Der Ordnungsdienst der Regierung vollends, die Polizei, ist in den. kleineren Orten fast ohnmächtig oder garnicht vorhanden. Man weiß nicht, ob man das Verhalten der Staatsmacht in diesem Sektor als Gleichgültigkeit oder als verbrecherische Nachlässigkeit bezeichnen könne. Jedenfalls ist die jüdische Position hier verzweifelt. Nachstehend die Schilderung einer Reihe von Vorfällen in kleineren jüdischen Zentren, die von der Regierung als nicht ernst genug angesehen wurden, um eine polizeiliche Verstärkung zum Schutze der Juden anzuordnen. Unweit von Warschau, der Hauptstadt der polnischen Republik, dem Zentrum der polnischen Kultur und Wissenschaft, liegt die Stadt K a r c z e w mit etwa 2000 Familien, wovon 120 jüdisch sind. Betritt man in den frühen Abendstunden die Stadt, so findet man in jüdischen Häusern Türen und Fenster verrammelt und die Lichter in den Wohnungen ausgelöscht. Betritt ein Jude abends die Straße, so ist er seines Lebens nicht sicher. Der antijüdische Boykott ist ein totaler. Die jüdische Bevölkerung ist vollkommen verarmt, Handel und Handwerk ruhen. Besäße eine Familie auch nui 40 Dollar, sie würde aus der Stadt fortziehen, aber keine einzige jüdische Familie verfügt über einen solchen Betrag. Als wir in die Stadt kamen, erwarteten die Juden gerade einen Angriff seitens der aufgehetzten christlichen Bevölkerung; sie hatten sich bereits an die Behörden um Schutz gewandt. 12 Stunden, nachdem wir die Stadt verließen, wurden die. jüdischen Häuser geplündert und mehrere jüdische Einwohner tätlich mißhandelt. Der erhoffte Polizeischutz aber kam nicht. Noch weit ernster ist die Lage der Juden in einer Reihe Städte der Distrikte R a d o m und C z e ns t o c h a u. Boykott-Terror und Pogrom-Drohung beherrschen das Feld. In Truskolas, eine halbe Stunde von Czenstochau entfernt, steht die gesamte jüdische Bevölkerung seit länger als zwei Monaten unter einer Blockade. In den Straßen stationierte Posten wachen darüber, daß zwischen den Juden und ihren christlichen Nachbarn keine Verbindung hergestellt wird. Will ein Jude die Stadt verlassen, so wird er mit Gewalt daran gehindert.

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