Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 15-16 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE "WAHRHEIT Nr. 15/16 — 6. April 1936 Seite? Die Entscheidung in der Schächtfrage in Polen gefallen. Bei Außerachtlassung aller jüdischen Appelle hat der polnische Senat in seiner Plenarsitzung am 27. März dem Antrag der Gattin des Sejmmarschalls, Frau P r y s t o r, das Schächten nach jüdischem Ritus zu verbieten, nebst den Abänderungsanträgen der Regierung, wonach für die Bedürfnisse dar jüdischen und mohammedanischen Bevölkerung ein beschränktes Kontingent von Schlachtvieh zur Schächtung freigegeben W'arden soll, angenommen. Die parlamentarische Verhandlung der Angelegenheit war damit beendet. Nach Sanktion durch den Staatspräsidenten wird die Veröffentlichung des Gesetzes im Amtsblatt erfolgen. Es tritt am 1. Januar 1937 in Kraft. Der Sejmmarschall Oberst P r y s t o r übergab den Vorsite dem Vizemarschall Makowski. um den Anschein zu vermeiden, als ob er den Senat zugunsten der Annahme des Projektes seiner Gattin beeiflussen wolle. Der Referent Senator Dobaczewski. ein Arzt aus WUna. sagte gleich in der EinleJtung, die Hauptmotive zum Gesetz seien nicht humanitärer, sondern wirtschaftlicher Natur, die ganze Angelegenheit habe den Charakter eines Kampfes zwischen Juden und Christen angenommen, dies darum, weil das jüdische Ritual zu sehr den Fleischmarkt in Polen beherrscht, während z. B. die iüdische Schächtung in Prag 4%. in Belgrad 2% des geschlachteten Väehs betrifft. Die polnische christliche Bevölkerung wünscht nicht. Fleisch von rituell geschächtetem Vieh zu essen. Der Antrag der Regierung gibt den Juden die Möglichkeit, lediglich für die eigenen Bedürfnisse zu schachten. Der frühere Warschauer Polizeikommandant Oberst Jagris-Maleszewski. der schon während der Debatte in der Senatskommission mit einer scharfen antisemitischen Rede hervorgetreten war. erklärte, die tituele Schächtung widerspreche der Verfassung: und bilde ein jüdisches Privileg, das man abschaffen müsse. Er sei kein Antisemit, aber er könne sich der Erkenntnis nicht verschließen, daß Polen zu viele Juden hat. Polen muß ein Nationalstaat sein, nicht ein „Judäapolen". Nach dlem jüdischen Gesetz seien alle Nichtjuden „unreine Geschöpfe". Senator Oberrabbiner Prof. Mosche S c h o r r führte aus: Heute, da die Frage der Schächtung in ihre letzte Phase eintritt, bitte ich die Herren Senatoren, zu bedenken, daß die ganze Angelegenheit bisher sich in einer so ungesunden Atmosphäre entwickelt hat. daß die Bildung eines gesunden Urteils unmöglich war. Alle bisherigen Debatten waren beherrscht von Einbildungen und Vorurteflen. von Haß und- Leidenschaft Wie wurde zum Beispiel die Frage behandelt, ob die Schächtung ein Hauptgrundsatz der jüdischen Religion sei? Zum Sachverständigen hierfür bestellte man einen katholischen Geistlichen, der sich von je antisemitisch betätigt. Würde man als Experten für Angelegenheiten der evangelischen Religion einen Rabbiner einladen? Ja, man hatte auch als zweiten Experten für die Schächtung einen Rabbiner bestellt. Es sollte ein Disput zwischen Vertretern zweier Religionen, naich dem Beispiel des Mittelalters inszeniert werden. Wir wehrten uns gegen diese Degradierung unserer Religion und unseres Volkes und lehnten es ab, den jüdischen Experten zu stellen. Die Frage, ob die Schächtung human sei cder nicht, ist durch die angesehensten Repräsentanten der Tierarztkunde und der Physiologie zugunsten der Schächtung beantwortet worden. Die anderen Urteile sind zum weitaus größten Tei Urteile von Laien. Die Behauptung, daß die Schächtung grausam und barbarisch sei. bedeutet eine Beleidigung der jüdischen Religion und des jüdischen Volkes. Die breiten Massen des polnischen Volkes wurden durch diese Propaganda in das antisemitische und somit in das antistaatliche Lager getrieben. Hunderte Male bediente man sich der Lüge, daß Polen das einzige zivilisierte Land sei, wo das Schächten noch erlaubt sei. In Wirklichkeit wurde In einem westlichen Staat das Schächten verboten, als dieser Staat sich gegen die Zivilisation stellte. In Frankreich, England, Belgien, Holland, Italien, in den Vereinigten Staaten, wie überhaupt in allen Ländern mit Ausnahme der Schweiz und Norwegens, wo nur wenige Juden leben, ist das Schächten ohne Einschränkung erlaubt. Man hat der Bevölkerung eingeredet, daß sie durch den Genuß geschächteten Fleisches 70 Millionen Zloty jährlich zu den Budgets der jüdischen Gemeinden beisteuert. In Wirklichkeit betragen die Budgette aller 817 vom Staate genehmigten jüdischen Gemeinden Polens insgesamt etwa 38 bis 40 Millionen Zloty jährlich, wovon nur ein geringer Prozentsatz aus den Schächtgebühren fließt; diese Gebühren aber fallen ganz und gar den jüdischen Verbrauchern zur Last, die christliche Bevölkerung erhält das Fleisch viel billiger als die iüdische. Nun das wichtigste: ein Verbot oder eine Beschränkung der rituellen Schächtung verletzt die Verfassung, indem sie die heiligsten religiösen Gefühle eines großen Bevölkerungsteiles berühren. Hierüber wird aber jede Diskussion vermieden. Gilt denn den Polen ihre Verfassung so wenig? Bei allen Diskussionen über die Frage haben es die Redner nicht vermocht, den Idealismus vom krassesten Materialismus abzugrenzen. Der Handelsminister Poniatowski hat das ganze auf eine klare Formel gebracht Er sagte wörtlich: „Es handelt sich klar um ein wirtschaftliches Problem, um die Regulierung des Fleischmarktes." In die Sprache unserer Wirklichkeit übersetzt, heißt dies: Eliminierung der Juden aus einem wichtigen Wirtschaftszweig. Deswegen also der Bruch der Verfassung? Warum die unaufrichtige Losung: „Sicherung der Stellung Polens in der Familie .der zivilisierten Völker", wenn es sich nur darum handelt, weiteren zehntausenden jüdischen Familien ihre Existenzgrundlage zu entziehen. Wir haben es hier in Polen mit zwei Fronten des Antisemitismus zu tun: die eine, der kämpferische Antisemitismus, will durch Boykott und Pogrome die Judtenfraige erledigen: die zweite geht stiller, aber wirksamer zu Werke: sie erstrebt einen legalen Antisemitismus oder Asemitismus. Beide Fronten verschließen sich jedem vernünftigen Argument, jeder Wahrheitserkenntnis. Prof. Schorr schloß: Meine Herren Senatoren! Die rituelle Schächtnug ist eine Hauptgrundlage des jüdischen Gesetzes, das seine Quelle in der heiligen Lehre hat. Seit den ältesten Zeiten bis auf den heutigen Tag üben wir Juden dieses Gebot. Den Vorwurf, als ob die rituelle Schächtung nicht human sei, lehne ich kategorisch ab. Wir Juden waren die ersten, die den Tierschutz zu einem Gesetz erhoben. Der berühmte katholische Theologe P. Kübel hat in seinem Buche „Die soziale Gesetzgebung der Bibel" ausdrücklich erklärt: „Das Volk Israel war schon im Altertum ein einziger großer Tierschutzverein. Alle Vorschriften, die sich auf das Tier beziehen, sind durchdrungen von der einfühlenden Einsicht in das Leben des Tieres, wie sie kein moderner Tierschutzverein übertreffen kann." Die Sache der Schächtgegner in Polen hat nichts mit Humanität zu tun, die Humanität — die gegen Menschen — wird von ihnen mit Füßen getreten. Trotz allem glaube ich, daß, wenn einmal der Nebel des Hasses schwindet, dem polnischen Judentum Gerechtigkeit widerfahren wird. Senator Trokenheim führte aus: Die Aufpeitschung des Hasses ging so weit, daß z. B. der Vizereierlkhe Sederabcnde unter Leitung eines bewährten Oberkantors im -ig* Restaurant Stefanie (vorm. Operer) Wien 2. Bez., TaborstraBe 12 Vorzügliche Pessachspelsea. paiästinaweine, ungarische Osterweine, offen und in Originalflaschen. In Anbetracht des vorjährigen Andranges wird diesmal rechtzeitige Anmeldung erbeten, auch telephonisch R 46-5-37 Cafe Budisbanm n., Kleine Pfarrgasse 21 Kaffee, Milch, Schokolade Prima Weine und Mete nos -rao marschall Miedzynski die rituelle Schächtung mit der Verbrennung der Witwen in Indien verglichen hat. Hat nicht das jüdische Volk als erstes vor 3000 Jahren das Gebot in die Welt gestellt: Du sollst nicht töten! Ein Synhedrion, das in 70 Jahren einmal ein Todesurteil fällte, wurde als ein „mörderisches Gericht" bezeichnet Wir haben niemanden verbrannt, wir waren es, die auf den Scheiterhaufen verbrannt wurden. Das Schächtgesetz ist nichts anderes als ein weiteres Glied in der Kette der Hinausstoßung der Juden aus ihren wirtschaftlichen Positionen. Keinem Menschen wird das Gesetz irgend einen Nutzen bringen, aber die jüdische Bevölkerung wird darunter schwer leiden. Das Gesetz bedeutet eine Vergewaltigung des religiösen Gewissens von dreieinhalb Millionen polnischen Bürgern und raubt tausenden jüdischen Kaufleuten und Handwerkern ihre Existenzgrundlage. Wir haben in der letzten Zeit viele Exzesse, Terrorakte, Boykott und Beleidigung Uber uns ergehen lassen müssen. Aber wir sind ein altes Volk, erprobt in Leid und Pein, wir haben unsagbar schwere Zeiten durchlebt und dennoch uns niemals verloren, niemals den Mut sinken lassen. Wir werden auph diesmal auf unsere heiligsten menschlichen Rechte nicht Verzicht leisten. Bei der Abstimmung stimmten 17 Senatoren für ein totales Schächtverbot im Sinne des Antrags der Frau Prystör, während die Mehrheit für die Abänderungsvorschläge der Regierung stimmte. Sofie Grünfeld — 80 Jahre. Seit neun Lustren wirkt Sofie G r ü n f e 1 d im öffentlichen Leben, weiht sie jeden Tag ihres Daseins der Fürsorge für arrne jüdische Kinder. Als sie vor nunmehr 43 Jahren von der „Union", deren Präsident ihr verewigter Gatte, Dozent Dr. Josef G r ü n i e 1 d, gewesen, an die Spitze eines zu ergründenden „Kaiser Franz Josef- Ferienheims" berufen wurde, da härte es niemand dieser jungen, lebhaften Frau zugemutet, daß sie aus den bescheidenen Anfängen ein so gigantisches Werk erstehen lassen könnte, das heute fest und sicher an der Spitze der Institute steht, die sich der Fürsorge der armen jüdischen gesundheitsgefährdeten Jugend widmet. Neun Lustren sind dahin gegangen, das Werk erfreut sich bei den Behörden der Stadt Wien der gleichen Wertschätzung wie vor dem Kriege, — nein, ihre Achtung ist gestiegen, das „Ferienheim", das von Tischnowitz in Mähren nach Vöslau übersiedelt ist, wo ie» in einem herrlichen Haus mit weitem Garten, Rasenflächen und Plantschbad steht, hat seinen Namen anläßlich des 80. Geburtstages der Schöpferin in „Sofie Grünfeld Ferienheim" umgewandelt, es beherberg* jeden Sommer fast - 200 Kinder in zwei Serien, nach Geschlechtern getrennt. Die Tochtergründung des Ferienheims, das „Seehospiz in Grado", liegfü der Präsidentin ebenso wie ihr ältestes Kind am Herzen, zarte Kinderpflanzen werden hier der Gesundung zugeführt, Tausende von Kinder danken es dieser herzensguten, intelligenten, weitsichtigen, bis ins Mark ihrer Knochen sozial empfindenden Frau, daß sie als wertvolle Mitglieder in die Gemeinschaft der Bürgerschaft eingefügt worden sind. Denn nicht nur die Gesundheit! wird in den von Sofie Grünfeld geschaffenen Kinderheimen gepflegt und gefördert, eine erziehliche Wirkung von unbeschreiblichem Eindruck, von bleibendem Wette wird hier den Kindern eingeprägt und bleibend verankert. Aber mit der Tätigkeit in diesen ihren Schöpfungen ist der Wirkungskreis dieser ganz hervorragenden Frau noch lange nicht erschöpft. Der Krieg mit seinem bitteren Leid, mit seiner schrecklichen Größe hat Eigenschaften und Ideen in ihr erweckt, die sie sich selbst vorher nicht zugemutet hätte. Wie nahm sich die edelmütige Frau der Flüchtlinge tan! Wie dachte und sann sie nur darauf, die Kriegsverletzten zu betreuen und der Genesung zuzuführen! Vor allem wurde das Heim in Tischnowitz in ein chirurgisches Kriegsspital verwandelt, in welchem verletzte Offiziere in aufopfernder Liebe und Ergebenheit gesund gepflegt wurden. Dann errichtete sie in Wien eine Ausspeisungsaktion für galizische Flüchtlinge, später ein© Schulausspeisung in einer Gemeindeschule im vierten Wiener Bezirk. Eine großzügige Aktion zur Beschaffung und Selbstreparatur von Schuhen folgte, daneben eine Zentrale zur Beschaffung von Kleidlern an die jüdischen Vereine, die der „W eibfichen Fürsorge" — auch diese unter ihrer Mitwirkung begründet und zielbewußt geleitet — angehörten. Aber nicht nur der landläufig „arm" Benannten nahm sie sich an. In richtiger Erkenntnis von der Verarmung des Mittelstandes und der Intellektuellen breitete sie alsbald ihre Fürsorge um Kleider und Schuhe auch auf diese Kreise aus und half ihnen, verpfändete Kleidungs- und Wäschestücke auszulösen und ihren Kleidervorrat instand zu halten und zu ergänzen. Und als der Krieg vorüber und sie sich wieder einzig und allein ihren beiden Hauptschöpfungen zu widmen gedachte, da Heß sie der Winterkampf nicht ruhen und sie betätigte sich, indem sie nicht nur den kommenden Sommer vorbereitete, sondern den Sommerschützlingen und ihren Familien auch im Winter reichhaltige Lebemsmittelpakete zukommen ließ. Sofie Grünfeld kann man sich aus dem Gesellschaftsleben der jüdischen Mittelstandskreise nicht wegdenken. Denn diese Frau von Format beschränkt sich nicht auf Bürotätigkeit, Verband«- lungen mit Behörden und Arbeit am grünen Tisch, sondern in Hunderten von großen gesellschaftlichen Veranstaltungen wußte sie die weitesten Kreise für ihre Schöpfungen zu interessieren und bei Vorträgen und künstlerischen Aufführungen, Bridge-Nachmittagen und Tanzabenden zu unterhalten und ihnen Anregungen zu hielten. Sofie Grünfeld feiert ihren Ehilentajj in vollkommener körperlicher und selbstverständlich geistiger Frische. Tausende von Frauen, Behörden und Aemter feiern diesen Tag mit ihr und wünschen ihr Weiterarbeit und segensvolles Wirken im Kreise ihrer Kinder und Kindeskinder, ihrer Mitarbeiterinnen und Bewunderinnen. An dem Jubeltag den Frau Präsidentin Sofie Grünfeld nimmt auch die „Union österreichischer Juden" herzlichen Anteil. Vielfältig sind die innigen Beziehungen, die zwischen