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Die Wahrheit · 1936-04-06 · Heft 15-16 (6.4.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 15-16 (6.4.1936)
Date
1936-04-06
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seite 6 Nr. 15/16 — 6. April 1936 DIE WAHRHEIT DIE Es ist frivol, in dieser Zeit in Oesterreich die jüdische Schule der öffentlichen Schute gegenüberzustellen. Die öffentliche Schule Oesterreichs ist eine Simultanschule, in die jedes Kind, gleichgültig welcher Konfession, aufgenommen werden muß. Niemand hat nach der Verfassung das Recht, die Kinder in der Schule wegen ihrer Konfession „von seitwärts oder von oben" anzufeinden. Es geschieht auch nicht, denn die österreichische, nichtjüdische Lehrerschaft ist gewissenhaft genug, um zu erkennen, daß man das heiligste Gut der Menschheit, die Kinder, vor dem Gift des nationalen oder religiösen Hasses beschützen muß. Es ist eine unerhörte Frivolität, zu behaupten, daß die jüdischnationale Erziehung von überragender Bedeutung und bestimmend ist für die seelische Gestaltung des jüdisch-österreichischen Kindes. Es ist eine Frivolität zu behaupten, daß das Empfinden jüdischer Kinder in Oesterreich tagtäglich gedemütigt wird, und es ist eine gewissenlose Irreführung der Wiener jüdischen Bevölkerung, zu behaupten, daß das jüdische Empfinden in der allgemeinen Volksschule gedemütigt wurde. Das jüdischösterreichische Kind fcann nicht früh genug mit den Kindern von Oesterreichern anderen Glaubens in Beziehung treten, um die gemeinsamen Interessen kennen zu lernen und gemeinsam zu pflegen. Bei auftauchenden Differenzen wegen der Glaubensverschiedenheit ist es Sache der Religionslehrer, den Glaubensmut des Bekenntnisses im Kinde zu erhalten und zu pflegen. Es ist heiligste Pflicht der Eltern, im Hause für jüdische Erziehung und geistige jüdische Erstarkung des Kindes Sorge zu tragen. Es ist auch Pflicht der Kultusgemeinde, dafür zu sorgen, daß dieses heilige Gut jüdischer Tradition von Kind auf Kind verpflanzt wird, daß die Grundsätze der religiösen Ethik und Moral in den empfänglichen Seelen der Kinder verankert werden und daß jedes Kind in der heiligsten Idee des Judentums, in dem unverbrüchlichen Bekenntnis zur Nächstenliebe erzogen wird. Nie und nimmer darf es Aufgabe eines jüdischen Lehrers sein, durch politische Verhetzung, durch nationale Agitation jüdische Kinder ihrem Vaterlande seelisch zu entfremden. Das würde den Herren Jüdischnationalen passen, unabhängig vom Streite jüdischer Richtungen und unabhängig von der jeweiligen Situation, die Kinder so zu erziehen, daß sie sich „als ein Teil und Träger der Renaissance des jüdischen Volkes fühlen". Auch die jüdisch-österreichischen Kinder dürfen nur so erzogen werden, daß sie sich als ein Teil der zukünftigen Träger der Renaissance des österreichischen Volkes fühlen. Sie dürfen also nicht durch die Unterbringung in der „jüdischen Schule" der Kultusgemeinde im Geiste jüdischnationaler „Gleichschaltung" erzogen werden. Es ist notwendig, so behauptet der Oberlehrer der jüdischen Schule, „daß auch die Lehrer in zu errichtenden Bildungsanstalten in diesem Geiste geschult werden. Die Jugend soll fühlen, daß Menschen vor ihr stehen, die sich nicht in ein Ghetto verbannt fühlen, sondern Glieder des nach Erneuerung strebenden jüdischen Volkes sein sollen." Mit dieser Phrasendrescherei und mit dieser Verdrehung der Begriffe wird es nicht gelingen, die Gedanken der jüdisch-österreichischen Eltern über die Erziehung der Kinder in der jüdischen Schule auf falsche Wege zu leiten. Die Erziehung der jüdischen Kinder im Geiste der jüdischen Schule und im Geiste der Politik der Jüdischnationalen in Oesterreich, heißt den jüdischen Kindern den Weg ins Ghetto bauen, durch Verführung der jüdisch-österreichischen Jugend die Ghettomauern wieder errichten, für deren Niederreißung jüdische Patrioten ihr Blut vergossen haben. Die Wiener jüdisch-österreichische Bevölkerung wird sich nicht mehr lange gefallen lassen, daß von jüdischnationaler Seite aus parteipolitischen, egoistischen Gründen die Rechte der Juden in Oesterreich gefährdet werden. Sie hat genug von dieser Parteipolitik, die mit Mitteln arbeitet, die am besten beweisen, von welchem Geiste die Führer dieser Idee geleitet werden. Wir österreichischen Juden wollen die verfassungsgemäß gewährleistete Gleichberechtigung bewahren. Wenn an unserer Gleichberechtigung von irgendeiner Seite zu rütteln versucht werden wird, dann werden wir diese Gleichberechtigung mit allen gesetzlichen Mitteln gegen jedermann verteidigen, wir werden daher niemals zugeben, daß jene Glaubensgenossen unser Schicksal bestimmen, die uns von den übrigen Bürgern dieses Staates absondern wollen. Auf den Aufruf der Kultusgemeinde, die in ihrer gegenwärtigen Verfassung die Wiener jüdischnationale Volksgemeinde und der Aufforderung zur Einschreibung in die jüdische Schule, gibt es nur eine Antwort: „Jüdisch-österreichische Eltern! Hütet Euch, Eure Kinder in die Parteischule der Jüdischnationalen zu schicken, die unter Mißbrauch der Kultusgemeinde ihre schädliche Parteipolitik betreiben." . .ii :>t- . , Bücher 's SchoedenUrOcRe Wim %., Franz-Josefs-KaJ 7 + Nene BiiAer be*t*r Autoren zu tief reduzierten Preisen + Katalog gratis «m Hitler siegt . , . Anatole France schrieb einmal, Regieren heiße Unzufriedene schaffen. Hilter beweist, daß das auf sein Regime nicht zutrifft Drei Jahre nach der Aufrichtung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft in Deutschland haben ihm 99 Prozent der deutschen Wähler ihre Zufriedenheit ausgedrückt Von 45,408.191 Wahlberechtigten haben am Wahltag 44,411.911 für die Liste Hitler gestimmt die allerdings die einzige gültige Kandidatenliste war, und nur 543.026 Stimmzettel waren nach den offiziellen Zählung „ungültig". Es ist pikant, daß diese Zahl ungefähr der Anzahl der in Deutschland lebenden Juden entspricht. Die Juden waren diesmal kraft der Nürnberger! Gesetze zum erstenmal von der Wahl ausgeschlossen. So blieb ihnen der schwere Seelenkonflikt zwischen deutschem Patriotismus, zu dessen Dokumentierung die Wähler diesmal aufgerufen waren und jüdischer Würde, die sich gegen eine Stimmmenabgabe zugunsten der nationalsozialistischen Partei naturgemäß auflehnt, erspart. Wenn itrotzdem die Zahl der offiziell zugegebenen oppositionellen Stimmen mit der der deutschen Juden auffallend übereinstimmt, so bedeute* dies einen Triumph der psychoanalytischen Seelenkunde, die mit Leichtigkeit bei der Feststellung dieser Summe die im Unterbewußtsein der Wahlmacher noch immer fortwirkende Tendenz agnosziert, die bei den früheren „Voiksentscheidungen" im Dritten Reiche die Neinsager — ebenso beharrlich wie unberechtigt — mit den Juden identifizierte. Diese psychoanalytische Erklärung ist umso überzeugender, als eine andere von der gesamten Wehjournalistik bei der Beurteilung des letzten deutschen Wahlresultats nicht gefunden werden konnte. Man staunt bloß allgemein, daß die Wahlmacher Hitlers sich mit einer so kleinen Opposition begnügten, während doch im Verhältnis zu der Größe der Opposition die „Echtheit" des Wahlresultats an Wahrscheinlichkeit gewonnen hätte. Entweder, legten die Führer des Dritten Reiches auf diese Wahrscheinlichkeit von Haus aus kein Gewicht — dann begreift man allerdings nicht, wozu die ganze Wahlkomödie gut sein sollte — oder es liegt ein schwerer Regiefehler vor. Und das wäre vom Standpunkt Hitlers aus um so unverzeihlicher, als der Führer höchstselbst sich mit einem Eifer, der in sensationellem Gegensatz zu seiner im letzten Jahre gezeigten rhetorischen Zurückhaltung stand, sich in die Redeschlacht Stürzte, als ob Wahlkämpfe im Dritten Reiche wirklich durch die Gewalt der Beredsamkeit entschieden würden und nicht durch die Beredsamkeit der Gewalt. . . Aber die Welt ließ sich nicht bluffen. Die „Times", das durch seinen vornehmen Ton und seine diplomatische Zurückhaltung weltbekannte Londoner Blatt, bezeichnet die deutschen Wahlen als reine Farce. Hitler möge sich nicht der Täuschung hingeben, daß das Ausland den Charakter dieser Wahl nicht vollständig durchschaut habe. Das war ja auch gar nicht schwer. Hat doch der „Völkische Beobachter" mit seltener Aufrichtigkeit den Charakter dieser Wahl als ein „Antreten zum Appell" deklariert Alle bei den früheren Hitler-Wahlen bereits erprobten Methoden zur Einschüchterung der Wähler wurden diesmal auf die Spitze getrieben, was ganz bestimmt nicht als ein Symptom des guten Gewissens von Führern, die sich ruhig um ein Vertrauensvotum des Volkes bemühen könnten, zu werten war. Besäßen die Nazi-Bonzen solch gutes Gewissen, dann hätten sie nicht die eben fällig gewesenen Betriebsratswahlen der Arbeiter um ein ganzes Jahr verschoben und an ihrer Stelle lieber Die besfirenommlerie orth. Ifctt orth. "IttO relnworslu. Seldiwaren-Erzenaung Inhaber: JL E 1 §E M bringt auch für PCSSddl ihre Spezialität en Erhältlich in allen ihren Verkaufsstellen . Alleinige Erzeugungsstätte und Versand III., Rabengasse 13, Telephon U 14-1-68 Wahlen mit der außenpolitischen Parole „Für die deutsche Ehre!" ausgeschrieben. Diese Taktik erinnert an das Nestroy-Wort, wie wohlfeil doch die Ehre sei, denn Kartenspieler, die keinen Groschen riskieren wollen, spielen um die Ehre . . . Neben der Ehre galten auch die Schlagwörter „für die deutsche Freiheit" und „für den Frieden" als Wahleinsatz. Nun, die deutschen Wähler haben sich angesichts der ihnen andernfalls drohenden Konzentrationslager für ihre Freiheit entschieden und Hitler die Ehre gegeben, der erste Potentat zu sein, der auch der Volksvertretung angehört was dem Sinn des Parlamentarismus vollkommen widerspricht. Dem Frieden aber haben sie kaum einen besonderen Dienst erwiesen, da unter den 740 von ihnen „gewählten" Abgeordneten auch sudetendeutsche Emigranten aus der Tschechoslowakei, und die österreichischen Flüchtlinge Habicht, der als „Landesinspekteur von Oesterreich", und Frauenfeld, der als „Gauleiter von Wien" kandidiert hatte, aufscheinen. Demnach wird den neue deutsche Reichstag, der einer außenpolitischen Parole seine Wahl verdankt, auch noch in anderem Sinne ein Symbol der nationalsozialistischen Außenpolitik darstellen ... Jedenfalls hat Goebbels Recht behalten, als er jüngst verlautbarte: „Wenn win uns innerpolitisch auch vielleicht nicht einig sind, außenpolitisch sind wir eins." Dieses Wort des deutschen Propagandaministers verdient mehr Aufmerksamkeit als das mit allen moralischen und physischen Gewaltmitteln zustande gebrachte Wahlresultat Denn so wie man Goebbels nachsagt, daß er jedes offizielle Wahlresultat schon lange vor dem Wahltage ziffermäßig genau wisse, so sicher ist es, daß er auch das wirkliche Wahlresultat nach Abschluß jedes Skrutiniums kennt. Wenn er also trotz der scheinbaren Geschlossenheit von Volk und Führern, die bisher aus allen Hitler-Wahlen zu erhellen schien, die innerpolitische Uneinigkeit zugibt, so hat man es ohne Zweifel mit der Feststellung eines Wissenden zu tun, der aus der Schule schwätzt. Und dieses wichtige Geständnis interessiert uns doppelt in unserer Eigenschaft als Juden und als Oesterreicher. Als Juden, weil es das Fiasko der innerpolitischen Nazi-Weisheit, die Unzufriedenheit der Massen auf die Juden abzulenken, dokumentiert, und ajs Oestenreicher, weil sich hierzulande tfmroer deutlicher dieselbe innerpolitische Tendenz bemerkbar macht, deren Versagenim Dritten Reiche Goebbels eingesteht. In Luxemburg kein Schächtverbot. Die Luxemburger Landwirtschaftskammer hat ihre Unzufriedenheit über die Erklärung des Ministerpräsidenten Bech gegen einen von sozialistischer Seite eingebrachten Schächtverbotsantrag ausgesprochen. Ministerpräsident Bech, ein Mitglied der katholischen Partei, hatte im Namen der Regierung erklärt, ein Schächtverbot würde dem in Luxemburg herrschenden GeistreligiöserToleranzwidersprechen. Die Landwirtschaftskammer hat sich daraufhin an den Luxemburger Tierschutzyerband mit dem Ersuchen um ein Gutachten zugunsten eines Schächtverbots aus humanitären Grün den. gewandt. Der Tierschutzverband erklärte jedoch, er finde keinen A n 1 a ß, f ü r die Forderung nach Erlaß eines Schäch.ryerbots einzutreten. Diese Meinungsverschiedenheiten finden in der gesamten Luxemburger Presse ein lebhaftes Echo. Es scheint sehr wahrscheinlich, daß die Regierung die Forderungen 4er Landwirtschafskammer in bezug auf die Schlachturigsmethoden berücksichtigen - wird.

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