Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 15-16 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 15/16 — 6. April 1936 Seite 5 ®ie Juden Wiens und der Szovinz sind ZOT OberZeilgllllg getilgt, daß d,e weltberühmten nazzolh der Pester Israelit. Kulfnsgemeinde, unerreicht an QUQlltät und GeSdMUMlf sind- Nach einem Versuch kauft jeder die guten PeStCr QUnlitntS'MOZZOth, dünne und (runde) dicke, sowie Mazze- Grieß, Farvel und Mazzemehl. In allen ClnSdUagltfen GCSdl&tfen erhältlich. Alleinvertretung lOr OsferrelA: IQNAZFROST Lebensmlffelhandlnng Wien II., Haldgosse Nr. 9 - Telephon A 49-3-84 Die Paßeniziehung und ihre Folgen. Schließlich ist nochi zu hellichten, daß die Schwierigkeitein in der Paßfrage unvermindert andauern. Die Entziehungen von Pässen in Bayern und Baden gehen weiter fort, ebenso wie die Streichung des Vermerkes für Ausllandsgültigkeit. Man muß sich neben allen übrigen. Konsequenzen dieser Maßnahmien einmal vorstellen, wekhe menschlich erschütternde Folgern dSese Unmöglichkeit, ms Ausland zu reisen, für die auseiraandergerissenen Familien hat. Eltern, deren Kinder ins Ausland gegangen sind, können ihre Kindeir nicht mehr zurückkommen lassen, da diese sonst der sicheren Gefahr ausgesetzt sind, als R ü c kwanderer verhaftet und einem Konzentrationslager zugeführt zu werden. Den Bitern selbst werden aber immer größere Schwierigkeiten gemacht, wenn sie, um ihre Kinder einmal wiederzusehen, ins Ausland fahren wollen. Die Verzweiflung dieser Eltern ist beigreiflich. Sie wissen nicht, ob sie in ihrem Leben ihre Kinder überhaupt noch einmal sehen können. Was das bedeutet, wird man um so mehr ermessen können, wenn maini sich vergegenwärtigt, daß selbst eine offene Korrespondenz zwischen Bitern und Kindern wegen der Rücksieht auf die ständige Postüberwachung schon seit langem nicht mehr möglich ist. Die Gefahr jüdischer Zusammenkünfte. Zu den Maßnahmen, die, ohne nach außen hin in Erscheinung zu treten, die Lebensatmosphäre der deutschen Juden so stark ungünstig beeinflussen, gehören die ständig wachsenden Schwierigkeiten, die jüdischen Veranstaltungen atter Art entgegengesetzt werden. Nach der Ermordung von Girstfoff wurden alle jüdischen Veranstaltungen verboten. Kaum waren sie wieder erlaubt, ergeht jetzt, während des sogenannten Wahlkampfes, ein erneutes Verbot. Die Ueberwachungsbeamten greifen immer häufiger in die Veranstaltungen ein, so daß ein ungeniertes und unibeeinflußtes Zusammensein überhaupt kaum noch mögliich ist. Selbst in der Großstadt haben viele Juden schon Angst, zu mehr als fünf oder sechs Manschen in ihrer Wohnung zusammenzusetzen, weil sie befürchten müssen, irgendein gehässiger arischer Hausnachbardenunziert sie dann bei der Polizei oder Partei wegen „geheimer Ve r sa mm 1 ungs tä tigkeit". Die jüdischen Jugendverbände werden durch Verbote aller Art in ihrer Tätigkeit behindert. Wo keine direkten Verbote ergehen, hilft dte Abschreckung. Vor Purim erschien im „Stürmer" ein Leitartikel, der den Sinn des Purimfestes als die Feier der Abschlachtung von Zehntausenden von Ariern durch die Juden beschrieb. Als kurz darauf in einer Großstadt ein Vorsitzender eines jüdischein Vereins bei der Geheimen Staatspolizei eine Purimfeier anmelden wollte, fragte ihn der Beamte, was Purim für ein Feiertag sei. Auf eine sachliche Antwort entgegnete der Beamte, das seä alles Lüge und zfierte dann den Inihalt des „Stürmer"- Artikels. Die Veranstaltung könne daher nicht erlaubt werden. Da solche Auffassung nicht vereinzelt blieb, sahen sich die jüdischen Vereine und Bünde meist gezwungen, in diesem Jahr sämtliche Purimfeiern abzusagen. Nur wer weiß, was jetzt in Deutschland religiöse Feierstunden für Menschen bedeuten, denen die Mehrzahl der Möglichkeiten geselligen Lebens genommen sind, kann die seelisch eAuswtrkungsoIcherVorg ämge verstehen. Zusammenfassung. Zusammenfassend kann gesagt werden, daß seit 1933 noch nie von so wenig judenfeindlichen Ausschreitungen und Demonstrationen zu barichten war wie in diesen Monaten, daß aber noch nie die innere Gespanntheit der Lage so stark und die Furcht vor schlimmer Entwicklung in naher Zukunft so groß war wie gerade jetzt. Die Vervollkommnung der antisemitischen Methoden ist so weit fortgeschritten, daß auch Abdämpfungen der öffentlichen Propaganda und Abstellung von Demonstrationen vorgenommen werden können, ohne daß die antisemitische Wirkung eingeschränkt wird. Ohne die Presse oder die sonstige OeffentJichkeit zu beanspruchen, ja, mit der deutlichen Tendenz, alles auffällig Anti- |IIIIIIIIIIIIIIÜII1UIU1II1IIMIU1IIU)11IIIIM 1EPHRUSSI & CoJ =| Gegrfindet 1856 H 1 BcmnkdeMSattftfe aller Am 1 g Abteilungen für Wertpapiere und Devisen m §§ Wien IX., Wasagaite Nr. 1 j§ Also wir treffen uns bestimmt MliM^ an den Sederabenden bei A. BARSCH AK Wien II., Grotte Schiiftfassc Nr. 3 Telephon A 40-4-39 Unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabb. Josei Babad Berühmt sind seine ungarischen Weine, Palästinaweine, Meth, Slibowitz, Kognak von S 2. — per Liter aufwärts. Besonders empfehlenswert: seine streng koschere Küche ■103 bv "UM semitische zu unterdrücken, ist der Apparat der nationalsozialistischen Parteistellen aller Art ausreichend, um auch weiter ganze Arbeit gegen die Juden zu leisten. Es kommt noch hinzu, daß die Rechtspflege in immer rücksichtsloserer Weise gegen die Juden eingesetzt werden kann. Was an antisemitischen Urteilen in den letzten Monaten in Deutschland ergangen ist, zeigt eine Politisierung der Gerichtsbarkeit, wie sie noch vor einem Jahr unvorstellbar gewesen wäre. Urteile wie in dem Falle des Magdeburger Rechtsanwaltes Fließ haben nicht nur diesen bedauernswerten Mann zum Selbstmord getrieben, sondern dazu beigetragen, den deutschen Juden immer mehr das Gefühl vollständiger Rechtlosigkeit zu geben. Die demoralisierende Wirkung dieser Vorgänge ist in ihren Auswirkungen auf die Widerstandskraft der jüdischen Bevölkerung fast noch stärker als alle nationalsozialistischen wirtschaftlichen Ausschaltungsmaßnahmen. Warnung vor der Ghettosehule der Jüdischnationalen. Durch eine Aussendung an die Steuerträger hat die Israelitische Kultusgemeinde der Oeffentlichkeit bekanntgegeben, daß an der Volksschule der Kultusgemeinde die Einschreibung für das Schuljahr 1936 und 1937 am 1. April 1. J. beginnt. Der Vorstand der Kultusgemeinde teilt weiters harmlos mit, daß der Lehrplan und das Stundenausmaß für alle weltlichen Gegenstände gleich sind denen der allgemeinen Volksschulen, doch wird in dieser Anstalt ein größeres Maß jüdischen Wissens vermittelt, „indem außer zwei Religionsstunden auch zwei Hebräischstunden wöchentlich erteilt werden". Am Sabbat und an jüdischen Feiertagen findet kein Unterricht statt. Es ist die Virtuosität der als Torso zurückgebliebenen jüdischnationalen Vorsteher der Kultusgemeinde, durch Vernebelungsversuche die jüdische Bevölkerung Wiens zu täuschen. Die Aussendung der Kultusgemeinde über die Einschreibung in die jüdische Volksschule läßt die Wiener jüdisch-österreichische Bevölkerung im Unklaren darüber, welche Absichten und welche politischen Zwecke die jüdischnationale Mehrheit mit dieser Volksschule verfolgt. Sie läßt die jüdischen Eltern darüber im Unklaren, daß in dieser Schule die jüdisch-österreichischen Kinder im parteipolitischjüdischnationalen Geiste erzogen werden sollen. Sie erzählt den jüdischen Eltern nicht das, was ihnen mit aller Offenheit der Oberlehrer dieser Schule, Max Jellinek, in der „Stimme" berichtet. Es ist unsere Pflicht, allen jenen jüdisch-österreichischen Eltern, die nicht in der „Stimme" ihr Parteiorgan sehen, und allen jenen jüdischen Eltern, die vielleicht noch nicht über die durch die jüdische Schule in Wien betriebene jüdischnationale Parteipolitik genügend aufgeklärt sind, mit aller Offenheit die Gefahren vor Augen zu halten, die ihren Kindern drohen, wenn die jüdisch-österreichischen Eltern den Vernebelungsversuchen der Jüdischnationalen folgen und ihre Kinder tatsächlich in die — es muß ganz offen gesagt werden — jüdische Parteischule der nationalen Juden schicken. Diese Tendenz wurde ganz offen anläßlich der Eröffnung der Schule ausgesprochen, indem der jüdischnationale Präsident der Gemeinde erklärte, „die Schule wird geführt werden, wie es die Majorität für richtig findet", d. h. jüdischnational. Die notwendige Aufklärung wird den EHern am besten geboten werden, wenn wir uns mit den Ausführungen des Oberlehrers dieser Schule, Max Jellinek, in der „Stimme" belassen. Herr Max Jellinek gebärdet sich selbstverständlich als Voll-Jüdischnationaler — für ihn ist ja die Erhaltung und die Führung dieser jüdischen Schule Selbstzweck — und er ist daher für die Jüdischnationalen ein glänzender Vorkämpfer ihrer Idee. Er hat in der jüdischnationalen Schule gut gelernt und hätte als Schüler dieser Schule sicherlich ein gutes Zeugnis erhalten. Denn er behauptet, „daß es die natürlichste Selbstverständlichkeit sei, daß das jüdische Kind in die jüdische Schule geschickt wird und daß die Kultusgemeinde durch die Errichtung der jüdischen (d. h.: jüdisch-nationalen) Schule dem Bedürfnis der Mehrheit der jüdischen Bevölkerung Rechnung getragen hat". Er ist gleich den Jüdischnationalen der Meinung, daß nur die Jüdischnationalen das Patent haben, die Zeichen der Zeit zu verstehen und den Weg zu weisen, den jüdiscnösterreichische Eltern heute zu gehen haben. Nein, Herr Max Jellinek, so einfach geht die Sache nicht, sie können die Behauptungen, die Sie vorbringen, nicht begründen. Sie werden niemals beweisen können, daß die Mehrheit der Wiener österreichischen Judenschaft hinter ihren Ansichten steht. Von 800 jüdischen Kindern im 2. Bezirk haben sich im Vorjahre nur 30 für die jüdische Volksschule der Kultusgemeinde gemeldet. Nur nach der jüdischnationalen Arithmetik ist es möglich, zu behaupten, daß 30 die überwiegende Mehrheit von 800 sind. Warum hat die überwiegende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung nicht diese „natürliche Selbstverständlichkeit" ihrer Behauptung verstanden? Sie wird auch Ihre Ansichten nie verstehen, denn die jüdisch-österreichische Bevölkerung Wiens ist in ihrer großen Mehrheit nicht jüdischnational und die jüdische Bevölkerung Wiens in ihrer überwiegenden Mehrheit weiß, welchen Schaden uns österreichischen Juden bisher auf allen Gebieten die jüdisch-nationale, austrozionistische Parteipropaganda bereitet hat. Die nächste Nummer unseres Blattes erscheint infolge der felertage rrelfag. den 17. April 1936