Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 15-16 (6.4.1936)
- Date
- 1936-04-06
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 15/16 — 6. Apri! 1936 DIE WAHRHEIT Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern geschaltet werden, über die Unerträglichkeit der jüdischen Vorherrschaft beklagte. Zur rechten Zeit hat der österreichische Sozialminister in Dornbirn daran erinnert, daß das neue Oesterreich auf vier Grundlagen aufgebaut werden muß: Reinlichkeit in der Verwaltung, Rechtssicherheit, Gerechtigkeit und Menschlichkeit. Allen diesen Begriffen schlägt die permanente Judenhetze brutal ins Gesicht. Was die' Sauberkeit der Verwaltung betrifft, haben wir Juden freilich die Pflicht, erst einmal in unserer eigenen Kultusgemeinde reinen Tisch zu machen. Es ist interessant, wie sich der innerjüdische Kampf in katholischen Augen malt. Das Organ der Katholischen Aktion, also jener maßgebenden Organisation, in der so manche der uns Juden verletzenden Reden der letzten Zeit, so die des Pater Bichelmair, gehalten wurden, die Zeitschrift „Katholisches Leben" vom 29. März schreibt im Rahmen eines, Artikels „Juden unter sieh": Der Kampf um die Kultusgemeinde. Nachdem die orthodoxe Judenschaft schon seit zwei Jahren bemüht ist, die Erlaubnis zur Schaffung einer rein religiösen Gemeinde von den staatlichen Behörden zu erlangen, hat nun auch die Union österreichischer Juden ihre Vertreter aus dem Kultusvorstand abberufen und deutlich kundgetan, daß die bodenständige Judenschaft einen klaren Trennungsstrich zwischen sich und einem extremen jüdischen Nationalismus setzt. Indessen fühlt sich ein beschränkt handlungsfähiger jüdisch nationaler Rumpfvorstand der Kultusgemeinde bemüßigt, die Amtsgeschäfte weiter zuführen und Propaganda für „nationale" Neuwahlen, die statutengemäß binnen kurzer Frist ausgeschrieben-werden müssen, zu machen. Wir werden also bald das interessante Schauspiel erleben, daß der Kampf um die Führung der jüdischen Religionsgesellschaft innerhalb der Judenschaft nach folgenden politischen Parolen ausgetragen wird: Bodenständige gegen Zugewanderte, Orthodoxe und Liberalismus gegen Sozialismus. Dem objektiven Beobachter drängt sich hier die Meinung auf, daß wahrscheinlich mit diesem Kampfe die Kultusgemeinde den letzten Rest vom Charakter einer religiösen Gemeinde einbüßen muß und durch die Wahl ein politischer Vertretungskörper wird. Der zionistische Präsident der Kultusgemeinde gab dieser Ansicht in seiner letzten Budgetrede klaren Ausdruck. Ob ein solches politisches, international gefärbtes Programm für die künftige Führung der Kultusgemeinde noch dem Geist des Reichsgesetzes vom Jahre 1890 entspricht, nach dem es ausschließlich Aufgabe der Kultusgemeinde ist, für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse der Judenschaft zu sorgen, darüber werden wohl berufenere Faktoren entscheiden müssen. Wien IL, Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen Die Lage der Juden in Deutschland. Geschrieben vor der Reichstagswahl vom 29. März 1936. Von informierter Seite Die Rücksicht auf die Olympiade. Wer die Situation! in Deutschland nur aus dem Studium der deutschen Presse und dem äußeren Anblick des öffentlichen Lebens kennen lernt, wird leicht zu der irrtümlichen Meinung kommen, daß eine wesentliche Beruhigung in der Behandlung der Judenfrage eängetretten sei. Eine Reihe von Faktoren wirkein zusammen, um die äußere Beruhigung herbeizuführen. Der oitscheidendste Faktor ist dabei die Rücksichtnahme auf die bevorstehenden Olympischen Spieüe. DJa Olympischen Spiele nehmen in der deutschen Oeffentüchkeit einen ungeheuren Raum ein. Neben den großen wirtschaftlichen Vorteilen, die man sich von dem Zusammenströmen nennenswerter Fremdenscharen verspricht, spielt die Hoffnung die entscheidende Rölie, daß eine großzügige und gut organlisierte Durchführung der Olympischen Spiele ein propagandistischer Faktor von unabsehbarer Bedeutung für das nationalsozialistische Deutschland sein muß. Reichswirtschaftsministerium bremst, Deutsche Arbeitsfront treibt. Daneben spielt die Rücksicht auf Erfordernisse der Außenpolitik sowie der Wirtschaftslage wesentlich mit So war in den Setzten Monaten das Bestreben deutlich erkennbar, für eine äußere Beruhigung zu sorgen. Das Reichswirtschaftsministerium hat große Anstrengungen gemacht, um die Einzeiaktionen der Parteistellen im Lande zu uniteirdrücken, und bemüht sich auch, den auf den jüdischen Unternehmern lastenden Druck, der sie zum Verkauf ihrer Geschäfte geneigt machen soll, zu mildern. Dies geschieht nicht um der Juden wHlen, sondern weil die überstürzten Verkäufe jüdischer Geschäfte und Fabriken zu einer ernsthaften Gefahr für das Wirtschaftsleben geworden sind. Billig gekaufte Warenlager, die zu niedrigen Preisen versch&uderi werden, drücken auf die Gesamtpreise der betreffenden Ware; die Finanzämter bekommen die Auswirkungen in Form von Steuerausfällen zu spüren. Wer jedoch über eine tief ergehende Kenntnis der Lage verfügt, wird immer wieder feststellen können, daß von einer wirklichen Entspannung der Lage der deutschen Juden keine Rede sein kann. Zwar hat der Druck auf die jüdischen Geschäftsinhaber etwas nachgelassen. Die Amtssteliere der Deutschen Arbeitsfront agitieren jedoch unverändert weiter für den Verkauf jüdischer Geschäfte und bereiten den jüdischen Inhabern tausend Schwierigkeiten, um sie in ihrer Widerstandskraft zu schwächen und zum Verkauf zu nötigen. Der indirekte Terror gegen christliche Käufer und seine Folgen. Es komrrÄ hinzu, daß der Umsatz dar jüdischen Geschäfte fast überall weiter zurückgeht Zwar werden öffentliche BoykottaktJonen, wie süe im vergangenen Sommer die Regel waren, im Augenblick nicht durchgeführt. Die Wirkung der letzten Boykottaktioirt äst aber in Form einer tiefgehenden Einschüchterung der Käuferschichtien geblieben. Aus allen Landesteilen wird berichtet, daß die christlichen Käufer sich nicht mehr in düe jüdischen Geschäfte trauen, weil sie damit rechnen, daß über kurz eder lang doch wieder eine neue Boykottaktion kommen wird und daß man sie dann nachträglich für ihr „volksverräterisches Verhalten" öffentlich brandmarken wird. Der süffie Boykott geht außerdem unverändert weiter. Kein Beamter, ke'in Lehrer, kein Angestellter einer größeren Firma kann in den kleinen und mittleren Städten sich trauen, in einem jüdischen Geschäft zu kaufen, weil er sofort von dem Zellenobmann der Partei oder der Arbeitsfront zur Rede gestellt werden würde. Uebareinstimmend wird berichtet, daß diese stille Einschüchterung der Käuferschichten, Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung m /k mm ipii lupiyii&iiei® Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr 10 Grosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel.R41-4-20 Kataloge gratis! die früher in den kleinen Städten zu Hause war, immer mehr auch auf die größeren Städte übergreift. In den kleinen Städten halt der unterirdische Boykott in zahllosen Fällen zu einem völligen Erliegen der jüdischen Geschäfte geführt. Die Unterbringuinig jüdischer Angestellter wird immer schwieriger. In immer größerem Umfange finden Entlassungen statt. Jeder Verkauf eilner jüdischen Firma setzt Angestellte frei, für deren Neueinstellung ausschließlich jüdische Firmen in Frage kommen, so daß praktisch mit langdauernder Arbeitslosigkeit gerechnet werden muß. Daneben ist die Wirkung der Geschäftsverkäufe auf die Finanzkraft der jüdischen Gemeinden und der von ihr unterhaltenen karitativen und Hilfsorganisationen katastrophal. Die jüdischen Handelsvertreter gehen langsam zugrunde. Ein starker Rückgang ist auch bei der Berufsgattung der Handelsvertreter festzustellen, die besonders stark mit Juden besetzt ist Allein in Berlin gibt es über 2000 jüdische Handelsvertreter. Nicht nur in den Mein- und Mittelstädten, sondern in zunehmendem Umfang im den Großstädten haben jüdische Handelsvertreter in Ausübung ihres Berufes unüberwindliche Schwierigkeiten. Selbst da, wo christliche Geschäftsinhaber kein Bedenken hätten, mit einem jüdischen Handelsvertreter über Lieferungen zu verhandeln, haben sie vor den Obleuten der Partei im eigenen Betrieb Furcht. Immer häufiger erhalten dlie Engrosfirmen, die die betreffenden jüdischen Handelsvertreter beschäftigen, Mitteilungen von Detailleuren, daß sie den Besuch jüdischer Handelsvertreter nicht mehr wünschen. Nun auch die Aerzte. Der gleiche Rückgang ist in der Praxis der Aerzte zu beobachten. Uebereinstimmend wird erwähnt, daß nach dem starken Praxisrückgang im Anschluß an die Boykettaktion des Sommers 1935 ein neuer Rückschlag nach der Redle Hitlers bei der Beerdigung Gustloffs zu spüren sei. Im Jahre 1935 sind etwa 1000 Aerzte aus Deutschland ausgewandert. Da igerade die gut ausgebildeten und renommierten Aerzte am ehesten AuswanderungsmögJichkeiten haben, wrrd die ärztliche Versorgung der jüdischen Bevölkerung allmählich zu einem Problem, um so mehr, als ja jeder Nachwuchs fehlt. Gemeinsam für alle diese Berufsgattungen ist, daß der weitere Rückgang ihrer Einnahmen fortschreitet, auch ohne daß dazu irgendeine in der Oeffentüchkeit spürbare neue Aktion notwendig ist Nachwirkung der letzten Boykottaktion, Furcht vor einer kommenden und unterirdische Einschüchterung genügen vollständig, um die wirtschaftliche Entwurzelung! der deutschen Juden im raschen Tempo durchzuführen. Die erbarmungslose Reichskulturkammer. Unaufhaltsam, planmäßig und erbarmungslos geht insbesondere die Reichskulturkammer gegen die Juden in den ihr unterstehenden zahlreichen Berufsgruppen vor. In den letzten zwei Monaten sind wieder zwei Berufsgruppen restlos ausgeschaltet worden, die Schaufensterdekorateure und die Innenarchitekten. Die Zahl der Betroffenen läßt sich noch nicht schätzen, beträgt aber wieder mehrere hundert Personen, däe fast immer mindestens zwei bis drei abhängige Verwandle oder Familienmitglieder zu ernähren haben. Mit unbarmherziger Gründlichkeit wird in einem Berufsgebiet nach dem anderen „aufgeräumt". In der letzten Nummer der „Deutschen Presse" wird allein der Ausschluß ven 1(5 Pressekorrespondenzbüros aus der Reichspressekammer angekündigt. Es sind darunter eine Reihe sehr bekannter Bureaus für Pressephotoglraphien, die. zahlreiche AngesteMte beschäftigen. Sie müssen von einem Tag zum anderen ihr Geschäft schließen. ) L