Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 14 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Das Muskeljudentam als Tragödie. Gewissenlose Hetzjagd nach einem Menschen. In der famosen Budgetrede des neugebackenen Vizepräsidenten der Wiener Kultusgemeinde Dr. Ehrlich, mit .der wir uns schon eingehend befaßt haben, fehlte1 es auch nicht an begeisterten Hymnen für den jüdischnationialen Sportgedanken. In den höchsten Tönen wurde dessen erzieherischer Wert für die Judenjungen, die er in junge .Juden verwandle, und für das Judentum selbst gepriesen, dem er körperlich und sittlich besonders befähigte Pioniere des Palästina-Aufbaues heranzüchte, die auch moralisch ganz von dieser hehren Bestimmung entflammt und in ihrem Dienste zur höchsten Opferwilligkcit, wie sie eben nur der Sport zeitige, bereit seien. In Wirklichkeit liegen die Dinge, auch vmn jüdischnationalen Standpunkt, bei weitem nicht so schön. Zunächst ist ein katastrophaler Rückgang der sportlichen Leistungen zu konstatieren, und zwar gerade in dem repräsentativsten, der Kontrolle der Oeffentlichkeit am meisten ausgesetzten Sportzweig, dem Fußball. Es gehörte natürlich von jeher zu den Absurditäten der jüdischnationalen Mentalität, von der Fähigkeit einer aus elf Jünglingen bestehenden Mannschaft, den Lederball möglichst oft in das Tor der Gegner zu jagen, einen erhöhten Glanz der Judenheit, deren Ruhm zu allen Zeiten ihre spirituelle Begabung gebildet hatte, zu erwarten. Aber immerhin haben die Fußballer der „H a k o a h" in ihrer Glanzzeit eine mächtige Werbekraft auf junge Juden zur sportlichen Betätigung auch in den gesünderen, wenn auch minder repräsentativen Sportzweigen, wie Schwimmen, Ringen usw. ausgeübt und diesiein weniger von der Oeffentlichkeit beachteten Sektionen nicht nur junge Leute, sondern auch die zum Sportbetriebe nötigen Gelder zugeführt. Das hat sich jetzt gründlich geändert. Die einstige Fußballsektion der „Hakoah" hat sich als Professionalklub selbständig gemacht und seitdem ist es mit der Herrlichkeit vorbei. Es wäre sehr ungerecht, den sportlichen Wert eines Fußballklubs lediglich nach saliner Placierung in der Meisterschiaftstabelle zu bemessen, dehn jeder weiß, wieviel Glück und Zufall bei dieser Placierung mitspielt. Nicht selten kommen gerade Vereine, die ein kultiviertes Spiel pflegen, derberen Spielern gegenüber in Nachteil. Aber das ist nicht der Fall des Fußballklubs Hakoah..Dieser ist heute nicht nur durch sein schlechtes Spiel, sondern vor allem durch seine Unsportlichkeit bekannt. Den gigantischen Unterschied zwischen e Ii r- 1 i c h e m Zionismus und den Utopien des Doktor Ehrlich in bezug lauf die angeblich zionistische Pädagogik des jüdischnationalen Sportes beleuchtet in grotesker Weise der Fall Donnenfeld. Man hat bisher unter den „Hakoah"-Fußballern wenig aktive Palästina-Sehnsucht gefunden. Vor ungefähr zehn Jahren hat sich der groteske Fall ereignet, daß die damals wirklich vorzügliche, sogar den Titel des österreichischen Fußballmeisters führende „Hakoah" nach einem Gastspiel im Heiligen Lande die gesamte Mannschaft glücklich wieder heimbrachte, während bald darauf bei einem Gastspiel in Amerika dieselben Spieler, die dem Zauber von Erez Israel gegenüber gleichgültig geblieben waren, der Versuchung von Dollar bietenden Managern erlagen und drüben blieben. Seit damals datiert der sportliche Niedergang der „Hakoah". Aber auch von einem Aufschwung des zionistischen Geistes, der doch angeblich das eigentliche Ziel der jüdischnationalen Sporterziehung bildet, hat man nichts bemerkt, bis vor kurzem die spontane „Alijah" des Spielers Donnenfeld nach Palästina Sensation erregte. Aber diese Sensation war auf seiten der „Hakoah" durchaus keine freudige. Statt der erhebenden Genugtuung darüber, daß wenigstens in einem Hakoahner die angeblich planmäßig gezüchtete Zionssehnsucht zu praktischer Auswirkung gereift ist, läßt die „Hakoah" im „Telegraf" feststellen, „daß sie alles veranlaßt hat, um Donnenfeld, der nach Palästina ausgerissen (!) ist, sperren zu lassen. Es wurde die Anzeige an den Oesterreichischen Fußballbund und von diesem an die Fifa erstattet. Die Hakoah wird nun, da Donnenfeld doch gespielt hat, neuerlich Schritte unternehmen. Sie denkt nicht daran, den Ausreißer freizugeben. Ehrlich 1. von dem mitgeteilt wird, daß er ebenfalls nach Palästina fahren will, behauptet, daß die Nachricht nicht den Tatsachen entspricht und daß er mit Makkabi-Tel-Aviv keine Verhandlungen pflegt". Was sagt Dr. Ehrlich zu dieser Art zionistischer Erziehung durch die „Hakoah"? Den einen ihrer Spieler, der schon in Palästina ist, läßt sie „sperren", d. Ii. um die Möglichkeit jeder Sportbetätigung bringen, einen anderen, der ebenfalls willig scheint, die „Alijah" zu unternehmen, hat sie offenbar durch sanfte Gewalt auf andere Gedan-. ken gebracht. Man könnte über diese merkwürdige Illustration der vom Vizepräsidenten Dr. Ehrlich so gerühmten „höheren" Ziele der jüdischnationalen Sportpädagogik, die das, was der Zionismus als „Alijah" verklärt, als „Ausreißerei" qualifiziert, mit einem befreienden Lachen hinweggehen, würde sich nicht hinter der Affäre Donnenfeld die erschütternde Tragik eines jungen Menschenschicksals bergen. Denn die ..Hakoah" hat sich nicht damit begnügt, auf den allzu idealistischen Verwirklicher jüdischnationaler Phrasen, die nur den Zweck verfolgen, das Goalschießen moralisch zu verklären, die Sportbehörden zu hetzen, nein, sie isr auch nicht davor zurückgeschreckt, ihn den englischen und arabischen Beamten der Paiästina-Regierung als illegalen Einwanderer zu denunzieren, indem sie in der Tagespresse verbreiten ließ. D o n n e n f e 1 d sei ohne englisches Visum nach Palästina g e f a' Ii r e n! Welche Folgen das haben konnte, weiß jeder Leser der zionistischen Blätter, die nicht müde werden, die grausamen Schicksale illegaler Einwanderer in Palästina zu schildern. Ein solches Schicksal wollten die ..Hakoalr'-Fimktionäre kaltblütig ihrem MÖBEL Moderne Küchen- -#orzlmmer- Wohnzimmer- 7. XOHN, Wien II., TABORSTRASSE Nr. 22 t Telephon R-40-7-14 Samstag geschlossen. Spieler bereiten, weil er — welch todeswürdiges Verbrechen! — keine Goals mehr für sie schießen will! Kann es eine ärgere Herzlosigkeit geben als diese gewissenlose Hetzjagd von Zionisten auf einen Zionisten. der sich vermessen hat, wirklich nach Zion zu gehen? Leiden und Marlfern, die sonst bisweilen Fanatiker einer Idee den Verrätern an dieser Idee bereiten, sollten Donnenfeld dafür bestrafen, daß er die Idee, der die jüdischnationalen Sportvereine angeblich dienen, nicht verraten hat ... Und weü er trotzdem zum größten Aerger der Wiener Klubfanatiker Leben und Freiheit behalten hat, soll er, wie ein flüchtiger Gladiator der römischen Cäsaren, durch die Sportbehörden zur Rückkehr nach Wien gezwungen werden! Was kümmert die blau-weißen Vereinsfunktionäre die von ihnen selbst theoretisch geschürte Zionsliebe des jungen Sportmanns? Was seine Zukunft und seine Sehnsucht nach dem Zusammenleben mit seinen Eltern, die er aus Brasilien nach Palästina kommen lassen wollte? Die Herren haben eine von nationalen Phrasen geschwellte Brust, aber sie sind nicht sentimental. Sie wissen für den tüchtigen Spieler ein würdigeres Ziel als Palästina-Aufbau und Familienglück. Sie brauchen dringend Goals und Punkte. Die soll er ihnen verschaffen. Wenn er in ein paar Jahren zu behäbig oder durch eine Verletzung schon früher spielunfähig wird, dann wird er gekündigt und kann hinziehen, wo die hohe Zeder blüht, oder, wenn man ihn da ein zweitesmal nicht hineinläßt, auch dorthin, wo der Pfeffer wächst. Der jüdischnationale Sportgedanke wird dadurch nicht mehr tangiert. Denn dieser Sportgedanke verfolgt, wie der Fall Donnenfeld zeigt, allen schönen Phrasen jüdischnationaler Kultusvorstände zum Trotz kein höheres geistiges Ziel als: Goal, Goal, Goal! Dieser Sehnsuchtsschrei übertönt nicht bloß, womit wir uns abfinden würden, die Forderungen des Zionismus, sondern leider auch die Stimme der Menschlichkeit und der jüdischen Nächstenliebe. Wahrlich, ein erhebendes Resultat iüdischnationaler ..Pädagogik. . .". GROSSFLEISCHHAUEREI SIEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE t XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-;:-99 und A 16-M-34 Lieferant für HcilanMu!len AbteiiungenfürKoscherfleisch unter Aufsicht das ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Hei?chsonen von aussen Iis öl ich Prima-Qualität zu den billigsten Markloreisen Sememdeihwonik. 70. Geburtstag. Samstag, den 21. u. M.. ianci im üemeindetempel, XVIII. Schopenhatierstraße, ein Festgottesdienst anläßlich des 70. Geburtstages des Herrn Med.-Rat Dr. Ignaz Winter statt. Der allseits sehr heliebte Jubilar darf geradezu als Repräsentant der Währinger Judenschaft betrachtet werden, seit frühen Jahren widmet er. der im Bezirk geboren ist, sich dort den jüdisch-religiösen und jüdisch-humanitären Aufgaben mit Eifer und Hingebung und erfreut sich wegen seiner hervorragenden menschlichen Qualitäten und seiner großen Verdienste auf den mannigfaltigen Gebieten seiner jüdischen Betätigung allseits größter Wertschätzung und Sympathien. Diese kamen zu beredtem Ausdruck bei der schonen Tempelfeier, die ihm zu Ehren jene drei Währinger jüdische Organisationen veranstalteten, au deren Spitze er seit vielen Jahren segensreich wirkt, der Bethausvorstand. die Chewra Kaclischa und der Talmud-Thora-Verein. Im Gotteshause fanden sich zahlreiche Gäste ein, die den Jubilar und seine ihm gleichgesinnte Gattin, die eifrige Präsidentin des Währinger jüdischen Frauenvereines aufs herzlichste beglückwünschten. Man sah neben den Vertretern der Kultusgemeinde Vizepräsident Dr. j. Ehrlich und Amtsdirektor Dr. |. Löwenherz viele Deputierte von Tempel- und Wohltätigkeitsvereinen. Der Jubilar wurde von Oberkantor D. Groß, der überhaupt die kantorale Funktion in sehr schöner Weise versah, zur Thora aufgerufen, dann rezitierte der Oberkantor einen eindrucksvollen Mischeberach und nun hielt Rabbiner Dr. Z. Schwarz eine Ansprache, in der er, ausgehend von dem Zurufe „Chasak!", die Stärke des Jubilars rühmte, die sich in seiner hingebungsvollen Arbeit für die jüdische Sache manifestierte. Dr. Schwarz schloß seine gehaltvolle Rede mit dem innigen Wunsche, daß diese Starke, diese tgeistige und körperliche Frische dem allseits geschätzten Jubilar noch viele, viele Jahre erhalten bleiben mögen. Der Chor unter der ausgezeichneten Leitung von Hermann S c h o r r sang ein „Hallelujah". Namens der Kultusgemeinde gratulierte Dr. Ehrlich und überreichte ein schönes Glückwunschdiplom. Sehr herzlich war die Ansprache des Herrn Bundesfürsorgerat Josef N o s s i g, der seinem Freunde und Mitarbeiter die aufrichtigen Gefühle der Währinger jüdischen Vereine verdolmetschte. Die zur Thora aufgerufenen Freunde des Jubilars ehrten ihn durch schöne Spenden für die von ihm so umsichtig geleiteten drei Vereine, diese selbst machten ihrem beliebten Obmann eine Freude, die so ganz seinem edlen Sinne gemäß ist, sie spendeten einen herrlichen Vorhang für die Bundeslade und eine Tischdecke für den Altar, die, Meisterwerke aus dem Atelier für kunstgewerbliche Handarbeiten Else H u b e r. I., Adlergasse 7, von allen Tempelbesuchern bewundert wurden. Todesfall. Am 20. März wurde Frau R e g i n e May zu Grabe getragen. Herr Oberrabbiner Dr. Feuchtwang konnte diese edle und schöne Frau mit Recht als Muster einer jüdischen Frau und Mutter preisen. Außerhalb ihrer Häuslichkeit fand aber Frau May noch Zeit, in den Vorständen des Krügerh ei nies, Frauenhortes, Ferienheims und besonders der ,.W e i b I. Fürsorge" hervorragend zu wirken, wobei sie stets die großmütigste Förderung von Seiten ihres vor ihr heimgegangenen Gatten, des Herrn I o s e f May, Gründers der Firma May <S Herold, fand. Beim Begräbnis waren zahlreiche Vorsteherinnen sämtlicher Wiener jüdischen Frauenvereine anwesend. Am offenen Grabe sprach noch der Bruder der Heimgegangenen, Großindustrieller Friedrich Duschin sky aus Bratislava, erschütternde Worte des Gedenkens. C. B. SHEMEN PALÄSTINA OLIVENÖL UND TOf- LETTENSEIFEN sind in jedem Hause unentbehrlich. Shemen-Salatöl, geruch- und geschmacklos, ein Versuch genügt. Verlangt sie in euren Einkaufsquellen! Zu beziehen durch: Gen.-Repr. S. Rabinowitsch, Wien II., Zirkusgasse 10, Telephon R 48-7-38. Trauung. Sonntag, den 29. März, A Uhr nachm., findet im Seitenstettentempel die Trauung des Fräuleins Gretl Krall, Tochter des Ehepaares Adolf Krall, Wien IV., mit Herrn Dr. Stefan K 1 i n g e r, Sohn der Frau Johanna K 1 i n g e r, statt. Grabsteinsetzung. Sonntag, den 29. d. M., 12 Uhr vormittags, wird am Zentralfriedhof, IV. Tor, der Grabstein für den verblichenen Herrn Prof. Dr. Camillo Baum garten gestellt. Jüdischer Angesteiltenverband „Emunah", II.. Praterstraße 11. Samstag, den 28. März, 20 Uhr. Vortrag des Herrn Dr. Emil Gutheil: „Ueber Minderwertigkeitsgefühle". Eintritt frei. Gäste willkommen.