Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 14 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 14 — 17. März \93G DIE WAHRHEIT Jlut nocfi wenige Jagel ffftmidt- JRazzoih Rasch also Ihren Bedarf decken an den berühmten m Jlatnan <&wodetz&wg Xenixate: Wien, 2. ÜÜesirß, £eopotdsgasse HS Telephone: A 46-1-90, A 48-4-48, A 60-2-63 ] £in Veisuifi wird "Sic ii6eneu^en? Erzeugt aus feinstem Mehl unter streng orthodoxer Aufsiclit Sr. Ehrwürden Herrn Oberrabbiner Babad Die ftfkmitll- Jtlaxxotlm und das Fabrikat Jfflmfit* &eftmidfJfc. <&." (Mazzoth, Grieß und Farwel) sind außerdem erhältlich in allen besseren Geschäften. IBMI Wir sagten schon oben, daß es eigentlich Sache einer berufeneren Stelle wäre, diese Polemik mit Paler Bichlmair abzuführen, und jeder wird wissen, wen wiir damit meinen. Aber jedeir wird auch wissen, daß diese berufene Stelle, nämlich der jetzige Rumpfvorstand der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde sich um eine solche Polemik gerne drücken wird, denn die Erklärung, die angeblich seine Vorgänger im Jahre 1918 abgegeben haben, muß den derzeitigen Machthabern in der Seitenstettengasse durchaus in den blauweißen Kram passen. ^Der Kultusvorstand, der im Jahre 1918 die Geschicke der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde leitete, jener Kultusvorstand, in dem, um mit Pater Bichlmair zu sprechen, „die Assimilanten die Mehrheit hatten", hat in jeneT schicksalsschweren Zeit wirklich eine Kundgebung erlassen. Sie wurde in der am 5. November 1918 unter dem Vorsitz des ersten Vizepräsidenten Hofrates Dr. Benjamin Rappaport stattgehabten Plenarsitzung des Kultusvorstandes beschlossen, ihr genauer Wortlaut ist in Nummer 44 von ..Dr. Blochs Wochenschrift" auf der Titelseite wiedergegeben. Darin heißt es u. a.: ..Der Vorstand der Israelitischen Kultusgemeinde richtet diesen Appell an alle jüdischen Bewohner Wiens angesichts der vor kurzem erfolgten Proklamierung des „Jüdischen Nationalrates für Deutsch- Österreich", dessen Schaffung bei allen in Wien lebenden Juden Beunruhigung hervorgerufen hat. die nicht auf d © m Boden des jüdischen Nationalismus stehen und in dem Aufgeben des Standpunktes, daß die Juden nur eine Glaubensgemeinschaft sind, eine G efahr in sozialer und wirtschaftlicher Beziehung erblicken'. Nach der festen Ueberzeugung des Kultusvorstandes bilden diese Juden die zweifellose Mehrheit in Wien und Deutschösterreic h." Also sprach der Wiener Kultusvorstand in Wahrheit im Jahre 1918. Kein Wort von „eigener Nation mit dem Rechte auf Selbstverwaltung", sondern Betonung der „vollen Rechte und vollen Pflichten der Juden als Staatsbürger". So sprachen die „Assimilanten", die Pater Bichlmair als Kronzeugen für seine jüdischnationalen Ungeist atmenden Phrasen anführt. Herr Pater, man mag Respekt votri Ihlrer theologischen Gelehrsamkeit haben, als Historiker haben Sie nach diesem Beweis Ihrer Geschichtskenntnisse sehr unrühmlich abgeschnitten. Pater Bichlmair kommt zu dem Ergebnis, daß die jüdische Rasse (!) — unabhängig sowohl von ihrer religiösen Auserwähltheit als auch von ihrer „Apostasie" gegen Christus — mit einer schlechten Erbmasse belastet ist und daß die Zurückdrängung des „zersetzenden" jüdischen Geistes sittliche Christenpflicht ist. Pater Bichlmair, der anscheinend vergessen hat, daß die Phrase vom „zersetzenden jüdischen Einfluß" sogar schon im letzten christlichsozialen Wahlprogramm fallengelassen wurde, tritt für die „zahlenmäßige Zurückdrängung und Verweisung der Juden ans öffentlichen und verantwortungsvollen Stellen" ein, und zwar nicht bloß der in der Apostasie! vdrharrenden Juden, sondern auch der in reiferem (sie!) Alter getauften Juden, denen gegenüber ein gewisses Mißtrauen und eine praktische Zurückdrängung im öffentlichen Leben nicht als Unrecht empfunden werden darf. Man würde es unter Umständen einzelnen Bünden und Vereinigungen im Namen der den christlichen Ethik nicht verwehren können, Arierparagraphen einzuführen. All das steht in so verblüffendem Gegensatz zu zahllosen Aeußerungen des hohen und höchsten katholischen Klerus zur Rassenfrage, daß wir uns lieber an die Reden des Herrn Bischof H u d a 1, de|r Herren Kardinäle I n n i t z e r und Faulhabe r, der englischen Bischöfe und vieler anderer prominenter katholischer Geistlicher halten, wenn wir „christlich-ethische Grundsätze" zur ..Lösung der Judenfrage" kemwenfernen wollen. Die Früchte des" Bichlmair-Vortrags haben nicht lange auf sich warten lassen. In der Hietzinger Bezirksgruppe des Oesterreichischen Gewerbebundes hielt der Wiener Vizebürgermeister Dr. Josef Kresse eine Rede, in der er von ganzum Herzen die Ausführungen des Paters Bichlmair zur Judenfrage begrüßte und die Erklärung abgab, daß er die Stellungnahme des Paters voll und ganz als Richtschnur für sein eigenes Tun und Lassen anerkenne. Es sei sein gutes Recht, vom Oesterreichischen Gewerbebund die Leute fernzuhalten, die sich in der roten Aera als die lautesten Rufer im Kampf gegen das bodenständige Bürgertum erwiesen und sich .durch ihre Geschäftspraktiken schon von vornherein außerhalb des Kreises des reellen Wiener Handels- und Gewerbestandes geste'lt haben. ■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■aaauHMHB Cafe Pension Eckstein Pemmering «■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■»■■■■BB Dazu ist zu sagen, daß die angeblichen Sympathien einzelner jüdischer Gewerbetreibender für das sozialdemokratische Regime im Wiener Rathaus — abgesehen von dem von diesem ausgeübten Druck — einfach als natürliche Reaktion auf die antisemitische Einstellung der übrigen Parteien, namentlich der Christlichsozialen, zu erklären sind. Wenn aber Dr. Kresse, der jetzt mit der Leitung des Lieferungswesens der Stadtverwaltung betraut ist, die jüdischen Gewerbetreibenden ihrer „Geschäftspraktiken" wegen grundlos verdächtigt und ihre Reellität aus Vorurteil oder Gehässigkeit bezweifelt, so müssen wir diese Pau- Emoia Schokoladen — hob bv - Speise-Schokoladen, Haselnuß: u. Bitter- Schokoladen Mokka-Bohnen, Kakao-Pulver in anerkannt bester Qualität, erzeugt unter Aufsicht Sr. Ehrw. Herrn Rabbiner H. Schenk in der Fabrik CHOKOLATERIE GOURMET EU6CN MOLNER, Wien 11., Gr. raohreng. 19 Schalverdächtigungen zurückweisen. Es gibt keine „jüdischen" Geschäftspraktiken, wir Juden haben das gleiche Recht auf anständige und unanständige Kaufleute wie die Andersgläubigen, und gegen unanständige Elemente in unseren Reihen haben wir uns stets mit größter Entschiedenheit gewendet. Uebrigens steht der Standpunkt, österreichischen Bürgern ihre frühere politische Wirksamkeit vorzuwerfen und daraus ihnen abträgliche Konsequenzen zu ziehen, im krassen Gegensatz zu wiederholten Erklärungen höchster Regierungsstellen. Dr. Kresse begnügt sich aber nicht mit dieser Pauschalierungstaktik den Juden gegenüber, sondern er dreht kühn den Spieß um und erzählt von einem Boykott jüdischer Kreise gegen arische Geschäftsleute. Die Beweise, die er dafür in Händen zu haben behauptet, können nur die bekannten Streuzettel mit dem Aufruf .Juden, kauft bei Glaubensgenossen!" sein, deren Herkunft aus einer nationalsozialistischen Druckerei polizeilich erwiesen ist. Hat Herr Dr. Kresse andere Beweise, dann heraus mit 'ihnen! Herr Vizebürgermeister Dr. Kresse erklärt wohl, daß „der Rassenantisemitismus und der Rassenhaß niemals für sein Handeln bestimmend" war. Aber was nützt uns dieses Lippenbekenntnis gegen den Rassenhaß, wenn durch Methoden, wie sie von dem Herrn Vizebürgermeister auf wirtschaftlichem. Gebiete in Anwendung . .gebracht werden wollen, der Nazi-Barbarei Konzessionen gemacht werden, die ausschließlich wir zu bezahlen hätten. Es verdient hervorgehoben zu werden, daß diese Bestrebungen in maßgebenden politischen Kreisen auf heftigen Widerspruch stoßen. Das Organ der vom Bundeskanzler Dr. Schuschnigg geführten „Ostmark ischen Sturm schare n", die gewiß nicht als „Judenschutztruppen" anzusprechen sind, weist energisch die Rassenlehre als einen Negativismus zurück, der Oesterreich um seine Stellung im europäischen K u 11 u r k r e i s e zu bringen droht, und Minister D o b r e t sb e r g e r verkündet als positives Programm, das Oesterreich notifut: ..Lernen wir unserte Heimat lieben, lernen wir unsere ganze Bevölkerung achten, nicht gegeneinander, sondern füreinander, so daß keineT sich benachteiligt fühlt, in ehrlichem Wollen uns zu verständigen und ehrlich das zu wollen, was uns unser Oesterreich bietet." 37* Millionen Juden protestieren. Die antijüdischen Exzesse in Polen haben einen derartigen Umfang angenommen, daß jetzt von Zufallsaktionlen und Einzelagitationen nicht mehr die Rede sein kann. Es geht hier nicht mehr um die Beunruhigung der jüdischen Bevölkerung, sondern um deren wirtschaftliche und physische Existenz, deren Bedrohung von der Regierung trotz vielfacher Versprechungen der Abwehr geduldet wird. Am 17. März fand in ganz Polen ein halbtägiger Generalstreik zum Protest gegen diesen Zustand statt. Alle Schichten der jüdischen Bevölkerung leisteten der Generalstreikparole Folge. Es war eine grandiose Manifestation; an der auch viele Tausende nichtjüdischer Arbeiter teilnahmen. Die JTA. meldet über diese eindrucksvolle Kundgebung aus Warschau: Rabbiner und Arbeiter, Kaufleute, Rechtsanwälte und Studenten hatten jede Tätigkeit eingestellt. Die Büros der jüdischen Gemeindeverwaltungen und der Organisationen blieben geschlossen. In den jüdischen Schulen fiel der Unterricht aus. die jüdischen Tageszeitungen waren nicht erschienen. Alle jüdischen öffentlichen unu privaten Unternehmungen ruhten. In Warschau allein wurden über tausend Kundgebungen veranstaltet. Besonders eindrucksvoll wiar die Kundgebung von über 100 Rabbinern, die sich in geschlossenem Zug auf den jüdischen Friedhof begaben, um an den Gräbern der großen jüdischen Gelehrten um Frieden und Gerechtigkeit für die Juden Polens zu beten. Die jüdischen Anwälte waren zwar zu den Gerichtsverhandlungen, die am Vormittag in Warschau stattfanden, in Amtstracht erschienen, bewahrten jedoch eine Stunde lane vollkommenes Schweigen als Ausdruck ihrer Sympathie mit dem Streik. Die jüdischen Hochschüler blieben den Vorlesungen fern. An det Warschauer Technischen Hochschule waren Anschläge in polnischer und hebräischer Sprache angebracht, in denen Klagereden des Propheten Jeremias zitiert und auf die gegenwärtige tragische Lage der Juden Polens angewandt •wurden.