Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 14 (27.3.1936)
- Date
- 1936-03-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer 40 Grosdien In Deutschland «erboten I Jüdische ttUenschrifr Die Wahrheit Erscheint jeden Freitag ^niinniiiniiiiniiiiiiniiM Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer luden" uuDiuufflRnunamnsKUD — Telephon R 46-2-16 — Postsparkassenk^cnto Wien: A 100.918 52. Jahrgang Wien, 27. März 1936 Nummer 14 Bichlmair und Kresse. Der Jesuitenpater Bichlmair hat zwar, wie aligerr.ein behauptet wilrd, keinen oiiizidlen Auftrag von irgendeiner staatlichen oder kirchlichen Stelle, eine „Lösung der Judenfrage in Oesterreich", zu der er in seinem Vortrage in der „Katholischen Aktion" „christlich-ethische Grundsätze" aufzeigte, in die Wege zu leiten. Aber er ist ein Mann von hoher theologischer und allgemeiner Bildung und so verdient sein Vortrag trotz des fehlenden offiziellen Charakters dile Beachtung, die er allseits gefunden hat. Patler Bichlmair hat die Passionsgeschichte des Nettem Testamente, aus der der Katholizismus seit jeher seine s;lärksften Suggestüvkräfte zun' religiösem Aufpul-- ve|rung dteir Massein schöpfte, ganz bestimmt schon zu der Zeit gekannt, als er — es ist noch gar nicht lange her — den Wiener Juden, wie man hier sagt, noch freundliche Nasenlöcher zeigte und ihnen im Sinne der Jüdischnationalen Verständigung von „Volk zu Volk" predigte. Umso ver- Wüfftielr ist man, diesen Priester der Nächstenliebe so sprechen zu hören, wie er es am vergangenen Mittwoch und Donnerstag tat. Pater Bichlmair lehnt jede Generalisierung ab. Aber er hält jetzt dem ganzen Judentum folgende Verdammungspredigt: „Israel hat durch schuldhafte Verblendung seiner Führer das Auftreten des Messias verkannt und ist durch die Kreuzigung des eigenen Messias in eine religiöse Apostasie verfallen. In . "dieser Apostasie liegt der Schlüssel zum Verständnis jüdischen Charakters und jüdischen Schicksals. Seit Qolgotha fehlt dem jüdischen Volk das innere Berufungsziel, es ist haltlos und heimatlos geworden, es hat seinen geistigen Wurzelboden verloren und damit die Tiarürlichen Ouellen seiner nationalen Existenz. Unter die Völker zerstreut, seinen eigenen Leichnam durch die Geschichte tragend, ist das Volk der Juden durch Gottes Willen zusammengeschmiedet zum Voflke des verkannten Messias, zum Volke des ewigen Juden . . . Auch ein nichtjüdisches apoistasiertes Volk würde offenbar unter solchen Bedingungen auf dje Dauer nicht siegreich bestehen können." Aber wir Jud>ein bestehen doch nun einmal siegreich (im Sinne der Erhaltung unserer Religion) weiter! Hier ist der Ankläger unversehens, .zum Verteidiger geworden. Wir leben ja, wir sind da und was uns zu einem Begriff, zu lainer Einheit stempelt, ist keineswegs ein Negarivum, ein Mangel an innerem Berufungsziel, ohne das wir ein nahezu zweitausendjähriges Martyrium kaum so erfolgreich hätten überstehen! könnem, sondern unser positives Judentum, dessen sieghafte "Gewalt über die Seelen sich nicht bloß auf die Traditionsgebundenen auswirkt. Wo bleibt da unsere „geistige Halt- und Heimatlosigkeit"? Aber wozu der vielen Worte? Gegen eine spezifisch christliche Haltung", die" die Stellung der - Juden im modernen Staate, und zwar nicht nu(r religiös, sondern auch gesellschaftlich, polilisch und kulturell durch das „Verharren in Apostasie" und däe imposanten jüclischen Leistungen auf allen geistigen Gebieten als Folge des ..Mangels aw «dösenden Gegenkräften gegen die von Haus aus vorhandenen scMhnhte'n Erbanlagen dieses ^zid- und "ruhelosen Volkes". werter, ist jede Polemik üb^iflüssig, wel eine solche klein anderes ErgieimSs haben kann wie das klassische GesrirädtVzwischen dem Patriarchen von Jerusalem und Katern schichten Klosterbruder in Lessings „Nathan". Mag der Klosterbruder noch so viel Gutes zu Gunsten des Judan Nathan ins Treffen führen, der unerschütterliche Standpunkt des Patriarchen ist: „Der Jude wird verbrannt!" Aber gegen eine Stelle des Vortrages des Herrn Pater Bichlmair muß doch ausführlicher polemisiert werdien und man muß sich wundern, daß diese Polemik bisher nicht von der eigentlich hierzu berufenen Stelle erfolgte. Nach dem Berichte der „R e i c h s p o s t" sagte Pater Bichlmair: Als im Jahre 1918 der kaiserliche Ministerpräsident Hussarek die Absicht der Regierung kundgab, den Nationen Oesterreichs die autonome Selbstverwaltung zu garantieren, gab die Wiener Kultusgemeinde, -worin damals die Assimilanten die Mehrheit harten, gegenüber Kaiser Karl die offizielle Erklärung ab, „die Juden seien nicht nur schlechthin eine Religionsgenossenschaft, sondern eine eigene Nation mit dem Rechte auf Selbstverwaltung." Diese Darstellung ist! l' von A bis Z unrichtig. Die Erklärung, die hier als eine angebliche Erklärung den Wiener Kultusgemeinde zitiert wird, deckt sich inhaltlich vollkommen mit jener, die Staatsrat Kunschak in der Einleitung seines jüngst in der „Neuen Ordnung" erschienenen Artikels „Zur Judenfrage" als? angebliche Erklärung des Wiener Oberrabbiners Dr. C h a j e s gegenüber Kaiser Karl zur Bekräftigung seines jüdischnationalen Geist atmenden „Judengesetzes" wiedergibt. Wir haben uns die Mühe genommen, in der bedeutendsten jüdischen Zeitung, die in jenen sturmbewegten Tagen erschienen ist, in „Dr. Blochs Wochenschrift" alle Nummern des Jahrganges 1918 nachzulesen, in denen über Vorsprachen jüdischer Persönlichkeiten bei Kaiser Karl berichtet wird. In Nummer 39 vom 4. Oktober 1918 wird auf Seite 634 in einer ganze sechs Zeilen umfassenden Notiz berichtet, daß Se. Majestät den Oberrabbiner Dr. C h a j e s empfing, an ihn „eine Anzahl von Fragen über die Verhältnisse der Wiener Kultusgemeinde, der Ostjuden und die Palästinafrage" stellte und daß sich der Monarch in allen diesen Fragen sehr informiert zeigte. Punktum, aus. Das damals maßgebendste Blatt der österreichischen Jüdenschaft legte also der Audienz des Wiener Oberrabbiners, die jetzt in der neuentflammten Diskussion über die Judenfrage eine so große Rolle spielt, eine solch geringe Bedeutung bei, daß es diese Vorsprache mit ein paar nichtssagenden Zeilen abtat. Das braucht niemanden weiter Wunder zu nehmen, wenn man sich vor Augen hält, daß es sich bei dieser Vorsprache eigentlich nur um die Vorstellung des kurz vorher neugewählten Wiener Oberrabbiners bei Kaiser Karl handelte und um nichts mehr. In der Nummer 41 vom 18. Oktober 1918 berichtet „Dr. Blochs Wochenschrift" auf Seite 660 über Besprechungen, die - S^* Majestät mit einer großen Anzahl" von Reichs^tsäbgeöfdneten am 12. Oktober abhielt, von wichen einige die Gelegenheit ergriffen, vor Seinir Majestät auch die Judenfrage zu besprechen. Dr. v. Low enstein erklärte nach der „Wochenschrift",;,daß, soweit Rasiere Didi gut and billig Oesterreichlsclies OualHäfs f abrihal Ueberau erhältlich es sich um die polnischen Juden handle, diese Leid und Freud mit den Landesbewohnern anderen Glaubens teilen müssen und ihr Verhältnis zu denselben nur von der gegenseitigen Verständigung abhängig gemacht werden kann ... Die Regelung der Lebensverhältnisse der Juden in Polen könne nur in Polen selbst im Einvernehmen zwischen Christen und Juden entschieden werden. Selbstverständlich sei es hiebei, daß im Interesse Polens die Judenfrage nur im modernen Geiste vollkommenerbürgerlic Ii erGleichberechtigung gelöst werden könne". Im Berichte der „Wochenschrift" heißt es dann am Schlüsse: „Als letzter wurde Abgeordneter Reizes vom Kaiser empfangen, der die Verhältnisse in Ostgalizien unter besonderer Berücksichtigung der dort lebenden 800.000 Juden dem Monarchen schilderte. Die jüdische Nation wünsche die Sicherung ihres kulturellen und politischen Lebens und reklamiere ihr Selbstbestimmungsrecht und offizielle Anerkennung als Nation unter den Völkern Oesterreichs." Nach diesem Berichte sind also vor Seiner Majestät am gleichen Tage Vertreter verschiedener jüdischer Weltanschauungen erschienen, von denen bezeichnenderweise der „Assimilant" Dr. v. Löwenstein zuerst empfangen wurde. Weitere Meldungen über Vorsprachen jüdischer Persönlichkeiten bei Kaiser Karl enthält „Dr. Blochs Wochenschrift" nicht, insbesondere wird mit keinem Worte davon gesprochen, daß die Wiener Kultusgemeinde von Seiner Majestät empfangen wurde und eine Erklärung abgab, die auch nur halbwegs ähnlich lautete wie die von Pater Bichlmair in seinem Vortrage zitierte. Wir fordern Herrn Pater Bichlmair hiemit auf, uns bekanntzugeben, aus welcher Quelle sein Zitat stammt, das seinen historischen Kenntnissen einer Zeit, die noch gar nicht so lange hinter uns Hegt, so wenig Ehre macht! Lesen Sie nächsten Montag im Wiener Montagblatt den Roman von Schalem As eh Der elektrische Stuhl