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Die Wahrheit · 1936-03-20 · Heft 13 (20.3.1936) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 13 (20.3.1936)
Date
1936-03-20
Page
– (sequence 7)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Nr. 13 — 20. März 1936 Seite? Wien.!■» Seitenstettengasse 2 XI., Zentralfriedhof neben dem L Tor ^^^^^^^^Samstajj^Micjjiojsei»^^^^^^^ Kommerziälrat Wilhelm Weinherger besonders hervorhebe. Herzlichsten und innigen Dank will ich abstatten allen denen, welche an der heutigen Feier mitwirken und sie so erhebend gestalten! Vor allem unserem ehrwürdigen Herrn Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, dessen eindrucksvolle Rede den Weg in unsere Herzen gefunden hat, Herrn Oberkantor Postolow für seine gesanglich künstlerische Darbietung, Herrn Prof. Dr. Hugo Stern, dessen seelenvolles Spiel uns erhob, Herrn Prof. Heinrich G 1 ü c k s m a n n, für dessen herrlichen Prolog, und endlich dem Jüdischen Gesangverein, sowie seinem Dirigenten Herrn Bundeskapellmeister Dr. Kurt Pahlen; er erinnert uns in dieser Weihestunde (die Anwesenden erhoben sich von den Sitzen) an seinen verewigten Stiefvater, Herrn Dr. Paul Raumann, der der „Union" und uns allen ein so lieber, leider so früh dahingeschiedener Freund und Berater war. So zieht denn die „Union österreichischer Juden" im 50. Jahre ihres Bestandes in ihr neues Heim, in ein Heim, das ihrer bisherigen Tätigkeit, ihrer bisherigen Leistungen und ihres hohen Ansehens würdig sein wird. Die Schilderung alles dessen, was die „Union österreichischer Juden" seit ihrem Bestand zur Währung und Hebung des Ansehens der Juden, zur Abwehr und Verhinderung jeder Rechtsbeugung geleistet hat, bleibt der Gründungsfeier des 50jährigen Bestandes der „Union" vorbehalten. Aber an die Gründung der „Union" soll hier gemahnt sein; vor allem daran, daß die „Union" vor nahezu 50 Jahren als ein Kampfverein für die Ehre und für das Recht der Juden ins Leben gerufen wurde. Der Verein wurde geschaffen zur Wahrung und Verteidigung der staatsbürgerlichen Rechte der Juden. Es war damals eine kühne Idee. Die Gründer erkannten schon damals, daß' die liberale Partei versagt habe, sie sahen voraus, daß der Nationalismus sein Haupt erhebe, daß er seinen Hauptstoß gegen die Juden richte. Darum sollte jeder Jude, der als solcher ein Unrecht erlitt, sich an den Verein wenden und hier Hilfe erlangen können. Der Verein nahm den Kampf für sein Recht auf, für das Recht des einzelnen und für das Recht aller Juden. So ward die Wahrung von Recht und Ehre der Juden in die Hände der „Union" gelegt. Aus einem ursprünglich kleinen Verein, den hervorragende Männer der Wienei Judenschaft gegründet haben, entwickelte sich eine immer größer werdende Organisation in ganz Oesterreich und blieb sie bis zum heutigen Tage. Die Grundlagen, auf der diese Vereinigung fußte, waren: Liebe zum Vaterland und Liebe zur Religion. Der damalige Name „Oesterreichisch-israelitische Union" beinhaltet diese Grundlage. Die Mitglieder waren treue Oesterreicher und treue Juden. In einer Rede, welche Dr. Pins, der Vorsitzende des Gründungskomitees hielt, erklärte er, daß das Nationalgefühl der Juden, womit die Liebe zum österreichischen Vaterlande gemeint war, doch nicht ausschließen könne, daß die Verteidigung der Rechte der Juden und die Abwehr jeglichen Unrechts Aufgabe und Ziel des zu gründenden Vereinfes werde. Wir lieben unser Vaterland, in dem wir geboren und erzogen sind. Wir sind mit unserer Heimat mit Leib und Seele verbunden. Mit diesem Boden, auf dem wir leben, verknüpft uns eine mehr als tausendjährige Geschichte, sie hat dieses Band verstärkt und unzerreibbar gemacht (Stürmischer Beifall.) Stets e. ■üllten wir als treue Bürger dieses Staates unsere Pflichten gegenüber unserem Vaterland. In den Kriegen, welche das Vaterland zu führen bemüßigt war, haben wir unser Blut geopfert und wir haben dies gerne getan. Und als der Weltkrieg das Reich vernichtete, haben wir an dem Aufbau des neuen Staates mit alien unseren Kräften mitgearbeitet. Wir wollen als gleichberechtigte Bürger dieses Staates gemäß unserer Verfassung in diesem Staate leben; wir wollen als Bürger vollkommene Gleichberechtigung genießen. Schon die Gründer der „Union" und auch deren Nachfolger in der Führung dieses großen Vereines waren stets Gegner eines jeden Nationalismus. So sprach schon am 23. Mai 1896 der damalige Präsident der „Union" Siegmund Mayer jenen Satz aus, dessen allgemeine Richtigkeit und Gültigkeit gerade wir Juden seither längst erkannt haben: „Keine spezifisch nationale Partei kann gerecht sein oder bleibe n." Wir haben schaudernd miterlebt, wohin der Nationaltemus gelangt. Daß dieser Nationalismus zum Götzen geworden ist, dem so viele nachbeten und der so viel Unglück und Unheil verschuldet hat! Ich denke in dieser weihevollen Stunde unserer schwer geprüften Glaubensbrüder in Deutschland, welche vom Nationalismus viel Unheil und Weh erfahren haben und so schwer heimgesucht sind. Wir müssen den Nationalismus in jeder Form bekämpfen. (Lebhafter Beifall.) Wir bekämpfen auch — und wir sagen es hier offen heraus — den Nationalismus in den Reihen unserer eigenen Glaubensbrüder, so innig wir auch durch das Band unseres Glaubens mit ihnen verknüpft sind. Denn der Nationalismus richtet eine neue Schranke auf, er sondert uns ab von den übrigen Bundesbürgern. Wir sehen es als schädlich an, daß ein Teil unserer Jugend diesem Nationalismus huldigt und ihm nachbetet. Wie die englischen, wie die französischen, wie die italienischen und amerikanischen Juden, kennen wir kein anderes Nationalgefühl als die Zugehörigkeit zu unserem Staate, dessen treue Bürger wir sind. Dieses rückhaltlose Bekenntnis zur österreichischen Nation legen wir ab. (Lauter Beifall.) Niemand darf behaupten, daß jenen, welche unsere Auffassung bezüglich des Nationalismus nicht teilen, der Patriotismus abgesprochen wird. Dies ist wahrlich nicht der Fall. Es kann uns aber niemand verwehren, unsere Grundsätze klar und deutlich zum Ausdrucke zu bringen und sie zu verwirklichen. Wenn behauptet wird, daß wir die Ostjuden bekämpfen, so kann dies glatterdings als unwahr bezeichnet werden. Unser Ehrenpräsident, Herr Dr. O r nstein, hat gerade für diese und zur Erstreitung ihres I üettm Wien IL, Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen Bundesbürgerrechtes in Oesterreich unermüdlich gekämpft, und was er und die „Union" mit ihm für die galizischen Juden in dieser und vor allem in wirtschaftlich-sozialer Beziehung getan hat, kann wohl Anspruch auf Dankbarkeit erheben. (Beifall.) Die Grundsätze unserer unwandelbaren bedingungslosen Vaterlandsliebe hindern uns keineswegs, in gleicher Weise mitzuarbeiten an dem Aufbau Palästinas. Für alle jene, welche heimatlos geworden oder in ihren derzeitigen Wohnstätten nicht bleiben können oder nicht bleiben wollen, soll dieses Land, wenn es möglich ist, ein Zufluchtsland sein und werden. Palästina ist für uns aber auch, und dies vor allem, das Land der religiösen Verheißung, deren Erfüllung wir täglich in unseren Gebeten erbitten. So wollen wir den Aufbau dieses Landes mit unseren Opfern fördern aus karitativen und aus religiösen Gründen. Aber müssen wir es darum ruhig mitansehen, wenn unserer Jugend der Traum eines Judenstaates als greifbare Wirklichkeit vor Augen geführt wird, obwohl der Judenstaat in weitester Ferne, wahrscheinlich überhaupt nicht zur Realität werden kann? Wir wollen vielmehr, daß unsere Kinder im gleichen Geiste erzogen werden, wie wir erzogen wurden. Auch sie sollen erkennen, daß die heilige Lehre, die uns geworden, die Welt erobert hat; daß unser Ansehen, unsere Bedeutung, durch die Heilige Schrift begründet ist, daß unsere Lehre die Lehrmeisterin der ganzen Welt geworden ist; daß die Bibel unser Leben ist und daß auch Christen, welche gleichfalls die Heiligkeit der Bibel anerkennen, schon um unserer heiligen Lehre willen gegen die uns angetane Unbill auftreten. So sind wir Gegner des politischen Zionismus, wie des Nationalismus. Wir stehen auf dem Boden der Wirklichkeit. Denn wir leben in diesem Staate, wir üben hier unseren Beruf aus und auch unsere Kinder werden hier leben und hier ihren Unter- Jüdische Kulturstelle. L, Kai 3. TeL R 28-2-36. Führung, Sonntag, den 22. März: Musemm der Stadt Wien „Das Wiener Genrebild". Leitung: Hugo Friedmann. Treffpunkt: Rathaus, Eingang Lichtenfelsgasse. A halt suchen müssen und darum wollen wir nicht, daß unsere Jugend durch irgendwelche Träume diesem heimatlichen Boden entfremdet werden könnte, weil sie eben hier bleiben wird, weil sie hier leben und hier ihren Unterhalt gewinnen soll. (Allgemeiner starker Beifall.) Und weil wir eben hier bleiben wollen, müssen wir all unser Sinnen una Denken darauf richten, daß wir gleichberechtigt bleiben, wie die Gleichberechtigung in der Verfassung verankert ist. Wir nehmen keine Sonderrechte für uns in Anspruch, auch wenn es mehr Rechte wären, weil hierin eben eine Sonderstellung den anderen Bundesbürgern gegenüber gelegen wäre. Wir wollen eben nicht mehr Rechte in Anspruch nehmen, als die Gleichberechtigung mit allen Bundesbürgern; daher auch kein spezifisches Judenrecht, sondern die gleichen Rechte mit den anderen Bundesbürgern. (Stürmischer Beifall.) Wir wollen keine Sonderstellung! Diese Sonderstellung wird noch mehr gefördert, wenn man sich auf den Boden des jüdischen Nationalismus stellt. Dieser Nationalismus hat hier keine Berechtigung. Ich will hier nicht untersuchen, ob der Begriff der Nation nicht überhaupt ein rein staatlicher ist. Daß wir aber in demselben Kulturkreise leben, wie unsere nichtjüdischen Mitbürger, daß wir dieselbe Sprache reden, müssen selbst jene zugeben, welche sich jüdisch-national nennen. Waruni also die Absonderung, die eine neue Mauer aufrichtet und uns schaden muß, ohne irgend einen Nutzen zu bringen! So bleiben wir unserer alten Devise treu: Treu zur Religion und treu zum Vaterland. Diese Devise: Treu zu unserer Religion und treu zum Vaterland, soll auch in diesem Haus, in diesem neuen Heim ihre Pflegestätte finden. Wir wollen sie in das Herz unserer Jugend geben, damit auch sie diesen Leitsätzen gemäß ihr Leben einrichte. Wir geloben, auch weiterhin eine treue Schildwacht sein zu wollen für die Rechte unseres Volkes, eine furchtlose Kämpferschar gegen alle Unbill und Ungerechtigkeit; gegen alle Lüge und Verleumdung, wenn sie sich erheben sollte wider unsere Religion und unsere Ehre. Wir wollen alle streiten für das Recht und für die Ehre der Juden! Und um ein Wort unseres hier weilenden Altpräsidenten Maximilian Paul Schiff aus dem Jahre 1901 zu zitieren, sei darauf verwiesen, daß er in der „Union" den Gesamtverein aller österreichischen Juden erblickte und die Zionisten einlud, in die „Union" einzutreten, insolange es den Zionisten nicht vergönnt ist, ihrer Sehnsucht entsprechend, nach Palästina auszuwandern. Auch sie können als unsere Brüder mit uns arbeiten und mit uns kämpfen, wenn es gilt, für das Recht und die Ehre des jüdischen Volkes einzutreten! Und wir wollen wiederholen die Worte, die der Vorsitzende des Gründungskomitees, Dr. Pins, vor nahezu fünfzig Jahren gesprochen: „Den uns aufgezwungenen Kampf wollen wir ausfechten, nicht für ein spezifisches Judenrecht, sondern für die Menschenrechte der Juden, für die höchsten Güter nicht nur des Judentums, sondern der Menschheit überhaupt!" Es wird und muß sich die Erkenntnis durchsetzen, daß alle Menschen nach dem herrlichen Bibelworte in Gottes Ebenbild erschaffen wurden und daher auf die gleiche Behandlung als Menschen Anspruch erheben dürfen! In diesem Sinne soll die „Union" auch in ihrem neuen Heim Kämpferin sein! Ihr Kampf ist ein Kampf für Recht und Ehre der Juden! Er führe zum Siege! (Stürmischer, langanhaltender Beifall.) Nun erklang ein herrliches „Hallelujah", vorgetragen von Oberkantor Postolow und einem Chor des Jüdischen Gesangvereines un^er der gediegenen Leitung von Dr. Kurt Pahlen. Mit der Absingung der Bundeshymne durch den gleichen Chor schloß die erhebende Feier, der abends ein stimmungsvoll verlaufener Empfangsabend mit künstlerischen Vorträgen folgte, über den wir noch berichten werden. Die „Union" hat ein neues herrliches HeJm im Hause I., Schottenring 25. alle ihre Mitglieder und Freunde sind zu oftmaligem Besuche und Beitritt zum Union-Klub herzlichst eingeladen. LEHRSTELLE für 16jährigen jüngeren Mann, in Deutschland wohnhaft, Oesterreicher, mit abgeschlossener Mittelschulbildung (Reifezeugnis), gut Englisch, gesucht. Eintritt anfangs Mai oder Juni. Bedingung Samstag frei, rituelle Kost und Logis. Offerte unter „Lehrstelle" an die Redaktion.

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