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Die Wahrheit · 1936-03-13 · Heft 12 (13.3.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 12 (13.3.1936)
Date
1936-03-13
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 12 — 13. März 1936 DIE WAHRHEIT DIE W Eröfinungsanzeige Gebe einem verehrl. Publikum bekannt, daß ich das Cafe Fürstenhof, II., Praterstraße Nr. 25, übernommen und nach vollständiger Renovierung am Samstag, den 14. März, 4 Uhr nachmittags, eröffnen werde. Es wird mein größtes Bestreben sein, das meinem Vorgänger erwiesene Vertrauen auch für mich zu erwerben. Hochachtungsvoll LEO MEIXNER Der Wille zu Österreich. Vortrag von Joseph August Lux in der „Union österreichischer Juden" am 4. Februar 1936. (Fortsetzung.) Die Geschichte aller Zeiten lehrt: ein Volk ohne Religion geht unter. Es hört auf Volk zu sein und wird Masse. Es verfällt dem Materialismus und treibt aui den Wogen der Leidenschaften wie ein Schiff ohne Segel, das nicht mehr von Gottes Wind geführt wird. Gerade das Gottesvolk der Juden weiß um diese Wahrheit. Weil es in Gott und aus Gott lebte, hat es sich aus seiner Katastrophe vor 2000 Jahren gerettet und erhalten — das einzige Volk der Erde, das die Offenbarung des unsichtbaren, persönlichen Gottes empfangen und überliefert hat. Zwischen dem Alten und Neuen Bund ist darum kein Riß; die religiöse Poesie der Psalmen ist auch Bestandteil der katholischen Liturgie und der sinaische Dekalog ist Grundlage des allverbindlichen religiösen Sittengesetzes, des Staatsgesetzes und Liebesgesetzes: Du sollst Gott deinen Herrn lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele, aus deinem ganzen Gemüte und deinen Nächsten wie dich selbst. Wer der Nächste ist, darauf antwortet in den Evangelien die Parabel vom Samariter. Nach diesem Liebesgebot hat der Antisemitismus, wie der heilige Vater selbst betont hat. in der katholischen Auffassung keine Wurzel und keinen Raum. Auch der Antisemitismus ist ein Minderwertigkeitskomplex. Das Böse und Verwerfliche, das an sich zu bekämpfen ist, müßte er auch bei sich suchen. Nicht der Religiöse, und darum auch nicht das religiöse Judentum, ist der Feind der Kultur des Vaterlandes — der Gottlose ist der Feind; der Barbar, der nach Grillparzer „sich losringt aus eigenem Schoß, und wenn erst ohne Zügel, alles Große, die Kunst, die Wissenschaft, den Staat, die Kirche herabstürzt von der Höhe, die sie schützt, zur Oberfläche eigener Gemeinheit, bis alles gleich, ei ja, weil alles niedrig...". Nicht der Nichtchrist, sondern der Gottlose ist der Antichrist, der in verschiedenen Gewändern umgeht, schlimmer als das Heidentum, denn das alte Heidentum war religiös, was das gottentfremdeie Neuheidentum, das sich des an sich so schönen Wortes liberal bedient, eben keineswegs ist. Und da sehen wir auch schon die bekannte Ideenassoziation von Liberalismus und Nationalismus in dem Worte Nationalliberal. Bardengesänge mit schrankenlosem Wirtschaftsindividualismus und der politischen Tendenz „Los von Rom" und „Los von Oesterreich", falsche Bildungsideale und eine falsche Aesthetik, die auch das antike Griechentum seiner religiösen Grundlagen entkleidet und den Kulturkampf entfesselt, der nicht ohne Rückwirkung auf das religiöse Judentum bleibt. Sozialismus und Republik stehen in einem unlösbaren Gegensatz zum katholischen Oesterreich. Sie stehen aber auch in einem gewissen Gegensatz zum religiösen Judentum, dessen Grundform theokratisch und monarchisch ist. Wenigstens enthält die heilige Schrift viele Stellen, die dafür sprechen und keine einzige, die damit in Widerspruch wäre. Der Antichrist in jeder Form ist der Todfeind nicht nur des Christentums, sondern auch des religiösen Judentums — und wer die Tempel anderer niederreißt, darf nicht erwarben, daß die eigenen stehen bleiben. Das sehen wir in Rußland, wo es keine Kirchen mehr gibt, aber auch keine Tempel und keine Synagogen. Der Nationalsozialismus ist ein gelehriger Schüler. Schauen wir hinaus ins Dritte Reich: Hunderttausende von Menschen müssen das Land verlassen, das ihnen Vaterland war, für das sie gekämpft und ihr Blut geopfert haben. Heimatlos, als Vertriebene, irren sie in der Welt herum, Juden, Protestanten, Katholiken, viele, die froh sein mußten, das nackte Leben zu retten. Eine furchtbare Belastung nicht nur für den Haushalt der anderen Völker und Staaten, sondern vor allem für das Gewissen der Welt. Darum steht des ersten Menschen erster Bruder auf, der Mensch, um denen beizustehen, die im unerträglichen Maße Unrecht und Verfolgung leiden. Die Geschichte lehrt daß, wenn Gott fehlt, letzten Endes der Mord Staatsraison wird. Auf diesem Hintergrund »vird man es um so besser verstehen, warum das Herzstück Europas notwendig ist, Oesterreich, das einem anderen Lebensgesetz gehorcht, und warum wir es wollen müssen. Austria docet. Das will ich Staats- und geschichtsphilosophisch begründen komme somit zum dritten Punkt. nun und Daß und wodurch das kleine zertretene Oesterreich den beiden fürchterlichen Gewalten widerstehen konnte, ist weder mit der Begriffswelt des Bolschewismus noch der des Nationalsozialismus zu erklären und zu verstehen. Es ist eine völlig andere geistige Welt, die aus höheren Quellen gespeist wird, aus einem Willen, der religiös bestimmt ist und aus dem ewigen Bücher g SchwdenbrOcke Wien |., Franz-Josefs-Kal 7 + Neue Büdier beiter Autoren zu tief reduzierten Preisen + Katalog gratis Eingesendet. Die „Union österreichischer Juden" erhielt folgendes offenes Schreiben. Ich stehe dem Zionismus, als der beginnenden Verkörperung eines zweitausendjährigen jüdischen Traumes, unbedingt sympathisch gegenüber. Die alte Sehnsucht nach Zion erscheint mir, unabhängig vom messianischen Gedanken, als ein Volksideal, das nicht seinesgleichen in der Geschichte der Menschheit hat. Allerdings mengt sich in das angenehme Empfinden über die Einzigartigkeit der jüdischen Stellung zu Zion eine scharie Bitterkeit, denn ein sehr großer Teil der heutigen Zionswanderer besteht aus gewöhnlichen Emigranten, die jetzt so nach Palästina gehen, wie man früher nach Amerika „gegangen" ist; aus Menschen, die nicht Palästina etwas geben, sondern von Palästina etwas haben wollen. Aber das Ideal besteht weiter, im Herzen vieler ganz ungetrübt. Weil mir also der Zionismus als sehr hehres Ideal erscheint, so möchte ich ihn rein und fleckenlos sehen; weil c ' erhaben ist, flößt mir die Bürokratisierung der Idee \bscheu und erst recht die Korrumpierung wahres En: 'tzen ein. Ich fordere von den Trägern der 1 ee, als Priestern eines hohen Ideals, noch mehr Anständigkeit als von anderen. Aber schon die Gehälterhöhe beim Nationalfonds und anderen Institutionen muß tiefstes Befremden erwecken. Die Anmaßung, nicht nur die Idee mit einer gefüllten Brieftasche zu „koppeln", sondern auch einen Teil der Gelder, die die einen sich für Zion vom Munde absparen (was an und für sich in Ordnung ist), den anderen zu geben, damit sie für sich ein eigenes Bankkonto anlegen, wirft einen sehr dunklen Schatten auf die ganze Bewegung. Denn es geht doch nicht an, unter Hinweis auf ideelle Werte zu werben, um damit materielle Werte für sich zu erwerben. Und diesem reiht sich sehr würdig der Streich an, den die Lokalpolitiker der Wiener Judengasse im Falle Löwenherz ausgeführt haben. Ich erwähne vor allem die Geldfrage: Eine Gemeinde, die dem Opferwillen der Steuerträger freiwillige Zuschläge zumutet und an die jüdische Bevölkerung Bettelbriefe und Bettelaufrufe richtet, darf nicht an eine Person 18.000 S im Jahre zahlen! Möge sie es doch wagen, in den Bettelappells zu schreiben: „Unser normales Budget reicht nicht aus; wir müssen sehr hohe Gehälter zahlen, so an Herrn Löwenherz 18.000 S im Jahr; helfet uns also, ihr kleinen jüdischen Angestellten, ihr armen Händler, ihr hungrigen Intellektuellen!" Es gab eine Zeit, da wenigstens ein Stricker gegen allzu hohe Gehälter zu wettern wagte; aber der schwerfällig gewordene Stricker ist quasi den Weg allen Fleisches gegangen. Die jüdischnationalen Mandatare Wiens haben ja kein Verständnis für die Größe der zionistischen Mission. Sie, die das Reich Davids irgendwie wiederaufrichten helfen wollen, die so gernean die Makkabäer- Epoche anknüpfen, haben ja keinen Sinn für den Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Sauberkeitsfanatismus Israels und für seine Verneinung jeden Gewissehskomprb- HEIRAT Mädchen, 37 Jahre, hübsch, klein, intelligent, häuslich, aus gut jüd. Hause, sucht Witwer ohne Anhang mit gutem Auskommen. Unter »Herzensgut" an d. Exp. Seinsgrund schöpft. Daß der Gott auch des alten Testaments kein nationaler Gott ist, sondern der Schöpfer des Alls, steht ja am Anfang der heiligen Schrift und hat der Apostel Paulus den Heiden gepredigt. Damit hängt die Reich-Gottes-Idee zusammen, die alle Völker als Familie umfaßt und die der heilige Augustinus in seiner Civitas Dei geschichtsphilosophisch begründet. Diese Reich-Gottes-Idee ist der Inbegriff des höchsten religiösen Sittengesetzes, des legitimen Rechtes und der Naturrechte als göttliche Rechte, die Grundlage für das christliche Abendland, verbindlich für alle Völker, wonach der Schwache nicht der Raub des Mächtigen werden konnte, die Pax Romana, das Reich Gottes aui Erden oder das heilige römische Reich, über das neben dem Papst der weltliche Arm der Kirche als Beschützer und höchster irdischer Richter der Kaiser gesetzt war, der Imperator Pacificus, für den die Kirche am Karfreitag betet, daß er siegreich bleiben möge gegen die Barbaren, „damit sie in ihrer Wildheit und ihrem Trotz den Frieden nicht stören". (Fortsetzung folgt.) misses bei der Verwirklichung einer großen Idee. Ich führe krasse Beispiele an: David fand nicht Gnade vor dem Griffel des jüdischen Historikers beim Einmeißeln des Uriasberichtes: und so brennen auf der ewigen glanzvollen Krone unverblaßt die roten Blutstropfen des Hetiters, hat neben den herrlichen Psalmen der Uriasbrief Platz gefunden und reiht sich der Ritterlichkeit gegen persönliche Feinde und der Heldentat gegen Goliath die Hinterlist an. Und dieser Nationalheld, abge härtet in vielen Kriegen, beugt sein Haupt, als die strafende Wahrheit in Gestalt des Propheten erscheint Als er einen Tempel bauen will, verwehrt es ib,m der Prophet, denn seine Hände seien vom Blute der Feinde befleckt; den Friedenstempel Gottes soll sein Sohn bauen. Sünden käuflicher Hohenpriester hat die jüdische Geschichte rücksichtslos angenagelt und nichts vertuscht. Und so wird auch, obwohl die heutigen Machthaber persönlich keinerlei historische Bedeutung haben, der unparteiische jüdische Historiker (und solche wird es noch geben!) etwas Peinliches aus ihrem Leben festhalten müssen: den Einzug der Korruption in die Wiener Kultusstube, geführt von der ersten zionistischen Mehrheit, von der ein Teil noch Herzl in die Augen geschaut hat. Für sauber halten sie selbst nicht die Affäre Löwenherz, denn sonst hätten sie nicht den die Wähler und die Oeffentlichkeit verhöhnenden Dreh aufgeführt, zuerst die Betrauung zu beschließen und dann scheinheilig einen Konkurs auszuschreiben (mit dem sie übrigens in den moralischen Konkurs hineinzuschlittern drohen). Es tauchen nun folgende Fragen auf: Haben die zionistischen Mandatare nicht wirklich um die Gel dinteressen eines einzelnen Juden die ganze Gemeinde in Gefahr gebracht? Warum hat nicht Löwenherz selbst erklärt, er möchte wegen seiner Person keine „sehr bedenklichen Komplikationen" heraufbeschwören? Die Vorgangsweise ist ein Analogon zu den im Talmud geschilderten palästinensischen Zuständen in der Römerzeit, in der aus nichtigen persönlichen Gründen für ganze Judengemeinden vernichtende Folgen heraufbeschworen wurden, denn die Schuldtragenden brachten kein Verständnis für die gespannte Lage auf. Hier aber sollte ein sogenannter „Führer" aus krassestem Egoismus, aber in voller Kenntnis der Gefahr so gehandelt haben?! Ist dem so, dann müßte er „exemplarisch belohnt" werden. Aber es besteht ein anderer Verdacht, der schon ausgesprochen wurde: daß es sich um ein „wählgesetzlich geschütztes Versorgungssystem handelt: sich als ehrenamtlicher Mandatar zu gehaben, um dann „in Ehren" ein lebenslänglich bezahltes Amt zu haben; efiTSystem, von dem angeblich noch andere Kultusräte profitieren wollen. In diesem Falle entstünde eine vielleicht gar erbliche Clique, die auf Verderb und Erwerb miteinander verbunden sein und wie ein Polyp alles umklammern würde. Das muß verhindert werden! Das können die zionistischen Wähler, denen der Vorstand eine Nase gedreht hat, n i c h t b i 11 i g e n. 1

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