Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 12 (13.3.1936)
- Date
- 1936-03-13
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 12 — 13. März 1936 DIE WAHRHEIT PENSIONS-VEREIN Invaliditäts-, Alters- Versicherungs-A.-G. WIEN l.5 SCHELLINGGASSE 1 Telephon: R 22-1-10 und Hinterbliebenen-Renten nationalen und politischen Zionisten steht wie wir. Erst unlängst klagte ein hervorragender Funktionär des Centrai-Vereines über die „Begehrlichkeit" der jüdischnationalen Zionisten Deutschlands, die auf Kosten der Gemeinden jüdischnationale Propaganda treiben und gutbezahlte Stellen ä la Löwenherz anstreben oder schon erreicht haben. Schon wieder jongliert Herr Doktor Ehrlich mit den Worten „Zionismus und Zionisten". Diese Worte bedeuten noch lange nicht „Judenstaat und Jüdischnarional". Der Höhepunkt der — Kühnheit ist wohl die Behauptung des Ehrlich, „die Unionisten wandeln die Spuren der deutschen Naumann-Juden". Aus seiner rechtsanwaltlichen Strafpraxis sollte Doktor Ehrlich wissen, daß man im Hause des Gehenkten nicht vom Strick reden soll. Der Jüdischnationale und Judenstaatler, Spitzel der „Gestapo" und Vorsitzender der jüdischen Kulturbünde von Hitlers Gnaden, Kareski, ist leider Gottes keine Einzelerscheinung. Die Jüdischnationalen Deutschlands haben sich mit den Nationalsozialisten auf einer Ebene getroffen. Was kann uns das viel wundern? Beide „Weltanschauungen" beruhen auf der berüchtigten pseudowissenschaftlichen Erkenntnis des „Blubo" Blut und Boden, nicht auf den sittlichen und geistigen Errungenschaften des menschlichen Geistes, sondern auf den primitiven atavistischen Gedankengängen der Nationalisten. Eine neue Lüge des Dr. Ehrlich — auf eine mehr kommt es schon nicht mehr an —: Ein Unionist habe die Regierung aufgefordert, „sie möge wenigstens die Gebarung der Kultusgemeinde überprüfen". Eine solche Aufforderang eines Unionisten ist nie ergangen. „Dis Wahrheit" hat lediglich die Zuschrift eines Neutralen veröffentlicht, der mit Recht auf die große Gefahr eines einseitigen politischen Regimes für die Autonomie der Gemeinde mit Rücksicht auf das Aufsichtsrecht der kommunalen und staatlichen Behörden aufmerksam gemacht hat. Die Verdrehungskunst der jüdischnationalen Wiener Schule hat aus dieser nüchternen Feststellung eine Aufforderung der „Union" zur Revision der Gemeindegebarung durch die Behörden herauslesen wollen1. Unrichtig ist weiters die Behauptung, daß über Antrag des seinerzeitigen Finanzreferenten der Kultusgemeinde und jetzigen Präsidenten der „Union" die Kultusgemeinde unter Berufung auf die M i n d er h e its re ch te um Beiträge für die Zwecke der Gemeinde ate die Regierung herangetreten sei. Richtig ist vielmehr, daß die ..Union" es damals so wie heute ablehnt, sich auf die Bestimmungen des für Oesterreich so unglücklichen Friedensvertrages von Saint Germain zu berufen. Die „Union" wollte schon damals von dem Danaer-Geschenk nationaler oder völkischer Minderheitsrechte nichts wissen. Nur vom Standpunkte der Gleichberechtigung aus hat die „Union" von der Regierung Beiträge für die Zwecke der Gemeinde verlangt, welche die Katholiken und die Protesanten zugebilligt erhalten. Ueber die Frage, die der Vizepräsident der Israelraschemi Kultusgemeinde und der Rat der Stadt Wien — das ist besonders in dieser seiner letzteren Eigenschaft bezeichnend für ihn — aufwirft: „Wer 5st eigentlich diese Union?" brauchen wir die österreichische Judenschaft nicht aufzuklären. Wie unser Name schon sagt, „Union österreichischer Juden", gibt es für uns nur ein rückhaltsloses Bekenntnis zum Vat-erlande Oesterreich. Dieses Bekenntnis zum Vaterlande in eine „lumpige Denunziation" umzuwandeln, ist der Frechheit des Vizepräsidenten Dr. Jakob Ehrlich, des Rates der Stadt Wiemi und einzelner seiner Gesinnungsgenossen vorbehalten geblieben. Auf die nächste, unter dem Titel „Verschiedene Kriegserinnerungen" enthaltene Infamie wollen w5!r nicht weiter eingehen. Sie gehört zu den Aeußerungen jener demagogischen Methoden, die nicht einmal mit der Feuerzange angefaßt werden können. Nur zwei Tatsachen wollen wir anführen: Es gibt gute Oitiziere und beschränkte Politiker. Die von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und vom Bund jüdischer Frontsoldaten aufgestellten Grabsteine auf dem Heldenfriedhof der Kultusgemeinde und die Gedenktafeln an die Gefallenen in den Tempeln erweisen die Blutopfer, welche die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" im Weltkriege für das Vaterland gebracht haben. Ihr vergossenes Blut bleibt ewiger Zeuge für die niedrige Denkungsart Dr. Ehrlich's, dessen Parteipolitik nicht einmal vor der Majestät des Todes Halt macht. Auch die Religion und die Religiosität will der Vizepräsident der Israelitischen Kultusgemeinde den Unionisten nicht lassen. Er wird die österreichisch-jüdische Welt nicht über die Tatsache hinwegtäuschen, daß die orthodoxen Juden Oester- Hornyphone und alle anderen Radio-Apparate auch auf Teilzahlung, Plattenspiel-Grammophone, Schatlplatten I. RadiO&aUS am Raihausplalz 9 Telephon R 43-5-70 reichs erst, seitdem die Jüdischnationalen die Herrschaft in der Kultusgemeinde angetreten haben, in eine religiöse Gewissensnot geraten sind und die Trennung von der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verlangt haben, während sie jahrzehntelang vor der jüdischnationalen Aera die volle Befriedigung ihrer religiösen Bedürfnisse in der Kultusgemeinde Wien gefunden hatten, in jener Zeit, in der die Mandatare der „Union" über die notwendige Majorität verfügten. Mit der Ausscheidung aus der Kultusgemeinde erlischt nach dem Gesetz die Zugehörigkeit zum Judentum. Die ses Privileg der zwangsweisen Zugehörigkeit zu- Kultusgemeinde verpflichtet. Jede Gruppe muß daher in ihren religiösen Bedürfnissen von der Kultusgemeinde befriedigt werden. Der Nationalismus aber hat für die Religion nicht viel übrig. Der Glaube der Jüdischnationalen ist die N a t i o n, ihr einig einziger Gott der Judenstaat Palästina. Wir werden uns daher durch diese neue Religion unsere religiöse Empfindung auch vom Herrn Vizepräsidenten Dr. Jakob Ehrlich in keiner Weise beeinträchtigen lassen. Nach diesen Bemerkungen über die prinzipjelle Einstellung der Jüdischnationalen zur Religion ist es wohl überflüssig, auf die meritorischen Ausführungen über das Wirken der Jüdischnationalen in der Richtung einer religiösen Erziehung einzugehen. Nur eines muß festgestellt werden: Das religiöse Schulwerk der Israelitischen Kultusgemeinde Wien hat der langjährige Referent und Obmann der Schulkommission, Herr Dr. Josef Tic ho, geschaffen. Die jüdischnationalen Arabesken, wie zum Beispiel die Errichtung einer jüdischnationalen Volksschule durch die Israelitische Kultusgemeinde in Wien, die, wie Präsident Dr. Friedmann enunzierte, geführt werden soll, wie es die Jüdischnationalen wollen, sind allerdings mehr zum Schaden der österreichisch-jüdischen Sache von der jüdischnarionalen Mehrheit hinzugefügt worden. Wir sind — wir haben es oft betont — bei Aufrechterhaltung des Prinzips der interkonfessionellen Schule für die fakultative konfessionelle Schule, damit jeder Jude in Wien die Erziehung seiner Kinder nach seiner Ueborzeugung und nach seiner jüdischen Einstellung besorgen kann. Daß die Jüdischnationalen auch die Verdieinste des Herrn Dr. Ticho ohne Gewissensskjrupel sich a r r o g i e r e n, ist nach der sogenannten; Budgetdebatte nicht weiter verwunderlich. „Wir aber", so schließt Dr. Ehrlich seine Budgetrede, „wissen uns eins mit den Idealen der gesitteten Menschheit". Dieser letzte Satz ist die größte Unwahrheit in der Budgetrede dieses Herrn. Die gesittete Wiener Judenschaft wird diesen Ueberhebungswahn eines Parteipolitikers ohne weitere Begründung durch uns richtig zu werten wissen. Standardwerk zur Bekämpfung des Antisemitismus. Es hat sich ein Exekutivkomitee gebildet, das die Leistungen der Juden in einem Standardwerk zusammenfassen will, mit dem der Kampf gegen den Antisemitismus geführt werden soll. Zu dieser Aktion sei iim folgenden Stellung genommen, es muß jedoch vorher zur ausführlicheren Begründung der Stellungnahme und zur Erzielung des .notwendigen Nachdruckes auf einige Tatsachen hingewiesen werden: Die Idee, die jüdischen Leistungen in einem Standardwerk zusammenzufassen und zu einem geistigen Arsenal gegen die antisemitische Pest zu gestalten, stammt von Marcus Silberschatz. Im Jahre 1931 verbreitete der Artikeldienst der J. T. A. den Aufsatz von Silberschatz „Neue Wege der jüdischen Selbstverteidigung" in der ganzen Welt. Die Publikation enthielt den obigen Vorschlag und auch die Anregung zum Bau von jüdischen Ehrenhallen. Etwa 120 jüdische Zeitungen und Zeitschriften aller Richtungen veröffentlichten ihn in großer Aufmachung. Eine Ausnahme, die natürlich auf eine Verkennung der Tatsachen zurückzuführen war, bildete das deutsche Sprachgebiet; dabei ist es von Interesse, daß gerade der krasse Antisemitismus im allergrößten Teile des deutschen Sprachgebietes .Silberschatz auf seine Idee, den Massen endlich und endgültig die Augen zu öffnen, gebracht hatte, und zwar eine Reihe von Jahren vor Niederschrift der Arbeit. Erst als die „W a h r h e i t" eingriff, löste dies günstige Rezensionen und Nachdrucke deutschsprachiger jüdischer Blätter aus. (Etwa zehn Artikel und auch Notizen hat die „Wahrheit" seither über die Idee publiziert.) Die „Union österreichischer Juden" bemühte sich in der Sache; sie leitete den Vorschlag 1932 in erster Reihe an eine Stelle in Deutschland weiter, aber diese wollte nicht mittun; sie übermittelte ihn an eine Stelle in Rom, da in Italien damals Bestrebungen des Prof. Tedeschi im Gange waren, eine Aechtung des Antisemitismus zu erwirken, und es war ja klar, daß jeder Weg dazu über die Idee von Silberschatz führte, da an eine Aechtung des Antisemitismus ohne Achtung vor dem Judentum doch nicht zu denken war; sie verständigte auch 1932 verschiedene nichtjüdische Blätter. Silberschatz erlebte den ganzen Leidensweg einer jüdischen und österreichischen Idee. Er wandte sich nach Genf, wo die Weltkonferenz zur Vorbereitung eines jüdischen Weltkongresses zusammentreten sollte; der Sendung legte er einen Brief von Dr. Leo Goldhammer an eine der führenden Personen, die mit Goldhammer gut bekannt war, bei; als kurz darauf der Betreffende nach Wien kam und Silberschatz ihn über die Behandlung seiner Arbeit befragte, erhielt er die „verständnisvolle" Antwort: „Wir haben so viele Zusendungen bekommen." Interessant ist, daß eine Persönlichkeit, die dem jetzt gebildeten Exekutivkomitee angehört, es seinerzeit abgelehnt hat, B i a 1 i k, mit dem er Kontakt hatte, für die Idee zu gewinnen. Als Bialik in Wien war, wurde von einer Seite der Versuch gemacht, ihm den Artikel von Silberschatz zukommen zu lassen; aber einer der Leibgardisten, die Bialik beigegeben waren, bemächtigte sich der Sache, steckte seinen Riecher hinein und entschied, die Anregungen seien vollkommen wertlos. Geradezu empörend war das Benehmen einer ausländischen Stelle, die die Idee vollkommen erfaßte, aber aus schmutzigen Motiven die Tätigkeit von Silberschatz hemmte. Ein Anwalt, der sich immer gern in den Vordergrund schiebt, war wohl beim Telephon zuckersüß und dienstbeflissen, ist aber feige ausgekniffen. Merkwürdig war die Aeußerung eines führenden jüdischnationalen Organs, das die Errichtung von Ehrenhallen als wirkungslos bezeichnete, obwohl es kurz vorher in anderem Zusammenhang in einer redaktionellen Einleitung zu einem Artikel von Silberschatz, auf dessen Bedeutung besonders hingewiesen hatte und daher etwas vorsichtiger hätte sein müssen. (Auf der Weltausstellung in Chicago wurde die Idee der Ehrenhalle verwirklicht, worüber der damalige Vizepräsident der Wiener Kultusgemeinde in einem ausführlichen öffentlichen Vortrage berichtete; der obgenannte, von der J. T. A. verbreitete Artikel war 1931 auch in der Chicagoer „The Daily Jewisli Courier" und „The Sunday Jewish Courier" erschienen.) Von dem Benehmen anderer, an die herangetreten wurde, soll gar nicht mehr gesprochen werden. Dagegen hat Dr. Max G r u n w a 1 d, der schon viele Arbeiten über jüdische Leistungen veröffentlicht und eine Reihe von Jahren vorher Vorträge darüber gehalten hatte, seine Mitarbeit sofort zugesagt und sein äußerst wertvolles Archiv zur Verfügung gestellt; er war es auch, der den Anreger mit der „Union" in Verbindung brachte. D. S. Silberbusch richtete ein Zustimmungsschreiben an Silberschatz; von gewisser Seite wurde auch dem Anreger der Kohutsche Nachlaß bedingungslos zur Verfügung gestellt. Silberschatz hatte sich auch ungefähr um die Wende 1931/1932 an Oberrabbiner Dr. Feuchtwang, da dieser vorher in anderem Zusammenhange über ihn geschrieben hatte, gewendet. Wäre es wohl, wenn jüdische Stellen nicht versagt hätten, bei entsprechend geschicktem Zupacken möglich gewesen, mit Hilfe von Nichtjuden dem antisemitischen Drachen mit Erfolg entgegenzutreten, wie es in Frankreich bei der Affäre Dreyfus der Fall war,