Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 11 (6.3.1936)
- Date
- 1936-03-06
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 6 Nr. 11 — 6. März 1936 DIE WAHRHEIT West und Ost. Jedesmal, wann in den zwei letzten Jahrzehnten Wahlen in den Wiener Kultusvorstand vor der Türe standen, griffen unsere jüdischnationalen Gegner zu dem bewährten Schlagwort: die Unionisten seien Feinde der Ostjuden. So wie gewisse außer jüdische Parteien mangels anderer Argumente — selbst gegen ihre bessere Ueberzeugung — nicht auf die Zugkraft der antisemitischen Demagogie zu verzichten vermochten, so ergeht es immer wieder den jüdischnationalen Wahlwerbern, die sich bewußt sind, nur durch die dem agogische Aufreizungder 0 s t j ud e n gegen die ihnen angeblich feindliche .,U n i o n" ihre Mandate erhalten zu können. Ebenso wie in der Frage des Zionismus, den die Herren Nationaljuden zur besseren Ausbeutung ihres nationaljüdischen Unternehmens seit vierzig Jahren in Erbpacht zu bekommen versuchen, den leichtgläubigen Juden ein X für ein U vorgemacht wird, genau so wird auch in der Frage des Verhältnisses vom Westzum Ostjudentum von den nationaljüdischen Wahlmachern das bei ihnen beliebte „Dreh"-Rezept verwendet; man muß sagen, wenigstens bisher mit Erfolg. Einen Beweis hiefür liefern der Wahlkampf und das Wahlergebnis vom Jahre 1932. Damals gingen die Nationaljuden wochenlang in den Wählerversammlungen mit der lügnerischen Verdrehung hausieren, ein Wahlredner der „Union" hätte sich den Ausspruch geleistet: Zwischen West- und Ostjudentum muß der Trennungsstrich gezogen werden. Der Berichterstatter in jener unionistischen Wählerversammlung, in der dieser Ausspruch angeblich gemacht wurde, ist niemand anderer als jener nationaljüdische, aus dem Osten stammende Kultusvorsteher, der in der jüngsten öffentlichen Budgetberatung des Kultusvorstandes in einem wohl humoristisch sein sollenden Zwischenruf den Wunsch geäußert hat, man möge die Unionisten aufhängen. Wir liaben dem Manne, der trotz jahrzehntelangem „verdienstvollen" Leben in Wien noch nicht der deutschen Sprache mächtig ist und daher auch nicht den Ausführungen eines deutschsprechenden Redners zu folgen vermag, schon längst verziehen. Es ist übrigens derselbe Mann, der durch seine unflätige Verhöhnung des österreichischen vaterländischen Gefühls gegenüber unserem oberwähnten damaligen Wahlredner diesen zu seinen Bemerkungen über Ost- und Westjudentum veranlaßt hat. Es ist in diesem Zusammenhange auch jetzt, da wir voraussichtlich wieder vor einem Wahlkampfe stehen, wohl interessant, jene Feststellungen zu reproduzieren, die unter der Ueberschrift „Dichtung und Wahrheit" unser publizistisches Organ am 18. November 1932 gemacht hat. Es heißt dort u. a.: Die Herren müssen sich trotz ihres zur Schau getragenen Optimismus sehr schwach fühlen, wenn sie auf diese Weise Wählerfang zu treiben versuchen, es sei denn, daß sie ihren Optimismus auf Lüge und Verleumdung gründen; darin können wir uns freilich mit ihnen nicht messen. Wie leicht ist es, durch das Herausreißen eines Satzes aus dem Zusammenhang den ganzen Sinn zu veifälschen! Sind die Herren Berichterstatter bei der. Taimudfälschem in die Schule gegangen? Nur um die Gemeinheit derartiger Praktiken zu kennzeichnen, geben wir den Gedankengang der Ausführungen Dr. Lenks wieder. Er sagte: Immer wieder habe man Gelegenheit, die bedauerliche Tatsache festzustellen, daß Ostjuden, die schon viele Jahrzehnte hier leben, hier ihr gutes Auskommen haben und ihre Kinder großziehen, den Anschluß an uns österreichische Juden nicht suchen und nicht iindcn, daü sie unsere Liebe zu unserer österreichischen Heimat verhöhnen und verspotten, daß sie auf dem Boden, auf dem sie und ihre Kinder leben, nicht heimisch werden und nicht heimisch werden wollen, trotz Staatsbürgerschaft und Zuständigkeit. Die S c h v 1 d daran, daß viele unserer ostjüdischen Brüder den Anschluß an ihre Umgebung, was schon aus wirtschaftlichen Gründen erwünscht wäre, nicht fanden, tragen die Führer der verschiedenen zionistischen Parteien, die aus politischen Gründen ihre Anhänger in künstlichen Ghettis, in Klausuren halten, die zionistische Politik ist schuld daran, wenn zwischen Ost- und Westjudentum ein Trennungsstrich gezogen wird. Wer trägt also die Schuld daran, daß von Gegensätzen zwischen den in Wien lebenden Juden gesprochen werden muß, wer, die „Union", deren jüdische Bestrebungen dahin geht, alle, ausnahmslos alle Juden, ohne Unterschied ihrer örtlichen Herkunit, mit dem österreichischen Vaterlande verwachsen zu lassen, oder die Führer der verschiedenen nationaljüdischen Parteien, deren nationale und staatszionistische Politik — gewollt oder ungewollt —, wie die Tatsachen beweisen, eine seelische Entfremdung und Absonderung zur Folge haben muß. Es verlohnt sich aber, da ja die Herren nicht so leichten Herzens auf einen solch demagogischen Wahlschlager verzichten werden, auf den in der „Wahrheit" am 28. Juli 1933 veröffentlichten, von Dr. Lenk gezeichneten Leitartikel zu verweisen, in dem es nach Zurückweisung von antisemitischen Extratouren des „Bauernbündler" und des „Neuigkeitswetlblatt" u. a. heißt: Sollte es wirklich ein reiner bedeutungsloser Zufall sein, daß nicht nur die genannten zwei chrjstlichsozialen Blätter die Ostjudenfrage in den Vordergrund rücken und die verschiedenen jüdischen Schichten gegeneinander auszuspielen versuchen, sondern daß auch, wie man hört, die Führung der Heimwehr sich in den gleichen Gedankengängen bewegt? Die Herrschaften befinden sich in einem sehr schweren Irrtum, wenn sie meinen, daß „gescheite, bodenständige Juden bei all der Treue zu ihrer Rasse" der niederträchtigen Gemeinheit fähig wären, ihnen die Kastanien aus dem Feuer zii holen. Das müssen sich die Herren wenn sie den Mut und die „C h a r a k t e r h ö h e" dazu aufbringen, Bücher Sä Schwdenbrucke Wien f., F>anz-Josefs>Kai 7 ♦ Neue Bücher bester Autoren zu tief reduzierten. Preisen.+ Katalcg gratis schon selber besorgen. Das wäre wieder einmal der richtige Dafik vom Hause Oesterreich. Waren es doch gerade die polnischen Juden, die unter der Kriegsfurie ajü "meisten gelitten, die die größten Opfer zu trägen,;die ärgsten Schikanen im Kriege zu erdulden hatten. Waren nicht sie es, die einbekanntermaßen: in „den Kriegsjahren auf galizischem Boden tausendfach Zeugnis ablegten für ihre Vaterlandsliebe und Kaisertreue? Dessen mögen die Herren eingedenk, .sein, die sich jetzt so sehr bemühen, die Traditionen der alten Armee wieder neu zu beleben, dann werden sie die Hand sinken lassen, falls sie sich gegen das „ostjüdische Element" erheben wollte. Diese Zeilen wurden ein halbes-Jahr n a c ii dem Wahlerfolge der Jüdischnationalen, der nach übereinstimmender Meinung nur durch die Aufreizung des in Wien ansässigen „ostjüdischen" Elementes herbeigeführt werden konnte, geschrieben. Sie waren also nicht auf Wählerfang berechnet, sondern verliehen der offenen, mutigen Ueberzeugung der „Union" Ausdruck. Die Herren jüdischnationalen Wahlwerber werden trotz diesen Feststellungen, dessen sind wir sicher, ihre neu eingelegte Walze abwerkeln, denn anderenfalls wären ihre Mandate und der Amtsdirektorposten in Gefahr. Und zum Schlüsse wollen wir — vorläufig nur ein wenig — die Schleier lüften, um an einem einzigen Beispiel die wahre Gesinnung von Leuten zu zeigen, die da vorgeben, die Ostjuden gegen die „gehässigen" Unionisten in Schutz nehmen zu müssen. Wir begnügen uns für heute mit diesem einen Beispiel und verzichten auf die Wiedergabe von privaten, oft unter vier Augen gemachten Aeußerungen gegen die „polnischen Juden", Aeußerungen von führenden nationaljüdischen Herren, die sich allerdings schon für sehr „bodenständig" halten. Für heute also nur ein Beispiel, aber ein sehr lehrreiches! Wir haben davon bereits in der „Wahrheit" vom 18. November 1932 Erwähnung getan in einem Artikel, in dem wir uns mit dem Kampf der Nationalen um die Seelen der Orthodoxen beschäftigten und schrieben: Neben dem religiösen Moment wird neuesten.« seitens der Zionisten mit dem Schlagwort „Ost- und Westjuden" operiert. Da sind es wiederum die Zionisten, die sich als Beschützer der Ostjuden gegen die bösen Unionisten, die nur für die Westiuden eingenommen sind, aufspielen. Wie lächerlich diese Verleumdung ist. geht schon aus dem Umstände hervor, daß seit Jahrzehnten das Gros der Fürsorg e t ä t i gk e i t der Kultusgemeinde zugunsten der Ostjuden erfolgt unddaß die Leitung der Kultusgemeinde auch während der Jahrzehnte, da diese sich ganz in den Händen der Unionisten befand, nie einen Unterschied zwischen Ost- und Westjuden machte. Der Begriff „Ostjuden" ist übrigens eine zionistische Erfindung, nicht gerade zum Nutzen dieser Juden . . . Aber wenn das Organ des Herrn Stricker gerade besonders intensiv mit diesem Schlagwort operiert, so möchten wir wiederum dem Gedächtnis der öffentlichen Meinung ein wenig nachhelfen. Es war in den ersten Wochen nach Kriegsausbruch, als Tausende und Abertausende Juden aus Galizien und der Bukowina als sogenannte Flüchtlinge nach Wien kamen. Daß sich diese Juden aus dem fernen Osten, noch dazu in ihrer damaligen verzweifelten Lage, aller Mittel beraubt, beschäftigungs- und existenzlos, nicht so rasch in das Milieu des Wiener Lebens einfügen konnten, war nur zu sehr begreiflich. Aber die Judenfeinde setzten sofort mit der Parole «in, man müsse diese „Zugereisten" abschieben und in Konzentrationslager internieren. Wer aber fand den Mut, sich öffentlich gegen diese Flüchtlinge auszusprechen und damit den Antisemiten Helfersdienste zu leisten? Kein Geringerer, als der damalige Führer der Wiener Zionisten. Er wurde deswegen von Herrn Dr. S. R. L a n d a u. Redakteur der „Neuen National-Zeitung", scharf angegriffen. Derselbe Mann, der es bis auf den heutigen Tag liebt, in seinem Organ mit Beschimpfungen und Verleumdungen nur so herumzuwerfen, ist aber höchst empfindlich, wenn man ihm einmal gehörig auf die Finger klopft; er klagte also Dr. Landau wegen Ehrenbeleidigung. Dr. Landau trat den Wahrheitsbeweis an und wurde auf Grund desselben freigesprochen . . . Vielleicht erinnert sich Herr Stricker dieser Episode, dann wird er mit seiner Rolle als Verteidiger der Ostjuden gegen die bösen Unionisten etwas vorsichtiger sein. Sollte sich Herr Oberbaurat Stricker, vorübergehender Führer der von den Revisionisten abgespaltenen Judenstaatspartei omd" "ständiger „Verteidiger" der Ostjuden, sich aber nicht mehr dieser Episode aus dem Jahre 1914 erinnern können oder wollen, so diene ihm der Hinweis, daß nach der Aktenlage seine überaus abfälligen Aeußerungen gegen die polnischen Flüchtlinge in Gegenwart zahlreicher, zum großen Teil heute noch lebender Männer in einer Vorstandssitzung des Asyl-Vereins gefallen sind und daß dabei aus seinem Munde Redewendungen kamen, wie „Man müßte sich die Flücht 1 inge vom Halse schaffen", oder „Die aufgeputzten Weiber aus Galizien seien ihm ein Dorn im Aug e". Für heute diese Blütenlese aus vergangener Zeit; sie zeigt wohl zur Genüge, mit welch verleumderischen demagogischen Mitteln unsere politischen Gegner im jüdischen Lager zu Werke gehen. Professor Pinelcs gestorben. Am 3. d. M. ist der bekannte Wiener Internist Universitätsprofessor Dr. Friedrich P i n e 1 e s plötzlich im 68. Lebensjahr einem Herzschlag erlegen. Professor Pineles studierte in Wien und war Assistent bei Professor Nothnagel. Seit vielen Jahren leitete er eine Ambulanz für innere Krankheiten im Kaiser-Franz-Josefs-Ambulatorium in der Sandwirtgasse. Professor Pineles war ein führender Forscher auf dem Gebiete der inneren Sekretion, insbesondere haben seine Untersuchungen über die Tätigkeit der Schilddrüse und der sogenannten Nebenschilddrüsen internationale Anerkennung gefunden. Sein Tod bedeutet für die Wiener medizinische Schule einen schweren Verlust, aber auch die Wiener Judenschaft verliert einen treuen Glaubensgenossen. Die Besichtigung der Strnad-Ausstellung für Mitglieder und Ffffiljde der „Union" findet Sonntag, den 8. März vormittags statt. Treffpunkt präzise 11 Uhr vormittags im Vestibül des Ausstellungsgebäudes, H a g e n b u n d, I., Zedlitzgasse 6. Die Führung hat in freundlicher Weise Herr Architekt Ziv.Ing. L. P o n z e n übernommen. Entree 60 Groschen.