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Die Wahrheit · 1936-03-06 · Heft 11 (6.3.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 11 (6.3.1936)
Date
1936-03-06
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite Nr. 11—6. März 1936 DIE WAHRHEIT SbroldßidnM ✓fisSp3 schon l&OtoLUauoJi. Sörela. sparsam S&omsckaum douue yamucUk&aK Mit berechtigter heller Begeisterung spricht der „objektive" Präsident und der parteipolitische Finanzreferent ad hoc vom unentgeltlichen Arbeitsnachweis. Der unentgeltliche Arbeitsnachweis steht unter der Führung des u n i o n i s 11 s c h e n ehemaligen Kultus Vorstehers Geza Klinger. Auch nach dem Ausscheiden der unionistischen Mandatare wird der Arbeitsnachweis von Geza Klinger geführt. Alles Lob, das d'esem Arbeitsnachweis gespendet wird, verdient vor allem der Obmann des Arbeitsnachweises, Herr Geza Klinger. Geza Klinger ist aber unionistischer Mandatar und aus diesem Grurtde braucht ihn der Präsident nicht zu erwähnen. Er lobt die Tätigkeit des unentgeltlichen Arbeitsnachweises, schreibt sie zur Gänze auf das jüdischnatictiale Konto undi weiß, daß der Obmann des Arbeitsnachweises vom Beginn seiner Tätigkeit bis zum heutigen Tage Herr Geza Klinger war und ist, er weiß ganz genau, welchen Kampf dieser Mann dauernd führen muß, um von Dr. Löwenherz die bescheidensten Mitte! für die Führung des Arbeitsnachweises zu erhalten. Diese Tatsache aißein beleuchtet am besten die Entstellungen, die der Präsident der Kuätusgemeinde als Finainzreferent zu Gunsten seiner Partei als Budgetrede vorgebracht hat und ir>. dem offiziösen Blatt der Kultusgemc'ude ,.D:fe Stimme" veröffentlichen ließ. Facit: Mißbrauch der Kultusgemeinde. Wäjr haben uns bisher im großen und ganzen mit der Budgetrede des Präsidenten der Kultusgemeinde befaßt. Wir sind aber noch lange nicht fertig. Wir werden int weiteren Artikeln uns mit allen Details seiner Rede und mit der von Gehässigkeit strotzenden Rede des Vizepräsidenten Dr. Ehrlich befassen, wir werden keine falsche Behauptung — und deren sind sehr viele — unwidersprochen lassen. Wir werden auf dem Wege des Kampfes für dSe Reinheit und Sauberkeit der Kultusgemeinde fortschreiten. Wir werden den Jüdischnationalen die Maske vom Gesicht reißen und die hinter ihiren getünchten Reden verborgenen Wahrheiten ams Tageslicht bringen. Die Wiener Judenschaft! wird dem Herrn Präsidenten der Kultusgemeinde und seinen Helfershelfern auf dem von ihnen eingeschlagenen Wege der Parteiwirtschaft nicht folgen. Die Wiener Judenschaft weiß, daß die unionistlischen Mandatare, ohtne sich in der Zeitung selbst ein Lob zu singen und ohne Vergeltung ihrer Leistungen durch lebenslängliche Versorgung aus den Mitteln) der Kultusgemeinde und ohne darauf Anspruch zu erheben, Ihr Bestes getan haben, um der Kultusgemeinde zu dienen. Je mehr die „Unionisten" von der jüdischnationalen Mehrheit beschimpft und herabgewürdigt werden, desto besser wird der ihnen aufgezwungene Kampf von der Wiener Judenschaft verstanden werden. Die Kämpfer der „Union" buhlen nicht um den Dank der Oeffentlichkeit und singen sich nicht die eigenen Lobeshymnen, aber sie haben ein Recht darauf zu verlangen, daß die Wiener jüdische Bevölkerung sie in ihrem Kampfe gegen die jetzige Verwaltung der Kultusgemeinde unterstützt, die kein Mittel unversucht läßt, um die Kultusgemeinde für ihre parteipolitischen Zwecke zu mißbrauchen, während diese in Wirklichkeit die Aufgabe hat, für die religiösen Bedürfnisse der gesamten Wiener Judenschaft zu sorgen und nach den Vorschriften der Religion für die armen, kranken, erwerbsunfähigen Glaubensgenossen zu wirken. Coudenhoves Abwehr des Jadenhasses! Aus technischen Gründen kann diese uns bereits vor einiger Zeit eingesandte Besprechung erst heute erscheinen. D. Red. Vor 35 Jahren promovierte an der Prager Universität Graf Heinrich Coudenhove-Kalergi mit der Dissertation „Das Wesen des Antisemitismus". Der damals bereits Zweiundvierzigjälirige war an dieses Thema als Antisemit herangetreten. Auf Seite 32 seines Buches bekennt er: „Wenn man, als ich vor einigen Jahren mich entschloß, die Judenfrage zu studieren und über dieselbe zu schreiben, mich gefragt hätte, ob das Werk antisemitisch ausfallen würde, so hätte ich diese Frage wahrscheinlich bejaht. Ein ernstes und, wie ich glaube* gründliches Studium der Sache hat mfcch eines Besseren bel|ehirt" Wie sich diese Wandlung in ihm vollzogen hat? Die erste und unerläßliche Voraussetzung war seme unbedingte Wahrheitsliebe. Kurz vor seinem wenige Jahre später erfolgten Tode schreibt er in leiner anderen Veröffentlichung: „Von niemandem abhängig und mit irdischen Glücksgütern, so ziemlich mit allen, gesegnet, ja überhäuft, darf ich mir den Luxus bieten, schriftstellerisch zu arbeiten, bloß um der Wahrheit zu dienen. Ich betrachte mich a3s Diener jewar, die vorurteilsfrei und voraussetzungstos die Wahrheit suchen." Und dieser unerschrockene Wahrheitssucher, der im Besitz einer erschöpfenden Fachliteratur rein uissenschafdich, wie der Chemiker mit Hilfe des Reagens, eine Analyse des Judenhasses unternimmt, ist nicht eft'wa ein Stubenhocker und Bücherwurm, sondern ein Weltmann, Offizier und Diplomat, ein passionierter Jäger, der als solcher in den Urwäldern Brasiliens den Weltrekord errungen hatte. Er kannte den größten Teil der Welt, insbesondere Asien, aus gründlicher eigener Anschauung und beherrschte 16 Sprachen, besaß somit auch die Fähigkeit, seünen Stoff aus den Quellen zu schöpfen und die einschlägige Literatur kritisch zu behandeln. Nicht für überflüssig erachtet er die Versicherung, daß in seinem Stammbaum sich nicht die geringste Spur jüdischen Blutes finde. Doch setzt er hinzu, „wäre *) R. N. Coudenhove-Kalergi. Judenhaß von heute. Graf H. Coudenhove-Kalergi, Das Wesen des Antisemitismus, Wien 1935. Paneoiropa-Verlag. S 9.50. dies der Fall, so würde;ich dies nicht nur nicht verschweigen, sondern es geradezu freudigst bekennen, weil ich stolz wäre auf eine mögliche Stammverwandtschaft mit den heiligsten Männern und Frauen, die je auf diesem Planeten gewandert sind. Auch bin und war ich nie Freimaurer. Ich bin ein arbeitendes Mitglied der katholischen Kirche." Diese Schlußworte hat er selbst unterstrichen. Sie wiegen auch besonders schwer aus zwei Gründen. Erstens, weil der Autor induktiv zu dem Ergebnis gelangt, daß der Antisemitismus jeder Art auf eine ursprünglich religiöse Wurzel zurückweist Und zweitens, weil er ihn, von streng katholischem Standpunkte aus, als verwerflich erkennen muß, ihn mit der katholischen Lehlre unvereinbar findet und für seine Beseitigung in weiten Kreisen, besonders in den Massen, sich viel davon verspricht, wenn aus dem Ritus der Kirche Stellen ausgeschieden würden, die eine moralische Herabsetzung der Juden beinhalten und dadurch öffentlich und autoritär den Judenhaß für berechtigt erklären und immer von neuem nähtren und schüren. Die Begründung dieser These auf weit über 300 Seiten ist so überzeugend, daß man wünschen muß, das Buch möge eine möglichst weite Verbreitung finden. Die Fülle des geschichtlichen Materials, die Sicherheit des Urteils, die hochethische Grundanschauung, die das Ganze durchleuchtet, und nicht zuletzt die klassische Kunst der Darstellung machen es aber auch für jedem Juden zu einer überaus dankenswerten Lektüre. Fast möchte man es Pflicht eines jeden Juden nennen, dieses Werk zu lesen und' der Jugend zu lesen zu geben. Graf Coudenhove hat seine Ueberzeugung auch betätigst. Juden, die sich seines Umganges erfreuen durften, wußten davon zu erzählen!. An allen Vorgängen im jüdischen Leben nahm er regen Anteil. Gewissenhaft las er jüdische Wochenschriften. Mit Bloch und Herzl stand er fn Verbindung. Mehr abejr als durch alles andere bekräftigte er die in seinem Buche niedergelegte Anschauung durch die Tat, mit der ein jeder Vater den Ernst seiner Meinung am deutlichsten bekundet: indem er seinen Sohn in dieser Anschauung erzogen und damit der Welt einen Hornyphone und alle anderen Kadio-Apparate auch auf Teilzahlung, Plattenspiel-ürammophone. Schallplatten 1. ftadiO&QllS am Rain&uspiaiz 9 Telephon R 43-5-70 Erben seines Geistes und Fojrtsetzer seines Lebenswerkes hinterlassen hat. Von echter tiefer Pietät ist die Vorrede Dr. R. N. Coudenhove-Kalergis zur neuen, von ihm veranstalteten und durch ein Namensverzeichnis bereicherten Ausgabe des Werkes seines Vaters. Der ganze Coudenhove, wie ihm die Welt als tapferen, umsichtigen, wortgewaltigen und siegesgewissen Vorkämpfer des Paneuropa-Gedankens achten und verehren gelernt, spricht aus seinen Worten: „Coudenhove war ein großeT einsamer Mann. — Er war zu stolz, um eitel zu sein, zu weise, um ehrgeizig zu sein." Richard Coudenhove hat aber noch mehr getaut. Er bietet in dem vorliegenden Bande eine Fortführung des Werkes seines Vaters unter dem Titel: Judenhaß von heute. Hier spricht nicht nur der Meister der Kulturphilösophie, nicht nur der auf hoher Warte stehende Ethiker zu uns. Hier schlagen Herzenstöne durch, die, so hoch sich auch der Gedanke mit souveräner Beherrschung des Gegenstandes erheben mag, warme menschliche Teilnahme verraten für die Opfer der größten Ungerechtigkeit, die bisher den Ehrenschild der Menschheit befleckt hat. Was er von der Arbeit des Vaters sagt, gilt im gleichen Maße von der seinen, „daß in der ganzen einschlägigen Literatur kein Werk erschienen! ist, das dieses an Kenntnis der Tatsachen und Redlichkeit der Gesinnung erreicht." Er behandelt die Ereignisse und Kräfte, die zum neuen Aufflammen des Judenhasses in unserer Gegenwart geführt haben: „Weltkrieg und Weltkrise, Bolschewismus und Zionismus, die Westwanderung der O s t j u d e n, das Erstarken des N a t i onaliismus, die Protokolle der Weisen von Zion, die neuen Rassentheorien und das antisemitische Neuheidentu m." Der ganze ijugendfrische Optimismus,' der aus allen Worten und Taten Coudenhoves spricht und der wie ein Leuchtstern im nächtigen Chaos unserer Zeitgeschichte uns rettende Wege weisen will, nimmt auch hier auf jeder Seite gefangen. Mit dem Pathos der aMen Propheten verheißen hier zwei Generationen, Vater und Sohn, zuversichtlich eine Zeit, in der die Judenfrage eine •Frage für Historiker sein wird, — aber nicht für Politiker. „Der Antisemitismus wird fallen, weil die Wahrheit siegen wird." Wir wollen sie mit ihnen erhoffen und, was an uns liegt, mit ihnen dafür kämpfen. G. Das antisemitisches Lausbubenstück aufgeklärt. Wie letzthin berichtet, wurden in der Vorwoche in Wien Streuzettel gefunden, die einen Davidstern und die Inschrift trugen: „Juden kauft nur bei Glaubensgenossen!" Bs war uns sofort klar, daß es sich hier nur um eine antisemitische Provokation handeln könne, die den Juden den Boykott christlicher Geschäfte ankreiden sollte, um so der antisemitischen Agitation eine Handhabe zu bieten. Die eingehenden polizeilichen Erhebungen haben nun zu einem Ergebnis geführt, das diese Vermutung vollauf bestätigt. Es wurde nämlich festgestellt, daß die Flugzettel im Auftrage nationalsozialistischer Parteigänger in der Buchdruckerei des Gustav Fleischer, Kundmanngasae 34, hergestellt und durch Nationalsozialisten in den Straßen Wiens gestreut wurden; Gustav Fleischer wurde in Haft genommen und seine Druckerei behördlich gesperrt. Herr und Frau Rabbiner Dr. Zwi Taubes laden höflichst zur nraö "a ihres Sohnes Jakob ein, welche Samstag, den 7. März 1936, um 9 Uhr vormittag, im Tempel, II., Pazmanitengasstr 6, stattfindet.

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