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Die Wahrheit · 1936-02-28 · Heft 10 (28.2.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 10 (28.2.1936)
Date
1936-02-28
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 6 Nr. 10 — 28. Februar 1936 DIE WAHRHEIT konnte und daß nur diese Auffassung und diese Treue 35ii ihr im Zeitalter des nationalen Chauvinismus und des Schlagwortes vom Nationalstaat den Nationalitätenstaat des aiten Oesterreich gegen alle Zerstörungsversuche halten konnte, bis der größte Krieg aller Zeiten als Elementarereignis wie eine Ueberrumpelung das Haus von einem Dutzend von Völkerschaften zum Hin- Sturz zu bringen vermochte. Diese Auffassung und die jahrhundertelange Bewährung im Rahmen des zeitgeschichtlich jeweils Möglichen hat darüber hinaus dem verarmten und verbannten Herrscherhaus den Rang gewahrt, derart, daß man die „Anziehungskraft" eines Habsburgers von der Nachbarschaft aus auf die eigene Staatsbevölkerung fürchtet und sich nicht scheut, von solcher Furcht offenherzig zu sprechen. Aus diesen Tatsachen folgt als Selbstverständlichkeit, daß jeder Träger der habsburgischen Herrsch errechte das aus dieser Auffassung stammende Kapital an Autorität zu hüten und zu pflegen entschlossen sein wird, weil gerade dieses Kapital an realem und ideellem Wert, wie die Erfahrung lehrt, durch nichts überboten werden kann. Wer diese Tatsachen nicht vor Augen hat, könnte leicht der Versuchung unterliegen, die verschiedenen Erklärungen des jungen Überhauptes des Hauses Habsburg als unverbindliche Aeußerungen eines Prätendenten einzuschätzen, die im gegebenen Falle vergessen werden könnten. Vertragstreue beispielsweise steht in unserer Gegenwart, besonders im öffentlichen Leben, gar nicht hoch im Kuis. Der einzelne Politiker, auch der verantwortliche Minisier irgend eines Staates mag sich leichten Herzens über Auffassungen, die er einmal verkündet hat, im gegebenen Falle hinwegsetzen und man ist heute daran gewöhnt, ihm solchen „Wortbruch'" oder solche Uebertretung grundsätzlicher Richtlinien auch nicht übelzunehmen. Man pflegt sich mit der Formel zu trösten, daß das Leben „nun einmal so sei" und verzeiht oft auch dann, wenn man von solchem Gesinnungswandel und solcher Vertragsuntreue selbst betroffen wurde. Beachtet man diese Einstellung, die man für die Gegenwart als allgemein gangbar ansehen muß. im Gegensatz zu der durch fast sieben Jahrhunderten lang erhärteten und zur Tradition, zur Berufs- und Familientradition gewordenen Auffassung der Habsburger vom „Rechtsstaat", dann versteht man den eigentlichen tiefen Sdnn des Gedankens einer Erbmonarchie. Eine Tradition langer Zeitperioden allein kann solche Staatsauffassung so untermauern und befestigen, daß in einer über jeden Zweifel stehenden Weise die reale Kraft idealer Grundsätze erkannt und verstanden und deshalb auch gehütet und gehalten w i r d. Für ganz Europa liegt deshalb die Bedeutung des I e g i t i in i s t i s c Ii e n Gedankens darin, im Zentrum des Erdteiles an seiner verwundbarsten Stelle in Wien, einen aus solchen Gründen unbeirrbar gewordenen Träger der Rechtsidee und der Vertragstreue und — entsprechend der Gegenwart — der sozialen Staatsauffassung zur Geltung kommen zu lassen, um diesen Angelpunkt Europas in eine notwendige Ruhelage zu bringen. Besonders interessiert an der Rückkehr der Habsburger nacii Oesterreich sind deshalb im wohlverstandenen eigenen Interesse alle Staaten Europas, denen au der Pazifizierung dieses Erdteiles gelegen ist. Wo sich — in der unmittelbaren Nachbarschaft Oesterreichs — Widerstände zeigen, sind sie leicht als nachbarliche Rivalitäten zu erkennen, die einen Endkampf deshalb ausfechten, weil sie vor Torschluß, vor der Stabilisierung der Stellung Oesterreichs im Donauärm und in Europa die ihnen möglich erscheinenden Korrekturen im wechselseitigen Kräfteverhältnis als die Nächstbeteiligten versuchen wollen. Besonders interessiert sind weiters alle irgend wie abhängigen Menschen, die sich im nackten Machtkampf des Alltags nur recht und schlecht behaupten können und die dann am besten leben, wenn üie oben-te Macht im Staat selbst daran interessiert ist, aus den geschilderten Gründen für die möglichste Beseitigung jeglicher sozialen Benachteiligung einzutreten. Daher erwacht tatsächlxh in Kreisen der österreichischen Arbeiterschaft ein nachhaltiges Interesse für die Frage der Staatsform in Oesterreich. Ein besonderes Interesse liegt auch bei den J ud e n vor. üie letzten Wochen haben aus den Nachbarstaaten Oesterreichs trübe Nachrichten gebracht. Es gibt Bestrebungen in der Richtung eines „numerus clausus"' — nicht nur gegen Juden —, neuerdings in der Tschechoslowakei und in Ungarn. Dagegen helfen die besten Verfassungen wenig oder nichts, wenn man einmal mit Erfolg versucht hat, die wirkliche Gleichberechtigung irgendwo und irgendwie zu durchbrechen. Die einzige wahrhafte Sicherung besteht darin, daß diejenigen, welche die Macht in Händen haben, auf eine Anwendung ihrer Macht gegen einen Bevölkerungsteil aus wohlverstandenem eigenen Herrscherinteresse verzichten. bei der Schwßdßnbrücke Wi*n!•• Fianz-Josafft-Kal 7 + Neue Büdier beiter Auteren :u tief reduzierten Preisen + Katalog gratis In diesem Sinne hatte Dr. v. Wiesner davon gesprochen, daß im Sinne der Habsburgischen Rechtsstaatsidee nicht die Schutzklauseln des sogenannten „Minoritätenrechtes", sondern einfach die Grundsätze voller Gleichberechtigung aller Bürger gelegen seien. Diese Ableitung wurde in ihrer Bedeutung noch dadurch unterstrichen, daß der Vortragende hinzufügen konnte, damit auch die Auffassung Kaiser Ottos dargelegt zu haben. Wem daran gelegen ist, abseits der Tagespolitik den wirklichen und grundlegenden Interessen des Judentums, nicht nur in Oesterreich allein, zu dienen, der möge den tiefen und realpölitisch bedeutsamen Sinn dieser Worte verstehen und in den weitesteh Kreisen des Judentums dafür sorgen, daß sie überall zutreffend verstanden werden. Aller Rechtsschutz, mag er noch so gut ausgebaut sein u nd g e h a n d 1; a b t werden, kann niemals den Geist ersetzen, mit welchem von der obersten Stelle der Macht im Staate aus das Rechtsgebäude erfüllt w i r d. Und dieser Geist sollte in seinem geschichtlichen Werden und in der aus ihm gewordenen aktuellen realpoli'ischen Bedeutung durch den erwähnten Vortrag bekannt gemacht werden. Verschärfter Antisemitismus in Ungarn Entfernung der Juden aus den Industriebetrieben Ungarns. Im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Leben Ungarns spielt der Antisemitismus immer eine gewisse Rolle. Es gab Zeitperioden in den letzten Jahrzehnten, m denen das antisemitische Element etwas zurückgedämmt wurde, dann gab es wieder Zeitabschnitte, in welchen es besonders kraß in die Erscheinung trat Eine bestimmte Form des ungarischen Antisemitismus kommt darin zum Ausdruck, daß in Ungarn in der öffentlichen Verwaltung des Staates der Komitate und Gemeinden bis zum heutigen Tage ein Jude, selbst wenn er noch so fähig wäre, nicht angestellt werden kann; dasselbe gilt auch im Schulwesen, wo es ausgeschlossen ist, daß ein Jude etwa Mittelschulprofessor werden könnte. Die Tatsache, daß der Gentry und dem bürgerlichen christlichen Mittelstand die ein sicheres Einkommen und Pensionsberechtigung verbürgenden Staatsstellen vorbehalten blieben, hatten in der Vorkriegszeit zur Folge, daß man in diesen Kreisen die Berufstätigkeit in der Industrie und im Handel als nicht standesgemäß betrachtete. So kam es, daß in der ungarischen Industrie und im Handel eine größere Anzahl von Juden Beschäftigung fanden. In den letzten Jahren der Krise trat in der Einstellung der Gentry und des christlichen Mittelstandes eine radikale Aenderung ein. Angesichts der Arbeitslosigkeit hat nun ein Generalangriff auf die Positionen der Juden in Industrie und Handel eingesetzt. Den Auftakt dazu bildete die jüngste Aeußerung des Ministerpräsidenten Dr. G ö m b ö s, daß der christlichen Jugend in der heimischen Industrie der Broterwerb gesichert werden müsse, dabei aber keine Gewalt angewendet werden dürfe. Dieser Ankündigung folgte unmittelbar die erste Maßnahme, die die „Reinigung" der Industrie und des Handels vom jüdischen Element vorbereiten soll. Das statistische Zentralamt hat nämlich Fragebogen an alle Induslrieunternehmungen des Landes versandt, womit diese Unternehmungen genaue Daten über die konfessionelle Zugehörigkeit ihrer technischen Beamten und Bureauangestellten abverlangt werden. Diese im Zeichen des alten Antisemitismus stehende Aktion bildete den Gegenstand einer Interpellation des liberalen nichtjüdischen Abgeordneten Dr. Rupert. Er erinnerte daran, daß Ministerpräsident Gömbös anläßlich der Regierungsübernahme die Versicherung abgab, er habe seinen seinerzeitigen (antisemitischen, d. Red.) Standpunkt bezüglich der Konfessionen einer Revision unterzogen. Auch Reichsverweser Horthy habe anläßlich der Eröffnung der neuen Session des Reichstages am 30. April erklärt, daß er keine Scheidewand zwischen Ungar und Ungar kenne. Die Vorgänge au dan Universitäten und die vorweihnachtliche Plakathetze gegen die jüdischen Kaufleufe seien dazu angetan gewesen, den guten Ruf Ungarns zu schädigen und bedeuten auch vom Gesichtspunkte des Fremdenverkehrs eine große Gefahr. Nun komme diese Fragebogenafiäre. Er bitte um beruhigende Aufklärungen, daß es sich hier nicht um den Zweck eines neuen Numerus clausus handle. Ministerpräsident Gömbös führte in seiner Autwort u. a. folgendes aus: Mein Standpunkt in dieser Frage ist, daß die Ruhelage, die in Ungarn zwischen den Konfessionen bisher bestanden hat, unter allen Umständen gewahrt werden müsse. Demgegenüber muß festgestellt werden, daß nach den bisherigen statistischen Daten bei einzelnen Indtistrieunternehmungen die Zahl der jüdischen Angestellten derart überdimensioniert ist, daß dieser Umstand in der christlichen Gesellschaft und in den Kreisen der christlichen Jugend ein gewisses Mißfallen erregte. (Starke Zustimmung rechts.) Es handelt sich hier um keinerlei gewaltsame Maßregel und ich bin überzeugt, daß hei den betroffenen Unternehmungen, die bis zu einem gewissen Grade höhere nationale Gesichtspunkte berücksichtigen, diese ' V e r Ii ä 11 n i s z a Ii 1 zugunsten der christlichen Jugend sich ändern w i r d, und aus diesem Grunde hoffe ich, daß in dieser Richtung keinerlei Pression ausgeübt werden muß. Wenn wir an Hand der statistischen Erhebungen einen klären Einblick in die bezüglichen Verhältnisse gewonnen haben werden, so können wir uns an die betreffenden Interessengruppen mit klaren Argumenten wenden, ohne daß man hieraus auf eine antisemitische Richtung zu folgern brauchte. In seiner Replik hat Abgeordneter Rupert die Frage aufgeworfen, ob m gleicher Weise auch "dafür Sorge getragen wird, daß die Juden im Verhältnis ihrer Anzahl zur Gesanubevölkerung nunmehr bei den öffentlichen Institutionen eingestellt werden. Ein getarnter Nazi st reich. Anfangs dieser Woche sind in einigen Bezirken Wiens in großen Mengen weiße Zettel verstreut worden, die mit blauem Aufdruck den Davidstern und die Aufforderung enthielten: „Juden, kauft nur bei Glaubensgenossen!" Es ist klar, daß die Verbreitung dieser Zettel von keiner jüdischen Seite ausgeht, denn keinem österreichischen Juden' und keiner jüdischen Organisation Oesterreichs wird es einfallen, eine derartig absurde Aufforderung an Glaubensgenossen ergehen zu lassen. Demgemäß ist auch die Vermutung des christlichsozialen j,Neuigkeite-WeJtblattes", daß diese Zettel vori radikaler jüdischhatiohaler. Seite herstammen, unbedingt als abwegig zu bezeichnen. Viel einleuchtender ist die in allen jüdischen Kreisen Wiens verbreitete Ansicht, daß die Erzeuger und Verbreiter dieses Machwerkes unter den illegalen österreichischen Nazis zu finden sein werden, und auch die „Union österreichischer Juden" hat in diesem Sinne kompetente Stellen des Staates auf die mit dieser Propaganda verbundene Absicht der Schädigung der österreichischen .Judenschaft in den Augen ihrer christlichen Mitbürger aufmerksam gemacht. Das derzeitige jüdischnationale Präsidium der Wiener jüdischen KuTtitsgemeinde hat zu der Angelegenheit ebenfalls Stellung genommen, allein, wie auch „Die Reichspost" vermerkt, in einer recht ungeschickt abgefaßten Zeitungsaüssendung (unterzeichnet vom Herrn Amtsdirektor Dr. Josei Löwenherz) dazu „Feststellungen" gemacht, die, so richtig sie inhaltlich sein mögen, doch nicht als „Feststellungen" bezeichnet werden können, sondern eben nur als durchaus triftige Vermutungen. Es wird Sache der Staatspolizei sein, diesen provokatorischen Akt aufzuklären, und es ist anzunehmen, daß diese Aufklärung die Richtigkeit unserer AnsJcht beweisen wird, daß hier wieder einmal braune Schädlinge des österreichischen Volkes am Werk waren. Der Rumpfvorstand in der Seitenstettengasse hat Dienstag und Mittwoch abends der „Oeffentlichkeit", soweit sie noch an diesem jüdischnationalen Torso des Kultusvorstandes interessiert ist, das Schauspiel einer Budgetdebatte geboten. Wir werden uns in unserer nächsten Nummer mit dieser Tragikomödie in zwei Aufzügen, ihrer Haupt- und Nebenhandlung (d. h. den Ziffern, die dargeboten wurden, und jenen, von denen man auf der Bühne nicht sprach), sowie den Akteuren eingehend befassen.__ Sämtliche Lebensmittel, sowie Weine für Possach erhalten Sie im allgemein bekannten, auf diesem Gebiete spezialisierten Geschäfte Ignaz Frost. Lebensmittelhandlung, II., Haidgasse 9, Tel. A-49-3-84.

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