Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 9 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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1 Seite ö Nr. 9 — 21. Februar 1936 DJE WAHRHEIT Jabutinski wird gegen die englische Krone immer unterliegen, da er ja nocii nicht einmal die Macht hat, sich gegen die Zionisten der allgemeinen Richtung genügend durchzusetzen. Damit aber ist das „ideelle Problern" des Zionismus gelöst, und zwar negativ gelöst, da es niemals einen Judenstaat auf palästinensischem Boden geben kann und geben wird. Hierzu aber kommen auch Erwägungen volksbiologischer Art, welche von allen palästinensischen Schriftstellern stets geflissentlich umgangen werden, und auf die man sorgsam Rücksicht nehmen muß, will man das Palästina-Problem ideell und nicht ideologisch lösen. Schon heute sehen wir die beiden Hauptrichtungen der Palästinasiedler jüdischen Glaubens aufeinanderprallen: Das Ostjudentum und das West Judentum stehen sich auf diesem beiden Richtungen fremd gewordenen Boden mit einer viel größeren Spannung gegenüber als sie sich im Heimatlande Kuropa jemals gegenüber stehen konnten. Es steht zweifellos fest, daß trotz der starken Immigration aus Deutschland seit 1933 das ostjüdische Element in Palästina ein erhebliches Ueberge wicht behalten wird, daß Palästina die wertvollen Kräfte des Westjudentums nur ganz äußerlich aufnimmt, während die hohen kulturellen Werte des Westjudentums in Palästina paralysiert werden — verloren gehen. Vom allgemein-menschlichen Standpunkt aus ist diese Entwicklung aber nicht wünschenswert, denn die Menschheit hat ein Recht auf die Werte der Synthese jüdischen Geistes mit europäischer Kultur, welches mehr wiegt als die nationalen Interessen einer völkischen Konstruktion. Es handelt sich aber — vom Standpunkt der Juden aus — nicht um jene absoluten, allgemeinmenschlichen Forderungen, sondern wir Juden müssen immer wieder fragen, wie sich die Entwicklung für uns vollzieht, wie unsere Erwartungen in ideeller und materieller Beziehung am besten befriedigt werden, und auch von diesem egoistischen Standpunkt aus sieht das Palästina-Problem recht bedenklich aus. wenn man nicht den ideologischen Schlag Worten zionistischer Propaganda, sondern dem gesunden Menschenverstände folgt. Die Zionisten wollen die Renaissance des jüdischen Volkes auf jüdischer Erde, und zwar auf der Erde Palästinas. Der Zionismus ist eine Bewegung. Aber die Träger dieser Bewegung sind über das endgültige Ziel selbst nicht einig, und das ist ideell und materiell ein wesentlicher Fehler. In einer Zeit, in der die merkantilistische Politik von Jahrhunderten eine Weltwirtschaftskrise von ungeahntem Ausmaße heraufbeschworen hat, genügt es nicht, als Ziel einer Bewegung ein Volk in einem bestimmten Lande sehen zu wollen. Deswegen ist das Nebeneinander iso vieler sich widerstrebender Richtungen geradezu verhängnisvoll. Der Zionismus von heute hat zu viele Väter, zu viele Probleme und zu wenig Kenntnisse von völkerbiologischen Voraussetzungen, um sein Hauptziel reibungslos und endgültig zu erreichen. Es ist nämlich ein wesentlicher Unterschied, ob im Verlaufe einer einheitlichen Volksentwicklung Parteien entstehen, oder ob diese Parteien schon vorhanden sind, bevor sich das Volk überhaupt konstituiert hat. Der Zionismus zerfällt aber schon jetzt in die verschiedensten Richtungen, welche sich heftig bekämpfen. Vom allgemeinen Zionismus, der durchaus nicht mehr Biiclier dbee; Schuedenbrilche WIM I., Fiiiiz-loiah-KiI 7 ♦ Neue BDeher better Autoren zu tief reduzierten Preisen ♦ Katalog gratis die meisten Anhänger auf einer Liste vereinigt, hat «ich der Revisionismus Jabotinskis abgespalten, während innerhalb des Kongreß- Zionismus eine große linke Fraktion um die Führung kämpft. In den Zionismus drangen sämtliche „weltlichen" Probleme ungestüm ein. und der Nationalsozialismus ist in ihm ebenso vertreten wie der .Kommunismus, wie librale und reaktionäre Strömungen. Vorher waren schon die gese t ze st r e u en Zi onisten in einen erheblichen Widerspruch zu den allgemeinen Zionisten getreten, da die allgemeinen Zionisten, die sich ja jetzt wieder in viele Gruppen aufspalten werden, nur auf völkisch -nationale, aber nicht auf religiöse Ideale beschränken. Dazu aber kommen die erheblichen Differenzen zwischen den Ostjuden undden Westjuden. (Schluß folgt.) Habsburgischer Gedanke und Rechtsstaat. In einer überaus stark besuchten Versammlung der „Union österreichischer Juden" hielt Dienstag abends im Festsaal des Niederösterr. Gewerbe-Vereines a. o. Gesandter Minister a. D. Dr. Friedrich v. Wiesner einen überaus interessanten Vortrag unter obigem Titel. Die Versammlung wurde vom Präsidenten der „Union", Reg.- Rat Dr. Oppenheim, geleitet, der in seinen Begrüßungworten Herrn Dr. v. Wiesner den herzlichsten Dank der „Union" für seine Bereitwilligkeit, im Rahmen derselben ein Referat zu halten, aussprach und hierauf die Erschienenen begrüßte, unter denen sich prominente Vertreter des Bundes der legitimistischen jüdischen Frontsoldaten mit General Emil Sommer an der Spitze, wie auch eine Abordnung der Jugendgruppe dieser Organisation befanden. Der Vortragende erklärte einleitend, sein Thema abseits jeglicher Propaganda entwickeln zu -wallen, und besprach an Hand von Beispielen aus den sieben Jahrhunderten der Habsbungerschaft die konsequente Entstehung: und Einhaltung der Idee des Rechtsstaates, in welchem die Staatsautorität nur im Rahmen der Gesetze wirksam werde. Eine bekannte Auswirkung der habsburgischen Auffassung vom Rechtsstaat und vom Grundsatz der Legalität und Vertragstreue sei der stets eingehaltene Verzicht am" Angriffskriege zum Zwecke von Eroberungen. Auch in den verschiedenen Erbfolgekriegen hatte das Habsburgerreich immer nur in seiner Verteidigung zu den Waffen gegriffen. Der aus der Rechtsstaatsidee kommende Grundsatz der Legalität und der bedingungslosen Vertragstreue sei also auch in der Außenpolitik maßgebend gewesen und im Gegensatz zur Hohenzollernschen kriegerischen Expansionspolitik in verschiedenen Geschichtsabschnitten in Erscheinung getreteti. In der Innenpolitik wurde von den Habsburgern noch äm Mittelalter der Grundsatz der Legalität im Rechtsstaat dadurch wirksam gemacht, daß verschiedene Tatbestände der Gerichtshoheit der Gutsherrschaften entzogen und der Staatsgewalt überantwortet wurden, um in wichtigen Fällen jede Willkür auszuschalten. Die Milderung des Robbots, die Aufhebung der Leibeigenschait, die Toleranzgesetze und die schließliche Gleichberechtigung niler Bürger zeigen die einheitliche Entwicklung an. Aus dieser iiabsburgischeu Tradition erläuterte der Vortragende die Grundgedanken des Legitimismus. Die Entwicklung Oesterreichs könne sich deshalb nach der Ueberzeugung der Legitimisten nur auf dem Wege der Rechtskontinuität vollziehen, das heißt, der Anknüpfung au jenen Rechtszustand, der durch die revolutionären Vorgänge des Jahres 1918 unterbrochen wurde. Nach seiner letzten Reise hat der Redner die Ueberzeugung, daß auch weite Kreise des Auslandes dieses Glaubens sind. Noch mehr: die Weiterentwicklung der Rechtsidee ist ein Teil von Oesterreichs Mission. Das Programm 'der Zukunft bestehe deshalb einerseits in der Wahrung der Unabhängigkeit Oesterreichs, anderseits aber in deren Sicherung durch die Anknüpfung an die Tradition der Habsburger. Diese Ideen gehen ganz parallel mit dem vaterländischen Programm des Dr. Doli f u ß, weil der katholische Staat ebenso wie der Legitimismus aui dem Grundsatz der Gleichberechtigung aller Einwohner *des Staates und all derjenigen, die mit dem Staat in Berührung kommen, beruhe. Die Treue zum Gesetz, zum Recht und zu den Verträgen war dem Haus Habsburg immer eigentümlich und daher muß auch die Restauration bestrebt sein, sich nur auf dem Wege des Gesetzes durchzusetzen. Sie wahrt auch das Gesetz des gegenwärtigen österreichischen Staates, weil sie die Legalität der Reigierung anerkennt. Die Anerkennung des Rechtes und der Verträge gilt uns auch für den internationalen Bereich. Historisch müßten wir ja die Großmacht im Donaureiche anstreben. Das wäre aber gegen die internationale Regelung. Deshalb stehen wir auf dem Standpunkt der Rückkehr der Habsburger bloß für das heutige Oesterreich, die nirgends verboten ist; das Verbot gilt nur für Ungarn. Der Vortragende führte dann aus* daß Atv Rechtsidee der Habsburger immer die Geltung des Gesetzes und deshalb auch die Gleichberechtigung entsprochen hat. Der Legitiniismus bekenne sieh konsequent nicht zu den Minderheitsrechten, sondern einfach zur Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz. Dies erkläre Dr. v. Wiesner nicht nur als Führer des österreichischen L e g i t i m i sni u s, sondern er sei auch b e r e c Ii l i g t, diese Erklärung im Namen Kaiser Ottos abzugeben. (Beifall.) Dr. v. Wiesner besprach zum Schlüsse die bekannten politischen Vorgänge der letzten vierzehn Tage. Es sei unrichtig, daß sich durch die Verhandlungen in London und Paris Oesterreich der Möglichkeit der Restauration begeben hat. Insbesondere hat sich Fürst Starhemberg zu einer solchen Erklärung absolut nicht zwingen lassen, sondern er ist auf dem Standpunkt verblieben, daß Oesterreich allein über seine Regierlingstorni zu entscheiden hat. Mit dieser offenen Erklärung hat er eine Abwehrschlacht tapfer gewonnen. Unwahr ist es, daß eine Zusammenkunft zwischen Otto von Habsburg und Fürst Starhemberg in Paris beabsichtigt war, die, wie man kabelte, dann durch fremde Einflüsse verhindert wurde. Fürst Starliemberg werde zu einem Zeitpunkt, den er selbst bestimmen werde, seinen Besuch in Steenockerzeel als Loyalitätsakt vollziehen. An diesean mit starkem und laiiganhaltendem Beifall aufgenommenen Vortrag fügt der Vorsitzende, Regierungsrat Dr. Oppenheim, die Bemerkung, auch die „Union" habe mit dem interessanten Vortrag keine Propagandaveranstaltung beabsichtigt. Die Wahl der Staatsform in Oesterreich sei von der katholischen Mehrheit zu bestimmen. Die jüdischen Bürger denken aber in Ehrfurcht und Dankbarkeit an die großen Habsburgerkaiser, Kaiser Josef II., der den Juden den Weg zum Wissen geöffnet, und insbesondere an den großen Kaiser Franz Joseph I., der die Gleichberechtigung auch den Juden des ganzen großen Reiches gewährt und verankert habe. Um es kurz zu sagen: Für uns ist die Zeit der Haibsburgerkaiser die gute alte Zeit gewesen. Mit warmen Dankesworten an Dr. v. W i e sn e r schloß der Vorsitzende den schönen Abend. Oskar Strnad-Gedächtnisaussfellung. In den Räumen des Ha genta u n d. I., Zedlitzgasse 6, veranstaltet jetzt der Oesterreichische Werkbund eine Gedächtnisausstellung iür den jüdischen Künstler Oskar Strnad. Eine Fülle seines umfassenden Schaftens wird gezeigt. Mau bewundert Oskar Strnad als Baukünstler, Bühnenbildner und Lehrer, als Plastiker, Maler und Kunstgewerbler. Liebevoll — in bescheidener Selbstverständlichkeit — haben seine Freunde und Schüler im Verein mit seiner „Mathilde1" einen durch die beschränkten Raumverhältnisse bedingten kleinen Teil seiner Arbeiten übersichtlich zusammengestellt. Eine bezaubernde Welt von Harmonie, Schönheit, Freude und Anmut umfängt den Besucher. Man sieht ganz unbekannte Jugendarbeiten. Der begeisterte junge Student in Italien — im Aquarell die Schönheiten Roms und Ravennas mit eigenartiger Charakteristik festhaltend — zeigt bereits die künftige Größe. Ebenso seine Portrait* aus der Jugendzeit. Als Baukünstler sieht man seine Entwicklung aus der Formenwelt seines Meisters Karl König zur eigenen, überzeugenden Auffassung. Gleichgültig woran er arbeitet — an einen Tempel oder an Arbeitemvohnhäusern, an Palästen, Villen oder Miethäusern, an Badeanlagen oder Stadtverbau'Ungen, an Projekten iür sein Ring-Theater — überall — das ist so charakteristisch — schöpft er aus seiner reichen Phantasie und seinem unendlich stark und fein empfindendem Einfühlungsvermögen in die gestellte Autgabe, erfaßt haarscharf das Wesentliche und übersetzt es in eine überzeugende Form. Ueberzeugend aber nicht immer für seine Auftraggeber — und so bleiben seine wertvollsten Ideen nur Projekte. Doch seine unbändige Arbeitskraft, seine verschwenderische, Hingabe an Aufgaben lassen ihn auf der Bühne eine Welt iinden, wo er von selbst phantasiebegabten Menschen verstanden und gefördert wird. So schenkte er uns 122 Theaterinszenierungen. Eine kleine Auslese davon — wohl sechs Räume füllend — zeigen seine Originalentwürfe iür Wien, Prag, Berlin, London und Amerika. Mit keinem Besseren hätte Werfel seinen „Weg der Verheißung" formen können. In drei großen Szenenbildern sehen wir Strnad als großen jüdischen Künstler, schicksalhaft die Tragödie des jüdischen Volkes bildend. Auch auf dem Gebiete der Kleinkunst bewundern wir Strnads Meisterschaft. Seine Gläser gehören zu den besten Erzeugnissen österreichischen Kunstgewerbes. Seine Möbel haben beispielgebend auf viele;Generationen gewirkt. Jüdische Friedhofskunst brachte er zu neuem Leben. Viele jüdische Grabsteine und Grüfte nach seinen Entwürfen stehen auf: Wiener Friedhöfe» — der Grabstein für Oberrabbiner Chaj es .stammt.