Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 9 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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Die Krise in der Kultusgemeinde. Grundsätzliche Bemerkungen eines Neutralen. Mit der Niederlegung der Mandate seitens der Mitglieder des Kultusvorstandes aus dem Kreise der „Union österreichischer Juden" hat die Krise in der Wiener Kultusganemde ihren Höhepunkt erreicht. Der Kampf zwischen den beiden Gruppen geht weiter und die bevorstehenden Neuwahlen werfen bereits ihre Schatten voraus. Selbstverständlich fehlt es hierbei nicht an unerquicklichen persönlichen Auseinandersetzungen, die nur dazu geeignet sind, das eigentliche Bild der Sachlage zu vernebeln. Die Angelegenheit ist jedoch zu wichtig, zu ernst und allzu heikel, daß es schon heute notwendig ist, seitens eines Neutralen, der außerhalb der beiden Streitgruppen steht, der jüdischen und der allgemeinen Oeffenlichkeit einige grundsätzliche Momente vor Augen zu führen. Vorweg genommen sei. daß die Person des Herrn Dr. Löwen herz hierbei keine entscheidende Rolle spielt, wie dies ja auch seitens der ..Union" immer wieder betont wird. Man darf auch sagen, daß diese Frage keineswegs so viel Staub aufgewirbelt und zu einer so ernsten Krise geführt hätte, wenn es sich um eine isolierte Erscheinung gehandelt haben würde und nicht der vorhergegangene „Fall Rath" die Sache überaus kompliziert hatte. Diese Duplizität der Ereignisse im Zusammenhang mit den seit Monaten kursierenden Gerüchten über ähnliche Pläne der heutigen Mehrheit in der Seitenstettengasse mußte ja bei Anhängern und Gegnern deii Eindruck erwecken, daß es sich um ein System handelt. Man leugnet es heute selbst in jüdischnationalen Kreisen nicht, daß der „Fall Rath" ein Fehler war. Aber man konnte trotzdem noch so viel Kraft und Verstand aufbringen, aus dieser Einsicht die sich ergebenden Schlußfolgerungen zu ziehen. Deswegen die große Erbitterung, die nun der „Fall Löwenherz" auslöst und deswegen auch die großen Gefahren, die dieser zur Folge haben könnte und die selbst in jüdischnationalen Kreisen nicht geleugnet werden. Die heutigen Machthaber in der Seitenstettengasse trösten sich mit den angeblichen Zusagen, die ihnen von maßgebender Stelle gemacht worden sein sollen, wonach es trotz des Tatbestandes, daß die Zahl der statutenmäßig vorgeschriebenen Vorstandsmitglieder unter die Hälfte gesunken ist. nicht zur Auflösung des Vorstandes und zur Einsetzung eines Regierungskommissärs kommen werde. Man soll nun nicht den Tag vor dem Abend loben; der bürokratische Apparat arbeitet nicht so rasch und. wenn die berufenen Aufsichtsbehörden sich mit dieser Frage ernstlich beschäftigen wollen, dann müßten sie zunächst den Tatbestand untersuchen, die Einzelheiten feststellen, das pro und contra in Erwägung ziehen und erst dann ihre Entscheidung treffen. Da heißt es also zunächst abwarte n. Aber angenommen dei Fall, die Aufsichtsbehörden würden zu dem Ergebnis gelangen, es sei ratsamer, den gegebenen Zustand zu „tolerieren", um so eher, als ja die „eheste" Ausschreibung der Neuwahlen beschlossen worden ist. so entsteht für die Kultusgemeinde eine überaus heikle und peinliche Situation: Die Wiener Kultusgemeinde funktioniert heute nicht mehr als freigewähltes Organ der Wiener Judenschaft, sondern verdankt ihr Vegetieren einzig und allein dem Umstände, daß die maßgebenden staatlichen Stellen aus Bequemlichkeit oder aus Erwägungen allgemeiner Natur ein Auge zudrücken und den gegenwärtigen Zustand „toleriere n". Wir sind also wieder zui Rolle der „tolerierten Juden", wie vor 1848, herabgedrückt. Was das zu bedeuten hat, kann man sich ohne viel Phantasie vorstellen. Die Kultusgemeinde, als die einzig gesetzlich anerkannte Repräsentanz der Wiener Juden sc haft, ist nicht mehr die Vertreterin der jüdischen Oeffent- 1 i c h k e i t, sondern ein „geduldetes Organ" der staatlichen Stellen, denen gegenüber sie unter Umständen als Wortführerin der Juden aufzutreten hätte! Welches Ansehen kann eine solche Vertretung haben? Mit welchem Nachdruck kann sie gegebenenfalls die jüdischen Interessen vertreten und für die Wahrung der jüdischen Rechte sich einsetzen? Wäre da nicht die Einsetzung eines Regierungskommissärs vorzuziehen? Aufruf an die österreichischen Juden! Ein schon langgehegter Wunsch geht in Erfüllung: In Bälde wird das neue Klubheim der „Union*4 im Jahre des Jubiläums des 50jährigen Bestandes derselben in feierlicher Weise eröffnet und seiner Benützung übergeben werden. Die vornehm ausgestatteten und zweckentsprechenden Räume des neuen Heimes befinden sich im Goldschmidt-Sfiffungshause L, Schoftenring 25, also in einer zentralen, für unsere Mitglieder und Freunde in allen Bezirken Wiens bequem erreichbaren Lage. Eine besondere Feststiege führt in die im ersten Stock gelegenen ausgedehnten Räumlichkeiten. Durch eine schöne Vorhalle gelangt man in einen neuadaptierten -prächtigen Saal, der zur Veranstaltung von großen Versammlungen, Festlichkeiten und geselligen Zusammenkünften dienen wird. Kleinere Räume stehen als Beratungs-, Spiel- und Lesezimmer zur Verfügung. Das neue Klubheim soll und wird die Zentralstelle der vaterländisch gesinnten österreichischen Juden werden. Der „Jugend-Union", die außer der Möglichkeit der Benützung aller Teile der Einrichtungen des Heimes noch einen besonders schön ausgestatteten Raum für ihre eigenen Zwecke erhält, wird nun Gelegenheit zu reicher Entfaltung geboten. Wiener Juden! Tretet bei dem „Union-Klub", der neugegründeten Vereinigung der Mitglieder und Freunde der „Union"! Alle Einrichtungen des Klubheimes werden seinen Mitgliedern gegen einen monatlichen Beitrag von S 5__zur freien Verfügung stehen; die Familienangehörigen der Klubmitglieder haben nur einen kleinen Anschlußbeitrag zu entrichten. Jeder Unionist oder Freund der Ziele der „Union" wird sogleich, dessen sind wir sicher, seinen Beitritt zum „Union-Klub" erklären und so in seinem eigenen Interesse das Seine dazu beitragen, daß das neugeschaffene Heim seine hohe Aufgabe im Dienste der österreichischen Judenschaft erfüllen könne. Werbet, bitte, im Kreise Eurer Freunde für den „Union-Klub" und fördert dessen Ausgestaltung durch Unterstützung unserer Baustein-Aktion 1 Für das Klubheim-Komitee: Dir. Jacques Weiger, Obmann. Friedrich Feuer, Obmann-Stellvertreter. Für den Zentral vorstand der „Union": Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, Präsident Reg.-Rat Dr. Max Lenk, Schriftführer. Anmeldungen sind zu richten an das Sekretariat der „Union", IX- Berggasse 4. Tel. A 19-2-77. Man bedenke: der einzige jüdische Staatsrat und der einzige jüdische Rat der Stadt Wien sind in ihren Funktionen als Führer der jüdischen Gemeinde von der Nachsicht derjenigen staatlichen Stellen abhängig, denen gegenüber sie als Verfechter der jüdischen Interessen aufzutreten hätten! Das ist ein Zustand, der an die schlimmsten Zeiten der Vor emanzipationerinnert — und da haben die Herren noch den traurigen Mut, sich dessen zu rühmen und diesen Zustand als „großen Erfolg" auszuposaunen! Darf die breite jüdische Ocffentlichkeit ebensolchen Zustand tolerieren? Daß die maßgebenden Stellen keine große Lust zeigen, hier einzugreifen, entspringt ihrer Abneigung, sich in innere jüdische Verhältnisse hineinzumengen. Sie vertreten den Standpunkt, die Juden sollten ihre Angelegenheit unter sich ausmachen. Aber auch schon dieser passive Standpunkt bedeutet ja ein Eingreifen, wenn auch indirekter Natur! Vielleicht sähen es gewisse nichtjüdische Kreise gar nicht so ungerne, daß sich die Juden unter sich gegenseitig bekämpfen, womit sie ihre eigene Position schwächen! Ueber eine zerrissene und zerklüftete Judenschaft kann man sich ja leichter hinwegsetzen! Und wenn von jüdischer Seite gelegentliche Beschwerden über die Behandlung der Juden erhoben würden, dann wird man ihr vorhalten können, daß sie ja selbst unter sich uneinig sind und sich gegenseitig schmähen und herabsetzen! Standdasprivace Interesse eines Einzelnen wirklich dafür, einen solchen Zustand herbeizuführen? Die heutigen „Machthaber" in der Kultusgemeinde verkünden ja urbi et orbi, ihres Sieges bei den nächsten Neuwahln sicher zu sein — wäre es nicht ratsamer gewesen, die Erledigung des „Fall Löwenherz" aufzuschieben und aus eigenem Antriebe Neuwahlen auszuschreiben, um erst nach dem Ergebnis derselben diese Frage einer Lösung zuzuführen! Wenn Herr Dr. Löwenherz bis zum Ableben des Amtsdirektors Fuchsgelb warten konnte, so hätte er wohl noch einige Wochen warten können .... Nebenbei bemerkt ist ja die ganze Art und Weise, wie diese Angelegenheit vor der breiten Oeffentlichkeit zur Diskussion gebracht worden ist, überaus unerquicklich. Daß ein im öffentlichen Leben stehender Mann infolge einer Verkettung verschiedener Umstände sich gezwungen sieht, sich um eine neue bürgerliche Existenz umzusehen — solche Dinge sind schon oft vorgekommen. Aber derartige Angelegenheiten wurden und werden immer in höchst diskreter Weise erledigt und nicht an die große Glocke gehängt! Welches Ansehen soll denn dieser Amtsdirektor bei der Beamtenschaft der Kultusgemeinde und bei den staatlichen Stellen, bei denen er gelegentlich in jüdischen Dingen zu intervenieren haben wird, genießen, wenn seine Ernennung von einer derartigen Musik begleitet war? Auch das kann ja nur wenig zur Ehie der Kultusgemeinde und des Judentums beitragen! Hatten die Herren der Mehrheit in der Seitenstettengasse gar kein Vertändnis für dieses Moment? Und noch etwas: die Herren Jüdischnationalen vertreten bei jeder Gelegenheit den Standpunkt, daß die Juden ein Anrecht auf einen staatlichen Beitrag zu den Ausgaben für die Kultusangelegenheiten haben und sie treten auch offen mit dieser Forderung hervor! Was für eine Antwort könnten sie nun erwarten, wenn sie daran gehen, einem Beamten der Kultusgemeinde einen Ministergehalt zu bewilligen, obwohl die einfache Ernennung des langjährigen 1. Sekretärs zum Amtsdirektor wesentlich billiger gekommen wäre! Soll also der Staat indirekt dazu beitragen, daß ein jüdischnationaler Parteimann eine überaus kostspielige und lebenslängliche Versorgung bekommt! Die maßgebenden staatlichen Stellen kümmerten sich bisher nie um das Budget der Kultugemeinde und machten nicht einmal von ihrem Aufsichts- und Kontrollrecht Gebrauch. Wenn aber eine derartige Wirtschaft einreißt und zugleich in den jüdischnationalen Parteiorganen darüber Klage geführt wird, daß im staatlichen Voranschlag für die jüdischen Kultusangelegenheiten nichts vorgesehen ist — droht da nicht die Gefahr, daß sich die staatliche Finanzverwaltung eines schönen Tages dazu entschließen könnte,-, sich das Budget der Kultusgemeinde etwas näher anzusehen und dreinreden zu wollen . . . Heißt das nicht, die Autonomie der Kultusgemeinde in Gefahr bringen? , ■ ■