Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 9 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Suite 2 Nr. 9 — 21. Februar 1936 DIE WAHRHEIT Die „missionärische Beeinflussung der Judenschaf f> Antwort auf eine Ansprache des ehrwürdigen P. Bichlniair S. J. bei der Weihe des Pauluswerkes für konvertierte Juden. Von Rabbiner Dr. Armand K a m l n k a. In einer Rede über die Gottes-Oiienbarung auf dem Berge Sinai, die Rabbiner Dr. Kaminka Samstag, den 15. Februar, im Maimonides-lnstitut hielt, befaßte er sich mit dem Gedanken der Verbreitung der Lehre Gottes unter den Völkern und führte u. a. folgendes aus: In allegorischer Deutung der Ueberschrift des *7. Psalmes „Ein Gesang, ein Lied, dessen Grundmotive in heiligen Bergen zu finden sind", sagen die Weisen, die religiös-sittliche Kraft des Judentums beruhe auf zwei großen Traditionen aus der Urzeit Die eine ist an den Berg Morija geknüpft, auf dem Abraham bereit war, wenn es Gott von ihm wünschte, sein Teuerstes im Leben, sein geliebtes, einziges Kind, zu opfern. Ein derartiges Opfer verlangte der Allmächtige nicht, aber die Bereitschaft zur Selbstaufopferung, zur Einsetzung seines ganzen Lebens für Gott, wurde von den Nachkommen Abrahams als oberste Pflicht erkannt. Die Lehrer der Mischna erklärten das Wort. „Du sollst lieben den Ewigen, deinen Gott, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele", es bedeute: selbst, wenn es dich das Leben kostet. In diesem Gedanken erlitt Rabbi Akiba nicht nur mit größter Ruhe, sondern in freudiger Stimmung den Märtyrertod. Zur Zeit des Kaisers Caligula waren die Juden in Jerusalem bereit, allesamt den Tod zu erleiden und nicht zu dulden, daß der Tempel des Ewigen durch eine Statue entweiht werde. Als in späteren Zeiten nicht Heidenvölker, sondern Bekenner von Religionen, die aus der unsrigen hervorgegangen sind, alle ihre Machtmittel anwendeten, um Juden in ihrem Glauben an den Eiiüg-Einzigen wankend zu machen, bewiesen sie dieselbe Charakterstärke und denselben Idealismus, welchen allerdings die anderen, in ihrem mangelnden Verständnis für diese tiefe Religiosität, nur als Verstocktheit betrachteten. So kam es zur Zeit der Inquisition zu den vielen Folterungen, Martern und Hinrichtungen von Juden in Spanien und Portugal, weil sie treu zu ihrem Glauben an den einzigen Gott im Himmel hielten, und so kam es — wir brauchen ja nicht wert zu gehen — im Jahre 1421 zu der Verbrennung von mehr als hundert Juden vor den Toren Wiens, auf einem Scheiterhaufen bei der Donau. Alle hätten sie ihr Leben retten und sogar zu Wohlstand und Ehrenstellen gelangen können, wenn sie sich nur bereit erklärt hätten, zum Katholizismus überzutreten. Aber eines war dagegen: ihr Gewissen, ihr religiöses Pflichtgefühl, ihre tiefe Ueberzeugung, daß sie ihr Leben für Gott hingeben müssen, wie es die Tradition vom Berge Morija seit Abraham befahl. Eine zweite Tradition aber ist an den Berg Sinai geknüpft, bei dem das Volk Israel die Worte Gottes vernommen und eine Lebensaulgabe erhielt. „Was Gott gesprochen hat, wollen wir zur Wirklichkeit machen." Das Volk erkannte, daß, wenn man durch Gottes Gnade eine beglückende und segensreiche Wahrheit erlangt hat, dies die Pflicht auferlegt, sie allen anderen Menschen mitzuteilen. Und so lehrten unsere Weisen, daß Gottes Wort am Sinai nicht an Israel allein erging, sondern, wie von einer mächtigen Flamme Funken nach allen Richtungen sprühen, sein Wort in alle Sprachen der Welt und zu allen Völkern überging. Man kann den Gedanken der religiösen Mission nicht deutlicher ausdrücken. Merkwürdigerweise knüpft im Talmud Rabbi Jochanan diesen Gedanken an das Wort in den Psalmen (68, 12): „Von Gott ist das Wort gegeben allen denen, die es der großen Schar als Botschaft verkünden" („hamewassroth", in der Vulgata: „evangeüzantibus", also gerade der Ausdruck, der später kennzeichnend für die religiöse Propaganda wurde). Aber schon viele Jahrhunderte vorher hatte .lesa.ia den Ruf ergehen lassen, in die fernen Inseln zu ziehen, zu den Völkern, die Gottes Ruhm nicht kennen, um seine Lehre zu verkünden. Wie aus der Geschichte bekannt, haben, beträchtlich lange bevor Abgesandte der neuen Religion die biblische Lehre zu verbreiten begonnen hatten, fromme jüdische Apostel Reisen durch Länder und Meere unternommen, um das Heil unter den Heiden zu verbreiten, gemäß dem Psalmworte: „Machet unter den Völkern seine Taten bekannt!" Besorgt Eure Bücher durch die Buchhandlung 'RMANN TUCHNER Wien IL, Ecke Taborsfraße 52 Mäßige Preise! Große Auswahl! Moderne Leihbücherei Gebühr lOGrosch. per Tag sonst nichts Anfrag.: Tel.R41-4-20 Kataloge gratis! ■IUI Cai€ Pension Echstein Semmerina Es wird sonach niemand sagen können, daß wir Juden für das ehrliche Wirken gotterfüllter Menschen, die Lehre des Heils, den Gedanken an das Ewige unter der in eitler Genußsucht, im Materialismus versunkenen Menge zu verbreiten, kein Verständnis haben, oder daß wir es nicht für ein edles,- fruchtbares und des Segens würdiges Werk halten. Aber sehr erstaunt sind wir,, wenn wir erfahren, daß in unserer Stadt, in der eine große jüdische Gemeinde mit zahlreichen Lehrhäusern besteht, in denen die Lehre Gottes und die Worte seiner Propheten im Urtexte verbreitet werden, dieser Tage eine Anstalt eingeweiht wurde, die „der missionärischen Beeinflussung der Judenheit" gewidmet ist. Ein Geistlicher des weltberühmten Ordens S. J., der so viel für die Verbreitung des Glaubens unter den Heiden getan hat, sagte sonderbarerweise: „ W ir würden unsere Seelsorgepflicht versäumen, wenn wir ihnen das Heil nicht wenigstens anböten." Er meinte, es gebe Juden ohne geistigen und religiösen Halt, die ihre Blicke auf die Kirche richten. Es seien auch von protestantischen Pastoren Bibelabende für Juden eingerichtet und in England, Holland und anderen Ländern seien christliche Gesellschaften in gleicher Weise mit der Mission unter den Juden befaßt. Es kommen also Bekenner eines Glaubens, in dessen religiöser Ethik r.icht ein einziger Satz ist, der nicht unserem hebräischen Schrifttum entstammt, und erweisen uns die Wohltat, das von uns geschöpfte Heil uns darzureichen. W i r werden nicht in den Fehler verfallen, auch nur ein Wort zu sagen, das den religiösen Empfindungen anderer nahetreten würde, aber daß es kein Versäumnis einer Seelsorgepflicht wäre, wenn man es für unangebracht hielte, gerade den Juden das Heil aus anderen Quellen als ihren eigenen anzubieten, liegt wohl auf der Hand. Wir geben zu, daß leider viele bei uns — dem Zuge der Zeit folgend, wie ja auch bei den Angehörigen anderer Bekenntnisse — ohne religiösen Halt aufwachsen und daß viele Juden ihre Bibel weder im Urtext noch auch in einer Uebersetzung kennen. Aber man sollte meinen, daß fromme Männer anderer Religionen, die sicherlich ein segensreiches Werk üben, wenn sie den Glauben unter Heiden verbreiten (und gegenwärtig auch genug zu tun hätten, wenn sie ihr Werk auf «die Neuheiden ausdehnen würden, die das Heil, welches sie bereits besessen, abgestoßen haben), wenn ein Jude sich an sie wendet, ihm sagen: „Du brauchst unsere Hilfe nicht, du Sohn des Volkes, das Gott erwählt hat und dem er mehr als tausend Jahre, bevor unsere Religion entstand, seine Lehre verkündet hat. Kehre in deine jüdische Gemeinde zurück, sei ein treuer Jude, dann wirst du deinem Volke und der Menschheit in gleicher Weise dienen." Wir wollen es glauben, daß die Konvertiten, wie P. Bichlmair sagt, nicht immer aus äußeren Motiven zur Kirche kommen, wiewohl das sehr schwer festzustellen ist Mag sein, daß z. B. Antonius Marg a r i t a, der Sohn des Rabbiners von Regensburg, der im 16. Jahrhundert den Glauben seiner Väter verließ, nur zufällig später Dozent für hebräische Literatur, an der Wiener Universität wurde, was er als Jude nicht hätte werden können. Oder daß der von jüdischen Feuilleton Nikolsbarg und das Jüdische Zentralmuseum. Von Medizinalrat Dr. Siegfried Fehl, Wien. Nikolsburg, das Heine, jenseits der niederösterrefcWsch-mährischen Grenze an den südlichen Ausläufern der Pollauer Berge sich breit hinziehende Städtchen, war einst in der ganzen europäischen Judenheit berühmt als Pflanz- und Pflegestätte jüdischer Gelehrsamkeit Kein Wunder, denn bis vor etwa 80 Jahren war hier durch mehr als drei Jahrhunderte der Sitz des mährischen Landesrabbinates, auf den die erlesensten Geister berufen wurden und dadurch der geistige Brenn, punkt der zahlreichen jüdischen Gemeinden Mährens. Einer der ersten Amtswalter war der aus Worms stammende R. Liwa ben Bezallel, genannt der ..Hohe Rabbi Low", welcher nach zwanzigjähriger segensreicher Tätigkeit 1573 nach Prag berufen wurde, wo er als Oberrabbiner fungierte und nebenbei sich mit philosophischen, mathematischen und astronomischen Studien befaßte und dadurch auch mit Rudolf IL, der die gleichen Neigungen hatte, in Berührung kam; sein Name wurde mit der Golemsage in Verbindung-gebracht und der Nachwelt überliefert. Seine Nachfolger waren zunächst R. Jehuda Löb ben Obadja Eulenburg, Verfasser des „Minchas Jehudo" und nachher R. Lipman Heller, der nicht nur ein hervorragender Talmudist, sondern auch mit der lateinischen Sprache ■wohlvertraut war; von ihm stammt „Tosaphotfi Jomtow". Mit MenachemMendl Kroch mal kam um die Mitte des 17. Jahrhunderts niefit nur ein anerkannter Gelehrter (Zemach Zedek), sondern auch ein hervorragender Organisator (311 Thakanoth) als Landesrabbiner nach Nikolsburg. Von den weiteren Nachfolgern seien hier nur noch genannt R. Gabriel ben Jehuda Löb Eskeles, sowie dessen Sohn R. Berusch E., R. David ben Abraham Oppenheim, der später nach Prag berufen wurde, ferner Moses ben Ahron Lwow, der Kabbaiist Schmuel Schmelke Horowitz, der von einem Legendenkranz umgebene R. Mordechai Beneth (Biur Mordechai, Pernschath Mordechai) -und die beiden letzten R. Nehemias Trebitsch (Schalom Jeruschalajim) und R. Samson Raphael Hirsch, welcher schon nach wenigen Jahren nach Frankfurt übersiedelte. Diese hervorragenden Gelehrten, welche dieser altehrwürdigen Gemeinde Form und Inhalt gegeben und deren Ruhm weit in die Welt hinausgetragen hatten, übten eine starke Anziehungskraft auf die fernbeflissenen Jünglinge (Bachurim) aus. die von weit und breit herbeiströmten, um hier zu Füßen der berühmten Lehrer in die Tiefen des Geistes des jüdischen Schrifttums einzudringen. Die Zurückdrängung der Juden in die mittelalterlichen Ghettomauern und die vielfachen, damit verbundenen persönlichen und bürgerlichen Beschränkungen waren nicht imstande, das unausgesetzte Streben nach Wissen und Wissenschaft einzudämmen; eine Schulordnung, deren Anfänge in die Mitte des 16. Jahrhunderts zurückreichen, und auf den Einfluß des „Hohen Rabbi Low" hinweisen, normierte die allgemeine Schulpflicht bis zum 13. Lebensjahr, ein sprechender Beweis für das angestrebte hohe Kulturniveau, das in einzelnen Staaten Europas erst im 19. Jahrhundert erreicht wurde. Die mächtige Zeitströmung der Aufklärung, die in der zweiten Hälfte des IS. Jahrhunderts mit dem Auftreten Moses Mendelssohn einsetzte, das Toleranzpatent Josefs II. und die Emanzipation haben die aus dem Mittelalter stammenden einschnürenden Ghettofesseln gesprengt und in mächtigem Auftrieb den Juden ein großes Maß von Gleichberechtigung gegeben, bis das Jahr 1848 das Befreiungswerk vollendete. Diese Umwälzungen trafen die Juden, die stets auf die geistige Fortentwicklung bedacht waren, nicht unvorbereitet. Mit großem Eifer strömten die geistig regsamen Juden allen Wissensgebieten zu und konnten bald die Achtung und Wertschätzung der anderen Bevölkerungskreise gewinnen; sie verließen ihre kleine Heimatgemeinde und suchten zu ihrer Fortbildung die Großstadt auf. Die weitere Folge dieser weltgeschichtlichen Ereignisse war, daß die meisten Judengemeinden ihr stark pulsierendes Eigenleben verloren und einen Schrumpfungsprozeß durchmachten, der da und dort bis zur völligen Auflösung geführt hat. Auch Nikolsburg erlitt eine ungeheure Einbuße sowohl in materieller als auch ideller Beziehung, doch von dem hellen Glänze, der einst die Blütezeit dieser Gemeinde umstrahlte, blinkt noch ein matter Schimmer in unsere Gegenwart herüber. Wohl ist manches Eigenartige schon zugrunde oder verloren gegangen,, aber noch sind uns außer der prachtvollen Altschul-Synagoge und dem berühmten Friedhof mit seinem ehrwürdigen Rabbonimplatz viele Reliquien als Erbe überkommen, deren Konservierung eine unabweisliche Pflicht der Epigonen ist Das pietätvolle Andenken an die Vorfahren erweckte nun die Idee, alle vorhandenen Kultgeräte, Ur-