Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 9 (21.2.1936)
- Date
- 1936-02-21
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis dieser Nummer Grosdien In Deutschland verboten mit den Veröffentlichungen der „Union österreichischer Juden44 Erscheint jeden Freitag HfflilltlM Redaktion und Administration: Wien 11., Heinestraße 13 — Telephon R 46 2-16 — Postsparkassenkonto Wien: A 100.918 52. Jahrgang: Wien, 21. Februar 1936 Nummer 9 Wilhelm Clnstloff, den David Frankfurter niederscliolj, hat ais nationalsozialistischer Landesinspekteur für die Schweiz, nach dem Zeugnis Hitlers der Partei treu, fleißig und ehrlich gedient. Worin dieser Dienst bestand, darübet bringt jetzt die Schweizer Presse täglich neue Enthüllungen: Gustloff, von Geburt Deutscher, der in Rußland erzogen wurde und sich lange Zeit für einen Russen ausgegeben hat. habe nicht nur eine schweizerische „Stürmer-Ausgabe verbreitet, sondern auch das Pamphlet „Protokolle der Weisen von Zion" in vielen Hunderten Exemplaren nach der Schweiz gebracht; er wurde auf diese Weise der Urheber des Berner Prozesses um die „Protokolle". Manche Zeitungen bringen ihn mit der Entführung des Journalisten Jacob aus der Schweiz nach Deutschland und mit anderen Entführungsaffären in Zusammenhang. Er begründete eine große illegale Organisation, deren einzelne Mitglieder er ganz nach deutschem Vorbild vereidigte. Der Schweizer Nationalrat Canova machte seinerzeit den Bundesrat darauf aufmerksam, daß Gustloff fremde Kurgäste belästigen und bedrohen ließ, sich regelmäßig die Adressen der neu ankommenden deutschen Gäste verschaffte und D r o h b r i e f e an sie richtete. Die in der Schweiz studierenden deutschen Studenten wußte er mit viel Talent zu S p i t z e 1 n auszubilden. Alle diese Umtriebe erschienen weder dem Habicht von Davos noch seinen Auftraggebern im Dritten Reiche als Mißbrauch des Gastrechtes. Als solchen taxieren sie bloß das Attentat des jugoslawischen Studenten David Frankfurter auf Gustloff. Und sie maßten sich an, den Schweizer Behörden Lehren zu erteilen, wie sie die Verletzung der helvetischen Gastlichkeit durch den jüdischen Mörder zu rächen hätten. Die Schweizer Oeffentlichkeit hat aber diese unerbetenen Lehren energisch zurückgewiesen und der schweizerische Bundesrat beschloß einstimmig, daß das von Gustloff innegehabte Nazi-Amt nicht wieder besetzt werden dürfe. Für viele braune Alpinisten, die die Luit von Berchtesgaden seit den verheerenden Niederschlägen vom 30. Juni 1934 in gesundheitlicher Beziehung nicht mehr für einwandfrei halten, ist das ein harter Schlag. Wie soll der einfache S.-A.- und S.-S.-Mann hoffen, eine einigermaßen imponierende Höhenstellung erklimmen zu können, wenn ihm nach den österreichischen, in die er nun nicht einmal zu Sportzwecken reisen darf, jetzt auch noch die Schweizer Alpen verschlossen werden? So hoch, wie Gustloff nunmehr nach seiner Verklärung durch die Führerreden bei seinem Leichenbegängnis im nationalsozialistischen Ansehen gestiegen ist. strebt ihr Ehrgeiz ohnehin nicht. Denn sie sind sich darüber im Klaren, daß der Landesinspekteur von Davos nicht durch .seine eigenen Leistungen eine solche Gloriole erreicht hat, sondern nur durch die Schüsse des David Frankfurter, so wie schon der Philister Goliath nur durch seinen Tod aus Davids Hand in die Bibel und damit in die Unsterblichkeit Eingang gefunden hat. Dieser naheliegende Vergleich inspirierte das „Schwarze Korps", das Organ der S.-S., zu einer Zeichnung, die darstellt, wie David (Frankfurter) den Goliath (Gustloff) umbringt, als Symbol des jüdischen Mordsinns. Diese Deutung ist aber bloß einer der vielen Beweise für den Mangel an diplomatischer Begabung, die die Nazi in dieser Angelegenheit erbrachten. Denn wie jeder Bibelkenner — und wer ist das nicht? — weiß, ist David nicht durch eigenen Trieb, sondern durch freche Provokationen des auf seine rohe physische Kraft pochenden Riesen zu dem Zweikampf mit Goliath gedrängt worden und hat mit Gottes Hilfe an dem ungeschlachten Herausforderer die Macht des Intellekts über die geistlose Muskelkraft dargetan. Ist es nicht unvorsichtig von den Nazi, daran zu erinnern? Auch ihr Rassenstolz kann in diesem Falle das Manko an Vorsicht und Voraussicht nicht decken. Denn erstens hat der Patriarch der Nazi- Wissenschaft, Huston Stewart Chamberlain, den David als Arier deklariert, weil sonst der von ihm gleichfalls als Arier agnoszierte Christus seine Abstammung nicht auf David hätte zurückführen können. Zweitens war es niemals der Vorwurf jüdischer Mordlust, der den Nationalsozialisten die jüdische Rasse verächtlich macht, sondern im Gegenteil das Gebot: „Du sollst nicht töten!" Mord, er mag in ehrlichem Kampfe, Stirn gegen Stirn, vollbracht werden, wie von Siegfried, oder aus sicherem Hinterhalt, wie von Hagen, erscheint dem Hakenkreuzler als höchste Auslösung nordischen Heroentums. Die Verkünder des biblischen Tötungsverbots, also außer dem Judentum auch noch das Christentum, gelten dem Nazi dagegen als defaitistische Zerstörer jener Mannes- und Volkstugenden, die er für die natürlichste Grundlage einstiger und künftiger Größe des Germanentums ansieht. Damm ist es eine erstauliche Umkehrung nicht nur der Tatsachen, über die sich ja die Hakenkreuzmentalität gern hinwegsetzt, sondern auch der Urnazi-Ideologie, wenn Hitler am Grabe Gustloffs die Juden als die alleinigen Urheber und jetzt auch schon Vollstrecker der politischen Mordseuche hinstellte und von den Nationalsozialisten behauptete, daß sie niemals einen Mordanschlag gegen irgend jemanden geführt und auch den Juden nichts zuleide getan hätten . . . Hitler hat durch diese Umkehrung des Verhältnisses zwischen David und Goliath den einzig Rasiere Dich gaf und billig Ocsterreichisciies QualllälsraDrihal Ueberau erhältlich dastehenden Erfolg erzielt, mit einer Grabrede die ganze Welt zum — Lachen gebracht zu haben. Nicht zum Lachen ist es bloli den Juden, besonders den noch in Deutschland lebenden, da sie die Aeußerung Hitlers, daß er die ..jüdische Kriegserklärung annehme", als die Ankündigung neuer judenfeindlicher Maßnahmen werten, die. wenn auch wahrscheinlich längst beschlossen, in dem Mord von Davos eine willkommene Motivierung finden. In allen deutschen Synagogen haben die Rabbiner in ihren Sabbatpredigten die Ermordung Gustloffs durch den Studenten David Frankfurter als „in Widerspruch zu den Lehren der jüdischen Religion und der Ethik des Judentums stehend" verurteilt. Die außerhalb der Hitler-Machtsphäre lebenden Juden können noch weiter gehen und die sinnlose Tat als ein Symptom für das Uebergreifen der Hakenkreuzseuche auf vereinzelte Judenseelen bedauern. Denn das ist der wahre Kern der Sache: Es ist nicht die jüdische Mentalität, die das Nazilager gefährdet, sondern es ist die Hakenkreuzrnentalität. die. nachdem sie sich bereits für die andersgläubige Jugend als gefährliche Pest erwiesen hat, jetzt auch noch die jüdische Jugend in den Bann der barbarischen Mordpsychose zu ziehen droht. Schächtverbot in Polen. Der S t a u t p r ä s i d e n t von Posen, Oberst Wjenckowski, hat aui Grund eines alten „preußischen Gesetzes betreffend allgemeine Verwaltung" ein Verbot der Schlachtung von Tieren ohne vorherige Betäubung erlassen, womit praktisch für die Stadt Posen das S c h ä c Ii t v e r b o t eingerührt ist, dem demnächst ein Sc Ii acht verbot für ganz Polen folgen soll (Im Sejm liegt nämlich von maßgebender Seite ein Antrag vor, der viel Aussicht auf Annahme hat) Unter der Judenschaft von Posen herrscht über diesen Beschluß große Aufregung. Eine Abordnung der jüdischen Gemeinde und des Rabbinats begab sich nach Warschau, um von der Regierung die A u f Ii e b u n g des Sc h;i cht verböte zu verlangen. 4k VERWALTUNGEN «X^SÄTZE - HYPOTHEKEN ' "jfj*. KÄUFE - VERKÄUFE T^fr V DIpL-KauIm. r & R. SZIL AG Yl BEI. ABT. SUSftL IX., ROTENLÖWENG. 3 TEL. A 10-5-69 KOHLE» KOKS ANTHRAZIT Türee Sfars AASCH ^*-»-*----52 II 4T-5-M AiiefHigc lltfcmtlB «er „Asca" Bund jüd. 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