Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-02-09 · Heft 7 (9.2.1936) · page 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 7 (9.2.1936)
Date
1936-02-09
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064613--20554-3085811
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

DIE WAHRHEIT Nr. 7 — 9. Februar 1936 Seite 3 Der Fall Dr. Seit dem Bestände der Wiener Kultuisgemeinde hat kein Vorkommnis die Wiener Judenschaft so aufgewühlt wie der Fall Dr. Löwenherz. Wie sehr auch seit dem Auftreten der Jüdischnationalen in der Wiener Kultusstube die Gegensätze aufeinandergeprallt sind: an diesen Fall reicht kein Geschehnis heran. Die jüdischnationalen Presseorgane, die „Stirn m e" sowohl wie „Die Nene W e 11", sonst einander spinnefeind, stoßen diesmal in dasselbe Horn. Und es ist ihnen glücklich gelungen, die Atmosphäre derart zu vergiften, daß die Entfremdung zwischen Unionisten und Jüdischnationalen auf das Aenßerste gestiegen ist und sich sogar schon auf den rein persönlichen Verkehr zu erstrecken begonnen hat. Es droht die Gefahr der Sprengung der Kultusgemeinde. Das ficht Herrn Dr. L"ö wenlierz nicht an; er besteht auf seinem Schein, der Zusage, die gewisse Herren ihm gemacht haben, auf die Gefahr hin, daß die Kultusgemeinde gesprengt wird, daß ein Riß sich in der Judenschaft Wiens vollzieht, der vielleicht nie wieder wird geschlossen werden können. Nur gewisse Herren aus der jüdischnationalen Kultusratsmehrheit denken so. Beileibe n i c h t a 11 e. Und von den Jüdischnationalen außerhalb der Kultuustube denken gerade die Prominentesten anders. Mehr, sie äußern ihre Meinung vielfach ganz freimütig: im schärfsten Sinne und zum Teile auch mit den schärfsten Worten gegen Dr. Löwenherz und gegen die Haltung, zu der er die Jüdischnationalen in der Kultusstube zu bringen und in der er sie zu halten verstanden hat. Wais liegt denn eigentlich vor? Dr. Löwenherz ist erst nach dem Umsturz nach Wien gekommen, erlangte 1921 die Bundesbürgerschaft und •yurde bereits 1924 Vizepräsident der Kultusgemeinde. Er ist der tüchtigste jüdischnationale Agitator und ein vorzüglicher Volksredner und hat durch diese Eigenschaften die jüdischnationale Bewegung in Wien mächtig gefördert. Die Jüdischnationalen haben es zum größten Teil ihm zu verdanken, daß sie bei den Wahlen im Jahre 1932 die Majorität in der Kultusstube erlangt haben. Die Jüdischnationalen in Wien sind ihm also zweifellos Dank schuldig. Und nun soll die Bezahlung, die bare Bezahlung dieser Dankesschuld kommen: Er will bezahlter Amtsdirektor werden, hoch bezahlter, mit der höchsten Gehaltsstufe bezahlter, und gegen Bezahlung jene Kenntnisse und Erfahrungen ausnützen, die er sich als ehrenamtlicher Vizepräsident erworben hat. Er wirft das Ehrenamt des nicht bezahlten Vizepräsidenten der Kultusgemeinde hin, um deren höchstbezahlter Beamter zu werden: eine nie wiederkehrende Gelegenheit, der Tod des bisherigen Amtsdirektors Regierungsrates F u c h s g e! b muß ausgenützt werden. Dieser Mortimer starb sehr gelegen und der Gehalt des Amtsdirektors beträgt rund 18.000 S jährlich, ein Ministergehalt! Welch ein Ausblick: Dr. Löwenherz ist Rechtsanwalt und steht im 53. Lebensjahre. Die Rechtsanwaltschaft liegt in Wien allgemein darnieder. Das ist ein offenes Geheimnis. Ungezählte haben überhaupt nichts mehr zu tun. Also weg von der Advokatur und hin zum Amtsdirektor mit dem Ministergehalt. 18.000 Schilling jährlich! Dabei richtet sich die Dienstpragmatik der Beamten der Wiener Kultusgemeinde nach der der öffentlichen Beamten. Juristisch gebildete Beamte können dalier gemeiniglich mit 65 Lebensjahren in Pension gehen. Da Dr. Löwenherz bereits 53 Jahre alt ist, seine Dienstzeit also nur eine relativ kurze sein wird, werden seine Parteigenossen ihm selbstverständlich eine ganze Reihe von Jahren im Voraus als in die Pensionsbemessung anrechenbar zusichern. Die Rechnung ist also leicht gemacht. Werden 13 Dienstjahre angenommen, etwa bis zum 66. Lebensjahre, so bedeutet dies einen Gesamtgehaltsbezug von 234.000 S während der Aktivität; hiezu kommt dann die eigene Pension, die mindestens mit der Hälfte, also mit 117.000 S angenommen werden kann; dazu dann die eventuelle Witwenpension. Die Niederlegung des Ehrenamtes des nicht bezahlten Vizepräsidenten, richtiger der Tausch mit der Stelle des höchstbezahlten Amtsdirektors der Kultusgemeinde bedeutet also für Dr. Löwenherz eine Einnahme, für die Kultusgemeinde aber eine Ausgabe von zusammen approximativ rund vierhunderttausend Schilling gegen etwa hundert Schilling monatliche Gehalts- Löwenherz. aurbesserung bei bloßem Avancement eines der vielen Beamten auf diesen Posten. Da lohnt es sich schon, heute die Ehrenstelle des ehrenamtlich tätigen, unbezahlten Vizepräsidenten hinzuwerfen, um morgen als höchst bezahlter Beamter wieder aufzutauchen, in eben demselben Amte. Da lohnt es sich schon, die ganze Beamtenschaft vor den Kopf zu stoßen, die um ihr wohlerworbenes Recht auf Avancement gebracht wird durch einen Außenseiter, der bis nun der allmächtige Herr Vizepräsident war. Da lohnt es sich schon, die gesamte Judenschaft Wiens in Aufruhr zu bringen und die Gefahr heraufzubeschwören der Sprengung der Kultusgemeinde, ja vielleicht auch der Zerstörung der Autonomie und der bisherigen Rechtsgrundlagen der Kultusgemeinde. Alles um dieses einen Mannes willen. Alles, um ihn auf einen sicheren Postenzubringen. Alles, weil einige Jüdischnationale ihm in einem unbesonnenen Augenblick zugesagt haben, ihn zum Amtsdirektor zu machen, d. h. für alle Zeiten zu versorgen. Und darum mußte Herr Oberbaurat S t r i kker Vizepräsident der Kultusgemeinde werden, derselbe Herr Stricker, der als erster in einem Artikel auf diesen Fall, freilich in für Dr. Löwenherz günstigem Sinne, das Wort Korruption geprägt hat. Darum mußte vielleicht auch ein Buchhändler, der Leihbibliotheksbesitzer Moses Rath, zum Bibliotheksdirektor der unschätzbaren Bibliothek der Kultusgemeinde bestellt werden. Also ein Schrittmacher für derlei Umschichtungen aus Ehrenamt in bezahltes Amt. Denn auch Herr Moses Rath tauchte eines Tages als Kultusrat unter, um tags darauf als hochbezahlter Bibliotheksdirektor fröhlich wieder aufzutauchen, versorgt für alle Zeiten. Es sollte da wohl ein Präjudiz geschaffen werden für die bequemste Methode, wie aus einem unbezahlten Träger eines Ehrenamtes der Kultusgemeinde ein hochbezahlter Beamter eben derselben Kultusgemeinde gemacht wird. Man sieht, die jüdischnationalen Machthaber haben das schwierige Problem der Umschichtung glänzend gelöst. Nur Geduld! Nicht drängen! Es kommt jeder, der es braucht, an die Reihe. Wir sind doch die Majorität und es ist schon „das Schicksal der Minorität, überstimmt zu werden". Und darum Räuber und Mörder gegen die Union österreichischer Juden, welche für die von Theodor H e r z 1 in seinen Schriften wortwörtlich gepredigte Reinheit und Sauberkeit in der Verwaltung der Kultusgemeinde eintritt. Darum die von Haß lodernden Beschimpfungen und Besudelungen in der „Stimme" und der „Neuen Welt". Darum das herostratische Beginnen der bewußten Demolierung des stolzen Gebäudes der Wiener Kultusgemeinde. Wenn sich Dr. Löwenherz um die Wiener jüdischnationale Bewegung Verdienste erworben hat und die Herren das Bedürfnis fühlen, ihn zu versorgen: Kein Unionist hat dagegen etwas einzuwenden. Aber nicht auf Kosten der Kultusgemeinde, nicht auf Kosten der Wiener jüdischen Allgemeinheit. Die Jüdischnationalen haben ja doch genug Organisationen ihrer eigenen Partei, in welche sie einen der Ihrigen entsprechend unterbringen und versorgen können. Und zur Verbergung dieser Korruption, dieses noch nie dagewesenen Protektionismus und dieser Freunderlwirtschaft das Mäntelchen der Konkursausschreibung. Diese gewissen Herren lächeln und schmunzeln vergnügt und schreiben für die Stelle des Amtsdirektors einen Konkurs aus: Jeder kann sich bewerben, jedermann, ja es wird ihm im Vorhinein sogar die eventuelle Altersnachsicht und die jmm^^ Gedenket Winterhilfe der Bundesregierung! ^mmmmmmmmmmmmmmr Nachsicht der juristischen Prüfungen zugesichert. I 'nd die Auguren lächeln und blicken sich verständnisinnig an. Jeder kann sich bewerben, aber nur Einer erhält den Posten: unser Dr. L ö w e n h e r z. Dafür wirst du. lieber Stricker, Vizepräsident der Kultusgemeinde. Du hast es dir nie träumen lassen? Also du siehst, es fällt auch dir etwas in den Schoß. Und daher hübsch bei der Stange bleiben. Bis zu den nächsten Wahlen in den Zioni.stetikongreß. Dann fahren wir uns wieder einmal gründlich in die Haare. Vorläufig müssen wir einig sein. Einig sein macht stark. So stark, daß du, lieber Stricker, Vizepräsident wirst und du, lieber Löwenherz, Amtsdirektor. Und nun los gegen die dreimal verfluchten Unionisten, los in der „Stimme" und los in der „Neuen Welt". Und in die Arme sinken sich beide und weinen vor Schmerz und vor Freude: der Stricker, der eben neugeborene Vizepräsident, und der Löwenherz, der im letzten Gebärstadium befindliche Amtsdirektor. Strickers berühmt gewordener „Totalitätsanspruch und Eigenbedarf" hat gesiegt. Beide haben nun ihren Kfgenbedarf gedeckt. Nie noch hat Freunde;-Wirtschaft in wahrstem Sinne des Wortes eine solche Katastrophe anzurichten gedroht. Nicht nur Unionisten, zahlreiche Jüdischnationale in angesehener Stellung und von gutem Namen, welche nicht Kultusmandatare sind, haben nur Worte der tiefsten Empörung über dieses Sclfauspiel von Korruption, Protektion und Freunderlwirtschaft, welches einige Herren der jüdischnationalen Majorität aufführen. Es denken und sprechen durchaus nicht alle Kultusräte der jüdischnationalen Majorität so wie gewisse Wortführer derselben. Aber sie können sich nicht durchsetzen und so werden einige wenige Herren von der jüdischnationalen Kultusmajorität eine furchtbare Verantwortung tragen, wenn sie die Kultusgemeinde ins Verderben stürzen: Wegen der Versorgung des Herrn Dr. Löwenherz. Die Kultusgemeinde hatte unter ihren Amtsdirektoren bisher keinen einzigen, der im Wege einer öffentlichen Ausschreibung ernannt worden wäre. Alle, ausnahmslos alle, sind den selbstverständlichen und normalen Weg des Beamten gegangen und haben sich in jahrzehntelanger Arbeit bis zum höchsten Posten hinaufgearbeitet: Wie es auch in ausnahmslos allen Staatsanstellnngen der Fall ist, in welchen ja nur für einen einzigen Fall eine Konkursaussehreibung vorgesehen ist: Bloß für den Posten eines Richters, weil ja ein Richter unabsetzbar und unversetzbar ist und es daher seinem freien Belieben überlassen sein muß, ob er sich um einen anderen Posten bewirbt. Dabei ist eine Reihe von Aintsdirektoren mit auch heute noch ruhmvollen Namen aus den Reihen der Beamtenschaft der Kultusgemeinde hervorgegangen. Hier seien bloß genannt Dr. Ludwig August F r a n k I, der berühmte Dichter, der 1848 das erste zensurfreie Gedicht auf die Wiener Universität gedichtet hat und später vom Kaiser Franz Josef in den Ritterstand erhoben wurde: Ignaz K ur a n d a, nachmals selbst Reichsratsabgeordneter und der Vater des vor etwa zehn Jahren verstorbenen Reichsratsabgeordneten Alfred K u r a n d a. Mandatsniederlegung. Die unionistischen Kultusräte hatten nun beschlossen, ihre Mandate niederzulegen, falls die Jüdischnationalen trotz allem die Ernennung des Dr. Löwenherz vornehmen sollten. Die ..Union" hat von diesem ihren einstimmigen Beschluß dem Präsidenten der Kultusgemeinde bereits Mitte Dezember des Vorjahres Kenntnis gegeben. Einigungsvorschläge. die sogar von prominenter neutraler Seite ausgingen, scheiterten au dem Widerstand des Herrn Dr. Löwenherz. der /.. B. unverständlicherweise den Vorschlag ablehnte, als pauschalierter Rechtsanwalt der (km e i nd e u nd ihrer Institutionen zu fungieren. Für den 4. d. M. war neuerlich eine Sitzung des Vertreterkollegiums angesetzt, um als Ergebnis der zur Farce gemachten ..öffentlichen Ausschreibung" Herrn Dr. Löwenher/ -unn Amtsdirektor zu bestellen. Die Einladung zu dieser Sitzung hat bezeichnenderweise der nette Vizepräsident Oberbaurat Stricker unterschrieben, „im Auftrage des Präsidiums". Da eine von der „Union" ausgehende, triftig motivierte Beschwerde gegen die Abhaltung dieser Sitzung vom Präsidenten der Kultusgemeinde, dem sie rechtzeitig zur Kenntnis gebracht worden, bagatellisiert wurde, haben sämtliche unionistische Kultusräte am 4. Februar ihre Mandate niedergelegt. Es bleiben nun im Kultusvorstande, welcher aus 36 Mitgliedern zu bestehen hat, bloß 17 zurück:

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.