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Die Wahrheit · 1936-02-07 · Heft 6 (7.2.1936) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 6 (7.2.1936)
Date
1936-02-07
Page
– (sequence 5)
Language
German
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01E WAHRHEIT Seite 5 smi größere Begeisterung erweckte als in den jüdischen. Den Punkt 1 des Kunschak-Entwurfes würde auch ein Jüdischnationaler nicht anders formulieren: 1. Die jüdische Nation ist in Ocsterreicli so wie kde andere Minderheitennation anerkannt und mit allen Rechten einer geschätzten nationalen Minderheit ausgestattet. Die Antisemiten haben natürlich immer in der Hauptsache den — Schutz der Juden im Auge. Schon die Ausbeutung der Juden im Ghetto geschah auf Grund ihnen huldvollst gewährter „S c h u t z briefe" seitens der Obrigkeit und auch Hitler hat diese Tradition aufgegriffen, indem er der staunenden Mitwelt verkündete, der Zweck seiner Nürnberger Gesetze sei der Schutz der luden... Auf demselben Niveau stehen die anderen Punkte, die übrigens dem damaligen National rat S t r i c k e r aus der Seele geschrieben scheinen, denn der ganze Gesetzentwurf stammt aus den Jahren 1918 und 1919: 2. Die Zugehörigkeit zur jüdischen Nation wird hei Strafandrohung aus dem objektiven Merkmal der Mitgliedschaft in der israelitischen Religionsgesellschaft oder aus dem subjektiven Bekenntnis zur jüdischen Nation ermittelt. 3. Die Stellung der Juden im öffentlichen Leben ist vollkommen gleich der Stellung des Mehrheitsvolkes und nicht qualitativ, sondern nur quantitativ durch einen den Bevölkerungsziffern in jedem Bundesland entsprechenden „Numerus clausus" begrenzt. Oleich anderen nationalen Minderheiten bilden z. B. daher auch die Juden eigene Wahlkör p e r und die Pflichtschulen stehen ihnen in unbegrenztem Ausmaß ebenso zur Verfügung, während ihnen die übrigen aus öffentlichen Mitteln (also auch aus den Steuergeldern der Juden! Die Red.) erhaltenen Unterrichts- und Erziehungsanstalten wiederum nur im Verhältnis der Stärke der j ü di s eh e n Nation innerhalb der Bevölkerung offen stehen, wobei es den Juden jedoch unbenommen bleibt, eigene Schulen zu errichten und zu erhalten. 4. Eine solche Regelung der Judenfrage setzt die amtliche Führung eines nationalen Katasters voraus. Die Schaffung eigener jüdischer W a h 1 k ö rp e r und Schulen zeigt die damalige Interessengemeinschaft zwischen Kunschak und Stricker, während der jüdische Kataster mehr dem Bedürfnis der Judenboykotthetzer entgegenkam. Dagegen hat der damalige Führer der christlichsozialen Partei, Prälat Dr. S e i p e 1, dem Kunschak seinen Gesetzentwurf unterbreitete, eine Probe seiner staatsmännischen Weisheit abgelegt, indem er zunächst Punkt für Punkt homäopathisch behandelte, d. h. durch scheinbares Eingehen auf die Ideen des Verfassers in das polare Gegenteil der ursprünglichen Tendenz verwandelte, und sodann das Ganze für — unzeitgemäß erklärte. Ein Musterbeispiel der geschilderten Homäopathie bildet die Seipelsche Einfügung in den Punkt 2, daß die Zugehörigkeit eines Juden zur jüdischen Nation nur so lange in Kraft sei, „insolange dieses Bekenntnis nicht unter gleichzeitigem Bekenntnis zu einer anderen Nation widerrufen wird". Es ist klar, daß durcli diese Einfügung der Status quo, nach dem sich jeder Jude zu der Nation bekennen darf, der er sich sprachlich und kulturell verbunden fühlt, wieder hergestellt und somit das ganze Gesetz um seine von Kunschak angestrebte Wirkung gebracht wird. Denn mit dem Bekenntnis der einzelnen Juden zur deutschen Mehrheitsnation oder auch zu einer slawischen Minderheitsration erscheint jede gesetzliche Handhabe zu der jüdischen Sonderstellung, die Kunschak eigentlich anstrebt, ausgeschlossen. Denn schon Dr. Seipel war sich darüber klar, dal! sich z. B. die Tschechen bei Regelung ihrer nationalen Minderheitsrechte in Oesterreich den Numerus clausus nicht würden bieten lassen. Auch Bundeskanzler Dr. S c h u s c h n i g g sieht das gewiß ein, und es ist deshalb unerfindlich, wieso sein Hinweis darauf, daß „die Zeit zur Schaffung von Kulturautonomien für die nationalen Minderheiten gekommen" ist, dem Kunschak-G&ietz jetzt die Aktualität verleihen soll, die ihm Dr. Seipel, solange .er lebte, wohlweislich abgesprochen hat. Das christlichsoziale „Neuigkeits-Weltblatt" bemerkt hiezu: „Ob heute, sofern man überhaupt den Zeitpunkt für eine Lösung der Judenfrage für gekommen erachtet, das Rassenprinzip ausgeschaltet werden könnte, ist eine Frage." Die Anerkennung des Rassenprinzips aber würde gerade eine von katholisch-kirchlicher Seite immer wieder ■abgelehnte Gleichschaltung mit Hitler-Deutschland darstellen und der österreichischen Staatsautonomie die von ihren zielbewußten Verfechtern stets betonte sittlich-kulturelle Grundlage rauben. Ein katholischer Hochschullehrer schrieb in der Broschüre ..Stimmen von Niederländern MÖBEL Moderne Küchen- Vorzimmer- Wohnzlmmer- F. HOHN, Wien II, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen. über die Behandlung von Juden in Deutschland": „Um wie viel edler und starker stünden die Bekämpfer der Juden da, wenn sie. die deren Macht nicht ertragen können oder wollen, in edlem Wettstreit sich mit den Juden in allem, was diese bis heute vollbracht haben, messen würden." Dieser freie Wettbewerb ist die einzige „Ordnung in der Judenfrage", die mit der ewig unveränderlichen Gerechtigkeit in Einklang steht und daher zu jeder Zeit aktuell ist. „Der Wille zu Österreich". Vortrag von Joseph Aug. Lux in der „Union". Austriia docet! Joseph Aug. Lux, der Oesterreicher und Katholik, sprach am 4. d. M. in der „U n i o n" zur österreichischen Judetischaft über ihre Verbundenheit mit dem österreichischen Vaterland, die die jüdischen Frontkämpfer im Weltkrieg mit ihrem Blut besiegelt haben und die in kultureller Beziehung auf dem Gebiet der Literatur, der Kunst, der Wissenschaft und des öffentlichen Lebens in vielseitigen, fruchtbaren Auswirkungen offenkundig sei. Der Wille zu Oesterreich sei der Wille zur Selbstbehauptung, :<um Besten der Menschheit, zum Ewigen, zu dem im Herzen Europas verbliebenen Stück Abendland, das vom religiösen Sittengesetz beherrscht werde. Gegen die Gefahren des einseitigen Sozialismus und Nationalismus begründete Lux sein zeitgemäßes Thema in scharfsinniger und durch die Neuheit der Gedanken fesselnder Weise, sowohl vom religiösen wie vom geschichts- und staatsphilosophischen und kulturellen Standpunkt. Dabei entwickelte er den Begriff einer österreichischen Nation, lausgehend von dieser Bezeichnung, die schon Rudolf der Stifter an der von ihm begründeten Wiener Universität eingeführt hatte. So wichtig die Sprache sei, so sei sie nicht die einzige Ausdrucksform, darin sich die tiefste Wesenheit eines Volkes und einer Nation kundgibt. Wenn der Oesterreicher in seiner zweiten Sprache redet, in der Musik, wird alles klar. Nicht die Blubo- und Rassentheorie sei maßgebend. Geist und Wille sind es, die entscheidend Nation und Staut bilden. Die höchste Bildung aber sei Religion, ohne welche Völker und Staaten verschwinden. Auch der Begriff „Reich", nicht zu verwechseln mit „Staat", sei vor allem ein religiöser Begriff, der die Völker und Staaten unter dem religiösen Sittengesetz zur Völker-Familie versöhne. Die nationalsozialistische These „ein Volk, ein Reich", sei daher nicht haltbar. Ebensowenig die schwächliche Nachahmung diei-er These, „ein Volk, eine Religion", die eine nationale Häresie ist. Wohingegen der wahre christliche Nationalismus nichts anderes als die heiligen Güter des eigenen Volkes und der anderen hütet und verteidigt. In heroischer Weise haben die Habsburger diese Aufgabe erfüllt und das heilige römische Reich zur Monarchie latina trionfante austriaca entwickelt, was unter dem Einfluß der preußischen Geschichtsentstellungen noch nicht genügend klar erkannt sei. Wohl sei die deutsche Kultur mitenthalten, aber auch sie ist ein Ergebnis der lateinischen Kultur. Aus diesen überlieferten geheimen Geistesmächten schöpfte D o 11 f u ß die Kraft, die Wiedergeburt Oesterreichs vorzubereiten, dieses Oesterreichs, das nicht mit den Begriffswelten des Sozialismus und Nationalismus verstanden werden könne und grundsätzlich eine ganz andere höhere Bestimmung habe, die nicht in der Nachahmung liegt. Auch der Judengott sei kein nationaler Gott, sondern der Schöpfer des Alls; zwischen dem alten und neuen Testament bestehe kein Riß. Die Psalmen gehören zu den schönsten Bestandteilen der Liturgie, und der mosaische Dekalog bilde die Grundlage der Reich-* Gottes-Idee des heiligen Augustinus. Nicht der Religiöse und nicht etwa der Nichtchrist sei der Feind der Kultur und des Vaterlandes; der G o 111 o s isei der Feind, der Antichrist, der in vielen Gewändern umgeht, der Barbar, der aus eigenen Tiefen aufsteigt . . . Antisemitismus sei ein Minderwertigkeitskomplex und habe keinen Raum im katholischen Empfinden. Die Idee, heimatlose Juden nach Palästina zu führen, habe altruistische und religiöse Beweggründe, nicht nationalistische, und könne immerhin nur einen Bruchteil der Judenschait betreifen, während die anderen ihrem Vaterland gehören. „Auch uns ist Palästina ein heiliges Land", betont der Vortragende, „aber unser Vaterland ist hier". Wenn es jüngere Kreise gäbe, fuhr er fort, die auf dem Standpunkt stehen, ihr Vaterland sei nicht Oesterreich, sondern Palästina, auch wenn sie nicht gesonnen sind, dahin zu gehen, so sei das nicht die Haltung der bodenständigen österreichischen J u d e n s c h a f t. die n i c Ii t Gast- oder F r e m d v o 1 k sei, sondern ein T e i 1 des Oesterreichertums und mit diesem unlösbar verknüpft. Der Vonragende erinnert an die jüdischen Mäzene und Ausübenden in der Schubert-Zeit, in der Zeit Franz Joseph I., an Mahler, „den letzten Symphoniker nach Bruckner", an Hugo v. Hofmannsthal, ..den form vollendeten Repräsentanten österreichischer Literatur nach Grillparzer", ah Wärndorfer, den Mitbegründer der Wiener Werkstätte, an Klimt. dessen Genius die Wiener Universität nicht zu würdigen verstanden habe . . . Der Wille zu Oesterreich sei 'Schließlich der Wille zum Kaiser, der auch der Schirmherr der nach biblischer Ueberlieferung theokratisch und monarchisch eingestellten Judenschaft sei. Präsident Reg.-Rat Dr. Hermann Oppe tili e i m, der Vorsitzende der im Festsaal des Handelsmuseums stattgehabten, sehr gut besuchten Versammlung dankte dem bekamen Schriftsteller und Historiker Lux für seine geistreichen, überaus eindrucksvollen Ausführungen. Der Mord in Davos. Der Landesgruppenleiter der nationalsozialistischen deutschen Arbeiterpartei in der Schweiz, G u s 11 o f f, ist in Davos erschossen worden. Der Täter ist ein Jude, ein unglücklicher, an Knochentuberkulose leidender Mensch, der die Hoffnung, sein armseliges Leben weiter fristen zu können, aufgegeben hatte, und den Exponenten eines politischen Systems mit in den Tod nehmen wollte, das ihm aus persönlichen und politischen Gründen verhaßt war. Der diffamierte Jude schoß einen prominenten Nationalsozialisten tot, einen Vertreter der Weltanschauung, die der jüdischen Rasse die Ausrottung zugedacht hat. Der Revolver ist kein politisches Beweismaterial. Die fünf Schüsse, mit denen David Frankfurter den nationalsozialitischen Landesgruppenführer niedergestreckt hat, prallen nicht nur auf den unseligen Schützen zurück, sondern auf seine jüdischen Leidensgenossen. Schrieb doch der „Völkische Beobachter" sofort nach Bekanntwerden der unglücklichen Tat, daß „d e r Mord den Juden als politisches Mittel vorbehalten bleib t"! Gewalttaten solcher Art sind schon deshalb zu verurteilen, weil sie wieder Gewalttaten provozieren. Sie sind nicht nur verbrecherisch, sondern auch dumm, und wenn man hundertmal eine Erklärung für die Tat des David Frankfurter finden mag. wenn man sie hundertmal als die Folge de*, ungeheuerlichen Verbrechens erkennen mag, das an der jüdischen Gemeinschaft im Dritten Reich seit drei Jahren verübt wird, so ist sie deshalb doch nicht weniger zu verdammen. Lesen Sie nächsten Montag im Wiener Montagblatt den Roman von Schalom Asch Der elektrische Stuhl

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