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Die Wahrheit · 1936-02-07 · Heft 6 (7.2.1936) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 6 (7.2.1936)
Date
1936-02-07
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 Nr. 6 — 7. Februar 1936 OSE WAHRHEIT Herrenkleidersalon S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt für die fetzige Saison die schönsten Smoking- und Fradc-Anzügc für den eleganten Herrn Billigste Preise Feinste Maßarbeit Garantierte Paßform Wenn sich ür. Löwenherz um die Wiener jüdischnaticnale Bewegung Verdienste erworben hat und die Herren das Bedürfnis fühlen, ihn zu versorgen: Kein Unionist hat dagegen etwas einzuwenden. Aber nicht auf Kosten der Kultusgemeinde, nicht auf Kosten der Wiener jüdischen Allsemeinheit. Die Jüdischnationalen haben ja doch genug Organisationen ihrer eigenen Partei, in welche sie einen der Ihrigen entsprechend unterbringen und versorgen können. Und zur Verbergung dieser Korruption, dieses noch nie dagewesenen Protektionismus und dieser Freunderlwirbschaft das Mäntelchen der Konkursausschreibung. Diese gewissen Herren lächeln und schmunzeln vergnügt und sohreiben für die Stelle des Amtsdirektors einen Konkurs aus: Jeder kann sich bewerben, jedermann, ja es wird ihm im Vorhinein sogar die eventuelle Altersnachsicht und die Nachsicht der juristischen Prüfungen zugesichert. Und die Auguren lächeln und blicken sich verständnisinnig an. Jeder kann sich bewerben, aber nur Einer erhält den Posten: unser Dr. Löwenherz. Dafür wirst du, lieber Stricker, Vizepräsident der Kultusgemeinde. Du hast es dir nie träumen lassen? Also du siehst, es fällt auch dir etwas in den Schoß. Und daher hübsch bei der Stange bleiben. Bis zu den nächsten Wahlen in den Zionistenkongreß. Dann fahren wir uns wieder einmal gründlich in die Haare. Vorläufig müssen wir einig sein. Einig sein macht stark. So stark, daß du, lieber Stricker, Vizepräsident wirst und du, lieber Löwenherz, Amtsdirektor. Und nun los gegen die dreimal verfluchten Unionisten, los in der „Stimme" und los in der „Neuen Welt". Und in die Arme sinken sich beide und weinen vor Schmerz und vor Freude: der Stricker, der eben neugeborene Vizepräsident, und der Löwenherz, der im letzten Gebär&tadium befindliche Amtsdirektor. Strickers berühmt gewordener „Totalitätsanspruoh und Eigenbedarf" hat gesiegt. Beide haben nun ihren Eigenbedarf gedeckt. Nie noch hat Freunden-wirtschaft in wahrstem Sinne des Wortes eine solche Katastrophe anzurichten gedroht. Nicht nur Unionisten, zahlreiche Jüdischnationale in angesehener Stellung und von gutem Namen, welche nicht Kultusmandatare sind, haben nur Worte der tiefsten Empörung über dieses Schauspiel von Korruption, Protektion und Freunderlwirtscliaft, welches einige Herren der jüdischnationalen Majorität aufführen. Eis denken und sprechen durchaus nicht alle Kultusräte der jüdischnationalen Majorität so wie gewisse Wortführer derselben. Aber sie können sich nicht durchsetzen und so werden einige wenige Herren von der jüdischnationalen KultusTnajorität eine furchtbare Verantwortung tragen, wenn sie die Kultusgemeinde ins Verderben stürzen: Wegen der Versorgung des Herrn Dr. Löwenherz. Die Kultusgemeinde haltte unter ihren Amtsdirektoren bisher keinen einzigen, der im Wege einer öffentlichen Ausschreibung ernannt worden wäre. Alle, ausnahmslos alle, sind den selbstverständlichen und normalen Weg des Beamten gegangen und haben sich in jahrzehntelanger Arbeit bis zum höchsten Posten hinaufgearbeitet: Wie es auch in ausnahmslos allen Staatsanstellungen der Fall ist, in welchen ja nur für einen einzigen Fall eine Konkunsausschreibung vorgesehen ist: Bloß für den Posten eines Richters, weil ja ein Richter unabsetzbar und unversetzbar ist und es daher seinem freien Belieben überlassen sein muß, ob er sich um einen anderen Posten bewirbt. Dabei ist eine Reihe von Amtsdirektoren mit auch heute noch ruhmvollen Namen aus den Reihen der Beamtenschaft der Kultusgemeinde hervorgegangen. Hier seien bloß genannt Dr. Ludwig August F r a n k L der berühmte Dichter, der 1848 das erste zensurfreie Gedicht auf die Wiener Universität gedichtet hat und später vom Kaiser Franz .losef in den Ritterstand erhoben wurde: Ignaz K uranda, nachmals selbst Reichsratsabgeordneter und der Vater des vor etwa zehn Jahren verstorbenen Reichsratsabgeordneten Alfred K u r a n d a. Mandatsniederiegtmg. Die unionistischen Kultusräte hatten nun beschlossen, ihre Mandate niederzulegen, falls die Jüdischnationalen trotz allem die Ernennung des Dr. Löwenherz vornehmen sollten. Die „Union" hat von diesem ihren einstimmigen Beschluß dem Präsidenten der' Kultusgemeinde bereits Mitte Dezember des Vorjahres Kenntnis gegeben. Einigungsvorschläge, die sogar von prominenter neutraler Seite ausgingen, scheiterten an dem Widerstand des Herrn Dr. Löwenherz, der z. B. unverständlicherweise den Vorschlag ablehnte, als pauschalierter Rechtsanwalt der Gemeinde und ihrer Institutionen zu fungieren. Für den 4. d. M. war neuerlich eine Sitzung des Vertreterkoilegiums angesetzt, um als Ergebnis der zur Farce gemachten „öffentlichen Ausischreibung" Herrn Dr. Löwenherz zum Amtsdirektor zu bestellen. Die Einladung zu dieser Sitzung hat bezeichnenderweise der neue Vizepräsident Oberbaurat Stricker unterschrieben, „im Auftrage des Präsidiums". Da eine von der „Union" ausgehende, triftig motivierte Beschwerde gegen die Abhaltung dieser Sitzung vom Präsidenten der Kultusgemeinde, dem sie rechtzeitig zur Kenntnis gebracht worden, bagatellisiert wurde, haben sämtliche unionistische Kultusräte am 4. Februar ihre Mandate niedergelegt Es bleiben nun im Kultuuvorstande, welcher aus 36 Mitgliedern zu bestehen hat, bloß 17 zurück: also nur ein Rumpf, weniger als die Hälfte der Mitgliederanzahl. Dieser nach dem Statut beschlußunfähige Rumpfvorstand darf die Ernennung des Dr. löweniierz zum Amtsdirektor nicht vornehmen. Denn die Ernennung des vorgestrigen Vizepräsidenten zum heutigen Amtsdirektor mit einem Ministergehalt ist nicht eine Fortführung der Geschäfte, zu der der zurückgebliebene Rumpfvorstand allein berechtigt ist. Die Fortführung der Geschäfte setzt voraus, daß sie bereits im G a n g e waren, „also _yon dem gesamten Plenum'nicht nur bereits beschlossen, sondern auch schon in Ausführung begriffen waren, als die Notwendigkeit der nun nach dem Statute auszuschreibenden Neuwahl eintrat. Dahin gehört der Fortbetrieb der r egelmäßigen Geschäfte, um sie im Gange zu erhalten, z. B. der Fortbetrieb des Spitals, des Versorgungshauses oder einer sonstigen Anstalt der Kultusgemeinde, die Auszahlung der Gehälter usw. Die Ernennung des gestrigen Vizepräsidenten zum heutigen Amtsdirektor mit einem Minister- ■obdkdM (p3 schon. ^Iki-Uauah, Sorelal sparsam S&omswäwML duOMMf fwxmdeh&ch gehalte und einer voraussichtlichen Belastung der Kultusgemeinde mit einem errechneten Gesamtbetrage von 400.000 S gehört aber absolut nicht zur Fortführung der Geschäfte durch einen ^auf 17 Personen zusammengeschmolzenen parteiischen Rumpfvorstand. Sie muß der Entschließung des neu zu wählenden Vorstandes vorbehalten bleiben, dem neuen Plenum von 36, nicht dem Rumpf von 17 Mitgliedern. Sollte der Rumpivorstand sich darüber hinwegsetzen, trotzdem er jetzt, gegen die Gesamtzahl von 36 Mitgliedern gerechnet, nur eine Minderheit darstellt, und den Dr. Löwenherz dennoch zum Ministergehalt verhelfen, so werden die Unionisten mit allen gesetzlichen Mitteln gegen einen derartigen Rechtsbruch ankämpfen. Die Wiener Juden werden nun wissen, was der jüdischnlationalen Majorität zuzutrauen ist! Es ist eine Verdrehung, wenn, wie dies jetzt von jüdischnationaler Seite geschieht, die Verantwortung für eine eventuelle Schädigung der Autonomie der Israelitischen Kultusgemeinde den Unionisten zugeschoben wird. Die Jüdischnationalen, die die Ankündigung von der Mandatsniederlegung der Unionisten ignorierten oder ignorieren zu können glaubten, tragen ausschließlich hierfür die Verantwortung. Die Besetzung der Stelle des Amtsdirektars mit Dr. Löwenherz wäre der größte Mißbrauch des Selbstverwaltungsrechtes der Kultusgemeinde, den es je gegeben hat. Die Besetzung dieser Stelle durch Dr. Löwenherz würde die Selbstverwaltung der Gemeinde in eine Alleinherrschaft der Jüdischna.t jonalen, , xeprä§,e,nt,ier.t... , d,.u,r,c,h Dr. Löwenherz, verwandeln. Es handelt sich also den Jüdisch nationalen nicht um die Selbstverwaltung der Gemeinde, sondern um die ausschließliche Verwaltung der Gemeinde durch die Jüdischnationalen, bzw. durch Dr. Löwenherz. Das zu verhindern ist Pflicht der „Union", und deshalb hat sie sich nach reiflicher Ueberlegung zu der Mandatsniederlegung entschlossen. Wir wissen: die Wiener Judenschaft ist mit uns eines Sinnes, ihr Urteil wird unser Vorgehen rechtfertigen. Geist von Strickers Geist Mit sympathischem Interesse verfolgt die überwiegende Mehrheil der Oesterreicher die erfolgreichen Bemühungen der Regierung, die Unabhängigkeit Oesterreichs zu sichern. Der Donaupakt, die Reise des Bundeskanzlers Schuschnigg nach Prag und die jetzigen Konferenzen des Vizekanzlers Starhemberg mit englischen und französischen Staatsmännern bilden erfreuliche Etappen zum Erfolge, der in den Kreisen der internationalen Diplomatie bereits als so sicher gewertet wird, daß sich Hitler jüngst zu der resignierten Erklärung veranlaßt sah, niemand in Deutschland halte die Anschlußfrage derzeit für aktuell. Um so verblüffender wirkt die paradoxe Tatsache, daß gerade in Oesterreich Stimmen laut werden, die der gegenteiligen Auffassung Ausdruck geben. Wir meinen damit nicht die dunklen Nazi-Existenzen, die sich mit der aussichtslosen Anschlußpropaganda einen vom Propagandaministerium des Dritten Reiches bezahlten Gehalt verdienen, sondern bekannte Politiker, die der österreichischen Regierung weltanschaulich nahe stehen und trotzdem deren Bestrebungen just im wichtigsten Punkte ideell konterminieren, indem sie unentwegt für eine „Ordnung in der Judenfrage" eintreten, die sich von der in Hitler-Deutschland eingeführten, wenn überhaupt, so nur ganz unwesentlich unterscheidet. Der tiefer blickende Kanzler D o 11 f u ß hat die Erhaltung der politischen Unabhängigkeit Oesterreichs mit der Eigenart der österreichischen Kultur begründet und auch sein Nachfolger Dr. Schuschnigg bedient sich dieser Motivierung. Das erhellt am besten aus seiner Prager Rede, die auf wirtschaftspolitischem Fundament auch kunst- und musikgeschichtliche Perspektiven zur Erläuterung der österreichischen Staaisidee bot. Von der Judenfrage hat er nicht gesprochen, ist es doch selbstverständlich, daß eme Uebereinstimmung Oesterreichs mit Deutschland gerade in der für das Dritte Reich grundlegenden Idee in Westeuropa die Ueberzeugung von der Notwendigkeit der staatlichen Autonomie Oesterreichs nicht gerade festigen würde. Darum leisten die Proponenten einer Lösung der „Judenfrage" in Oesterreich im Hakenkreuz- Geiste der Regierung den denkbar schlechtesten Dienst, besonders wenn sie sich auf deren angeblich sympathische Einstellung zu solchen Bestrebungen berufen, obwohl Dr. Schuschnigg sich öffentlich wiederholt, am deutlichsten in seiner von uns damals gewürdigten Linzer Rede, zur r e 1 igiösen Toleranz bekannt hat. Mit diesem klaren Programmpunkt der Regierung stehen die Enunziationen der „Löser der Judenfrage" in schärfstem Widerspruch. In einem jetzt von Leopold Kunschak publizierten Gesetzentwurf zur Regelung der „Rechtsverhältnisse der jüdischen Nation" akzeptiert Kunschak, wie schon dieser Titel zeigt, ebenso wie Hitler die jüdischnationale Auffassung vom Judentum, die ja seit jeher in antisemitischen Krei-

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