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Die Wahrheit · 1936-01-24 · Heft 4 (24.1.1936) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 4 (24.1.1936)
Date
1936-01-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
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Seile 6 Nr. 4 — 24. Jänner 1936- DIE WAHRHEIT Wie sie liegen. In seiner am 19. Januar abgehaltenen Sitzung beriet der Board of Deputies (Vertreterschatt der englisch-jüdischen Gemeinde«) über eir.e von Lionel L. C oi h e n unterbreitete Ergänzung zu der am 2. Oktober 1935 vom Board angenommenen Resolution. Die Ergänzung wurde zum Beschluß erhoben, in ihr wird zum Ausdruck gebracht, es sei ein „allgemeines Prinzip, daß kein sich selbst achtender Jude mit deutschen Waren handeln oder sich deutscher Dienste bedienen dürfe". Der Vorsitzende des Board, Leonard Q. M o ntefiore, wies darauf hin, daß der nach England gekommenen Abordnung deutscher Frontsoldaten auch der Führer der deutschen Kriegsinvaliden, O b e r I i n d e n, angehören wird. Dieser Herr Oberlinden, sagte Montefiore, ist eines der ältesten Mitglieder der Nationalsozialistischen Partei. Am 15. November 1935 hielt er in Nürnberg eine Rede, in der er sich g 1 ü c klich pries, in dem gleichen Saale sprechen zu dürfen, in dem ,.der große Führer im Kampf gegen die Juden Julius Streicher" gesprochen hat und von wo aus die „Kenntnis in dSe Welt gedrungen sei, daß die Juden die Völker, unter denen sie leben, stets verraten haben und sie auch in Zukunft verraten werden". Gegenüber dem Ausland führt dieser Oberlinden freilich eine etwas müdere Sprache. Anläßlich dzr Ausmerzung jüdischer Namen von den Kriegsdenkmälern in Deutschland schrieb er nach London einen Brief, in dem er die Großmut der Nationalsozialisten rühmte, die es den Juden erlauben, TafeSn mit Namen jüdischem Kriegsgefallener in den Synagogen anzubringen. Leonard G. Montefior<( erwähnte die Tatsache, daß anläßlich der Entfernung sämtlicher jüdischer Beamter und Angestellter aus dem Staats- und den sonstigen öffentlichen Diensten zu Ende' des Jahres 1935 sehr viele dieser „Ausgemerzten" ohne Pension oder sonstige Kompensation für ihre geleisteten Dienste geblieben und nun jeder Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu verdienen, beraubt sind. Montefiore kam dann auf die erlogenen oder falschen Darstellungen zu sprechen, die immer noch täglich Inn der deutschen Presse über die .luden zu lesen sind. So habe der „Stürme r" unlängst geschrieben, daß laut Bericht der Londoner Polizei 50.000 Mädchen in London Fast End. wo Juden in Massen wohnen, verschwunden seien. Selbstverständlich ist ein solcher Bericht der Londoner Polizei! nie erschiene n, weil eben die Tatsache von Anfang bis zu Ende erfunden sei. Ausländische Juden im Dritten Reich „gleichgeschaltet. Von autoritativer Seite wurde der Sonderberichterstatter der Jüdischen Telegraphen-Agentur dahin informiert, daß die Regierungen einer Reihe in i 11 e Ieeuropäischer Länder an das deutsche Auswärtige Amt die War nun« gerichtet haben, sie werden auf internationalem Boden eine Aktion gegen Deutschland ergreifen, falls dieses tortfährt, Juden ausländischer Staat szugeliörigkeit zur Liquidierung ihrer Unternehmungen im Reich — nach den gleichen Richtlinien, wie sie für deutsche Juden gelten — zu zwinge n, ohne ihnen gleichzeitig zu gestatten, ihr Kapital aus Deutschland auszuführen. Diese Warnung wurde von den diplomatischen Vertretungen der betreifenden Länder in der Forin einer Verbalnote dem Auswärtigen Amt überreicht. In der Note wird unterstrichen, daß in allen jenen Fällen, iii denen jüdische Bürger der intervenierenden Staaten im Zusammenhang mit dein antijüdischen Feldzug in Deutschland Schaden erleiden, Entschädigung von dei deutschen Regierung gefordert werden wird. Wie der JTA-Vertreter weiter erfährt, haben die diplomatischen Vertretungen der betreffenden mitteleuropäischen Länder in Berlin bereits damit begonnen, die den jüdischen Bürgern ihrer Staaten durch die antijüdische Gesetzgebung und durch Einzelaktionen erwachsenen Schäden zu registrieren, um auf diese Weise eine Unterlage für die an die deutsche Regierung zu richtende Kollektivforderung auf Wiedergutmachung zu erhalten. In diesem Zusammenhang wird betont, daß die polnische Botschaft in Berlin ihre bisherige Haltung der Gleichgültigkeit (gegenüber der Depossedierung von annähernd 50.000 Juden polnischer Staatsbürgerschaft in Deutschland aufgeben wird. Eine vorbereitende Maßnahme zu dicsei geänderten Haltung Polens wird in der kürzlich in Warschau verkündeten Notverordnung betreffend Schutz der Interessen polnischer Bürger im Ausländ erblickt: diese Notverordnung ermächtigt die polnische Regierung. Retorsionsmaßnahmen gegen jene Staaten zu ergreifen, in denen die Rechte polnischer Staatsbürger geschädigt werden..-- ~K - WIEN II.. Pratersfraoe 33 Telephon R 41-4-49 Unter Aufsicht des' ehrwürdigen Rabbinate.sf der, .Adas Jisroel . (Schiffschul). Ausgezeichnete^* F&ahe,* zivile*-Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.—. aufw. Hochzeiten» Diners un-d andere Festlichkeiten werden in und außer Haus_ elegantest ausgeführt. Wie der Sonderkorrespondent der Jüdischen Telegraphen-Agentur schließlich aus zuverlässigem Quelle -erfährt, hat das deutsche Auswärtig.e Amt bereits jenen ausländischen.Konsulaten, die bisher zugunsten der depossetüerten jüdischen Bürger ihrer Staaten interveniert und für sie.um die Bewilligung zur Ausführung ihres Kapitals aus erzwungenerweise liquidierten Unternehmungen angesucht haben, die Antwort erteilt. Darin wird gesagt, daß die Behandlung ausländischer Juden in Deutschland genau nach den gleichen P i i n z i p i e n erfolgt, wie sie gegen Juden deutscher Staatszugehörigkeit angewendet werden; eine Ausn a h m e t> e h a n d I iu n g für ausländische J uden komme nicht in Be t r a c h t. Schalom Asch in Wien. Es war ein pietätvoller Gedanke des Wiener Rechtsanwalts Dr. David Rothblum, zum Andenkeu seines Freundes, des berühmten palästinensischen Dichters Chajim Nachman B i a 1 i k, in Wien ein Denkmal in der Gestalt eines geistigen Zentrums zu schaffen. So entstand der Bialik-Klub, der nicht nur der Wiener Hebraistengemeinde. sondern auch Gästen aus dem Auslande als Treffpunkt dienen soll. Das Schicksal des Dichters war mit Wien eng verbunden. Im Sommer 1914 weilte er zur Kur in Franzensbad. das er bei Ausbruch des Krieges mit Rußland fluchtartig, um der Internierung zu entgehen, verlassen mußte. .Bialik kam nach Wien und war beinahe unbekannt. Hier suchte er Dr. Bloch, den Herausgeber der „Oesterreichischen Wochenschrift", auf und dieser brachte ihn zu Rabbiner Dr. Grunwald, der ihm die Mittel und Ausweispapiere für die;Reise in die Heimat verschaffte. In den Nachkriegsjahren kam Bialik oftl:und oft nach Wien. Hier suchte auch der Sterbenskranke für sein Leiden Genesung und hauchte auch seine Seele aus; die irdischen Ueberreste wurden bekanntlich in die palästinensische Heimat überführt. , Die Klubleituug hat nun den Dichter Schalom Asch, der zu dem engsten Freundeskreis Bialiks zählte, zu einem Gastvortrag eingeladen. Asch wird morgen abends im Großen Konzerthaussaal über die geistigen Bewegungen der Juden und des Judentums sprechen. Asch ist der größte jiddische Erzähler und Dramatiker der Gegenwart. Er stammt aus dem tiefen europäischen Osten und ist der prachtvolle Schilderer ostjüdischen Lebens. Um jemanden, der große Werke aufgerichtet hat, richtig würdigen zu können, muß man seine Herkunft, Familie und das Land, in dem er geboren worden ist. kennen und verstehen lernen. Nun, Schalom Asch kam als zehntes Kind eines armen Viehhändlers in Kutna, einem kleinen polnischen Nest — durch die gewaltige rabbinische Kapazität „Rabbi Jehoschua Kutnaer" in der ganzen jüdischen Welt berühmt — zur Welt und mußte einen weiten, dornigen 'Weg zurücklegen, um der Not der Beengung zu entrinnen und sich in der Weltliteratur Geltung und Berühmtheit zu verschaffen. Er war der „Jüngste" in der Gilde der Gestalter jiddischen Lebens, der Ghettodichter Mendale Mocher Sefarim (man feierte unlängst seinen hundertsten Geburtstag), J. L. Peretz. Mordechai Spektor, Schalom Aleichera, die sich durch ihre treuen Milieuschilderungen unvergängliche Denkmäler schafften und deren Werke in mehreren Kultursprachen vorliegen. Schalom Asch's brillante Feder, sein Schöpfergenie brachte ihn der nichtjiidischen Welt näher. Er hat schon verhältnismäßig in jungen1 Jahren die Aufmerksamkeit der jüdischen Welt auf sich,gelenkt. Sein Dreiakter „Messias Z e i t e n" wurde mit .großem Erfolg auf russischen Bühnen aufgeführt. Sein-Drama „Gott der Rache" wurde in Berlin und Wien wiederholt aufgeführt. Weh, Freude, Sehnsucht der jüdischen Seele sind in seine Bücher verpflanzt. Not, aber auch starker Wille führte ihn zu den Niederungen des Volkes („Motk-e, der Dieb), zum primitiven Arbeiter und zagenden frommen Juden („De r Trost des Volke s"). Mit seinem materiellen Aufstieg sah er immer mehr auch zu den höheren Menschen hinauf. Asch schildert den schmerzbeladenen, aber auch den heiteren, tapferen,, aufrechten Juden. Den.Schilderungen des russischen und des polnischen Judentums der Vorkriegszeit — „Petersburg" und „Warschau" - folgt der Roman „Moskau", in dem Asch in weilen Strecken ein Bild der russischen Revolution voll von Gesichtern und Gesichten entwirft Die alte Macht geht traurig zu Ende, ihre Vertreter finden sich in Paris, in Biarritz wieder, als Lebensmittelliiindler, als Kraitwagenlenker. Himmelschreiende Greuel der weißen Kosaken setzen sich in Massenerschießungen der Tscheka um, deren nervöser Leiter nur dem Hohepriester eines Götzen in Babylon vergleichbar ist. Die Revolution frißt ihre besten Kinder und jener Genosse Anatol, der Warschauer jüdische Textilarbeiter aufwiegelte, findet in den Auswüchsen des neuen Systems wieder zur Idee der Gerechtigkeit zurück und der Held selbst, der die neue Zeit mit Maschinengewehren schaffen half, kehrt krank und ernüchtert in das kleine Warschauer Lehrhaus zurück, wo die Kleinheit des Tages und eine müdegewordene Braut wartet. Denn im Grunde ist nur dieses Lehrhaus stehen geblieben. Die genannten drei Romane bilden eine Trilogie, die das besondere Interesse weiter Pubfikumskreise auf sich zog. Schalom Asch hat seinen Dichterberuf nie gering geschätzt. Er wurde durch ihn freier und unabhängiger und verschaffte ihm die Lebensmöglichkeit. So gelingt ihm die Schilderung jüdischen Lebens wie seit Mendale, Peretz und Schalom Aleichem niemandem in iu dieser Vollendung; so wird er der klassische Schilderer des Ost- und Westjuden. Asch genießt in Schriftstellerkreiselt großes Ansehen, er ist Vorsitzender des jüdischen Pen- Klubs und Ehrenmitglied des Welt-Penklubs. Greuel aus der braunen Hölle. Die Geheime Staatspolizei hat vielen hunderten jüdischen Einwohnern Bayerns, hauptsächlich in München und in Würzburg, die Pässe abgenommen. In den meisten Fällen handelt es sich um Geschäftsleute, die unter dem Druck nationalsozialistischer Kreise ihre Betriebe an Arier verkauit haben; diese Juden, die jetzt noch über ein gewisses Vermögen verfügen, sollen oifenbar daran gehindert werden, mit demselben auszuwandern. Die Münchener Juden, denen die Pässe abgenommen worden waren, erhielten dieselben mit einem Begleitschreiben zurück, in welchem es heißt: Wir machen Sie darauf aufmerksam, daß der Aufdruck auf Seite 11, wonach dieser Passus iür Reisen ins Ausland gültig sei. durchstrichen worden ist. Gleichzeitig wurde diesen Paßinhabern mitgeteilt, daß Juden, die eine Reise ins Ausland unternehmen möchten, vorher eine Reichsfluchtsteuer in Höhe von 25 Prozent ihres Verniögensbesitzes zu entrichten haben; wer innerhalb einer bestimmten Frist nicht ins Reich zurückkehrt, gehe des hinterlegten Betrages verlustig. Die Juden in Würzburg und in anderen bayerischen Städten, denen die Pässe abgenommen worden waren, haben diese noch nicht zurückerhalten. Das Bürgermeisteramt von Garmisch- Partenkirchen, wo am 6. Februar die Winter- Olympiade beginnt, hat die E n t i e r n u n g der z a h 1 r eich e n a n t i j ü d i s c b e n Schilder und- Plakate, namentlich die 'Aufschriften und Transparente „Juden sind hier unerwiinsch t". für die Dauer der Spiele angeordnet, damit auländische Besucher daran keinen Anstoß nehmen. i Der „Völkische Beobachter" stellt in einem ganzseitigen, der Olympiade gewidmeten Artikel fest, daß die Juden aus allen Zweigen des deutschen Sports hinausgedrängt worden sind, um nie wieder hereingelassen zu werden. Soeben erschien eine neu revidierte Ausgabe des Handbuchs für deutsche Sportler, welches in der Einleitung als Mittel für die politische Erziehung der Mitglieder der in der Reichssportvereinigung organisierten Verbände deklariert wird. Das 69. Kapitel trägt die Ueberschrift „Warum der Sportsmann die Juden bekämpfen muß". In einem der Hauptgrundsätze wird ausgeführt, ein wahrer Sportler darf sich nicht daraut beschränken, das Judentum zu bekämpfen und Deutschland zu helfen, sich von der Sklaverei der Juden zu befreien, sondern er muß darüber hinaus jene arischen Kreise im Reich isolieren helfen, die mit der Ausschaltung der Juden nicht einverstanden sind. * Der B; e z i r k s r a t i n Mannheim lehnte das Gesuch um Wirtschaftserlaubnis für den Betrieb einer jüdischen Gaststätte ab. Der Mannheimer ßezirksrat, so .wurde zur Begründung ausgeführt, war grundsätzlich der Ansicht, daß J.u den nicht für die Führung einer Wirtschaft in Frage kommen würden. Goebbels verhöhnt Amerika. In einer von etwa 18.000 Personen besuchten Versammlung hielt der Reichspropagandaminister Doktor Goebbels eine Rede, in der er sich darüber beklagte, daß die öffentliche Meinung Amerikas gegen Deutschland wegen seiner^ Judengeset z g ebu n g Stellung nimmt. Ein Volk; sagte Goebbels, dessen NationalhekL Lindbergh.'bgezwungenist, fem von seiner Heimat, wo sein Kindermordet wurde, zu leben, hat guten Grund, sich um seine eigenen A n g e legen-heiten zu bekümmern, anstatt sich dabei aufzuhalten, daß die Juden in Deutschland so «der anders behandelt werden. Goebbels kam auch auf die anderen Länder, die sich Jn die Behandlung der Juden in Deutschland einmischeÄmöchten, zu sprechen und sagte: „Wenn die Wft unsere Juden so liebt, so kann sie s i j| j a adoptiere n." Aerztliche Nachricht^Dr. med. Kurt Stern hat seine Ordination als praktischer Arzt eröffnet. I., Maysedergasse 5, Telephon R-28-7-70. Ordination: 2 bis 4 Uhr (Montag bis Freitag). Blut- und Harnuntersuchungen. ' " "

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