Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4 (24.1.1936)
- Date
- 1936-01-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 4 — 24. Jänner 1936 Seite Die Lage der Jaden in Deutschland. Von besonderer Seite. Die antisemitische Atmosphäre in Deutschland ist, abgesehen von gewissen Bezirken und abgesehen von der Mehrzahl der kleinen Städte, in den letzten Wochen etwas ruhiger, das heißt, weniger laut. Es wäre jedoch ein verhängnisvoller Irrtum, daraus zu schließen, daß die antisemitische Zielsetzung der nationalsozialistischen Regierung und insbesondere der nationalsozialistischen Partei irgendwie zugunsten der Juden verändert sei. Die „Stürmer"-Ka'sten, die Symbole des brutalsten Antisemitismus, sind nach wie vor aufgestellt, nicht nur vor Privatgebäuden, sondern vor Gebäuden der Post, Polizei, der Ministerien und dergleichen. Mit allen Mitteln, angefangen von der Ueberredung bis zum schamlosesten Druck und Zwang, werden planmäßig jüdische Unternehmungen den Juden entwunden. Ob man es tatsächlich dazu bringen wird, zehntau senden jüdischer Agenten und Vertretern die Gewerbekarte zu verweigern, ist noch nicht ganz durchsichtig. Man muß sich jedoch hier auf Schlimmes und Schlimmstes gefaßt machen. Eine Zahl jüdischer Vertreter hat die Gewerbekarte bisher noch nicht erhalten können, einer Anzahl anderer ist sie bereits entzogen. Das Schicksal der Mehrzahl ist noch ungewiß. Eine grundsätzliche Ausscheidung aller jüdischer Agenten aus dem Wirtschaftsleben durch Verweigerung der Gewerbekarte würde den Prozeß der Verelendung des deutschen Judentums in unheimlichem Maße beschleunigen. Auch im Einzelhandel wird die Vernichtung jüdischer Händler und geschäftlicher Unternehmungen planmäßig vorgetrieben. Neuerdings hat man die E i e rh ä n d 1 e r, sogar in der Reichshauptstadt, gezwungen, auf den.Wochenmärkten besondere Judenwinkel zu bilden. Teilweise sind sie bereits auch ganz ausgeschaltet. Aehnlich geht man gegen die jüdischen Gerlügelhänd- 1 e r vor, und man kann bereits ausrechnen, welches der nächste Stand ist, dem die Vernichtung von nationalsozialistischer Seite beschlossen ist. Ungewiß ist auch, was aus den Anwälten, denen jetzt noch die Praxis gestattet ist, werden wird, lieber 4000 Existenzen hängt hier das Damokles-Sohwert. Das Schicksal der jüdischen Aerzte, die praktizieren dürfen, ist im Augenblick nicht ganz so schlimm, weil der nationalsozialistische Aerzte-Nachwuchs bisher noch fehlt und erst in den nächsten Jahren so weit sein wird, daß er die Lücke, die die Ausschaltung jüdischer Aerzte reißen würde, schließen kann. Mit besonderer Wucht trifft diejenigen Juden, die finanziell noch imstande sind auszuwandern, die jüngste Verordnung des Reichswirtschaftsministers Dr. Schacht, daß im Auslande befindliche Vermögenswerte der Auswanderer, insbesondere Wertpapiere, der Reiohsregierung zum Umtausch in Mark anzubieten seien. Für diese ungeheuer rigorose Maßnahme wurde sogar ein rückwirkender Termin bestimmt, der alle nach dem 15. Juli 1935 aus Deutschland Ausgewanderten verpflichtet, ihre ausländischen Vermögenswerte noch nachträglich der Reichsbank zum Rückkauf in deutscher Mark, zahlbar im Inkmde, anzubieten. Wenn man diese nüchterne Aufzählung der Tatsachen überliest, so wird man um so schärfer die abstoßende Zwiespältigkeit zu beurteilen haben, die alle Aeußerungen amtlicher und nichtamtlicher Redner und Journalisten von deutscher nationalsozialistischer Seite über die Behandlung der Juden durchzieht. Während man auf der einen Seite das deutsche Judentum erniedrigt und in seiner Ehre andauernd verletzt, während man es wirtschaftlich planmäßig vernichtet, hat man andererseits den Mut zu behaupten, daß z. B. die b erüchtigten Nürnberger Judengeset z e nicht nur der Abgrenzung, sondern gleichzeitig dem Schutz des Judentums dienen, hat man die Kühnheit, von dem Unter Leitung des allgemein bekannten C«feti«r Kornmehl Cate-Restaurant Heinehof II., Heinestraße 15 Warme Küche Aufmerksamste Bedienung Reiche Auswahl in inu. ausl. Zeitungen. „Großmut" zu sprechen, mit dem der Nationalsozialismus in Deutschland' ■ die Judenfrage löst, und von der „Sicherheit", in der alle loyalen Juden in Deutschland leben können. Bs gibt kaum einen größeren Gegensatz als den, der zwischen den Worten des Nationalsozialismus, die hauptsächlich für das Ausland bestimmt sind, über seine Behandlung der Juden und den antisemitischen Taten klafft, die sich tatsächlich in Deutschland gegen eine wehrlose0 Minderheit ereignen. Die antisemitische Unruhewelle in Polen. Wiederum eine Synagoge in die Luft gesprengt. — jüdische Familie ermordet. — Die jüdische Bevölkerung ganzer Städte ruiniert. — Noch immer RKualmordhetze. — Die Unruhe an den Hochschulen. In dem in der Nähe von Czenstochau gelegenen Städtchen Truskolas, welches in der letzten Zeit mehrmals der Schauplatz wilder antisemitischer Ausschreilungen junger Nationaldemckraten war, wurde am vergangenen Sabbath-Abend eine Bombe in 'das Innere der Synagoge geschleudert, die explodierte. Wände und Dach der Synagoge an mehreren Stellen sprengte und die gesamte Inneneinrichtung vernichtete. Glücklicherweise eriolgte die Explosion nach der Sabbathabendandacht. als. die Synagoge bereits von den Andächtigen verlassen war. Die seit einiger Zeit sich häufenden Morde an jüdischen Dorfbewohnern sind um einen krassen Fall vermehrt worden. In dem Dorfe Wolyszucowski. unweit Szydlowiec, wurden die Frau und drei Kinder eines jüdischen Kaufmanns durch eine achtköpiige Bande ermordet Der Kaufmann wurde lange Zeit terrorisiert Vor kurzem wurde er in der Nacht von einer Bande überfallen und gefesselt, er konnte sich durch Leistung einerG eidsumme vcii ihr loskaufen. Er eilte dann in eine Nachbargemeinde, um die Polizei zu alarmieren. Inzwischen kehrte die Bande in sein Haus zurück 'und ermordete in bestialischer Weise seihe Frau und drei seiner Kinder, während: es dem jüngsten Knaben gelang, sich vor den Mördern zu verbergen. Auf Grund seiner Beschreibung wurden mehrere Bauern aus der Umgebung als der Tat verdächtig verhaftet. Etwa 700 jüdische Familien des Städtchens Pszytik wandten sich an den Starosta mit der Bitte um Wiederherstellung der ^Ordnung, da infolge der unaufhörlichen antisemitischen Hetze der Nationaldemokraten und des Boykott-Terrors der jüdischen Bevölkerung jede Möglichkeit genommen ist, ihren Lebensunterhalt zu verdienen. In dem Brief wird darauf hingewiesen,, daß die jüdische Bevölkerung früher mit den christlichen Nachbarn" m bestem Einvernehmen gelebt liat. Vor dem Kreisgericht in Lublin hatte sich der Antisemit Josef Bronysz wegen Teilnahme an der Ermordung des 60jährigen jüdischen Lehrers Chajim Szyborski zu verantworten. Die übrigen Teilnehmer an der bestialischen Ermordung konnten nicht festgestellt werden. Es haben sich Zeugen geiunden. die bekunden, daß der alte Lehrer eine Gruppe vorübergehender Nationaldemokraten provoziert hätte. Bronysz wurde wegen Mangels an Beweisen freigesprochen. Die Witwe des ermordeten Szyborski wurde mit ihrer Zivilschadenersatzklage abgewiesen. Obwohl sie ein Armutszeugnis erbracht hatte^ wurde ihr G esuch um Befreiung von Gerichtskosten ablehnend beschieden. Die jüdische Bevölkerung der Stadt Zdunska Wola hatte im Zusammenhang mit der Auffindung von den Leichen dreier christlicher Jungen in einer Sandgrube einen schrecklichen Tag durchleben müssen. Antisemitische Agitatoren hetzten die Bevölkerung der Stadt und der umliegenden Ortschaften gegen die Juden auf. indem sie erklärten, die drei achtjährigen Jungen seien Opfer eines jüdischen Ritualmordes geworden. Eine aus Warschau und Lodz herübergekommene Kommission, die die Sektion der Leichen vornahm, stellte einwandfrei fest, daß die Jungen während des Spiels in der Sandgrube von Sandmassen verschüttet wurden, wobei der Tod durch Ersticken eintrat. Die verstärkte Ortspolizei hatte Mühe, die gegen die Juden erregte Menge aufzuklären und sie vor Exzessen zurückzuhalten. Im Kurort Otwock. in der Nähe von Warschau wurde die Apotheke des Juden Mostkow durch eine Bombe gesprengt. Die Attentäter hatten die Tür eingeschlagen uncl die Bombe hineingeworfen. Durch die Explosion wurde das gesamte Medizin Warenlager vollkommen zerstört und das^ Gebäude unbewohnbargemacht.!n Lodz wurde der Lebensmii'ttelFaden der Frau Blume Borowyszka durch eine Bombe Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II.. Taborstraoe 12> Tel. D 4ö 5 si «m« Ausgiebige Braten-Menüs S 1.60 «m«« „ Qeüügel- „ 3 2.20 >wJ Vorzügliche Zubereitung — Schwechater Biere Naturweine. vollkommen zerstört, die in der Nähe befindlichen jüdischen Schwestern Henje und Frame Jakubowski und ein 15jähriger Junge wurden ernstlich verletzt. Die antisemitische Unruhe an den H o c h s c hu len in Warschau. Lemberg und Posen dauert an. Der Dekan der Warschauer Universität Proi. Makowski hielt mit den Leitern der Studentenverbände eine Beratung ab, wobei die letzteren erkärten. die Unruhe werde erst dann aufhören, wenn man, ähnlich wie in Lemberg, die Juden in den Hör- und Arbeitssälen von ihren christlichen Kollegen absondert. Der Dekan lehnte diese Forderung als verfassungswidrig ab. Das Attentat auf Oberrabbiner Dr. Niemirower. Die Verhaftung des Attentäters Aurel J onescu, der am vergangenen Samstag morgen auf den Landesrabbiner und Senator Dr. Jizchak Isaac Niemirower, als dieser sich zur Morgenandacht in die Synagoge begab, aus einer Pistole aus nächster Nähe vier Schüsse abgab, die den Pelz des Oberrabbiners durchdrangen und ihn am Arm leicht verletzten, wurde vom Haftprüfungsgericht bestätigt. Der Attentäter Jonescu hat bis jetzt die Aussage darüber verweigert, wer ihm die Waffe und die Munition, sowie die Tausend-Lei- Note, die bei ihm gefunden wurde, verschafft hatte. Er spielt weiter den Geisteskranken und erklärt, er habe von verschiedenen Personen Geldunterstützungen erhalten. Den Befehl zum Attentat habe ihm der „Heilige von Maglavit", Petrache Lupu, der ihm in einer Vision erschienen sei, gegeben. Er wisse, sagte er, daß er verurteilt werde, doch das müßten die Richter mit dem lieben Gott abmachen. Zahllos sind die Kundgebungen, die von jüdischer Seite aus dem In- und Auslände an den Oberrabbiner gelangt sind. Unmittelbar nach dem Attentat veranstaltete eine zahlreiche Menge eine Sympathiekundgebung vor dem Hause des Oberrabbiners. Alle größeren Gemeinden und Gemeindeverbände des Reiches haben an Dr. Niemirower Telegramme und Schreiben gesandt, in denen betont wird, daß das Attentat gleichzeitig gegen die jüdische Bevölkerung und das Prestige des Landes gerichtet war. Die beiden großen jüdisch-politischen Verbände Rumäniens, die von Dr. W. F i I d e r m a n geführte Union der rumänischen Juden und die Jüdische Partei, deren Vorsitzender der frühere Abgeordnete Dr. Theodor Fischer ist, haben an den Ministerpräsidenten Gheorghe Tatarescu gemeinsam ein Telegramm gerichtet, in welchem gegen die antisemitische Propaganda protestiert w'srd, durch die jene Atmosphäre geschaffen wurde, in der es zu dem Attentat auf Oberrabbiner Dr. Niemirower kommen konnte. „C u r i -a r u 1 Israeli t", das Organ der Union rumänischer Juden, richtet an die rumänische Oeffentlichkeit den Appell, der Kampagne der Beschimpfung, Verleumdung und des Hasses gegen aC'les. was jüdisch ist, ein Enda zu setzen. Die Gesetzlosigkeit und Anarchie, die das Attentat auf Dr. Niemirower ermöglichte, wachse sich zu einer Gefahr für dasganze Land aus. Das Attentat müsse allen die Augen für cfe Größe dieser Gefahr öffnen. : Hallel. Ich liebe deine wundersamen Melodien, Von Kraft und Stärke tief durchdrungen. Jahrtausende an uns vorüberzieh'n Und immer wird das HaMel noch gesungen. Gesungen ward es trotz des Kerkers Nacht, Trotz Not und Kampf, trotz vieler bittrer Stunden. Und hat die Hoffnung immer neu entfacht Und ward als Trost im Unglück stets empfunden. So soll Gewißheit, hold und zauberhaft Gleich einer Freudenblume draus erblühen: Daß unbesiegbar uns'res Volkes Kraft, Unsterblich wie des Härtels Melodien. Beate B a u m g a r t e n.