Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 4 (24.1.1936)
- Date
- 1936-01-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 Nr. 4 — 24. Jänner 1936 DIE WAHRHEIT Die Antwort der „Union an Herrn Oberbaurat Stricker. Herr Beckmesser, der Oberbaurat Ing. S t r i kker, spricht in der letzten Nummer der „Neuen Welt" über „gewissenlose Treibereien" in der Kultusgemeinde, die er der „Union österreichischer Juden" zuschreibt. Wir haben schon einmal gesagt, Herr Oberbaurat Stricker hat kein Ohr und kein Gesicht für sich und seine eigene Partei, für die Korruption im eigenen Lager, von der er profitiert, indem er sich durch sie zu der ihm nicht gebührenden Stelle des Vizepräsidenten aufschwingt Er will davon nichts hören, wenn er durch ein Augenzwinkern für die eine Stimme des Vertreters der Misrachi im Kultusvorstand gleich drei Beamtenstellen mit Mindestgehalten von je S 800.— in der Kultusgemeinde zusagt, er teilt nur moralische Zensuren an andere aus und handelt nach dem, wie er glaubt, bewährten Rezept das Machiavell „calumniare audacter, semper aliquid haeret" (verleumde nur drauf los, immer bleibt doch etwas hängen). Er erzählt von einem ihm „seit langem" bekannten Vorfall, über den er bisher geschwiegen habe, „weil wir die Schande jüdischer Verirrung nicht öffentlich behandeln -wollten". Danach soll eine Deputation der „Union österreichischer Juden" bei einem der höchsten Funktionäre einer mächtigen Organisation Oesterreichs vorgesprochen und über Juden nicht anders gesprochen haben, als „radikale Antisemiten" es tun könnten. Wir sagen hier vor aller Oeffentliclikeit Herrn Oberbaurat Stricker ins Gesicht, diese Geschichte von der Deputation der „Union" ist erfunden. Das geht aus der einlachen Tatsache hervor, daß die „Union österreichischer Juden" bis in die letzte Zeit keineDeputationzu einem „der höchsten Funktionäre einer mächtigen Organisation Oesterreichs" entsendet hat. Was wir über die j üdischnationalen Parteien zu sagen haben, daraus machen wir niemandem gegenüber ein Geheimnis. Dagegen weiß Herr Oberbaurat Stricker natürlich nichts davon, wovon alle Weit weiß, daß in den letzten Tagen die jüdischnationale Partei durch einen ihrer prominentesten Führer die „Union" und ihren Präsidenten wegen angeblich marxistischer Gesinnung bei den höchsten Funktionären des Staates zu „verzünden" versucht hat. Herr Oberbaurat Stricker vermeidet geflissentlich das Wort „jüdischnational" und spricht immer vom ,,Zionismuis". Wir haben •schon oft darauf aufmerksam gemacht, wie mit dem Wort krebsen gegangen wird und wie sie mit diesem Wort die Dummen, „die da nicht alle werden", einfangen. Die „Union" hat gegen den Zionismus, soweit er darauf abzielt, wie es der Herr Oberrabbiner Dr. Feuchtwang in seiner letzten Predigt im Stadttempel zum Ausdruck gebracht hat, heimatlosen Glaubensgenossen eine Heimstätte zu schaffen, nicht nur nichts einzuwenden, sondern sie hat diesen Zionismus immer selbst — schon vor Entstehen des Gedankens einer nationalen und politischen Bewegung — nach Kräften unterstützt Als ihre erste Aufgabe betrachtet aber die „Union österreichischer Juden" nach ihrer 50jährigen Tradition den Schutz der Rechte und der Rechtsstellung der österreichischen Juden, die eine Heimat haben und sie, will's Gott, in Zukunft in Oesterreich immer haben werden. Aber Herr Oberbaurat Stricker hat ein kurzes Gedächtnis und glaubt, daß auch seine Umwelt mit demselben Defekt behaftet ist. Beim Kadermann hat er nicht vom Zionismus als einer bloßen Bestrebung, heimatlosen Juden eine Heimat zu schaffen^gesprochen; mit Stentorstimme hat er ausgerufen, Palästina sei die Heimat aller Juden, also auch der österreichischen Juden. Er hat von „Hausherrenrechten" der Juden "in" Palästina gesprochen, die den „Eigenbedarf" geltend machen. Die „Union" lehnt es ab, „Hausherrenrechte" 'und „Eigenbedarf"' für die österreichischen Juden in Palästina geltend zu machen. Die „Union" verwirft die Politik des Führers der Judenstaatspartei, die die österreichischen Juden ins Ghetto und dann nach Palästina führen würde. Dann vergießt Herr Oberbaurat Stricker heiße Zähren über die angeblich durch die „Union" gefährdete Autonomie der Israelitischen Kultusgemeinde Wien. Er sieht und hört wieder nicht, was um ihn vorgeht und was er selbst verschuldet hat. Er weiß nicht und will nicht wissen, daß die „Union" schon vor mehr als sechs Wochen angekündigt hat, daß die Bestellung des jüdischnationalen Parteiführers Dr. Löwenherz zum unparteiisch sein sollenden Amtsdirektor der Kultusgemeinde für die „Union" untragbar ist und daß die „Union" entschlössen ist, diese politische Korruption, die noch dazu durch die Besetzung des Vizepräsidiums durch Herrn Oberbaurat Stricker verschärft ist, mit allen Mitteln, selbst mit den Mitteln der Mandatsniederlegung, hintanzuhalten. Neues!tens haben die Jüdischnationalen einen „Einigungsvorschlag" gemacht, der so recht ihre Hinterhältigkeit erweist, Dr. Löwenherz soll bis zum Ablauf der Funktionsperiode des gegenwärtigen K u 11 us v ors t a Ildes provisorisch zum Amtsdirektor Ji e s t e il111 werden. Das soll ihr „Entgegenkommen" bedeuten gegenüber der dezidier.len Erklärungder „Union", daß für sie eine beamtete Stellung des. bisherigen Vizepräsidenten und enragierten Parteiführers Dr. Löwenherz u ntragbar ist und daß sie nur dulden würde, daß Dr. Löwenherz als pauschalierter Rechtsanwalt der Gemeinde und ihrer Institutionen fungiere. Und die Jüdischnationalen, die aus verbohrtem Parteiegoismus derartige absurde und vollkommen un akzeptable Einigungsvorschläge machen, wagen es, der „Union" den Vorwurf zu machen, daß sie die Schuld an der Störung des Friedens in der Gemeinde trage. Herr Oberbaurat Stricker hat die Kühnheit, sich für die „Objektivität" der jüdischnationalen Besetzungsabsichten auf die öffentlich ©Ausschreibung der Stelle des Amtsdirektors zu berufen. Sollte Herrn Oberbaurat Stricker entgangen sein, daß die Mehrzahl der zionistischen Kultusvorsteher sich vor der Ausschreibung ehren- Cate Pension Echslcin Semmering wörtlich binden mußte, für die Besetzung der Stelle durch Dr. Löwenherz zu stimmen. Und das wagt Herr Stricker eine öffentliche Ausschreibung zu nennen! Ist eine solche „öffentliche Ausschreibung", deren Ergebnis von vornherein feststeht, nicht das, als was sie die „Union" immer bezeichnet hat, eine Farce, ein Bluff, eine Augenauswischerei. Ueber die persönliche Eignung des Herrn Doktor Löwenherz haben wir deshalb kein Wort verloren — Herr Oberbaurat 'Stricker muß sich natürlich darüber wundem — weil, wie wir wiederholt betont haben, die Person des Herrn Dr. Löwenherz in Unserem sachlichen Kampf keine Rolle spielt. Es ist u ni zu 1 ä s s i g, inkompatibel, mit dem Ansehen der Israelitischen Kultusgemeiinde Wien unvereinbar, daß ein gewählter ehrenamtlicher Funktionär in den Beamtenkörper eintritt. Diesen Standpunkt hat die „Union" schon im Präzedenzfall Rath mit aller Deutlichkeit vertreten. E s i s t auch eine noch nie dagewesene Zumutung, daß die Stelle des ersten Beamten der Kultus gemeinde mit einem prominenten politischen Parteiführer besetzt werden soll, gleichgültig, wer es auch sein mag. Also nicht weil Herr Dr. Löwenherz Zionist ist, weigern wir uns, an seiner Bestellung zum 4.rrrtsdirektor durch unisier Verbleiben im Kultusvorstande mitzuwirken, sondern weil er ehrenämtlich gewählter Vizepräsident war und jüdischnationaler Parte ifü Ii rerist. Es ist also eine Verdrehung, wenn die Verantwortung für eine eventuelle Schädigung der Autonomie der Israelitischen Kultusgemeinde den Unionisten zugeschoben wird. Die Jüdischnationalen, die die Ankündigung von der Mandatsniederlegung der Unionisten ignorieren oder ignorieren zu können glauben, tragen ausschließlich hiefür die Veranwtortung. Die Besetzung der Stelle de- Amtsdirektors mit Dr. Löwenlierz wäre übrigens der größte Mißbrauch des Selbstverwaltung s r e c h t e s der K u 11 u s g emeinde, den es je gegeben hat. Die Besetzung dieser Stelle durch Dr. Löwenlierz würde die Selbstverwaltung der Gemeinde in eine Alleinherrschaft der Jüdischnationalen, repräsentiert durcli Dr. Löwenlierz, verwandeln. Es handelt sich also den Jüdischnationalen nicht um die Selbstverwaltung dnr Gemeinde, sondern um die ausschließliche Verwaltung der Gemeinde durch die Jüdischnationalen, bzw. durch Dr. Löwenherz. Dem Präsidenten der „Union", Herrn Reg.-Rat Dr. Hermann Oppenheim, werden \die Worte, die er als Kultusvorsteher und seinerzeitiger Finanzreferent der Kultusgemeinde über die Separation gebraucht hat, im Munde verdreht. Sein Standpunkt in dieser Frage hat sich nicht geändert. Wir reproduzieren liier die am 4. Mai 1935 von Herrn Dr. Oppenheim in dieser Frage öffentlich abgegebene Erklärung, die mit seinem seinerzeit in der Kultusstube eingenommenen Standpunkt voll und ganz übereinstimmt: Die „Union österreichischer Juden" nimmt in der Frage des Ausscheidens der orthodoxen Juden aus der Kultusgemeinde einen ablehnen de n Standpunkt ein. Die „Union" stand und steht auf dem Standpunkt, daß es die Aufgabe der Kultusgemeinden ist. für die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse aller Richtungen im Judentum Sorge zu tragen. Dieser Gedanke hat auch dem Gesetzgeber bei der Schaffung des Gesetzes vom Jahre 1890 über «die Kultusgemeinden vorgeschwebt. Solange die „Union" die Mehrheit im Vorstande der Israelitischen Kultusgemeinde Wien besaß, das war von der Schaffung der Kultusgemeinde bis zum Jahre 1932. also durch mehr als vierzig Jahre, hat sie es als ihre Aufgabe betrachtet, diesen Gedanken des Gesetzgebers zu verwirklichen, und es ist ihr auch tatsächlich immer gelungen, einen Modus vivendi zu finden, der auch die Orthodoxen befriedigte und in ihnen den Wunsch nach Trennung von der Kultusgemeinde, trotz des Beispieles Ungarns und anderer Länder, nicht laut werden ließ. Ohne die Separationsbestrebungen der Orthodoxen zu billigen, kann man es verstehen, daß sie heute diese Forderung wieder aufleben lassen: ich möchte aber glauben, daß das, was der „Union" so lange möglich war. auch bei einigem guten Willen der jüdischnationalen Zionistendu rchf ü-hrbar sein müßte und eine Trennung, .der . Gemeinde aus .r eligiösen .Gründen ohne Schwierigkeit vermeidbar wäre. Anders stünde es mit der Einheit der Gemeinde, wenn die gegenwärtige jüdischnational-zionistische Mehrheit der Kultusgemeinde darangehen sollte, den Beschluß des zionistischen Landeskomitees zu verwirklichen, wonach der Vorstand der Gemeinde „in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung" berufen ist. die Landes Politik der österreichischen Juden zu vertreten. Darunter verstehen die jüdischnationalen Zionisten die Bestimmung oder M i tt» e s t -i m in u n .« der Stellung der österreichischen Juden in Staat, Land und Ge meide. Die Ausführung dieses Beschlusses des zionistischen Landeskomitees würde — abgesehen von ailen — die durch das Gesetz vom Jahre 1890 der Kultusgemeinde eingeräumte Kompetenz, die darin besteht, autonom für die religiösen Bedürfnisse der Juden vorzusorgen, überschreiten und den Rahmen der Kultusgemeinde sprengen. Er würde dazu führen, was gewisse jüd'ischnational-zionistische Kreise, schon längst angestrebt haben, aus der Kultusgemeinde eine Völksgemeinde zu machen. Ein solches gesetz- und statutenwidriges Verhalten würde auf 'unseren schärfsten Widerstand stoßen und der Einheit der.Kultusgemeinde aus politischen Gründen den T o d e s t o ß versetzen. Dieser Standpunkt und diese Erklärung haben darin ihren Grund, daß die jetzige jüdischnationate Mehrheit des Kultus Vorstandes durch das aktive Wahlrecht der ausländischen J u dies n zustande gekommen ist. Darum kann der Vorstand der Kultusgemeinde „in seiner gegenwärtigen Zusammensetzung" auf die Bestimmung der politischen Stellung der österreichischen Juden in Land, Stadt und Gemeinde keinen Einfluß nehmen. Bis zum Jahre 1924 waren nur die österreichischen Staatsbürger in der Kultusgemeiwde wahlberechtigt. Bis dahin hatte die „Union" die absolute Mehrheit der Stimmen im Kultusvorstande. Die Zulassung der ausländischen Juden zur Wahl hat zur Voraussetzung, daß die Kultusgemeinde sich auf die ihr vom Gesetze vom Jahre 1890 zugewiesenen Agenden beschränkt und ausschließlich für die religiösen Bedürfnisse der Wiener Juden Sorge trägt. Bei Anfrechterhaltung des Wahlrechtes der Ausländer muß jede Politik, die die Rechtsstellung der österreichischen Juden beeinträchtigen könnte, aus der Kultusgemeinde ausgeschaltet werden. Die „Union österreichischer Juden" betrachtet es nls ihre Aufgabe, daß diesem klaren, einwandfreien Programm im Interesse der österreichischen Judenschaft entsprochen werde. Fort mit der Politik aus der Kultusgemeinde!