Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 3 (17.1.1936)
- Date
- 1936-01-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 3 — 17. Jänner 1936 Seite 3 Um die katholischen Rechte in Palästina, Von besonderer Seite. Das Wiener katholische Hauptorgan „R e i c h spost" brachte am 22. Dezember 1935 einen längeren Aufsatz unter der Ueberschrift „Bedrohte Rechte in Palästina", in welchem die vom belgisch-katholischen „Comite de Defense" aufgestellte Forderung besprochen wurde, die auf eine völkerrechtliche Kodifizierung einer verwaltungstechnischen Exterritorialität der Heiligen Stätten und ihre Unterstellung unter katholische Verwaltung auf Grund einer beim Völkerbund zu hinterlegenden Erklärung der palästinensischen M.andatsmacht England hinausläuft. Es heißt da: „Immerhin werde gewünscht, daß die Mandatsinacht im eigenen Interesse eine Erklärung abgebe, durch welche die den Katholiken Palästinas traditionell zustehenden Rechte offiziell anerkannt werden. Durch die Approbation des Völkerbundes sollte diese feierlche Anerkennung der uralten Privilegien der Katholiken im Lande zu einem' Bestände des internationalen Rechtes gemacht werden." Es wird unter anderem auf die Haltung der früheren türkischen Regierung hingewiesen: „Seit den Zeiten der Kreuzzüge haben die Katholiken Palästinas unter unsagbar schwierigen Verhältnissen ihre Niederlassungen und Einrichtungen behütet. Die türkische Regierung hat die alten Rechte der Katholiken auf Steuerfreiheit ihrer religiösen Institute und völlige Unabhängigkeit ihrer Schulen respektiert. Mit Recht konnten die Katholiken erwarten, daß ihnen diese von der Mandatarmacht zugesicherten Privilegien auf die Dauer erhalten bleiben." Ziel und Zweck der damit eingeleiteten Aktion wird dann nochmals umschrieben: i „Ein offizielles Dokument, das von England und vom Völkerbund feierlich bestätigt wäre, würde die Katholiken bezüglich des weiteren Schicksals ihrer Institute und Glaubensgenossen in Palästina auch für den Fall zu beruhigen in der Lage s e i n, a 1 s politische Veränderungen in der Verwaltung des Landes eintreten, daß zr. B. die Juden selbst die Führung der Verwaltung übernehme n," Es wird a'lso ausdrücklich umschrieben, wie die katholische „Beunruhigung" , beruhigt, werden könnte, auch für den Fall einer jüdischen Mehrheit in Palästina, verbunden mit einer jüdischen Hoheitsverwaltung im Heiligen Lande. Genau gesagt: Palästina befinde sich in einem Umbau infolge des starken Wachstums der arabischen Bevölkerung und der starken jüdischen Einwanderung, während die Zahl der Katholiken im Lande einschließlich der Angehörigen religiöser Orden nur 30.000 Seelen betrage und keine Vermehrung aufweise. Die Katholiken geraten daher immer mehr in die Rolle einer geringfügigen Minderheit, der aber der Schutz und die Verwaltung der Heiligen Stätten der ganzen Christenheit überantwortet sei. Die mögliche Schaffung einer gesetzgebenden Körperschaft ändere weiter die Lage, wobei die Auffassung vertreten wird, daß diese gesetzgebende Körperschaft möglicherweise die Schaffung einer jüdischen Mehrheit beschleunigen werde, im Gegensatz zur Auffassung aller zionistischen und auch agudistischen Organisationen, welche gegen diesen gesetzgebenden Rat mit aller Energie deshalb protestieren, weil sie von seiner Schaffung eine Verstärkung des arabischen Einflusses gegen eine weitere jüdische Einwanderung befürchten. Wie immer: da sich die Verhältnisse immer mehr in der Richtung einer bedeutenden Verstärkung nichtkatholischen Einflusses entwickeln, wird eine völkerrechtliche Sicherung gefordert. Dazu wäre vom jüdischen Standpunkte zu sagen, daß diese katholische Forderung aui jüdischer Seite, jedes Verständnis finden muß, da ja uns Juden immer wieder die Sicherheit unserer Rechte am Herzen liegt. Wo in?m$r solche '. Sicherung und Verbriefung — noch dazu im Inter- "f'esse religiöser Kultstätten"— verlangt wird, gebietet die Vernunft und die religiöse Moral, solchen Wünschen gegenüber eindeutig „Ja" zu sagen. Mit dieser eindeutigen und selbstverständlichen Erklärung hätte es sein Bewenden haben können, da es nicht in unseren Aufgabenkreis fällt, darüber im einzelnen zu rechten, wie solche Sicherung beschaffen sein sollte, vor allem, wie die Exterritorialität der Kultstätten abgegrenzt und verwaltungsteohnisch organisiert werden könnte. Der Aufsatz der ,,Reichspost" enthielt aber auch Zitate aus der erwähnten Stellungnahme des „Comite de Defense", die ein offenkundiges Mißverständnis als Anklage gegen die Juden vorbringen. Es wird offenbar auf eine Verlautbarung des Bürgermeisters der jüdischen Großstadt Tel Aviv angespielt, welche sich gegen die Abhaltung von „Silvesterfeiern" in dieser jüdischen Stadt gewendet hatte, und es wird in dieser Verlautbarung eine „Kennzeichnung der allgemein bekannten Intoleranz der dortigen Juden" erblickt. Das Mißverständnis klärt sich schon dadurch auf, daß in dieser Stadt überhaupt keine Nichtjuden wohnen, auch keine Katholiken, denen man also hätte eine Sylvesterfeier verbieten können. Der Bürgermeister wollte Mißdeutungen auf christlicher Seite verhindern, die sich daraus ergeben könnten, daß ausschließlich jüdiische Gesellschaften eine christliche Feier begehen. Dieses Mißverständnis wäre von zionistischer Seite ebenso aufzuklären gewesen, wie auch der aus ihr abgeleiteten Anklage der Intoleranz palästinensischer Juden mit Anführung von Tatsachen entgegenzutreten gewesen wäre, damit die katholische Forderung, auch jüdischersei tsa he rk an n t u n d un t e r s t ü t z t werden könnte, ohne daß der katholische Kampf um diese Forderung einen antijüd,ischen Charakter annehmen Leset den Morgen Verbreitet den Morgen Inseriert im Morgen 6s ist 6ue*> Watt es füfjft mit 6ud) 6s denkt mit 6udj 6s kämpft für 6ud}l Wien IL, Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen sollte. Dies wäre umso wichtiger gewesen, als es unserer Ansicht nach dem jüdischen Interesse entspricht, gerade solchen „Minderheitsforderungen" — ein „nationaljüdisches" Postulat! — grundsätzlich zur Geltung zu verhelfen, gerade dann, wenn sie gegenüber etwaiger jüdischer Verwaltungshoheit vorgebracht werden. Nachunserer Einstellung ist das Problemnoch eindeutiger, da wir in der Erfüllung der katholischen Forderung nichts anderes als eine Real isie-r ung völliger Gleichberechtigung erblicken, angewandt auf den heißen Boden des vorderen Orients. Was taten nun aber die hiefür verantwortlichen jüdischnationalen Organe? Als in der Tagespresse ein katholischer Vortragsabend für den 16. Januar 1. J. angekündigt wurde, in welchem zu diesem Thema der Kardinal-Erzbischof von Wien, der Präsident des Katholischen Volksbundes Prälat Dr. Fried und der Minister a. D. Dr. Emmerich Czermak sprechen sollten, brachte die „N e u e W e \ t" einen Leiitaufsatz am 10. d. mit der ironischen Ueberschrift: „De r .bedrohte' K at h o 1 i z i s m u s". Das Blatt beginnt zunächst mit einer leichtsinnigen Zitierung, indem als „Rie.senüberschrift" des erwähnten Aufsatzes der „Reichspost" „Die katholische Kirche in Gefahr" zitiert wird. Dann wird ausschließlich der Punkt über die Silvesterfeiexn brertgetreten. Und dann setzt der politisch geniale Verfasser fort: „Vom jüdischen Standpunkt ans wurde in diesem Blatt dieses Vorgehen entsprechend behandelt." Das ist das, was der Verfasser zum meritorischen Inhalt der katholischen Forderung zu sagen hat! Und dann geht es weiter: „Aber es ist gewiß, auch vom österreichischen Standpunkt aus, nicht uninteressant, zu erfahren, wie die unmotivierten Ausfälle der;,Reichspost" in England beurteilt werden. Der L o n &o n e r Korrespondent der palästinensischen Tagft&zejtuns „Haarez" meldet dem Kleine Tube S —.90 Große Tuba S 1.40 Blatte: „In hiesigen politischen Kreisen haben die Atigriffe der Wiener ..Reichspost", welche hier als katholisches österreichisches Regierungsorgan gilt, gegen die englische Palästinaregierung große Mißbilligung hervorgerufen. Man glaubt, daß diese Angriffe von einer Seite stammen, die daran interessiert ist. in Palästina Verwirrung zu schaffen, unter den Bewohnern Palästinas Unzufriedenheit zu stiften >md der englischen Palästinaregierung Schwierigkeiten zu bereiten. Auch in katholischen Kreisen Englands fragt man erstaunt, was denn in Palästina vorgefallen sei, wodurch das österreichische Blatt genötigt sei. den Katholizismus gegen schlechte Absichten der Palästinaregierung verteidigen zu müssen. Die hiesigen kompetenten Stellen wollen dieser Aktion nachgehen." Der Verfasser des Leitaufsatzes schließt seine Betrachtungen dann folgendermaßen: „Wem hat die .Reichspost' mit ihrem grundlosen Angriff Vorschub geleistet? Den Interessen des schwer kämpfenden Oesterreich gewiß nicht. Hat die .Reichspost', nur um dem Zionismus zu schaden, die Sache so groß aufgemacht? Dann beweist der hier erörterte Fall ausreichend, daß Haß oft ein schlechter Berater ist." Jawohl, aber diesmal nicht ein schlechter Berater der Artikelschreiber der „Reichspost", sondern der „Neuen Welt". Denn in dem Artikel der „Reichspost" steht, wie wir bereits zitiert haben, ausdrücklich zu lesen, daß die katholischen Rechte „von der Mandatarmacht zugesichert" wurden und daß es sich nur um eine völkerrechtliche Kodifizierung handelt. Aber nicht nur dieses Mißverständnis ist der „Neuen Welt" passiert. Sie wirft der „ReFchspost" antizionistische Gesinnung vor, wo doch die „Reichspost" entgegen den zionistischen und agudistischen Befürchtungen, die auch wir für berechtigt halten, die Schaffung eines gesetzgebenden Rates in Palästina so auffaßt, daß mit einer künftigem jüdischen Verwalltungshoheit zu rechnen sei! Dem Artikelschreiber der „Neuen Welt" ist weiters das Mißgeschick widerfahren, daß er hinter der „Reichspost" in diesem Falle einen Oesterreichfernd erblickt, während, wie man leicht erfahren konnte, dieser Aufsatz vom Wiener erzbischöflichen Ordinariat geschrieben wurde. Dazu kommt, daß die gegen die Juden unfreundlichen Ansichten aus der Verlautbarung des Brüsseler „Comite de Defense" zitiert worden waren und von der „Reichspost" nur weitergegeben wurden. Und das wichtigste Mißgeschick: die „Neue Well" vergißt „in ihrem Haß", um was es sich eigentlich gehandelt hatte, und weiß nichts anderes zu tun, als einen unsinnigen Artikel des „Haarez" zu zitieren, anstatt ihn aufzuklären. Die Unsinnigkeit geht nämlich schon daraus hervojr, daß d'fe „Reichspost" England und die Palästinaregierung gar nicht angegriffen hatte, ja auch nicht angreifein konnte, weil bekanntlich auch England ein christlicher Staat ist, dem an .einer Sicherung der christlichen Heiligen Stätten gelegen sein dürfte. Dahingegen greift die gleiche „Neue Welt" auf der gleichen Seite spaltenlang die englische Regierung wegen der Schaffung des gesetzgebenden Rates, ganz gehörig an. Sie be- Gedenket dar Winterhilfe «t-*r. Bit n d es r e 9 i e r u n 91