Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1936-01-17 · Heft 3 (17.1.1936) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 3 (17.1.1936)
Date
1936-01-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/3062972-3064606-3064609--20517-3085770
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Seite 2 Nr. 3 — 17. Jänner 1936 DIE WAHKHE1T DIE nicht bloß „unten", bei den jüdischen Kultussteuerzahlern, sondern auch „oben", bei maßgebenden christlichen Kreisen, das Vertrauen eingebüßt hat. Dieser Vertrauensschwund sollte den Jüdisdinationalen zu denken geben, darüber kommen sie' mit hochtrabenden Bemerkungen in ihrer „Stimme" nicht hinweg, die in ihrer Polemik gegen. ,;Die Reiohspost" schreibt: „Dieses Blatt möge sich gesagt sein lassen, daß die Wiener jüdische Bevölkerung sich auf die Dauer seine Intrigen und Machenschaften nicht gefallen lassen wird." Welche „Machenschaften" sich die Wiener jüdische Bevölkerung in Wahrheit auf die Dauer nicht gefallen lassen wird, das wissen die Herren mit der überlauten „Stimme" nur zu gut, ihre lächeriche Drohung ist nur eine Variation des bekannten Satzes ,.Ha1tet den Dieb!" Die gleiche Nervosität bekunden sie auf ihrem anderen „Tätigkeitsgebiete", ihrem „heißen Ringen" um den „Judenstaat" Palästina, den Staat mit der zukünftigen jüdischen Majorität, derzeit jedoch ein Land mit einer ansehnlichen jüdischen Minorität. Nun meldet eine noch kleinere Minorität dieses Landes, nämlich die katholische, ihren durchaus berechtigten Wunsch nach offizieller Anerkennung der den Katholiken Palästinas traditionell zustehenden Rechte durch eine Erklärung der Mandatsmacht und des Völkerbundes an. Die „Reichspost" hat schon vor Weihnachten in einem von uns bereits zitierten Artikel dieses Thema angeschlagen und beschwerte sich am 11. d.M. in einem Leitartikel „Um das Heilige Land" über die Ueberheblichkeit der Wiener Jüdischnationalen, besonders des Herrn Stricker, der m einer jüngst im Prater abgehaltenen Protestversammlung gegen das palästinensische Parlament „den Totalitätsanspruch für die bisherige jüdische Minderheit und erhoffte Ma- Eine katholische Stimme: jorität proklamierend, von ,Hausherrenrechten' auf Eigenbedarf, gegen den kein Mieterschutz geltend gemacht werden dürfe", (sprach. Es ist uns unerfindlich, warum die Wiener Jüdischnationalen sich über den berechtigten Wunsch der Katholiken, dem übrigens im Mandat schon Rechnung getragen wurde, nicht nur selbst aufregen, sondern sich auch eine angebliche Erregung der englischen Oeffentlichkeit melden lassen, worüber „Die Reichspost" ironisch schreibt: „Nur in einem gewissen, stets nervös gereizten Kreise der Wiener Judenschaft (lies: Jüdischnationalen, D. Red.) besteht die aus England gemeldete Erregung." Sie spricht in diesem Zusammenhange von „den un ziato fischen Mißdeutungen inmitten radikaler Gruppen des Zionismus". Es ist pikant, daß die Jüdischnationalen jetzt von katholischer Seite denselben Vorwurf der Denunziation ernten, der einen ihrer Hauptschlager in ihrem verleumderischen Kampfe gegen die Assimilanten bildet. Der jüdische Nationalismus verzeichnet also ein schweres Fiasko^ auf allen Fronten. Er gefährdet die jüdische Heimstätte, die dem Emigrationsbedürfnis der europäischen Juden entsprechen würde, und er bleibt alles schuldig, was er zur Verbesserung /der jüdischen Lage in der „Galuth" leisten zu können vorgab. Mit Erfolg hat er bloß das geistige Fundament zertrümmern helfen, auf dem die bürgerliche Gleichberechtigung der Juden basierte. 0. H. Cai€ Pension Echsicin Senimering . . * Zur Psychologie des Rassenwahns. Unter dieser Ueberschrift bringt „D e r Deutsche in Polen", die in Kattowitz erscheinende Wochenzeitung der — nicht gleichgeschalteten — Deutschen Christlichen Volkspartei folgende treffende Glosse: Durch die Presse ging vor kurzem eine Meldung, deren Richltigkfelt von Berlin mit keinem Wort bestritten, also durch Stillschweigen bestätigt wurde. Danach sollen die Mitglieder der ausländischen Vertretungen des Deutschen Reiches künftig auch in ihnem gesellschaftlichen Verkehr Umgang mit „Nichtariern" möglichst ganz vermeiden. Einige Botschaften und Gesandtschaften haben angeblich gehorsamst auf däe Schwierigkeiten aufmerksam gemacht die daraus für ihre Tätigkeit entstehen. Die meisten Vertretungen .aber hätten gemeldet, daß sie sich bereits in diesem Sinne verhielten. Es muß doch merkwürdig um diese Rassenseele stellen, die seit 1933 auf Befehl1 im deutischen Volk erweckt wurde. Von selbst funktioniert sie offensichtlich nicht, so daß sie durch immer neue Gesetze und Verordnungen geschützt, behütet und hochgezüchtet weTden muß. Kann eün Christ in seinem Christenltum gefährdet werden, wenn er mit einem Juden spricht? Ganz gewiß nicht! Aber ein „Arier" oder „Germane" gerät anscheinend in Gefahr, daß die Stimmte des Blutes bei der ersten flüchtigen Berührung mit dem „Artfremden" versagt. Welch seltsamer Widerspruch zu der sonst von den Rassenanbetern hochgehaltenen Lehre, daß der Instinkt immier recht hat! Man kann fast auf den Gedanken ko|rmien, daß die ganzen Rassenvoirstellungen nur Gespenster des Aberglaubens sind, der sofort verfliegt, wenn er auf die Probe gestellt wird. Dafür 4r>reehen ja schließlich auch die Juderrtaufen zweier Jahrtausende und die Feststellungen der 'Völkerkundler über „nordische" Typen im Ghetto. Die deutschen Diplomaten werden sich jetzt also auch gesellschaftlich aufnorden. Der deutsche Botschafter in WarsdSäü wird sich danach nicht mehr von der „nichtarischen" Gattin des Ministerpräsidenten eMademi lassen dürfen. Er wird unter Ministem, Staatssekretärein, Generälen, Obersten und ihren Frauen die zahlreichen Halb- oder Nichtarier herausschnüffleln müssen, ebenso unter den Beamten! des Außenminis<teriums und den Mitgliedern des Diplomatischen Korps. Mit dem Kulturaustausch soll es lieber gleich ganz aufhören. Hitler und Göring würden dann verzichten müssen, dem „Nichtarier" Jan Kiepura zu lauschen, es sei denn, daß der viel gefeierte Tenor durch Machtwort zum „Arier" ernannt wird. Wenn es noch einen deutschen Konsul in Krakau gibt, muß er mit dfem dortigen Stadtpräsidenten ebenso wie mit dem Stadtkommandanten brechen. Aehnlich wird es den deutschen Vertretern in England, Frankreich, Belgien, Holland, Halen, Jugoslawien, dfer Tschechoslowakei, Schweden, Dänemark, Nordamerika und vielen änderen Ländern gehen. Sicher wird die deutsche Diplomatie sich dadurch noch viel beliebter machen, als sib schon ist . . . Stricker Vizepräsident der Kultusgemeinde. In der am 9. d. M. stattgehabten nichtöffentlichen Sitzung des Wiener Kultusvonstandes wurde der Führer der Judenstaatspartei, Oberbaurät Robert St ri c k e r, mit aÜen grimmen g e g en die der „Union" zum Vizepräsidenten an' Stelle des ausgeschiedenen Herrn Dr. Josef Löwenherz gewählt. Damit ist'der erste Teil des Kuhhandels perfektioniert, der bekanntlich zwischen den Allgemeinen Zionisten und der Judjgpstaatsparte'i abge- - schlössen wurdet um Herrn "Dr..UiwehnSfi die Wege zur Erwerbung des Amtsdlrektorposfehs zu ebnen. Dieser Kuhhandel altein hätte schon für die; gegnerische Haltung der uniohistischen. Kultusvorsläier bestimmend sein müssen, geradezu un- ''il^eöö^fi^faBer ist, daß : äie Jüdisdii^ibiiaten den Mut fanden, für die Stehe eines Vizepräsidenten der altehrwürdigen Wiener Kultusgemeinde einen Mann zu präsentieren, dei als absolut Areligiöser nich^ die geringste Eignung besitzt, . ein solch' wichtiges Amt in der Führung einer Körperschaft zu bekleiden, die dem Gesetze und ihrem Statute nach zur Befriedigung der religiösen Bedürfnisse ihrer Angehörigen berufen ist. Dazu kommt noch, daß Herr Oberbaurat Stricker, der Führer der jüdischnationalen Judetistaatspartei ist, einer Partei, die einen jüdischen Staat in Palästina begründen will, deren lebhaftestes Interesse also für die Dauer nicht Wien und Öesterfetoh gMt. Die. „Union" hat sich deshalb aus prinzipiellen Gründen nicht an eine seinerzeit getroffene Vereinbarung mit der Gegenseite gebunden erachtet, wonach die Wählen der beiden Vizepräsidenten und der Mitglieder des Vertreterkollegiums einstimmig vorgenommen werden sollen. Trotzdem wurde der unionistische Vizepräsident, Herr Dr. Josef Tic h o, auch mit jüdischnationalen Stimmen wiedergewählt und auch die Wahlen ins Vertreterkollegium, in das an Stelle des Herrn Stricker Herr Dr. Jakob Ehrlich berufen wurde, wurden einstimmig vorgenommen. Die Jüdischnationalen waren wohl der Ansicht, daß sie nach dem Peitschenhieb, den sie mit der Wahl des Herrn Öberbaurates Stricker zum Vizepräsidenten der „Union" und damit der gesamten religiösen Judenschaft dieser Stadt versetzten, einige Zuckerln austeilen müßten. Ihr „Entgegenkommen" wird nicht zur Folge haben, daß in der ablehnenden Haltung der ,,Union" gegenüber der vdfi Parteiegoismus, Nepotiamus und politischer Korruption diktierten Personalpolitik der Jüdischnationalen eine Aenderung eintritt: Die „Union" wird, wie sie es angekündigt und beschlossen hat, im Falle der Aufrechterhaltung der Bewerbung des Herrn Dr. Löwenherz um den Posten des Amtsdirektors die äußersten Konsequenzen ziehen. Das Attentat auf Landesrabbiner Senator Dr. Niemirower. Das Pistolen-Attentat des Studenten Aurel Jonescu gegen den Landesrabbiner Dr. Niemirower, Repräsentant des jüdischen Kultus im rumänischen Senat, über das die Tagesr blätter berichteten, hat auf die Judenheit Rumäniens a 1 a r m 'f e ir e n d gewirkt. Es herrscht große Freude darüber, daß der allseitig verehrte .Landesrabbiner wie durch ein Wunder dem Tode entging — die vier aus nächster Nähe auf - iIuk abgefeuerten Kugeln drangen durch die Kleider, eine streifte den Arm und verletzte'Dr. Nüemiirower leicht —, doch gibt man sich keinen Zweifeln darüber hin, daß Jonescu, wenn er auch als extravaganter Mensch bekannt ist und eine Zeitlang in einer Irrenanstalt verbracht hat, unter dem Einifluß der antisemitischen Hetze handelte;. Seitens der Polizei wird freilich nach wie vor dezidieirt versichert, daß die Tat Jonescus keinerlei politischen Charakter hat, Jonescu leide an r e l i giö s e m W a-h n,-man-habe-bei ihm--zahlreiche unzusammenhängend^ theologische Bemerkungen gefunden, in welchen er behauptet, daß ihn Gott mit einer religiösen Sendung auf die Erde geschickt! habe. Die Lage der Juden in Polen. In der Budgetkommission des polnischen Sejm hielt der Abgeordnete Minzberg, Vorsitzender der Lodzer Jüdischen Gemeinde, eine Rede, in der er die Verfzwieijf lung der jüdischen Bevölkerung über die gegen sie gerichtete Hetzpolitik 7um Ausdruck brachte und an den Ministerpräsidenten Köszialkowski den Appell richtete, die allgemeinen politischen Verhältnisse so zu gestalten, daß die jüdische Bevölkerung ihrer Lebensmöglichkeit nicht beraubt werde. Minzberg schilderte die Art, wie in Polen judenfeindliche Propaganda, und zwar vielfach unter Duldung der Behörden, getrieben werde, und erklärte, der Ministerpräsident wisse sehr gut, daß dieser antisemitische Kampf in gleicher Weise auch gegen die Regle rung selbst gerichtet sei und im Grunde ganz andere innenpolitische Ziele verfolge als die proklamierten. Warum stehe die Regierung dieser Entwicklung mit solcher Gleichgültigkeit gegenüber? Könne man hoffen, daß unter solchen Umständen eine Besserung der Wirtschaftslage herbeigeführt werden kann? Zum Schlüsse betonte der Redner, daß es nicht möglich sein werde, gegenüber einer Bevölkerung von VA Millionen Bürgern eine Rassenpolitik durchzuführen. Es sei daher notwendig, daß die Regierung sich ernsthaft mit der Judenfrage befasse und sie einer Lösung im Sinne der Verfassung, der wahren Staatsinteressen und der Menschlichkeit zuführe. Er appelliere an den Ministerpräsidenten, die gequälte jüdische Bevölkerung und damit auch den guten Ruf und die geschichtlichen Ueberlieferungen Polens zu schützen. . In dem Schlußwort zu der Debatte ging Unterstaatssekretär Gryböwsky auch auf die Ausführungen des Abgeordneten Minzberg ein. Er müsse, sagte er,. die Darlegungen des Abgeordneten. selbstverständlich zur Kenntnis nehmen. Sollte -es sich herausstellen. . daß. die 'antisemitische Propaganda' von einzelnen behörd- 'lichen Stellen tatsächlich Förderung erfahren habe? so wäre dies auOerordentlich zu bedauern. * * Acht jüdische Hörer des Lemberger Polytechnikums '' wurden für ein Jahr relegiert und dürfen während dieser Zeit auch andere Hochschulen nicht besuchen weil sie sich geweigert haben, die für Juden,, reser-; vierten Bänke in den Hörsälen'einzunehmen. : Man befürchtet weitere Relegierungen,.; jüdischer . Studenten, da sämtliche 370 jüdischen Hörer des .Pöfy- , technikoms die Ghetto-Bänke ablehnen. Wegen" Ver- 1: öffentlichung eines Protestes gegen die Ghetto-Verordnungen .wurden die Verwaltungen der {beiden .jüdiscrjjen akädemischeti Korporätionen, „Gegenseitige1 Hilfe und „Kreis jüdischer Studenten" aufgelöst r * •■■•

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.