Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2 (10.1.1936)
- Date
- 1936-01-10
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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^Seite 6 Nr. 2 — 10. Jänner 1936 DIE WAHRHEIT Den Jüdischnationalen ins Stammbuch In einer der Salonikier jüdischen Tageszeitung „Action-Prenza" übergebenen Erklärung warnt der frühere Ministerpräsident Tsaldaris die Juden Griechenlands vor selbständigem Vorgehen bei den bevorstehenden Parlament s w a h 1 e n. Ich höre — schreibt Tsaldaris —, daß einige (jüdischnational eingestellten) Juden versuchen wollen, bei den kommenden Wahlen eine eigene jüdische Kandidatenliste aufzustellen. Dies wäre gleichbedeutend mitder Wiederherstellung der so sehr verhaßten jüdischen Wahlkurie. Wenn die Juden sich aus freiem Willen von den übrigen Bürgern absondern, dann werden sie seflbst die Schuld für die Minderung ihrer politischen Rechte zu tragen haben und die besondere Wahlkurie wird ihnen bei der erstbesten Gelegenheit aufgenötigt werden: auch ich wäre dann nicht in der Lage, dagegen zu protestieren, denn der Präzedenzfall einer jüdischen Kandidatenliste würde alle meine Bemühungen zuschanden machen. Eine jüdische Wahlkurie ist meiner Meinung nach nicht nur eine antijüdische, sondern auch eine antigriechische Maßnahme. Alle Juden wollen Griechenland, Griechenland will alle Juden. Ich wäre wirklich traurig darüber, wenn die Juden eine eigene jüdische Liste unterstützten, die sie im politischen Leben isoliert und ein „politisches Ghetto" schafft. Der frühere Regent und Ministerpräsident Kondylis hat Vertretern der jüdischen Presse erklärt: Ich hatte in der Vergangenheit wiederholt Gelegenheit, meine Sympathie für die Juden zu betonea Ich werde stets ein Verteidiger ihrer Interessen sein. Bei der bevorstehenden Wahl werde ich zwei jüdische Kandidaten in die Liste meiner Partei aufnehmen. 40 Jahre Rezeption in Ungarn. In der Generalversammlung der Repräsentanz der Pester Isr. Religionsgemeinde wurde der 40. Jahrestag des Inkrafttretens des Rezeptions- (Emanzipations-) Gesetzes feierlich ' begangen. Hofrat Samuel Stern, Präsident der Isr. Landeskanzlei und der Pester Kultusgemeinde, gedachte in seiner Eröffnungsansprache der denkwürdigen Jahreswende, wobei er betonte, daß heute kein Fest gefeiert werden könne, da das Gesetz dem Buchstaben nach wohl weiterlebe, in ihm jedoch nicht mehr die Seele und der Geist der Epoche pulsen, in der das Gesetz entstand. Er gedachte der Männer, die die Vorkämpfer der Rezeption und der Emanzipation waren und widmete Worte dankbarer Erinnerung Ludwig Kossuth, Franz Deak, Baron Josef Eötvös, Alexander Wekerle, Desider Szilagyi, Baron Desider Banffy, Graf Albin Csaky, Baron Roland Eötvös, Baron Julius Wlassics, Wilhelm Vazsonyi, Max Szabolcsi, Moritz Mezei, Ludwig Palagyi und Eugen Vazsonyi. Die ungarische Judenheit betrachte auch heute -Religion und Vaterland als eine heilige cinheit und bekenne sich nicht als ungarische Juden, sondern als jüdische U nrische Juden, sondern als jüdische Ungarn. Auch heute sind wir von tiefem Glauben und der ungarischen Verfassung erfüllt. Aber neben Gesetz und Verfassung ist-uns auch eine feste Burg das Bewußtsein, daß wir über unsere Kräfte hinaus unsere Pflicht gegenüber dem Vaterlande erfüllt haben. Schwere Zeiten sind über uns hereingebrochen. Handel und Industrie haben gegen eine Krise anzukämpfen. Es stockt die geistige Arbeit. In den staatlichen Aemtern findet sich für die Staatsbürger jüdischen Glaubens kein Raum und auch in den Privatunternehmungen wird schon dem konfessionellen Zahlenverhältnis der Angestellten nachgeforscht. Die Lernfreiheit steckt in den Fesseln des Numerus clausus, diejenigen unserer Söhne, die zum Studium zugelassen wurden, haben Erniedrigungen zu erdulden. Ich vertraue aber darauf, daß bessere Zeiten kommen werden. Dieses verstümmelte Land kann den Fluch Trianons nicht noch dadurch erschweren, daß es eine arbeitsame, nützliche Schicht der Bürgerschaft, das Judentum, von der dem Fortbestand und dem Ausbau der Nation gewidmeten Arbeit ausschließt. Als gleichberechtigte Bürger unseres Vaterlandes geben wir unsere staatsbürgerlichen Rechte um keinerlei Minderheitenrechte willen auf. Unser Weg bleibt auch weiterhin der untrennbare miteinander verschlungene Weg unseres Judentums undUngartums. Mit dem Gelöbnis des ungarischen Nationalgebets wurde sodann der 40. Jahrestag der Rezeption im Protokoll der Sitzung verewigt. Es sprachen noch, nachdem sich die stürmischen Beifallskundgebungen für den Präsidenten gelegt hatten, Oberregierungsrat Max Kramer, als Präsident des Pester Heiligen Vereins, Oberhausmitglied Dr. Ludwig Lang, Direktor Adolf Wertheimer, Oberhausmitglied Eugen Vida, Dr. Stefan Földes und Dr. Leopold Osztern. Sodann genehmigte die Generalversammlung mit Stimmeneinhelligkeit den Budgetvoranschlag für 1936 und alle übrigen Punkte der Tagesordnung. Türkisch. Die „Kölnische V o 1 k s z e H u n g" schreibt: „Der türkische Violinkünstler Yehudi M e n u h i n ist vor einiger Zeit von einer ausgedehnten Konzertreise nach London zurückgekehrt." An diese Feststellung schließt sich ein ausführlicher Lobgesang. Das ist ein ausgezeichneter Einfall! Vielleicht ernennen die deutschen Blätter den immerhin auch recht begabten Künstler MendelssohnTBartholdy nachträglich zum. Ar aber-Sehe ich? Dann könnte der „Sornmernaclitstraum" wieder mit guter Musik aufgeführt werden. PENSIONS-VEREIN Versicherungs-A.-G. WIEN lM SCHELLINGGASSE 1 Telephon: R 22-1-10 Invaliditäts-, Alters- und Hinterbliebenen-Renten Neues jüdisches Mitglied des ungarischen Oberhauses. Der Präsident der Budapester Börse, Alexander Fleißig, der vor kurzem vom Reiclisverweser Horthy mit dem ungarischen Verdienstkreuz I. Klasse und dem Titel „Exzellenz" ausgezeichnet wurde, ist in das Ungarische Oberhaus gewählt worden. Außer ihm gehören noch folgende acht Juden dem Oberhaus an: Oberrabbiner von Szeged, Dr. Immanuel Loew als Vertreter des neologen Judentums, Dr. Adolf Frankl als Vertreter des orthodoxen Judentums, Dr. Samuel Glücksthal und Dr. Ludwig Lang seitens der Budapester Stadtrepräsentanz, Dr. Leo v. Buday-Goldberger als Vertreter der Industrie, ferner als vom Reichsverweser ernannte Persönlichkeiten der Leiter des größten ungarischen Steinkohlenbergwerks Eugen Vida, der Chefredakteur des „Pester Lloyd" Josef Veszi und der Leiter der Ungarischen Waffenfabrik Rudolf v. Frommer. Weltkongreß der Agudas Jisroel 1937 in Jerusalem. Die Zentralexekutive der Weltorganisation der Agudas Jisroel, der Agudah-Führer aus Großbritannien, Belgien, Frankreich, Holland, Litauen, Oesterreich, Polen, Deutschland und der Schweiz angehören, hat auf ihrer soeben in London abgehaltenen Tagung beschlossen, den Weltkongreß der Agudah (Knessio Gedaulo) für Anfang 1937 (jüdisches Jahr 5697) nach Jerusalem einzuberufen. Die Führer der Organisation, unter ihnen der Weltpräsident Jacob Rosenheim, der Vizepräsident und Leiter der Agudah in Polen I. M. L e w i n, der Direktor der Palästina-Zentrale für Europa Dr. S. E h r m a n n und Dr. Isak Breuer werden alle in Betracht kommenden Länder der Diaspora besuchen, um für eine möglichst reiche Beschickung des Kongresses zu sorgen, damit die kommende Knessio Gedaulo in Hifels SiMtB-Besiful WIEN II.. Pralersfraße 33 Telephon R 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Jerusalem eine machtvolle Demonstration für den religiösen Unterbau des jüdischen Lebens werden sollte. I. M. L e w i n erklärte, die Agudah könne sich in Zukunft nie und nimmer damit zufrieden geben, daß ihr nur sechs Prozent der Palästina-Zertifikate zur Verfügung gestellt werden. Es wurde beschlossen, Schritte zu ergreifen, um eine gerechte Verteilung der Zertifikate zu sichern. In der dem geplanten Legislative Council geltenden Beratung bekräftigte Präsident Jacob Rosenheim die vom Leiter der Agudah in Jerusalem, Rabbi M. Blau, gegenüber dem High Commissioner abgegebene Erklärung, daß das traditionell-religiöse Judentum den jetzigen Zeitpunkt als nicht opportum für Errichtung eines Legislative Council erachtet. Palästina-Nachrichten. Der palästinensische Import hat in den letzten Monaten einen Rückgang zu verzeichnen, der zu einem bedeutenden Te0 d'irekt oder indirekt a u f die Sanktionen geigen Italien zurückgeführt wird. Die Einfuhr aus Italien stockt infolge der Sanktionen vollkomsneii. Aber auch die Einfuhr aus O e s t >e r r e;i c n .und Ungarn ist sehr stark gesunken, weil diese beiden Länder, die sich den Sanktionen gegen Italien nicht angeschlossen haben, ihre Lieferungen nach Italien auf Kosten des Exports nach anderen Ländern stark gesteigert haben. Insgesamt ist der Wert, der Einfuhr pro Monat um rund 70.000 Pfund gesunken. Diese Erscheinung wirkt als Ansporn für die ein heimische Produktion. So hat die Zementfabrrk Nesher bei Haifa ihre Produktion bedeutend erhöht, so daß ausländischer Zement von dem Baumaterialienmarkt Palästinas fast völlig verschwunden ist. Dazu hat allerdings auch die V e rringerung der Bautätigkeit, die insbesondere in Tel-Aviv und Haifa stark ins Gewicht fällt, beigetragen. * Ohne vorherige Verständigung mit den jüdischen Vertretungskörperschaften haben die Jerusalemer Rabbiner Rabbi Zwi Pesach Frank als Nachflgenöe lür Trauungen Unentbehrlich für Rabbiner und Kantoren (Die Gesänge mit Noten von S. Sulzer) Sinniges Erinnerungsgeschenk an Brautleute Zu beziehen beim Herausgeber: Max Schwager Wien II., Zirkussasse 50 „Schir Zlon" und „Wadak" bei mir zu haben! folger von Rabbi Kook zum Oberrabbiner gewählt. Die jüdischen Institutionen weigern sich jedoch, Rabbi Frank als Oberrabbmer anzuerkennen. Die Gerer Chassidim haben Rabbi Zemba eingeladen, als ihr geistlicher Führer nach Palästina zu kommen. Araber aus dem Dorfe Mahlul haben A nsprüche auf den Boden des König Georg- Jubiläum swa 1 d e s erhoben, dessen Pflanzung vor kurzem unter Beteiligung des High Commissioner feierlich begonnen wurde. Der High Commissioner hat es abgelehnt, eine Abordnung der Araber des Dorfes Mahllul in dieser Angelegenheit zu empfangen: dagegen haben die Araber eine Denkschrift durch Vermittlung des Distriktskommissars Major Keith Roach eingereicht. Der Boden befindet sich jetzt im Besitz des Jüdischen Nationalfonds. Wegen derselben Angelegenheit beabsichtigt die Mufti-Partei, eine Petition an den englischen König zu richten. Die jüdische Bevölkerung Polens im Rückgang. Den soeben veröffentlichten amtlichen Statistiken ist zu entnehmen, daß im Verlauf der zehn Jahre zwischen den beiden letzten Volkszählungen ein Rückgang der jüdischen Bevölkerung in Polen vor sich gegangen ist, der sich am stärksten in den ostpolnischen Städten, die früher teilweise absolute jüdische Mehrheiten aufwiesen, äußert. In sechs Wojwodschaften, für die bereits die vollständigen Ziffern vorliegen, machten die Juden im Jahre 1921 noch 12,5 Prozent, dagegen im Jahre 1931 nur noch 9,5 Prozent der Gesamteinwohnerschaft aus. In den Westprovinzen hat sich der prozentuale Anteil der Juden an der Gesamtbevölkerung noch mehr verringert. Die Ursache liegt in dem Geburtenrückgang bei den jüdischen Familien, die eine Folge dier unbeschreli blichen Not ist, sowie in der sich alljährlich steigernden Auswanderung nach Palästina. Die Palästina-Auswanderung überstieg im letzten Jahr sogar den natürlichen Bevölkerungszuwachsderjuden. Hingesendet. Wir haben in unserer Nummer 51 eine Beschwerde wegen Nichtaufnahme einer armen Frau in das Spital der Kultusgemeinde veröffentlicht. Darauf erhielten wir vom Präsidenten de«- Kultusgemeinde nachfolgende Zuschrift: In der Nummer 51 Ihrer gesch. Zeitschrift vom 20. d. M. bringen Sie unter der Ueberschrift „Eingesendet" die Zuschrift eines Ihnen „gutbekannten Herrn", die eine Beschwerde wegen Nichtaufnahme einer armen Frau in das Spital der Kultusgemeinde zum Inhalte hat. Die Darstellung! ist in ihren entscheidenden Teilen lückenhaft und entstellt und die daraus gezogenen Folgerungen einer angeblichen Zurücksetzung von nach Wien zuständigen Personen sind unrichtig. Tatsache ist, daß wegen des bereits am Samstag, den 14. d. M. beim Spital der Kultusgemeinde anhängig gemachten FaUes am darauffolgenden Sonntag während der üblichen Amtsstunden niemand bei der Fürsorge-Zentrale unter Vorlage des vom Spitale ausgestellten Aufnahmsscheines vorgesprochen hat. Erst nach Büroschluß erschien eine Mittelsperson, nachdem die zur Entscheidung über die Gratisaufnahmen berufenen Vorstandsfunktionäre längst weggegangen waren und an diesem Tage eine Reihe von Spitalsfällen erledigt haitten. Wegen eines Versäumnisses derjenigen Personen, die ein Interesse an der Erledigung hatten, die Kultusgemeinde und ihre Organe verantwortlich zu machen, ist daher ganz unangebracht. Unrichtig ist, daß nach Wien zuständige Personen erst „über besondere Intervention" Aufnahme finden. Dem steht die Tatsache entgegen, daß von den unentgeltlich oder gegen ermäßigte Gebühren in das Spital der Kultusgemeinde aufgenommenen Patienten im laufenden Jahre 60 Prozent nach Wien zuständige Kranke waren. Da ortsansässige, aber fremdzuständige Juden, darunter viele, die seit Jahrzehnten in Wien wohnen, ja sogar hier geboren sind, ungleich schwerer in öffentlichen Spitälern Aufnahme finden können, als nach Oesterreich zuständige Juden, ist es selbstverständlich, daß nach Wien zuständige mittellose Juden auf den ihnen gebührenden Anspruch auf unentgeltliche Aufnahme in ein öffentliches Spital aufmerksam gemacht werden; ein anderer Vorgang wäre mit Rücksicht auf die in ungleich ungünstigerer Situation befindlichen nichtzuständigen Juden weder vom menschlichen noch vom jüdischen Standpunkte zu rechtfertigen, zumal ia die Kultusgemeinde auch von nichtzuständigen Juden Kultussteuer einhebt und Spenden entgegennimmt. Von auswärts nach Wien zwecks Heilung kommende Personen werden — von ganz besonderen Ausnahmefällen abgesehen — nur gegen Zahlung in das Spital aufgenommen. Wir ersuchen, diese Aufklärung in Ihrem gesch. Blatte zu veröffentlichen und zeichnen in vorzüglicher Hochachtung . Der Präsident: Dr. Friedmann- Emil Engel. Für den Amtsdireklor und Ersten Sekretär