Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 2 (10.1.1936)
- Date
- 1936-01-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 2 — 10. Jänner 1936 Seite 3 handelt würden, sondern daß alle Kundgebungen und alle Maßregeln darauf hanauslaufen, ihnen das Leben in Deutschland überhaupt unmöglich zu machen. In dem ersten Unterabschnitt, dler die Ausbürgerungen behandelt, wird der im Jahre 1915 von General Ludendorff an die polnischen Juden erlassene Aufruf in seinen entscheidenden Sätzen zitiert, jener Aufruf, der den Juden versicherte, die Deutschen kämen als ihre Freunde und Befreier. Die Denkschrift des scheidenden Fliichtlingskommissars stellt dazu in Vergleich die Ausbürgerung von angeblichen und wirklichen Ostjuden im Dritten Reich. — In dem Unterabschnitt über „Die Absichten der Regierung" werden neuere Auslassungen nationalsozialistischer offizieller Zeitungen, ein Erlaß des Reichswirtschaftsministers Dr. Hjalmar Schacht in Verbindung mit dem Reichsinnenminister Frick, ein Bescheid der Reichsdevisenstelle und andere amtliche Kundgebungen zitiert, die in deutlichen Worten erklären: „Die Auswanderung von Personen jüdischer Abstammung wird gewünscht und darf nicht verhindert werden." — In dfesem Zusammenhang werden auch die abschreckenden Maßregeln gegen etwaige Rückwanderer erwähnt. Den Abschluß des Kapitels und damit der ganzen Denkschrift bildet dann die Unterabteilung: „D a s F1 ü ch 11 i ngs prob 1 e m", das nur ganz kurz noch einmal das Wesentliche zusammenfaßt. Zahl u;i d Situation der Flüchtlinge wird in diesem letzten Abschnitt nach dem neuesten Stand der Di.ige skizziert. Hiernach sind rund 20 Prozent der Flüchtlinge Angehörige freier Berufe; darunter 700 Professoren, darunter 2 Nobelpreisträger, 15—20 Prozent sind niehtjüdischer Konfession und mußten Deutschland aus anderen Gründen verlassen, weil sie Pazifisten waren oder Mitglieder von Parteien, die dem nationalsozialistischen Regime nicht genehm sind, protestantische und katholische Gläubige usw. Die Mehrzahl der Flüchtlinge sind kleine Kaufleute, Agenten, Angestellte, 1000 sind Studenten. — Die Devisengesetzgbung laufe „praktisch auf eine Konfiskation des Vermögens" der Auswanderer hinaus. „Der unparteiische" Amtsdirektor in spe. Am Ende der Vorwoche sind in mehreren Wiener Tageszeitungen Notizen erschienen, in denen der Rücktritt des Herrn Dr. Josef Löwenh e r z vom Vizepräsidium der Wiener Kultusgemeinde und seine Bewerbung um den „öffentlich ausgeschriebenen" Posten eines Amtsdirektors der Gemeinde bekanntgegeben wurde. Diese Veröffentlichungen erfolgten zu einem Zeitpunkte, da, wie wir in unserer letzten Nummer meldeten, z w ischen den Parteien des Wiener Kultusvorst an des Verhandlungen schwebten. Diese Verhandlungen waren von einer m a ßgebenden jüdischen Organisation veranlaßt worden und im Momente der erwähnten Publikationen durchaus nicht beendigt. Die Zeitungsnotizen stellten also einen Eingriff in diese schwebenden Verhandlungen dar, ihre Veröffentlichung wurde in weitesten jüdischen Kreisen ebenso übel aufgenommen wie die skandalöse Art der Berichterstattung der beiden jüdischnationalen Blätter über die letzte Plenarsitzung des Wiener Kultusvorstandes, eine Berichterstattung, die in scharfem Gegensatze zu der unsrigen stand. Denn während wir, wie ausdrücklich im Schlußabsatze unseres Berichtes über diese Sitzung betont wurde, uns bemühten, in diesem Berichte „mit Rücksicht auf die schwebenden Verhandlungen alles zu unterlassen, was sie beeinträchtigen könnte", haben die beiden jüdischnationalen Blätter die Gelegenheit benützt, über die in Rede stehende Plenarsitzung des Kultusvorstandes in einer Weise zu berichten, die allen Gesetzen objektiver Publizistik Hohn spricht. Inzwischen sind, wie wir erwarteten, die Verhandlungen gescheitert. Alle Vorschläge, die von der „Union" oder von anderer friedfertiger Seite gemacht wurden, begegneten dem starren Nein des Herrn Dr. Löwenherz. Die „Union" hatte Verständnis dafür, daß ihn, wie verlautet, seine materiellen Verhältnisse nötigen, seinen Beruf zu wechseln und von der freien Advokatur in eine Beamtenstelle überzugehen. Sie hat diesem Verständnis auch dadurch Ausdruck verliehen, daß sie sich bereit erklärte, es hinnehmen zu wollen, daß die Kultusgemeinde und ihre Institutionen Dr. Löwenherz zu ihrem Anwalt mit einem Jahrespauschale bestellen. Das schien der einzig mögliche, reinliche Weg, um einerseits den Bedürfnissen des Herrn Dr. Löwenherz zu Hilfe zu kommen, andererseits die Kultusgemeinde vor dem öffentlichen Skandal der Verwandlung eines parteimäßig Präsidenten bestellten Funkionärs in einen pragmatisch mit Pensionsberechtigung angestellten, matisch mit Pensionsberechtigung angestellten, aus dem Gemeindesäckel zu versorgenden Amtsdirektor zu bewahren. Herr Dr. Löwenherz hat unter Berufung auf die von seiner Partei gemachten Zusagen auch die Beschreitung dieses Ausweges abgelehnt. Er besteht auf seinen Shylok-Schein, unbekümmert um die Herabsetzung des Ansehens der Kultusgameinde in der Oeffenrlichkeit, um die Gefahr für ihre Autonomie, unbekümmert um die Schädigung seiner eigenen Partei. Dieser Mann hat so wenig Verständnis für das Unerhörte seines Strebens, für die Belastung der Kultusgemeinde und des Gemeindesäckels für jetzt und für die Dauer mit seinem persönlichen Bedarf, daß er, wie er es in der mehrfach erwähnten Plenarsitzung des Kultusvorstandes tat, sich die Stellungnahme der Gegner seiner Bestrebungen, und die sind wahrlich nicht nur in der „Union", sondern auch in seiner eigenen Partei zu finden, nur durch persönliche Gehässigkeit erklären kann. Für jeden Menschen von westeuropäischem politischen Anstandsgefühl brauchen wir nicht das zu wiederholen, was wir schon so oft gesagt haben, daß diePerson des Herrn Dr. Löwenher z für uns in diesem sachlichen Kampfe gegen politische Korruption und iür die Reinheit und Sauberkeit der Verwaltung der Kultusgemeinde keine wie immer geartete Rolle spielt. Wir gönnen Herrn Dr. Josef Löwenherz den Erfolg, den er dadurch erzielt hat, daß er, der im Kleina Tube S —SO GroBo Tut» 3 1.40 a Wien IL, Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen Jahre 1919 nach Wien kam, im Jahre 1924 bereits Vizepräsident der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde wurde. Wir gönnen ihm jeden materiellen Erfolg und haben in den nun gescheiterten Verhandlungen zur Genüge bewiesen, daß uns menschlich eErwägungenniehtfremd sind. Aber es ist tatsächlich jedes weitere Wort überflüssig. Diesen Mann, der die Tribüne des ßudgetreferenten zur Vertretung seiner persönlichen Interessen in einer Weise benützt, die sogar seinem Parteigenossen und intimsten Freunde, dem Präsidenten der Kultusgemeinde, Dr. Desider F r i e d m a n n, zu arg wurde — dessen wiederholte warnende Unterbrechungen der Rede haben das bewiesen — werden wir nicht belehren und noch weniger überzeugen. Wie wäre das bei einem Manne möglich, der eine solche wutschnaubende Rede wenige Stunden vor Ueberreichung seines Demissionsschreibens und seines-Bewerbungsgesuches für den Amtsdirektorposten gehalten hat? Wenn ein Umstand geeignet war, seine absolute Unfähigkeit für das objektive Amt eines Amtsdirektors ad otulos und zur Evidenz zu demonstrieren, so war es dieses zügellos und vollkommen unbeherrschte Auftreten in eigener Sache. Das deutsche Flüchtlingsproblem. Die nachstehenden Meldungen berechtigen zu der Hoffnung, daß der Brief, den Völkerbundkommissär MacDonald bei seinem Rücktritt nach Genf gesandt hat, den Völkerbund schließlich doch veranlassen wird, sich mit dem Unrecht zu befassen, das tausenden und abertausenden von unschuldigen Menschen in Deutschland angetan wird. Der Völkerbundrat soll selbst an die Lösung der Flüchtüngsfrage sehen. In informierten Völkerbundkreisen verlautet, daß der Völkerbundsrat bei seiner nächsten Zusammenkunft bestimmt die Flüchtlingsfrage erörtern und dieser Erörterung das bekannte Schreiben des zurückgetretenen Hochkommissars James G. MacDonald zugrunde legen wird. Der Sachverständigen-Ausschuß der Fünf habe drei Lösungen vorgeschlagen: 1. das deutsche Flüchtlingsproblem dem Nansen-Amt zu unterstellen: 2. ein vom Nansen-Amt getrenntes Amt für die geflüchteten deutschen Juden und anderen Emigranten zu schaffen und beide Aemter einem gemeinsamen Vcrwailtungsrat zu unterstellen: 3. das Flüditlingsproblem rein charitativ zu behandeln. Der dritte Vorschlag hat schon darum keine Aussicht auf Verwirklichung, weil für ihn nur ein Mitglied des Ausschusses, der Italiener de Mihelis, gestimmt hat Der erste Vorschlag begegnet dem scharien Widerstand Rußlands, welches bei seinem Eintritt in den Völkerbund die Liquidierung des Nansen-Amtes bis 1938 gefordert hat; eine Machterweiterung des Nansen-Amtes würde aber e?ne Verlängerung seiner Lebensdauer bedeuten. Für die Eingeweihten steht es fest, daß der Völkerbundsrat den zweiltlen Vorschlag verwirklichen wird: an die Spitze des Nansen-Amtes würde der Norweger Hansson, der jetzt in Paris lebende ehemalige Präsident des Schiedsgerichtes in Kairo, treten, während an die Spitze des Amtes für die deutschen Flüchtlinge Sir Arthur S a 11 e r treten würde. Für alle Fälle — sa wird versichert — ist der Völkerbundsrat entschlossen, das Prob I em der deutschen Flüchtlinge, besonders das der Juden, selbst zu lösen. Der neue Hochkommissar. Dem „Geneva Press Service" wird mitgeteilt, daß der Vöilkerbund bereits den Kontakt mit Sir Salter aufgenommen hat, der .nicht nur als ehemaliger Generalsekretär der Reparationskommission und als einer derbedeutendsten lebenden Wirtschaftler Weltautorität genießt sondern auch das das Emigranten-Problem genau kennt. James Arthur S a 11 e r wurde am 15. März 1881 in Oxford geboren. Er trat in den Zivildienst. Als durch die feindlichen Schiffsversenkungen die Nahrungsmittelfrage für England akut wurde, trat Salter an die Spitze der Kommission für Kauffahrteischiifersatz. Nach dem Kriege wurde er Direktor der Würtschafts- und Finanzabteilung des Völkerbundes und war von 1920 bis 1922 Generalsekretär der Reparationskommission. Für seine Verdienste als solcher wurde er 1922 geadelt. 1927 war er leitender Experte des Völkerbundes auf der Weltwirtschaftskonferenz in Lausanne. Am 18. und 21. September 1931 gab er als englischer Delegierter bei der Finanzdebatte bedeutsame Erklärungen über die Weltwirtschaftslage ab. Eine neue Hilfsaktion. Wie die Jüdische Telegraphen-Agentur erfährt, soll ein großzügiges Projekt für die Auswanderung von 250.000 Juden aus Deutschland innerhalb einer bestimmten Frist und ihre Ansiedlung in Palästina und anderen Ländern von eglischen und amerikanischen jüdischen Führern in diesem Monat besprochen werden. Am 15. Jänner reisen Sir Herbert Samuel, Viscount Bearsted und Simon Marks an Bord des Dampfers „Majestic" nach New York, wo sie mit den amerikanisch-jüdischen Führern eine Besprechung abhalten werden. Es verlautet, daß u. a. die Aufbringung von drei Millionen Pfund in vier Jahren für diesen Zweck vorgesehen ist. Ziel der Besprechungen in New York soll es sein, die einheitliche Durchführung der Aktion in England und Amerika zu sichern. Ein Plan des Prinzen zu Löwenstein. Der aus Deutschland nach London ausgewanderte jungkatholische Führer Prinz Hubertus zu Löwenstein veröffentlicht in den „Time s" einen neuen Plan für die Flüchtlingshilfe und teilt hierbei mit, daß er diesen Plan bereits dem früheren Hochkommissar James G. MacDonald vorgelegt habe, daß aber Mac¬ Donald nicht über hinreichende Vollmachten! verfügt hätte, um den deutschen Flüchtlingen eine wirklich durchgreifende Hilfe zu verschaffen. Der Plan Prinz Löwensteins besteht darin, daß sich in allen'Staaten, die Flüchtlinge beherbergen, Komitees bilden und diese