Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 1 — 3. Jänner 1936 Seite 7 GROSSFLEISCHHAUEREI IIEGM. KORNMEHL WIEN IX., BERGGASSE NR. 19 FILIALE > XVIII., WAHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungetifürKoscherfleisch unter Aufsieht des ehrw. Rabbinates der Isp. Kultusgemeinde Wien. Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualität zu den billigsten Marktpreisen Hemeinde&Tonifc. Amsterdam. Im Alter von 80 Jahren verstarb der frühere Oberrabbiner von Rotterdam Dr. Bernhard Loebel Ritter, ein hervorragender Talmudist und jüdischer philosophischer Forscher. In Reinersdorf, Preußen, geboren, war er zuerst Rabbiner in Prenzlau bei Berlin und später, 43 Jahre lang, Oberrabbiner in Rotterdam. Er war ein Vorkämpfer der Weltbewegung der Ägudas Jisroel, Ehrenpräsident der Rotterdamer Alliance Israelite und Ritter des Ordens Oranien-Nassau. Chanukka bei den Juden in Deutschland. Die jüdischen Organisationen in Berlin und im Reich haben während der Chanukkawoche eine große Zahl von Chanukkafeiern verananstaltet, die durchweg stärksten Besuch aufwiesen. In besonders bedeutsamer Weise umrissen bei einer Feierstunde, die der Centraiverein im Großen Saal des Berliner Logenhauses abhielt, der Vorsitzende, Justizrat Dr. Julius B r o d n i t z, der Präsident der Reichsvertretung Dr. Leo B a e c k und der Syndikus des Centraivereins Dr. Alfred Hirschberg Gedanken und Lehren, die Chanukka jüdischen Menschen von heute vermittelt. Nicht der vor mehr als 2000 Jahren gegen eine Uebermacht errungene Sieg, so führte Justizrat B r o d n i t z aus, könne der Anlaß zu dieser Feier sein. Wir feiern den Gedanken, daß eine Minderheit, die v o n e i n e r Idee begeistert ist, kein verlorenes Dasein führt. Wir leisten heute das Gelöbnis, unser Leben so zu gestalten, daß wir einst beurteilt werden als Menschen, für die der Tag derPrüfung auch ein Tag der Erprobung war. Hocherhobenen Hauptes und nicht niedergedrückt begehen wir dieses Chanukkafest. Rabbiner Dr. Leo B a e ck sprach von dem Unterschied zwischen echtem geistigen Kampf und bloßem Hader und Streit. Die Kämpfe der Makkafräer waren von der Idee der Erhaltung jüdischer Besonderheit getragen. Jude sein heißt universelle Individualität sein, Wissen um den Himmel, der sich über alles wölbt und um die Erde, die alle trägt. Dr. Alfred Hirschberg erklärte, der Begriff der Minderheit sei nicht etwas Zahlenmäßiges, sondern entspricht der Vorstellung vom Rest, der übrig bleibt, auf dem Erwählung und Segen ruht, auf welchen „Resten" unserer Gemeinschaft dieser Segen ruht^ auf denen, die rasten oder auf denen, die wandern, wird die Geschichte einst entscheiden, die wir über unsere Generation fortführen wollen. Chanukka-Festspiel im amerikanischen Rundfunk. Das Chanukkafest wurde in diesem Jahr von den amerikanischen Juden mit besonderer Feierlichkeit begangen. Die New York Broadcasting Corporation verbreitete als Hörspiel eine dramatisierte Fassung der Makkabäer-Geschichte. An einem Bankett der jüdischen Erziehungsgesellschaft, bei der Otto Rosalsky die Festrede hielt, nahmen 700, an der Makkabäerfeier der New Yorker Tempelbrüderschaft 1000 Personen teil. Rabbi Barnett Robert B r i c k n e r, eine der führenden Persönlichkeiten auf dem Gebiet jüdischer sozialer Fürsorge in Amerika, dem die jüdische landwirtschaftliche Kolonisationsbewegung in Amerika und Kanada entscheidende Förderung verdankt, hielt die Festansprache. Barmizwahfeier. Am Samstag, den 28. v. M., fand im Fünfhauser Gemeindetempel die Konfirmation des Studenten Erich Müller, Sohnes des bekannten Senatsvorsitzenden Oberlandesgerichtsrat Dr. Rudolf Müller, bei starker Beteiligung statt. Unter den Festgästen sah man den Präsidenten der Isr. Kultusgemeinde, Staatsrat Dr. Desider Friedmann, weiters die Herren Bethauspräsident Komm.-Rat Samuel Bernhardt, Kultusrat Komm.-Rat Artur A1 b e r s, die Bethausvorsteher Komm.-Rat Karl A 11 m a n n und Rechtsanwalt Dr. Siegfried Bader, ferner für die Chewra Kadischa der Bezirke XII. bis XV. Vorsteher Josef Bravmann, für die Bezirkskommission XII. bis XV. Herrn Eduard Mayer u. v. a. Der Konfirmand trug die Haftorah und die Segenssprüche in ausgezeichneter Weise mit dem alttraditionellen Nigun vor, was den allgemeinen Beifall der Anwesenden fand und seinem Lehrer, Herrn Kantor Wilhelm Glück, zu großer Ehre gereichte. Hierauf rezitierte der Kantor David Fischer einen feierlichen Segensspruch. Herr Rabbiner, Dozent Dr. H. I. Z i mmels, hielt eine Ansprache, in welcher er insbesondere auf die ehrwürdige Tradition der Familie des Konfirmanden hinwies, die seit Jahrzehnten zu den ständigen Besuchern des Fünfhauser Tempels gehört und ihr Judentum stets hochhält. Sodann widmete noch Rechtsanwalt Dr. Bader sowohl im Namen des Bethausvorstandes XV. als auch als persönlicher Freund und Schulkollege des Herrn Oberlandesgerichtsrates Dr. Müller dem Konfirmanden herzliche Worte der Ermunterung, dem Beispiele seines Vaters nachzueifern, der als angesehener Jurist, bewährter Richter und edler Mensch in weitesten Kreisen geschätzt ist. Todesfälle. In den letzten Wochen haben zwei in der Wiener jüdischen Oefientlichkeit sehr bekannte Glaubensgenossen schwere Schicksalschläge erlitten, Kom.-Rat Moritz Leitner und Dr. Leonhard Maier betrauern den Heimgang ihrer Mütter, beide Frauen waren wegen ihrer Charaktereigenschaften und ihres echt jüdischen Familiensinnes allgemein geachtet und genossen große Wertschätzung. Frau Fanny L e i t n e r war die Witwe nach dem ihr vor 13 Jahren in den Tod vorangegangenen R. Awrohom Elisier L e i t n e r s. A. Awrohom Leitner und seine nunmehr im Alter von 77 Jahren heimgegangene Gattin kamen aus Mattersdorf nach Wien und führten hier ihr Haus ganz ini Geiste der Familien- und Kehila-Tradition. Von Natur aus mit einer geradlinigen Lebensklugheit ausgestattet, war die Verblichene von bezwingender Liebenswürdigkeit jedermann gegenüber und von einer Herzensgüte, die nur noch von ihrer vorbildlichen Frömmigkeit überstrahlt wurde. Diese Frömmigke/it, die tief in ihrem Wesen lag, war das wohlgehütete Vermächtnis ihrer großen Ahnen, deren Stammbaum bis auf den Landesraw Rabbi Mordechai B i n e t h s. Z. 1. zurückgeht. Die Heimgegangene hatte zehn Kindern das Leben geschenkt, die sie in aufopferungsvoller Liebe und hingebungsvoller mütterlicher Fürsorge zu aufrechten Juden großgezogen, und diese Kinder stehen, wo immer sie leben, in den vordersten Reihen der Kämpfer für das orthodoxe Judentum. Frau Leitners Heimgang wird denn auch nicht nur von der großen Zahl ihrer Kinder, Enkel und Urenkel, Freunden und Bekannten, sondern von der Wiener Orthodoxie und darüber hinaus von weiten Kreisen der Wiener Judenschaft beklagt. Die Wertschätzung, deren sich die Verblichene erfreut, fand ihren sichtbaren Ausdruck in der Beteiligung bei dem Leichenbegängnisse. Oberrabbiner Fürst zeichnete in kurzen, eindringlichen Worten das Lebensbild dieser echt jüdischen Frau, die an der Seite ihres Gatten ein Musterhaus in der Kehila geschaffen hatte. Namens der Familie sprach erschütternde Worte des Abschiedes der älteste Sohn und prominente Führer der Wiener Orthodoxie, Kommerzialrat Moritz L e i t n e r, der nicht nur die treue und liebende Mutter beweinte, sondern auch die Frau, die durch ihr Leben ein leuchtendes Vorbild allen gab, die ihr im Leben irgendwie nahestanden. Es sprachen noch Herr Emanuel Hönigsber und der Schwiegersohn, Herr Papa aus Vac in Ungarn. Die Leiche wurde nach Mattersburg überführt, wo unter ungeheurer Beteiligung am 20.v.M. die Beisetzung an der Seite ihres Gatten erfolgte. Gehaltvolle Trauerreden hielten Oberrabbiner Ehrenfeld und Rabbiner T a u s s i g. — Am 26. v. M. starb nach langem, in Gottergebenheit geduldig ertragenen Leiden im 85. Lebensjahre Frau Rosa M a i e r, Witwe nach dem ihr vor 15 Jahren im Tode vorangegangenen Herrn Josef M a i e r, dessen Andenken noch heute in weitesten Kreisen als das eines rechtschaffenen Menschen und aufrechten Juden geehrt wird: er gehörte u. a. dem Vorstand des Tempelvereines ,.Aschel Awrohom", II. Pazmanitengasse, an. Im gleichen Tempelvereine ist der Sohn der nun Verblichenen Herr Dr. Leonhard M a i e r als Obmannstellvertreter sehr geschätzt; er ist auch unionistisches Mitglied des Wiener Kultusvorstandes, und so wohnten dem Leichenbegängnisse seiner von ihm und seinen neun überall angesehenen Geschwistern innigst geliebten Mutter zahlreiche Mitglieder des Kultusvorstandes mit Präsident Dr. D. F r i e d m a n n an der Spitze, des Zentralvorstandes des der „Union" und des Vorstandes des Pazmanitentempels unter Führung des Obmannes Oskar Schramek bei, eine große Anzahl von Freunden und Bekannten der allseits geschätzten Familie gab der Hingeschiedenen das letzte Geleite. Die Verblichene war, wie Rabbiner Dr. Taubes in seiner eindrucksvollen Gedenkrede ausführte, eine Frau mit hervorragenden Charaktereigenschaften, beseelt von echt jüdischem Familiensinn und treuer Liebe zu ihren Kindern, die zu wackeren Menschen und bewußten Juden zu erziehen, ihr hingebungsvollstes Bestreben war. Die Kinder hingen mit rührender Liebe an ihrer Mutter und mit ihnen betrauern alle, die Frau Rosa Maier gekannt und geschätzt haben, den Heimgang dieser edlen Frau. Oberkantor J. L. Müller versah in überaus inniger Weise die kantoralen Funktionen. Getragen von ihren Söhnen, wurde die Tote zur letzten Ruhestätte gebracht, wo die Beisetzung an der Seite des Gatten erfolgte. — Wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf am 30. v. M. die vielen Freunde des in weitesten Kreisen angesehenen und überaus beliebten Direktorstellvertreter der Länderbank Komm.-Rat Oskar Grün die entsetzliche Nachricht von dem in der vorangegangenen Nacht nach kurzem, schweren Leiden plötzlich erfolgten Tode dieses edlen Menschen. Fassungslos waren alle, die ihn gekannt und geschätzt haben, daß in so frühen Jahren — er verschied im Alter von 56 Jahren — ein Mensch dahingegangen ist dessen ganzes Sinnen und Trachten von edelster Herzensgüte diktiert war. Mit inniger Liebe hing seine nun so schwer geprüfte Gattin Jenny, hingen seine braven Geschwister an ihm, der der Mittelpunkt der geachteten Familie Grün gewesen ist. In seinem Berufe als korrekter, fleißiger Mensch angesehen, hat er es verstanden, sich zahlreiche Freunde zu gewinnen und zu erhalten, die ihn alle fast abgöttisch liebten. Den Beweis dieser heute so seltenen Verehrung eines wackeren Menschen erbrachte die kolossale Beteiligung beim Leichenbegängnisse, das am 1. d. M. auf dem Zentralfriedhofe, 1. Tor, stattfand. Die geräumige Zeremonienhalle konnte die gewaltige Schar der Trauergäste nicht fassen. Wien I., Seitenstetiengasse 6 XI., Zentralfriedhof neben dem l Tor _Samafay;mchlownl Ihnen allen sprach Rabbiner Dr. J. M. Bach mit seiner Schilderung des prächtigen Wesens des Heimgegangenen aus dem Herzen. Namens der engeren Freunde nahm Dr. Wolf bewegten Abschied. Die kantorale Funktion versah in ergreifender Weise Oberkantor L. Funke. — Unter außerordentlich großer Beteiligung fand Donnertag, den 26. v. M., das Leichenbegängnis des plötzlich verschiedenen Direktors der Lebensversicherungsgesellschaft „Phönix", Dr. Johann Hellmann, statt. Nach innigen Trauergesängen des Oberkantors Müller schilderte Rabbiner Dr. J. M. B a c h die edlen Verdienste des Verblichenen als Mensch und Familienvater und charakterisierte seinen Werdegang bis zu dem aus eigener Krait erklommenen Rang im Dienste der „Phönix" Der schwergeprüften Gattin der einzigen Tochter wendet sich die aufrichtige Teilnahme zu. — Am 2. Jänner d. J. wurde Frau Bundesstaat- Pclier Fürsorgerat Dr. Regine K r i s unter starker Beteiligung zu Grabe getragen. Es waren Vertreter der Israelitischen Kultusgenieinde, der Fürsorgezentrale, ferner der Vorstand der Kurtürsorge, die Vertreterinnen der Werblichen Fürsorge und aller anderen Frauenvereinigungen, deren Vorstand Frau Dr. Kris angehörte, erschienen. Rabbiner Dr. Rosenmann schilderte ihre karitative Tätigkeit und hob hervor, daß die Verstorbene nach dem Ableben ihrer beiden Söhne Trost im Wohltun suchte und fand. Dr. Leo Landau sprach in Vertretung der Israelitischen Kultusgemeinde Worte der Anerkennung für ihr humanitäres Wirken; der Obmann der Kurfürsorge Medizmalrat Dr. Isidor Braun erwähnte die hervorragenden Leistungen der Dahingeschiedenen, die als Vizepräsidentin dem Vereine angehörte, sich hingebungsvoll mit ganzem Herzen und ganzer Seele der Kurfürsorge widmete und vielen Schützlingen des Vereines zum Segen wurde. — Am 29. v. M. ist Herr Aron Deutsch im 71. Lebensjahre plötzlich gestorben. Der Verblichene stand über 40 Jahre im Dienste der Israelitischen Kultusgemeinde und erfreute sich durch sein liebenswürdiges, entgegenkommendes dienstbereites Wesen allgemeiner Beliebtneit und Wertschätzung. Am 30. v. Mts. fand am Zentralfriedhof, I. Tor. unter großer Beteiligung das Leichenbegängnis statt. Die Trauertunktionen versah I. Kantor Kunstadt in ergreitender Weise. Um den Verstorbenen trauern eine Witwe, zwei Söhne und zwei Töchter, der sich die allgemeine Teilnahme zuwendet. Wiener-Neustadt. Sämtliche Kultnsgemeinden Niederösterreichs haben an den niederüsterreichischen Landesschulrat das Ansuchen gerichtet, gleich den anderen gesetzlich anerkannten Konfessionen einen Inspektor für den gesamten israelitischen Religionsunterricht zu bestellen. Der Vorsitzende des niederösterreichischen Landesschulrates, Herr Minister a. D. Dr. C z e r m a k, hat den Wunsch der Kultusgemeinden wännstens befürwortend an das Bundesministerium für Unterricht geleitet, worauf Herr Oberrabbiner Prof. Dr. Heinrich Weiß zum Inspektor des israelitischen Religionsunterrichtes für alle Schulen Niederösterreichs bestellt wurde. Der Verein Krankenbesuch Bikur Chaulim veranstaltet am Sonntag, den 5. Jänner 1936, 4 Uhr nachmittags, im Hotel Continental eine Wohltätigkeits-Jause mit Vorträgen. Mitwirkende: Fräulein Molly Jonas, Staatsopernsängerin, Hugo Knepler, Adolf Wollner, Christi Giampietro, Josef Bahr, Eugen Hoffmann, Fritz Schrecker. Entree S 2.60 inklusive Jause. Karten an der Kassa. Telephon A-l9-7-54. Verein für jüdische Geschichte und Literatur. Montag, den 6. Jänner, y,8 Uhr abends, im Klubsaale, I., Wiesingerstraße 11 (Cafe Atlashof, eigener Eingang, Souterrain), Vortrag des Herrn Rabbiner Dr. Josef Babad (Klagenfurt): „Spuren jüdischer Siedlungen aus dem mittelalterlichen Kärnten." Eintritt frei. Gäste willkommen. Der Verein „Treue Brüder", II., Kl. Pfarrgasse 21 (Cafe Buchsbaum), veranstaltet am 7. Jänner 1936, um 8 Uhr abends, im Theater Reklame, 11., Praterstraße 34, eine Wohltätigkeitsvorstellung zugunsten einer Kohlenaktion für arme Witwen und Waisen. Zur Aufführung gelangt die beliebte Operette „Tanzt, J ü d a 1 e c h, tanz t". Ihr Mund ist der Vorraum zu Ihrem ganzen Organismus. 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