Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 Nr. 1 — 3. Jänner 1936 DIE WAHRHEIT DIE V mit unserem jüdischen Messiasgedanken zu tun, der unserem religiösen Leben entspringt und in zähem stillem Wirken alles Leben mit dem Lichte der Ewigkeit durchdringt." Die deutsche Nazi-Regierung hat selbst die Verdienste von deutschen Juden um die Niederwerfung bolschewistischer Revolten anerkannt, indem sie im März 1934 eine (heute nach den Nürnbergre Gesetzen wohl kaum mehr geltende) Ausnahmebestimmung zum „Gesetz zur Wiederherstellung des Berufsheamtentums" getroffen hat. in der es heißt: „Auf Juden, die sich an der Unterdrückung des kommunistischen Aulstandes von 1920. an den Kämpfen im Baltikum oder an der Bekämpfung der rheinischen Separatisten beteiligt haben, ist der Arier- Paragraph nicht in Anwendung zu bringen. VI. Jüdischer publizistischer Kampf gegen den Kommunismus. Lange bevor Hitler mit seinem Werk „Mein Kampf" herauskam, von dem er sagt, daß hier zum ersten Male der Kampf gegen den Kommunismus in eine programmatische Form gebracht worden sei, haben jüdische Schriftsteller in Broschüren und Flugschriften gegen den Kommunismus Stellung genommen. In den Jahren 1919 bis 1923 sind eine Menge solcher Schriften aus jüdischer Feder erschienen, in denen klar und deutlich zum Ausdruck gebracht wird, daß Juden mit dem Kommunismus nichts gemein haben und nichts gemein haben dürfen. In vielen Hunderttausenden von Exemplaren wurde eine Schrift des bekannten Breslauer Gelehrten J. Heinemann: „Das angebliche Interesse der Juden an der Zersetzung der Umwelt" in Deutschland im Jahre 1930 verbreitet, in der der Verfasser in einer scharfen Auseinandersetzung mit den Kommunisten nachweist, daß der Kommunismus das Judentum zersetze. Nach Schilderung von Gewaltakten des Bolschewismus gegen die religiösen Juden sagt Heinemann wörtlich: „So hat der revolutionäre Radikalismus dem Judentum noch viel schwerere Wunden geschlagen als der Zarismus. Wenn Nikolaus I. acht- bis zwölfjährige Knaben zum Kniefall vor der Mutter Gottes zwang, wenn die russische Regierung studierende jüdische Mädel zwang, sich als Prostituierte einzutragen oder sich taufen zu lassen, dann blieb uns der Trost, daß nicht auf unserer Seite die Gewaltmenschen waren. Wenn aber heute die Apostel der Freiheit, die Kommunisten, durch Juden unterstützt werden, die jüdische Religion zu vergewaltigen, dann hat das Judentum außer de in Schaden noch einen Teil der Schande. Der Himmel bewahre uns vor der Uebertragung dieser Schande auf das deutsche Judentum." (Fortsetzung folgt.) Greuel aus der braunen Hölle. Das Reic Ii Sinnenministerium hat sämtliche Polizeistellen des Reiches angewiesen, jüdischen Handelsreisenden ihre Lizenzen, die gewöhnlich in der Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr zur Erneuerung einzureichen sind, nicht zu verlängern, da „Juden als politisch nicht zuverlässig" gelten müssen. Hinzugefügt wird noch, daß insbesondere jüdische Handelsreisende sich in der Verbreitung von Greuelmärchen hervortun und auf diese Weise staatsgefährdend wirken. Die Polizeistellen wurden ferner angewiesen, jüdischen Fabrikanten die Erlaubnis zur Einstellung von Handelsreisenden nicht mehr zu erteilen, da auch hier die Gefahr der Verbreitung von Greuelmärchen gegeben sei. Diese Verfügungen des Reichsinnenministeriums haben in den jüdischen Kreisen niederschmetternd gewirkt, da sie weiteren vielen Tausenden jüdischen Familien die Existenzgrundlage entziehen. Allein in Berlin gibt es mehr als 2000 verheiratete jüdische Handelsreisende, ihre Gesamtzahl im Reich wird auf 30.000 bis 40.000 geschätzt ist also größer als die Gesamtzahl der in juristischen, medizinischen oder anderen Berufen lätigen jüdischen Personen. Verantwortliche jüdische Persönlichkeiten haben sich an den Reichswirtscliaftsminister Dr. Schacht mit der dringenden Bitte gewandt, auf das Reichsinnenministerium dahin zu wirken, daß die Verfügungen, die von katastrophalen Folgen für die gesamte jüdische Gemeinschaft in Deutschland begleitet sein müssen, zurückgezogen werden. Es verlautet, daß Dr. Schacht sich mit dem Reichsinnenministerium in Verbindung gesetzt und dabei geltend gemacht hat, daß die Verfügung eine einschneidende Einmischung in sein Gebiet darstellt. In jüdischen Kreisen werden die Bemühungen des Doktor Schacht mit Dankbarkeit vermerkt Doch hat die bisherige Erfahrung gelehrt, daß Dr. Schacht sich immer weniger durchzusetzen vermag. Als ein Beispiel seiner Machteinbuße wird die Beschlagnahme der Suhler Simson-Werke, die trotz seiner energischen Intervention erfolgt ist, angesehen. Der Reichsbank und der Deutschen Reichsbahn gingen Verfügungen der zuständigen Ministerien zu, darauf zu sehen, daß bis Ende des Jahres 1935 sämtliche noch verbliebenen jüdischen Beamten ihre Dienststelle verlassen, damit die Aemter zu Beginn des neuen Arbeitsjahrcs vollkommen „judenrein" seien. Diese Verfügungen treffen nur noch sehr wenige ehemalige jüdische Frontkämpfer, die als „schwer ersetzbar" bis jetzt noch beschäftigt wurden. Alle anderen jüdischen Beamten und Staatsangestellten, auch Frontkämpfer, wurden schon längst von ihren Dienststellen entfernt. Die Gemeinnützige Baugesellschaft „Heimat", die früher vom Gewerkschaftsbund der Angestellten kontrolliert, unter dem neuen Regime aber der Arbeitsfront Dr. Ley's unterstellt wurde, hat sämtlichen jüdischen Mietern ihrer riesigen Wohnbaukomplexe gekündigt. Die dadurch betroffenen Hunderte jüdischer Mieter sind in eine um so schwierigere Lage geraten, als es sich durchwegs um Kleinwohnungen (1 bis 2 Zimmer) handelt, an denen es in Berlin sehr mangelt. Es handelt sich hier um eine Maßnahme, die unter den Begriff der verbotenen „E i n z e I a k t i o n e n" fällt. * In Stuttgart wurde der bekannte jüdische Bankier Karl Weil, Leiter des Württembergischen Bankhauses Weil & Co., verhaftet. Das Stammhaus in Stuttgart und alle Zweiggeschäfte im Staate Württemberg wurden behördlich geschlossen. Die gegen das Bankhaus erhobenen Beschuldigungen sind sehr vager Natur und offenbar erdichtet. Es handelt sich hier um eine Maßnahme im Zusammenhang mit der angekündigten Aktion zur Liquidierung der jüdischen Privatbanken. Palästina-Nachrich ten, Statt 11.000 — 1900 Zertifikate. Die P a 1 ä s t i n a - R e g i e r u n g hat für das Halbjahr Oktober 1935 bis März 1936 lediglich eine Einwanderer-Schedule von 4350 Zertifikaten, wovon 1200 für angebliche illegale Einwanderer in Abzug gebracht werden, bewilligt. Die Executive der Jewish Agency wird wahrscheinlich sowohl gegen die geringe Höhe de Schedule — die Executive hatte 11.000 Zertifikate angefordert — als auch gegen den Abzug für illegale Einwanderer Einspruch erhoben. Von den neu bewilligten 4350 Zertifikaten werden 1000 bereits im Vorschuß gegebene Zertifikate in Abzug gebracht, 250 werden für Touristen, die nachträglich im Lande verbleiben, reserviert, so daß beim Abzug der 1200 Zertifikate für Illegale bloß noch 1900 Zertifikate zur Verteilung übrig bleiben. Nach den Schätzungen der Regierung beträgt die Gesamtzahl derjüdischen Arbeitslosen in Palästina zur Zeit rund 3500. WIEN II.. Praferslraoe Telephon n 47-4-4» Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. Die Deutsche Reichsbank hat eine Verordnung erlassen, wonach für das Jahr 1936 nicht mehr als 100 Juden, die aus Deutschland nach Palästina auswandern, die Erlaubnis erhalten werden, ein Kapital von je 1000 Pfund mit sich zu nehmen. Aber auch die Abfertigung dieser hundert sogenannten Kapitalisten ist nicht garantiert; angeordnet ist, daß immer je acht oder neun Gesuche auf einmal nach Maßgabe der zur Verfügung stehenden Devisen erledigt werden sollen. Motiviert wird diese Verordnung mit dem Mangel an ausländischen Devisen. Die Einschränkung bezieht sich nicht nur auf die Mitnahme von Bargeld, sondern auf den Transfer von Waren. Von deutscher Seite wird ins Treffen geführt, daß die Regierung an einem Warenexport, für den keine Devisen ins Land zurückströmen, nicht interessiert sei. Es besteht der Eindruck, daß die deutsche Regierung nicht mehr Gewicht auf die Erneuerung des Transfer-Abkommens legt, und daß der Transfer Deutschland-Palästina überhaupt in Frage gestellt ist. * Wie die JTA erfährt wird demnächst ein neues Einwanderungsgesetz in Palästina veröffentlicht werden, welches schärfere Strafen als bisher für illegale Einwanderer und für Personen, die solchen Einwanderern beistehen, vorsieht. Eine besondere Bestimmung sieht Beschränkungen und Strafen für Schiffe bis zu einer gewissen Tonnage, die illegale Einwanderer ins Land bringen, vor. * Die palästinensische Presse meldet, daß in den Gewässern von Haifa 14 englische Kriegsschiffe manövrieren und daß im Gebiet von Nablus (dem biblischen Schechem) .Ue^bungen englischer Truppen mit Panzerautos und Aeroplanen stattfinden. Der italienische Generalkonsul in Jerusalem wurde nach Rom beordert, um über die neuen Entwicklungen Bericht zu erstatten. * Im Zuge der Untersuchung der Tätigkeit arabischer Terroristengruppen entdeckte die Polizei eine weitere geheime arabische Organisation, die den Namen „Arabische revolutionäre Jugend" trägt und deren Tätigkeitszentrum in der Scharon- Ebene liegt. Es haben weitere Verhaftungen von Terroristen stattgefunden. „Goebbels* Infamie." Der Führer des faschistischen Verbandes „C r o i x d e F e u", B r i c a u t, erklärte in einer Ansprache an 4000 Mitglieder der französischen faschistischen Organisation in Algier, es dürfe keinerlei Unterschied gemacht werden zwischen denjenigen, die im Kriege unter Frankreichs Fahnen kämpften, seien es nun Christen, Juden oder Mohammedaner. Ich erkläre, fuhr Bricaut fort, die von Dr. Goebbels erlassene Order, die jüdischen Namen aus den Kriegsehrenmälern in Deutschland zu entfernen, als einen Akt der Infamie. Auf eine tiefere Stufe könnten Haß und Undankbarkeit nicht mehr sinken. Der neue Vorstand der Advokatenkammer. Die jüngst verlautbarte Ernennungsliiste zum Vorstand der Wiener Advokatenkammer steht in Widerspruch mit der Zusammensetzung der Wiener Anwaltschaft. Trotz der großen Zahl der Juden im Advokatenstand wurden nur drei Juden auf die Ernennungsliste gesetzt. In der Hauptsache sind die Mitglieder des dem Rassenprinzip huldigendenden Verbandes deutsch-arischer Rechtsanwälte berücksichtigt worden, die sich um die Ausschaltung der Juden aus der Leitung der Kammer bemühen. „Zeitweilige*' Ghettoverordnungen. Das Rektorat und das Professorenkollegium der Technischen Hochschule in Lemberg haben eine Erklärung veröffentlicht, in der die judenfeindlichen Ausschreitungen an der Hochschule schärfstens verurteilt werden. In der Erklärung wird ferner festgestellt, daß die Verordnungen, durch die den jüdischen Studenten besondere Arbeitsplätze und Hörsäle zugewiesen werden, keinen grundsätzlichen, sondern nur provisorischen Charakter tragen und ausschließlich im Hinblick auf die Aufrechterhaltung der Ordnung erlassen wurden. Litauische Minister verurteilen judenfeindliche Propaganda. Der litauische Minister des Innern, der Finanzminister und der , Bürgermeister von Kaunas veröffentlichen eine gemeinsame Erklärung, in der die von der antisemitischen Vereinigung litauischer Kaufleute „V e r s I i n i n k i" getriebene chauvinistische Judenfeindliche Propaganda verurteilt wird. Es wird erklärt, daß die Politik der litauischen Regierung auf Toleranz und Rechtsgleichheit aller Bürger beruht. Die Winterhilfsaktion der Kultus* gemeinde. Ebenso wie in den vergangenen Jahren hat die Israelitische Kultusgemeinde Wien eine besondere Hilfsaktion für die Winterperiode 1935/36 geschaffen, welche bereits seit 15. Dezember 1935 im Gange ist. Von diesem Tage an werden vorläufig in insgesamt acht Ausspeise stellen (drei in der Leopoldstadt, je eine im Prater, in der Brigittenau, in den Bezirken XII—XV und XVI/XVII und in der Mensa academica für Studenten und Intellektuelle) mehr als 1000 Personen täglich ausgespeist. Zwei weitere Ausspeisungen, und zwar je eine im 9. und 10. Bezirk werden binnen kurzem eröffnet werden, wobei die Zahl der Auszuspeisenden auf zirka 2000 täglich ansteigen dürfte. Das durchaus ausgiebige Mittagessen zuzüglich 10 dkg Brot (Samstag Fleisch) wird teilweise abgeholt, teilweise, insbesondere von alleinstehenden Personen, in den Ausspeisestellen eingenommen. Familien, welche im Rahmen der Ausspeiseaktion nicht bedacht werden, erhalten während der Wintermonate Anweisungen auf Lebensmittel. Jedes Paket enthält: 2 kg Weizenmehl, 1 kg Würfelzucker, 1 kg Reis, 1 kg Grieß, Vi. kg Pflanzenfett (koscher). An fürsorgebedürftige alte Personen und im Bezüge von Pflegebeiträgen stehende Familien mit kleinen Kindern wurde bereits Kohle oder Koks zur Absendung gebracht, während allen anderen noch zu belücksichtigenden Armen im Laufe der nächsten Wochen Heizmaterial zugestellt werden wird. Die B e kl e i d u n,gs akt.i o n nimmt dank! der Sachspenden an Kleidern, Wäsche und Schuhen eine befriedigende Entwicklung. Brauchbare Bekleidungsgegenstände werden gegen Anruf (Tel. U 25-5-85) abgeholt. Eine neue Einrichtung bildet die erstmalig im heurigen Winter eingeführte Tagesheimstätte im Hause IL, Aspernbrückengasse 1, woselbst schulpflichtige Kinder in geheizten Räumen unter Aufsicht in der Zeit von 2 bis 7 Uhr ihre Schularbeiten machen können und auch Mittagmahl und eine gute Jause bekommen. Schließlich sei erwähnt daß mehrere Wärmestuben und eine Reihe von Veranstaltungen von Vereinen, wie die Nachtmahlausspeisung des „Jüdischen Witwen-Waisenhilfs- und Ausspeisevereines im IX. Bezirk" etc. im Rahmen der Winterhilfsaktion weitgehend gefördert werden. Abgesehen von diesen Sonderaushilfen während der Dauer der Winterhilfsaktion werden gleichzeitig alle sonstigen Fürsorgemaßnahmen durchgeführt, für welche im ordentlichen Budget der Kultusgemeinde vorgesorgt ist So werden u. a. Beihilfen für Miete, in Krankheitsfällen, bei besonderer Notlage etc. gegeben, fortlaufende Monatsbeiträge an alte und gebrechliche Personea Pflegebeiträge für verwaiste und verlassene Kinder, die in Privathaushalten untergebracht sind, ausgezahlt, Zinsen- und spesenfreie Hilfsdarlehen an Kleingewerbetreibendie und Kaufleute durch die „Gemiluth Chesedkasse" gewährt. Schließlich stellt auch die Wanderfürsorge zugunsten der armen Durchwanderer oder Auswanderer immer größere Anforderungen. JL Um alle Hilfsmaßrfl|{men, die angesichts der so überaus krassen und zunehmenden Notlage unter der jüdischen Bevölkerung Wiens heute mehr denn je notwendig sind, wirksam zu, gestalten und ausbauen zu können, ergeht der Ruf an jene Kreise, welche noch zu geben imstande sind, zum! Gelingen des Hilfswerkes beizutragen. Geldspenden wefden erbeten auf das Postsparkassenkonto B 29.659, FärSorgezentrale der Israelitischen Kultusgemeinde Wien (Tel. U 25-5-85), welche auch die Abholung von Sachspenden (Kleider, Wäsche, Schuhe etc.) veranlaßt.