Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3064606-3064607--20502-3085753- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
£HE WAHRHEIT Nr. 1 — 3. Jänner 1936 Seite 5 Der Kampf in der Wiener Kultusgemeinde. Nach endlos langer Pause fand am Montag, den 50. v. M. wieder einmal eine öffentliche Plenar- <itzungdesWienerKultusvorstandes statt; die derzeitige jüdischnationale Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes findet es anscheinend nicht nötig, öfters durch öffentliche Sitzungen des Kultus Vorstandes dem Publikum Gelegenheit zu geben, die Tätigkeit des Kultusvorstandes in dieser ernsten Zeit kennenzulernen. Der Grund dafür, daß man sich diesmal doch zur Abhaltung einer öffentlichen Plenarsitzung entschloß, war der Umstand, daß die jüdischnationale Mehrheit des Wiener Kultusvorstandes es nicht zu Wege gebracht hat. zeitgerecht, d. h. bis zum Abschluß des Kalender- Jahres 1935 das Budget pro 1936 vorzubereiten. Anscheinend beschäftigen die Gemüter der jüdischnationalen Herren so sehr ihre Personalaffären, daß sie für andere Dinge — und seien sie selbst so wichtig wie die Erledigung eines Budgets — keine Zeit übrie haben. Und so brachte einen Tag vor Abschluß des Kalenderjahres Herr Dr. L ö w e n h e r z in seiner Eigenschaft als Finanzreferent und Vizepräsident des Kultusvorstandes den Antrag ein, für die ersten beiden Monate des Jahres 1936 ein Budgetprovisorium zu bewilligen. Namens des Klubs der unionistischen Kultusvorsteher erklärte Baurat Ing. Wilhelm Kempler in Vertretung des krankheitshalber verhinderten Klub-Obmannes Geza Kling er, daß die unionistischen Kultusvorsteher gegen den Antrag auf Bewilligung des Budgetprovisoriums stimmen würden, weil sie kein Vertrauen zur derzeitigen Majorität haben. Dr. Ernst Feldsberg begründete in eingehender Rede, warum der „Union" dieses Vertrauen zur Mehrheit mangle. Das bisher entgegengebrachte Vertrauen ist bitter enttäuscht worden, das ist der Grund, weshalb in Zukunft die „Union" der jüdischnationalen Mehrheit das größte Mißtrauen entgegenbringen muß. Doktor Feklsberg erbrachte aus jedem Kapitel des Budgets schlagkräftige Beweise für die parteipolitische Führung der Kultusgemeinde durch die jüdischnationale Mehrheit. Er verwies u. a. darauf, daß die Tempelvereine einen verzweifelten Kampf um Berücksichtigung ihrer überaus tristen Lage durch die Kultusgemeinde führen, einen Kampf, der aber vergeblich ist, weil die jüdischnationale Mehrheit alle Ausgaben für den Kultus drosselt, um für ihre parteiische Personalpolitik Geld zu ersparen. In einem wichtigen Wiener Gemeindebethaus werden die seit langer Zeit offenen Stellen des Rabbiners und Kantors nicht mehr besetzt, diese Unterlassung steht im krassen Gegensatz zu der Schnelligkeit, die sonst die jüdischnationale Mehrheit bei der Besetzung von Posten mit Personen, die ihr parteimäßig nahestehen, bekundet. Bei der Besprechung des .Kapitels „Schul- und Unterrichtswesen" verwies Dr. Feldsberg auf die merkwürdige Praxis, die unter der Obmannschaft des Herrn Doktor Isidor K1 a b e r bei der Subventionierung der Hebräisch- Kurse der jüdischnationalen Jugendbünde eingerissen ist. Auch die einseitige Fürsorgepolitik kritisierte der Redner in schärfster Weise, insbesondere wandte er sich entschieden dagegen, daß im Spital und Versorgungshaus die nach Wien zuständigen Personen auf Kosten der nicht nach Wien Zuständigen zurückgesetzt werden. Der wichtigste Grund, warum die „Union" kein Vertrauen mehr zur jüdischnationalen Mehrheit hat, ist deren Pe r s o na 1 p o 1 i t i k, die in einer Weise gehandhabt wird, -die vollkommen untragbar ist. Im Wege des Oktroys, durch Anwendung der Abstimmungsmaschine werden Personen, die der jüdischnationalen Mehrheit genehm sind, einmal mit Ausschreibung, einmal ohne Ausschreibung, je nachdem es zweckmäßiger ist, ins Spital, ins Steueramt, in die Bibliothek berufen, jetzt soll sogar eine leitende Stelle der Gemeinde mit einem ausgesprochenen Parteimann besetzt werden. In diesem Momente unterbrach Präsident Dr. D. F r i e d m a n n den Redner und erklärte, daß er mit Rücksicht auf eine Bestimmung des Statutes eine Behandlung von Personalangelegenheiten in öffentlicher Sitzung nicht zulasse. Dr. Feldsberg replizierte auf diesen Verweis in folgender Weise: Ich werde also, weil der Herr Präsident es nicht erlaubt, nicht über Personen sprechen, aber jeder in diesem Saale und außerhalb desselben in der breitesten jüdischen Öffentlichkeit Tveiß, was in der Kultusgemeinde vorgeht. Wir warnen Sie in letzter Stunde, zwingen Sie uns nicht dazu, die letzten Konsequenzen zu ziehen! Wir lehnen ihre parteiische Personalpolitik ab' und deshalb stimmen wir gegen das Budgetprovisorium, weil wir kein Vertrauen zu Ihrer Geschäftsführung haben. Wir werden uns gegen jeden Versuch, unsere ablehnende Haltung Ihnen gegenüber in der Weise umzudeuten, als ob wir -die Gemeinde schädigen wollten, wenden, wir haben in jahrzehntelanger Arbeit für die Gemeinde bewiesen, wie teuer uns diese ist, und nicht wir sind Wien IL, Pf aterstrafie 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen es, die das einst so große Anseilen dieser Gemeinde schädigen, sondern Sie durch die rücklsi.cHtslose Ausnutzung Ihrer Zufallsmajorität. Oberbaurat Robert Stricker erwiderte dem Vorredner, dessen Ausführungen wiederholt von jüdischnationalen Zwischenrufen unterbrochen worden waren, daß die Jüdschnationalen mit größter Ruhe allen Schritten der „Union" entgegensehen, und meinte, daß die Wählerschaft entscheiden soll, ob die Mehrheit korrupt ist oder nicht. Unter den Ausführungen der folgenden jüdischnationalen Redner waren die des Revisionisten Graubart besonders bemerkenswert, der die Forderung aufstellte, daß im künftigen Budget noch mehr als bisher für jüdisch nationale Zwecke ausgegeben werden sollte. Auf besonders hohem Niveau stand die Rede des unionistischen Kultusvorstehers Dr. Maximilian S t i g- 1 i t z. Auch er stellte an die Spitze seiner Ausführungen die Erklärung, daß die unionistischen Kultusvorsteher durch die Ablehnung des Budgetprovisoriums zum Ausdruck bringen wollen, daß sie kein Vertrauen zur Führung der Gemeinde durch die derzeitige jüdischnationale Mehrheit haben. Läppische Zwischenrufe der Gegenseite, die diese ihr peinliche Erklärung umdeuten wollte, tat Dr. Stiglitz mit der Bemerkung ab, daß die Gebarung ziffernmäßig wohl korrekt sei. nicht aber die Führung, die von einem rein parteipolitischen jüdischnationalen Geiste beherrscht sei. Uns trennt, iührte Dr. Stiglitz aus, von den Jüdischnationalen die verschiedene We4 tiolmsicthiau u n g, über auch diie Majorität ist nach vielen Richtungen gespalten. Da fiel der bezeichnende Zwischenruf: „Gegen Sie sind wir einig!" Dr. Stigiitz erwiderte aui diese bezeichnende Feststellung in folgender Weise: Wenn wir Unionisten also aus dem Kultusvorstand, gezwungen durch Ihre einseitigen Verwaltungsmethoden, hinausgehen werden und Sie unter sich lassen, dann Unter Leitung des allgemein bekannten C«letl«r Kornmehl Cate-Restaurant Heinehof II-, Heinestraße 15 Warme Küche Aufmerksamste Bedienung Reiche Auswahl in inu. ausl. Zeitungen. werden auch Sie in Majorität und Minorität gespalten sein, da dann die „Union" als Angriffsobjekt wegfällt. In keiner Frage sind Sie einig, vor allem nicht in der Palästinapolitik. Auf der jüdischnationalen Seite des Wiener Kultusvorstandes sitzen Vertreter aller Richtungen, selbst einer ganz extremen, die die schleunigste Errichtung des „Judenstaates" verlangt. Da kam wieder ein bezeichnender Zwischenruf: „Red' ma von Tachles!" (Der „Judenstaat" gehört also nicht zu diesen „Tachles". D. Red.) Wir wenden uns, iuhr Dr. Steglitz fort, gegen den jüdischen Nationalismus in unserem Lande, der eine schwere Schädigung des Judentums in diesem Staate bedeutet. Die ewige Wiederholung der „Gallith", die für uns nur ein historischer Begriff ist, muß bei unserer Jugend ein inneres Fremdheitsgefühl erzeugen, das verstärkt wird, wenn auf der anderen Seite auch die Nationalsozialisten sagen, daß wir Juden Fremde aur diesem Boden sind. Eine solche Politik muß unsere Jugend dem Vaterlande entwurzeln und deshalb wenden wir uns entschieden gegen sie und gegen ihre Förderung durch die derzeitige verantwortliche Leitung der Wiener Kultusgemeinde. Zu welchen Verstiegenheiten der jüdische Nationalismus gelangen kann, bewies Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborstrafle 1t, Tel. D 46 5 51 «>*m» Ausgiebige Braten-Menüs 3 1.60 \WJ „ Qeilügel- „ S 2.20 \WJ Vorzügliche Zubereitung — Schwechater Biere Naturweine. Im Theatersaal taglich THEATCB DES HOMIKEtt Dr. Stiglitz durch Zitate einer jüdischnationalen Broschüre, in der dagegen polemisiert wird, daß jüdischnationale Führer wie Robert Stricker, Desider Friedmann u. a. noch immer ihre „unjüdischen" Vornamen führen. Zu der Praxis der jüdischnationalen Mehrheit im Kultusvorstand übergehend, stellte Dr. Stiglitz mit Bedauern iest. daß die Entschlossenheit, mit der die Majorität die Minorität in bedenkenloser Disziplin niederstimmt, jede Zusammenarbeit im Kultusvorstand unmöglich macht. Abnormale Verhältnisse herrschen insbesondere auf dem Gebiete der Personalpolitik. Auch dieser Redner wurde vom Präsidenten bei der Behandlung dieses Gegenstandes unterbrochen. Dr. Friedmann erklärte, daß es in den fünfzehn Jahren, in denen er im Kultusvorstand sitze, nicht vorgekommen sei. daß man über Personen des Kultusvorstandes oder des Beamtenstandes in öffentlicher Sitzung gesprochen habe, worauf Dr. Stiglitz in schlagfertiger Weise erwiderte, daß es in diesen iünfzehn Jahren auch nicht vorgekommen sei, daß Mitglieder des Kultusvorstandes Angehörige des Beamtenstandes geworden seien. Diese und ähnliche der Majorität äußerst peinliche Bemerkungen des Redners, der sich durch deren lebhaite Zwischenrufe nicht aus der Ruhe bringen ließ, trugen ihm einen Ruf zur Sache von Seiten des Vorsitzenden ein, worauf Dr. Stiglitz erklärte: ich bin mir bewußt, in meinen Ausführungen bei der Sache gewesen zu sein, ich Füge mich der geschäftsordnungsmäßigen Gewalt des Präsidenten und dem Druck der Führung dieser Sitzung. Sie wissen ja ohnehin alle, was ich auf dem Herzen habe, und wenn ich auch weiß, daß ich sicher vergeblich gesprochen habe, so fühlte ich mich verpflichtet, einmal in öffentlicher Sitzung aufzuzeigen, wie von der jüdischnationalen Mehrheit, von der uns eine Weltanschauung trennt, die unionistische Opposition vergewaltigt wird. Auf die eindrucksvollen Ausführungen des Herrn Dr. Stiglitz konnte der jüdischnationale Klubobmann Dr. Ehrlich nur mit hämischen Bemerkungen antworten, er glaubte, besonders wirksam zu sein, indem er die Weltanschauung der „Union" lächerlich machte. Der Reierent Dr. Josef Löwenherz warf in seinem Schlußworte der Opposition vor. daß sie lächerliche und unwahre Reden gehalten habe. Mit den sachlichen Bemerkungen der Gegenredner aber befaßte sich der Herr Referent fast gar nicht, dafür etablierte er sich ais Prophet mit folgender Verkündung: „Die Majorität wird hier länger sitzen, als Sie (die „U n ion") es sich träumen lassen!" Die lebhaften Ausbrüche des „Referenten" wurden sogar dem jüdischnationalen Präsidenten zu bunt, er unterbrach wiederholt seine exzessive Rede, die man im Gedächtnis behalten wird. Das Budgetprovisorium wurde hierauf mit allen Stimmen gegen die der „Union" angenommen. Wie wir hören, sind Verhandlungen im Gange, deren Ergebnis von uns mit größtem Pessimismus beurteilt wird. Dr. Löwenherz besteht auf seinem Schein, auf der Zusage seiner Partei, ihn zum Lohn für seine Verdienste um die jüdischnationale Parteii zum .junparteiischen" A m t s d i r e k t o r der Kultusgemeinde zu machen. Nichtsdestoweniger wollen wir mit Rücksicht auf diese Verhandlungen alles unterlassen, was sie 'beeinträchtigen könnte. Wir fürchten aber, daß wir schon in unserer nächsten Nummer die Vorgänge in dieser letzten Plenarsitzung des Jahres 1935 schärfer werden beleuchten müssen. Die Lage vom Bolschewismus der deutschen Juden. (Fortsetzung.) V. Rathenau und andere kommunistische Gegner. Viel zu wenig bekannt ist, daß Walter Rathenau, den die Deutsch-Völkischen, die Vorgänger des Nationalsozialismus, gemeuchelt haben, sich scharf gegen den Kommunismus erklärt hat, wo immer er dazu Gelegenheit hatte. Derselbe Mann, den die Nazis noch im Tode geschmäht haben, daß er einer von den dreihundert „Weisen von Zion" gewesen sei, der die Weltherrschafrsgelüste des jüdischen Bolschewismus befriedigen sollte, derselbe Walter Rathenau hat in Wort und Schrift schon unmittelbar nach dem Umsturz 1918 kämpferische Worte gegen den Kommunismus gefunden. Also in einer Zeit, wo der Spartakusbund, der Vorläufer der kommunistischen Partei in Deutschland, in wildem Terror wütete und ein starker persönlicher Mut dazu gehörte, sich diesen blindwütigen Radikalen um Liebknecht entgegenzustellen. In Rathenaus Schrift: „An die deutsche Jugend", die Ende 1918 erschienen ist, heißt es wörtlich: ,Der marxistische Sozialismus trägt den Fluch seines Vaters, der nicht ein Prophet war, sondern ein Gelehrter. Dieser unglückliche Mensch irrte so weit, daß er der Wissenschart die Fähigkeit zuschrieb, Werte zu bestimmen und Ziele zu setzen." Deshalb war Rathenau auch in allen seinen Schriften ein Gegner des Sozialismus, der zur mächtigsten Steigerung des reaktionären Geistes geführt und den liberalen Gedanken zertrümmert habe. Er schrieb: „Nur seelische und sittliche Erneuerung können die Ursache neuer und besserer Einrichtungen sein und nicht bloßer Klassenkampf und bloße revolutionäre Beseitigung alter Einrichtungen, z. B. Abschaffung des Privateigentums". Man könnte endlos Beispiele anführen, um zu beweisen, daß die jüdische Führerschaft in Deutschland allezeit auf der Wacht gegen den Kommunismus gewesen ist. Sie hat den Bolschewismus in der Ueberzeugung bekämpft, daß, wenn der Kommunismus zur Macht käme, die Juden in religiöser, sozialer, politischer und kultureller Hinsicht nicht weniger zu leiden haben würden als das gesamte Vaterland. Was die Juden in ihrem Kampf gegen den Kommunismus bewegt hat, brachte Rabbiner Felix Goldmann in seiner glänzenden Beredsamkeit zum Ausdruck anläßlich der Feier seines 25jährigen Amtsjubiläums im Herbst 1932 in der großen historisch berühmten Synagoge in Leipzig: „Sie sagen, die Revohitloa sei der Stern Judas. Ist das nicht eine offensichtliche Lüge, weü auch der grimmigste Feind Judas wissen muß, daß der Sieg des revolutionären Marxismus, wie wir in Rußland gesehen haben, die Beseitigung aller religiösen Werte bedeutet und dadurch unserem Menschbeitsideal den Sinn nimmt Der Oesettschattsmesstanismitt hat nichts