Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1936
- Issue
- Heft 1 (3.1.1936)
- Date
- 1936-01-03
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT OlE Der 150. Todestag Moses Mendelssohns. Ein tragisches Geschick will es, daß beinahe auf dem Tag, zum 150. Todestag des Bahnbrechers der Assimilation im edelsten Sinne des Wortes, des großen Philosophen und Denkers und unerschütterlicli treuen, überzeugten Glaubensgenossen Moses Mendelssohn, des dritten Moses, der das (sittliche und geistige Gut der jüdischen Religion um große Schätze vermehrt hat, ein offizieller Kommentar zu den Nürnberger Schandgesetzen vom 15. September 1935 erscheint, der das Ziel dieser Gesetze in dem Begriff der Dissimilierung der Juden zusammenfaßt. So hat es den Anschein, 150 Jalire lang nach dem Tode Moses Mendelssohns, daß er umsonst gelebt, gedacht und gewirkt hat, daß die Ausscheidung der Juden aus dem deutschen Volkskörper für immer vorgenommen ist. Welche kurzsichtige und primitive Vorstellung liegt dem zugrunde. Der italienische Philosoph C r o c e hat vor kurzem gesagt, daß die Diskriminierung jüdischer Dichter, Künstler und Gelehrter erst der Welt die Augen geöffnet habe über den ungeheuren Anteil, der den Juden an der Entwicklung der deutschen Kultur zugeschrieben werden muß. Er irrt insoferne, als es deutsche Kunst, Wissenschaft und Kultur ist, um welche sich unsere Glaubensgenossen in Deutschland unvergängliche Verdienste erworben haben. Da hilft kein Diskriminieren und kein papierenes Aussondern. Seit Moses Mendelssohn, nach dessen Tod die ewigen Prinzipien der franzöisischen Revolution der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sich die gesittete Welt erobert und aufgebaut haben, gibt es keine dauernde Rückkehr zum Mittelalter mehr. Es wird und muß der Tag kommen, an dem im Geiste Mendelssohns die Freiheit über den Zwang, das Recht über die Gewalt und die Sittlichkeit, über das Verbrechen, der Monotheismus über das Heidentum, die Mensclilichkeit über die Barbarei siegen werden. Möge der Tag nicht ferne sein! Dr. H. 0. Jüdischnationale Entartung. Im selben Augenblick, da den letzten jüdischen Mitarbeitern an der reichsdeutschen Presse die Feder aus der Hand genommen wird, hat ausgerechnet der bisher selbstverständlich judenrein gewesene „Angriff des Reichspropagandaministers Dr. Goebbels dem Revisionisten Kare s k i Gelegenheit gegeben, dem Nazi-Regime seine — des jüdischnationalen Führers! — restlose Anerkennung auszusprechen. Wie wir bereits kurz mitteilten, hat der neuernannte Präsident der jüdischen Kulturbünde dieser ihm zugemuteten Aufgabe voll und ganz entsprochen. Er hat ohne die geringste Furcht vor dem Fluche der Lächerlichkeit dem ihn interviewenden Nazi-Redakteur erklärt, daß er „stets für eine scharfe Trennung zwischen deutschem und jüdischem Volkstum auf der Basis gegenseitigerAchtung eingetreten" sei und daß ihm, dem revisionistischen Zionistenführer, die Nürnberger Gesetze — von ihren staatsrechtlichen Bestimmungen abgesehen! — ganz in der Richtung dieser Respektierung (!) des beiderseitigen Eigenlebens zu liegen scheinen. Wenn diese Erklärung nur dem Herrn Streicher nicht am Ende die Freude an den von ihm inspirierten Nürnberger Gesetzen raubt! Besondere Freude — und zwar, wie man ihm in diesem Falle zubilligen darf, ehrliche Freude empfindet der Jüdischnationale über das von Hitler erzwungene Schulghetto. Kareski erklärt dem Interviewer wörtlich: „Vor dem 30. Jänner 1933 ging nur eine Minderheit jüdischer Schüler in jüdische Schulen. Die Entwicklung der jüdischen Schule litt einmal unter der Abneigung vieler meiner jüdischen Volksgenossen, ihre Kinder aus dem allgemeinen Leben ihrer Umgebung auszusondern, sodann aber auch unter der Kostenfrage. Nach dem 30. Jänner 1933 ist die Zahl der jüdischen Schüler erheblich gewachsen, jedoch gibt es immerhin noch ta usend e jüdischer schulpflichtiger Kinder, die die allgemeinen Volksschulen besuchen. Der Aufbau dieses umfassenden jüdischen Schulwerks, wenn es wirklich auf eine jüdische Erziehung Wert legt und sich nicht darauf beschränkt, daß jüdische Lehrer jüdische Schüler in allgemeinen Wissensgebieten unterrichten, muß die Grundlage für eine artgemäße Erwachsenenbildung abgeben." Der Interviewer will daraufhin wissen, von wem und von welcher Organisation diese Erwachsenenbildung durchgeführt werden soll und ob hier nicht schon irgendwelche Forderungen, Pläne oder organisatorische Ansätze bestehen. Leider ließ Häuseradministration Adolf Krall IV.. Schleifmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern I 1 sich Kareski diese schöne Gelegenheit, ein Loblied auf die von den Nationalsozialisten geschaffenen Konzentrationslager als die frequentiertesten Zwangs-Bildungsstätten jüdischer Erwachsener entgehen. Er sprach bloß von den jüdischen Kulturbünden und entwickelte sein Programm als deren Leiter. Dabei macht er sich die Sache sehr leicht, indem er alle von Goebbels geprägten Phrasen über „artgebundene" Kunst übernimmt und auch keinen Zweifel darüber lassen will, daß er künstlerische Gesichspunkte nicht losgelöst von jüdisch-völkischen Gesichtspunkten gelten lassen würde. Er „glaube, daß gerade der sein eigenes Volkstum restlos bejahende Deutsohe Verständnis dafür haben wird, wenn das jüdische Volk lieber ein Minus an künstlerischer Leistung in Kauf zu nehmen bereit ist, als einen Verlust an Würde und Selbstachtung, wie er entstehen würde, wenn man für kulturelles Schaffen sich solcher Kräfte bedienen würde, die der eigenen jüdischen (lies: jüdischnationalen) Art bisher nicht die erforderliche Achtung entgegengebracht haben." Fragt sich nur, ob auch die jüdischen Mitglieder der Kulturbünde Sympathie für ein Programm zeigen werden, das ihnen ganz unverhohlen ein Minus an künstlerischer Leistung und dafür ein Plus an jüdischnationaler Agitation in Atissicht stellt. Schließlich ist ein jüdisches Publikum in geistiger Beziehung doch wesentlich anspruchsvoller als ein Nazi-Auditorium und dürfte auch in bezug auf das jüdische Kulturgut, das den Hörern vermittelt werden soll, die Ansichten des Herrn Kareski ebensowenig teilen wie seine Begeisterung für die jüdische Schule, vor der nach den oben zitierten Mitteilungen Kareskis sogar heute noch viele jüdische Eltern der allgemeinen Schule den Vorzug geben. Um so mehr zeigte sich der Nazi-Interviewer von Kareskis Antworten befriedigt, lobte ihn als guten Kenner der nationalsozialistischen Gedankengänge. Diese Kenntnis dürfte sich Kareski wohl bei seiner Tätigkeit für die — Geheime Staatspolizei erworben haben. Es ist bekannt geworden, daß bei seiner in solenner Form erfolgten Bestellung zum Leiter der jüdischen Kulturbünde auch der Spitzel B e n e b e r, der bei seiner Verhaftung in London Kareski als Mitspitzel bezeichnet hat, zugegen war. Läßt diese Tatsache nicht das Verdammungsurteil gerechtfertigt erscheinen, das die ganze anständige jüdische Welt über diesen jüdischnationalen Kronzeugen für Goebbels und Hitler gefällt hat? Marquis of Reading Ein großer englischer Staatsmann und ein großer Jude. Am Montag, den 30. Dezember, abends, ist in London Marquis of Reading, einst Vizekönig von Indien, später Außenminister des British Empire, nach kurzer Krankheit im Alter von 75 Jahren verstorben. Das Ableben dieses Mannes, dessen Lebenslauf wir erst kürzlich anläßlich seines 75. Geburtstages eingehend schilderten, wird nicht allein das British Empire, um das er sich unvergängliche Verdienste erworben hat, sondern auch das englische Judentum und das Judentum der ganzen Welt, zu dem er Zeit seines Lebens treu gehalten hat und das auf ihn stolz war, in Trauer versetzen. Marquis of Reading hat sich aus ganz kleinen Verhältnissen zu einem führenden Mann des British Empire heraufgearbeitet Er wurde 1860 in London als Sohn eines kleinen jüdischen Kaufmanns geboren und trug den Namen Ruins Daniel Isaacs. Er wurde in jüdischer Tradition erzogen. Im Alter von 14 Jahren ließ er sich als Schiffsjunge anwerben und kam auf diese Weise zum ersten Male nach Indien, wo er 30 Jahre später als Vizekönig mit dem traditionellen großen Pomp einzog. Mit 17 Jahren kehrte er in sein Elternhaus nach London zurück und widmete sich mit großem Eifer dem Studium. Nach Auslandsreisen beendete er -in London seine Rechtsstudien und etablierte sich als Rechtsanwalt im Londoner Stadtteil Middle-Temple. Er .gehörte bald zu den gesuchtesten Rechtsberatern für Finanzfragen und schwierige rechtliche Steuer- und Vermögensprobleme. Er wurde eine Berühmtheit in der englischen Juristenwelt. Im Jahre 1904 wurde Rufus Isaacs in dem Wahlkreis Reading von der Liberalen Partei in das Unterhaus gewählt Seine Reden im Parlament zeichneten sich durch besondere Eleganz. Treffsicherheit und Materialkenntnis aus. Im Jahre 1910 wurde er zum Solicitor- General (Qeneralstaatsanwalt), gleich darauf zum Attorney-General ernannt Als solcher erhielt er 1912 einen Sitz im Kabinett und stie« zum Amt des Lord Chief Justice (Lord-Oberrichter) von England auf. das er 1913 bis 1921 innehatte. 1915 begab er sich als Präsident der englisch-französischen Anleihe-Mission. 1917 als außerordentlicher britischer Gesandter und 1918 als britischer erster Bevollmächtigter und außerordentlicher Gesandter nach den Vereinigten Staaten von Amerika. Bereits 1914 wurde ihm die Peerswürde mit dem Titel Lord Reading, 1916 der Titel eines Viscount of Reading verliehen. 1917 wurde er Earl of Reading, 1926 (nach seiner Rückkehr aus Indien) Marquis. Sein Wirken in Amerika war von einem unschätzbaren Nutzen für das British Empire, der Titel, der ihm anläßlich seiner Amerika-Reise 1918 verliehen wurde, war eine Auszeichnung, wie sie bis dahin in der Geschichte der diplomatischen Beziehungen der beiden Länder noch nicht zu verzeichnen gewesen ist. Seme diplomatische Tätigkeit in Amerika hatte ihm zu so großem Ansehen verholten, daß man ihn bald nach dem Krieg, im Jahre 1921. zum VizekönJ« und Generalgouverneur von Indien ernannte, zu einer Zeit, als infolge der Indien ungewöhnliche erforderlich war, um zu sein. Zu seinen Nachkriegs-UmwälzuNgen ir staatsmännische Begabung der Situation gewachsen Aufgaben gehörte die Durchführung des, Reformplanes für die Selbstverwaltung in Indien. Der^Vizekönig von Indien, der in Delhi residiert, ist Herrscher über 325 Millionen Menschen. Es wird erzählt, daß man Lord Reading zur Annahme dieses neuen Postens beinahe zwingen mußte, wie er überhaupt Zeit seines Lebens postenscheu war. Erst nach langem Zögern übernahm er dieses Amt. entfaltete aber bald eine so ungeheure Arbeitskraft und entwickelte in schwierigen Zeiten, bei Aufständen und •häufigen Unruhen, eine solche Energie und solche diplomatischen Fähigkeiten, daß diese seine Tätigkeit ihm einen ersten Platz unter den VLzekönigen von Indien sicherte. Als er Anfang 1926 aus Indien zurückkehrte, wurde er in London von einer unabsehbaren Menschenmenge stürmisch gefeiert. Noch .einmal trat er. an sichtbarster Stelle in den staatlichen Dienst, als er 1931 -im Kabinett MacDonald den Posten des Außenministers übernahm. Er konnte diesen Posten infolge seiner erschütterten Gesundheit und neuer politischer Konstellationen nicht lange behalten, anläßlich damaliger Neuwaiden trat er zurück, gehörte aber weiterhin dem Rat der Krone an. Im Februar 1934 erhielt Marquis oi Reading vom König eine große Ehrung für seine zahlreichen Verdienste um das British Empire: Er wurde „Herr der fünf ältesten Häfen Englands". Es sind dies Sandwich, Hastings. Romney, Hythe und Dover. Dieses Ehrenamt war mit dem Recht verbunden, zwei der ältesten Burgen Englands als Schloßherr zu bewohnen, Admirals-Uniform zu tragen und eine eigene Standarte zu führen. Dem Herrn der fünf Häfen fällt die Aufgabe zu, bei der Königskrönung dem neuen Herrscher den Eid abzunehmen. Marquis of Reading hat sich sein Leben lang für die Angelegenheiten der englisch-jüdischen Gemeinschaft und für die Angelegenheiten des gesamten Judentums und Palästinas interessiert In den Perioden, in denen er nicht auf außenpolitischem Posten tätig war, war ihm eine führende Rolle in dem jüdischen sozialen Leben Englands zugewiesen. Er machte sich besonders um den Ausbau des jüdischen Spitalswesens verdient. 1926 wurde er Vorsitzender des Direktoriums der von Pinchas Ruthenberg gegründeten Palestine Electric Corporation. Die Forderungen der Jewish Agency hat er sehr oft bei der englischen Regierung unterstützt besonders energisch trat er in diesen Belangen nach den Unruhen in Palästina im August 1929 auf. P Leset den Morgen Verbreitet den Morgan Inseriert im Morgen €s ist €mr Watt €s füöft mit Cudj £s benkt mit €udj 6s kämpft für €udjl