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Die Wahrheit · 1936-01-03 · Heft 1 (3.1.1936) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 3)
Language
German
Belongs to
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DIE WAHRHEIT Nr. 1 — 3. Jänner 1936 Seite 3 Herrenkleidersalon S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt für die fetzige Saison die schönsten Smoking- und Frack-Anzüge für den eleganten Herrn Billigste Preise Feinste Maßarbeit Garantierte Paßform im großen und ganzen an die Philosophie von Leibniz und Wolff anschlössen, und in deren Zentrum die Beweise für das Dasein Gottes und die Unsterblichkeit der Seele standen, waren nun freilich trotz ihrer geistvollen und scharfsinnigen Begründung nicht neu. Ja es war die Tragik seiner Philosophie, daß sie, die Kant „das letzte Vermächtnis einer dogmatischen Metaphysik und ihr vollkommenstes Produkt" nannte, eigentlich schon bei ihrem Erscheinen eben durch die Philosophie Kants, den Mendelssohn in richtiger Voraussicht als den „alles zermalmenden" bezeichnete, überwunden war. „Ich weiß", schrieb er einmal, „daß meine Philosophie nicht mehr die Philosophie der Zeit ist; die meinige hat noch allzu sehr den Geruch jener Schule, in welcher ich mich gebildet habe." — Was aber durch keine folgende Philosophie überwunden wurde, das war die ethische Grundeinstellung seines Denkens. Als oberstes Gebot erschien ihm die Forderung der Arbeit an sich selbst und an anderen. „Mache deinen und deines Nächsten inneren und äußeren Zustand, in gehöriger Proportion, so vollkommen, als du kannst." Der zweite Grundpfeiler dieser Ethik aber war der Gedanke der Humanität, der gleichen Würde aller Menschen. Von da aus ist sein Eintreten für die Unterdrückten, sein Kampf für die Gleichberechtigung seiner Glaubensgenossen vor allem, zu verstehen. Man hat Mendelssohn oft einen Reformator des Judentums genannt. Er wurde es in gewissem Sirnie durch die deutsche Uebersetzung der Psalmen und des Pentateuch, durch die er seinen Kindern und einem ansehnlichen Teil seiner Nation einen guten Dienst zu erzeigen glaubte. „Dieser", so schrieb er an einen christlichen Freund, „ist der erste Schritt zur Kultur, von welcher meine Nation leider in einer solchen Entfernung gehalten wird, daß man an der Möglichkeit einer Besserung beinahe verzweifeln möchte." Und es kann kein Zweifel sein, daß Mendelssohns Uebersetzung der Psalmen und des Pentateuch, zu der später noch die des Hohen Liedes kam, Tausenden von Juden den Zugang zur deutschen Sprache und Literatur eröffnet hat. — Aber er war kein Reformator in dem Sinne, daß er die jüdische Religion hätte reformieren wollen. Wohl sah er in der Religion in erster Linie eine sittliche Lebensordnung und er betonte wiederholt, daß das alte Judentum keine Glaubensartikel kenne. In einem Brief Mendelssohns heißt es: „Uns sind Gesetze, Gebräuche, Lebensregeln, Handlungen vorgeschrieben. In Ansehung der Lehrmeinungen sind wir frei . . . Der Geist des Judentums ist Konformität in Handlung und Freiheit auf Lehrmeinungen; wenige Fundamentallehren ausgenommen, über welche alle unsere Lehrer sich vereinigt haben, und ohne welche die jüdische Religion schlechterdings nicht statthaben kann." So entsprach es wohl seiner Grundauffassung vom Judentum, daß es weniger auf das Glauben und Fürwahrhalten ankomme, als auf das Handeln. Die erste Vorschrift der jüdischen Religion heiße nicht: du sollst glauben oder nicht glauben, sondern: du sollst tun oder nicht tun, so heißt es in der apologetischen Schrift „Jerusalem". Und so schien ihm gerade auf dem Boden dieser Religion eine freie Betätigung der Vernunft und der Reflexion erlaubt und möglich. Aber es lag ihm fern, die Grundlehren der jüdischen Religion zu ändern. „Je größere Schwierigkeiten, desto mehr Kräfte müssen wir anspannen." Diese Aeußerung in einem Briefe an seinen Freund Herz Homberg charakterisiert Mendelssohns Leistung vielleicht besser als manche ausführliche Würdigung. Wie der Sohn des kleinen Thorarollenschreibers in Dessau dreizehnjährig, als blutarmer Junge, nach Berlin MÖBEL Moderne KUchen- Vorzimmer- Wohnzimmcr- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40-7-14 Samstag geschlossen. kommt, hier neben seiner Tätigkeit als Hilfsschreiber bei einem Talmudgelehrten Mathematik, Geschichte und Philosophie studiert, daneben aber vor allem auch die deutsche Sprache lernt, in der er es später zu solcher Vollendung bringt, daß man ihn den deutschen Plato nennt und ihn nicht mit Unrecht zu den Mitschöpfern der klassischen deutschen Prosa gezählt hat, das gibt uns einen Begriff von der bewundernswerten Energie, die in diesem von Natur aus schwächlichen und verwachsenen Menschen steckte? Und wenn er sich in wenigen jähren aus der Enge der Talmudgelehrsamkeit zum umfassenden Wissen des Denkers hinaufarbeitet, der der beste Freund des Dichters Gotthold Ephraim Leasing wird und dessen Schriften die Bewunderung des literarischen Deutschlands erregen, so offenbart sich auch in dieser Leistung dasjenige, was Mendelssohn in erster Linie die Zuneigung und Achtung seiner Zeitgenossen erwerben half: die Kraft einer großen und reichen Persönlichkeit. Dr. Walther Eckstein. Moses Mendelssohn. Worte des Gedenkens zu seinem 150. Todestage. Es ist wieder still und stiller geworden um Moses Mendelssohn. Sein 200. Geburtstag 1929 in allen Landen und Städten deutscher und nichtdeutscher Zunge, großartig begangen, ließ in Berlin von der — inzwischen aufgelösten — Akademie und der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums die Jubiläumsausgabe seiner „Gesammelte Schriften" erstehen, von der sieben Bände herausgekommen sind, an deren Fortsetzung wohl nun aber gezweifelt werden muß. Es tut wohl, sich der glänzenden Feiern zu erinnern, die im September 1929 in allen größeren Orten von Juden und Nichtjuden abgehalten worden sind, wie die bedeutendsten Tageszeitungen an den großen Deutschen erinnerten, den Freund Lessings, wie sie ihn ehrten und feierten. Schnell gehört dies heute in unser raschlebigen Zeit der Vergangenheit und Vergessenheit an, und gewiß heute, da sich in Deutschlands Auen die Freiheit in Knechtschaft verwandelt und Kultur zur nationalen und rassemäßigen Engherzigkeit geführt hat. So könnte man schon eine Geschichte der Septemberwoche 1929 schreiben. Aber das wollen wir unterlassen; nur drei Ausnahmen seien gestattet: Dessau: die Geburtsstadt Mendelssohns, um llj^jdjir fand eine religiöse Feier in der Synagoge zum Gedenken an M. M. statt, zu der Vertreter der Behörden soVie jüdischer Körperschaften aus Berlin und dem Reiche erschienen waren. Um 3 Uhr nachmittags versammelte man sich im Hofe der Gemäldegalerie. Ministerpräsident Deist eröffnete die Mendelssohnsausstellung und betonte, daß der Toleranzgedanke, wie er von M. gelehrt worden sei, in Anhalt stets eine Stätte gefunden hätte. Am letzten Tag der Jubliäumsveranstaltung fand eine Morgenfeier im Friedrich-Theater statt, die Kapelle des Theaters brachte die Suite von Johann Sebastian Bach zu Gehör, der Bürgermeister Hesse hielt eine Ansprache: Von Mendelssohn könne der Gedanke einer Volksgemeinschaft ausgehen. Der Bürgermeister teilte mit, daß von Dessau eine „Moses Mendelssohn-Stiftung zur Förderung der Geisteswissenschaften" gegründet sei, zu der die Häuser Mendelssohn & Co. in Berlin und Amsterdam durch Spende von 250.000 Mark den Grundstock gelegt haben. Sodann folgte der Festvortrag des Staatsministers a. D. Dr. Müller (Dessau) über „Moses Mendelssohns deutsche Sendung", während Prof. Elbogen (Berlin) über Mendelssohns Bedeutung für die Juden sprach. Der Magistrat der Stadt lud daraufhin zu einem Festessen ein, später zu einem Ausflug nach Schloß Wörlitz und legte am Mendelssohn-Denkmal einen Kranz nieder (wie auch die jüdische Gemeinde). Berlin: In der Singakademie war die große öffentliche Feier. Reichsinnenminister Severing eröffnete im Namen der Reichs- und der preußischen Staatsvertretung die Festversammlung, sprach über die Ideenwelt Mendelssohns, der eine noch größere Verbreitung zu wünschen sei, „mehr Nathan" waren die Schlußworte der Ansprache. Für die Stadt Berlin sprach Oberbürgermeister Boss, für die Kantgesellschaft Dr. Baumgardt. Richard Strauß' symphonische Dichtung „Tod und Verklärung" schloß die Feier, bei der Dr. Baeck die Festrede hielt. Wien: Die Union — als einzige jüdische Gruppe — veranstaltete eine Feier im großen Feststaale des Hotel Continental. Professor Dr. H. Glücksmann, Dramaturg des Deutschen Volkstheaters, hatte eigens einen Prolog gedichtet, den Frl. Margarete Bach vortrug, Dr. Taglicht hielt die Festrede. Der Jüdische Gesangverein und die Solistin- Grete Körner wirkten mit. Vielleicht darf noch an die Ausstellung in der Staatsbibliothek (Berlin) erinnert werden, eröffnet durch Generaldirektor Dr. Krüss in Anwesenheit der Minister Becker und Severing, veranstaltet unter Mitwirkung der Bibliothekare Dr. Stern und Schwarz von der Jüdischen Gemeinde und Prof Degering, Leiter der Handschriftenabteilung der Staatsbibliothek. Es war einmal! Nein, nicht einmal nur. Schon einmal hatte sich z. B. die Stadt Dessau würdig ihres großen Sohnes gezeigt. Bereits im November 1885 schritt man zu den Vorbereitungen zur Feier des 100. Todestages von Moses Mendelssohn. Der „Gemeinnützige Verein" dort gab die Anregung, ein Komitee aus den Vorstandsmitgliedern dieses Vereines, dem Vorstand der jüdischen Gemeinde und verschiedenen Notabilitäten entwarf ein Programm, ungefähr des Inhalts: Feier im Geburtshatise, in der Aula des Friedericianum, in der Synagoge und abends Festvorstellung im herzoglichen Hoftheater. Am 4. Jänner 1886 war das Geburtshaus in der Askanischen Straße in Dessau mit Blumengewinden geschmückt, die vereinigten Gesangvereine der Stadt brachten dem Philosophen eine Huldigung dar. In der Synagoge erschienen Prinz und Prinzessin Friedrich, die Minister, der Hofstaat, der Oberbürgermeister Dr. Funk, der an der Spitze des Festkomitees stand. Der Theaterchor und die Hofkapelle führten dort den musikalischen Teil aus. Schon 1829 hatten sich Dessau und Berlin zum 100. Geburtstage Mendelssohns ausgezeichnet, wie Leopold Zunz in der Haude und Spenerschen Zeitung (späteren Vossischen Zeitung) am 19. September 1829 berichtet. In diesem Jahre wird er nicht gefeiert werden, hoffentlich gedenkt man seiner in seinem Geburtslande nicht mit Schmähungen. Aber vergessen soll sein Todestag doch nicht werden. Alle Toleranz und Humanität, die er und seine Zeit gepredigt haben, scheinen von der Welt wieder verschwunden zu sein. Um so mehr gilt es sein Andenken zu ehren, seinen Spuren zu folgen und Liebe von Mensch zu Mensch unabhängig von Rasse und Glauben zu säen, auszustreuen. Die Tage werden wieder kommen, da in der Sprache der Dichter und Denker Geister wie Lessing und Herder zu Frieden und Eintracht rufen und offene Herzen und willige Ohren finden werden. Bis dahin ist es jüdische Pflicht, dieses Mannes zu gedenken, der das Beste gewollt, 3er jüdische Gedanken unter die Massen gebracht hat und dessen Wille es bestimmt nicht war, daß seine Nachkommen dem jüdischen Glauben untreu wurden. Vielleicht ist es Tro^t, vielleicht auch Aufgabe, v/enn wir seine Worte in Jerusalem II uns auch jetzt vor Augen halten: „Und auch jetzt noch kann dem Hause Jakobs kein weiserer Rat erteilt werden als eben dieser: Schickt euch in die Sitten und die Verfassung des Landes, in welches ihr versetzt seid; aber haltet auch standhaft bei der Religion eurer Väter. Tragt beider Lasten, so gut ihr könnet. Man erschwert euch von der einen Seite die Bürde des bürgerlichen Lebens um der Religion willen, der ihr treu bleibt; und von der anderen Seite macht das Klima und die Zeiten die Beobachtung eurer Religionsgesetze lästiger als sie sind. Haltet nichtsdestoweniger aus, steht unerschüttert auf dem Standorte, den euch die Vorsehung angewiesen, und laßt alles über euch ergehen, wie euch euer Gesetzgeber lange vorher verkündet hat." Und der nichtjüdischen, vornehmlich der deutschen Welt wollen wir die Worte aus der Trauerkantate Karl Wilhelm Ramlers, des Leiters des Nationaltheaters, auf den Tod Mendelssohns in Erinnerung rufen: Strömt fort, ihr Quellen meiner Augen! Versieget nie! Brecht auf, ihr Wunden meiner Seele, und heilet nie! Die Weisheit, Redlichkeit und Güte bedeckt ein Grab. Mein tiefgebeugtes Volk! Dein Mendelssohn vernichtete den grauen Wahn der Völker um dich her: daß unter dir nicht Weisheit wohne, daß dir die Tugend fremde sei! Der beste Freund der Besten stand auf der höchsten Stufe des ganzen Israels, Steht in der ersten Reihe des menschlichen Geschlechts! Rabb. Dr. A. Posner. Jerusalem.

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