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Die Wahrheit · 1936-01-03 · Heft 1 (3.1.1936) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1936
Issue
Heft 1 (3.1.1936)
Date
1936-01-03
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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TBH Seite 2 Nr. 1 — 3. Jänner 1936 DIE WAHKHEH eines Siindenbocbs zu, dies unbeschadet der stets opferbereiten Loyalität der Juden zum Staate. Im Kaiserreich hatten die Juden geholfen, Deutschland zu einigen und zu festigen, die jüdische Jugend hat sich nicht minder als die übrige Jugend fürdasVaterlandgeopfert. Die jüdischen Gelehrten und Kaufleute haben sehr viel dazu beigetragen, daß Deutschland den Krieg durchhalten konnte. Unter der Republik haben sie geholfen, Deutschland vor den schwersten Folgen der Niederlage zu bewahren, sie haben Deutschland geholfen, die Fäden zu der übrigen Welt anzuknüpfen. Trotzdem macht man sie, die nur ein Hundertstel der Bevölkerung sind, für die Niederlage und alles andere Unglück verantwortlich. Die Volkerbundversammlung nahm 1922 eine Resosution an, in der der Erwartung Ausdruck gegeben wird, daß auch jene Staaten, die nicht durch besondere vertragliche Verpflichtungen in der Frage der Minderheiten gebunden sind, in der Behandlung ihrer Minderheiten zumindest einen ebenso hohen Standard von Gerechtigkeit und Toleranz einführen werden, wie er in den Minderheitenverträgen festgesetzt ist Die Völkerbundversammhmg von 1933 'bekräftigte — anläßlich der Behandlung der Frage der Judenverfolgung in Deutschland — diese Resolution und ergänzte sie durch die Festlegung des Prinzips, daß der Minderheitenschutz ausnahmslos auf alle Klassen der Bewohner des Staates, die nach Rasse, Sprache oder Religion von der Mehrheit der Bevölkerung sich unterscheiden, anzuwenden sei. Wenn auch die deutschen Juden den Anspruch, als eine Minderheit zu gelten, nicht erheben, haben sie gemäß diesem Prinzip Anspruch auf Schutz, da die Völkerbundversammlung erklärt hatte, daß eine Minderheit immer da gegeben sei. wo eine legale Diskriminierung vorliegt. Der Völkerbund und seine Mitglieder, fordert MacDonald schließlich, müssen im Namen dei Menschlichkeit und des internationalen Rechtes sich mit einem energischen Appell an die deutsche Regierung wenden und Deutschland zu einer Respektierung der international geltenden Grundsätze veranlassen. Alle die oben angeführten Tatsachen geben die Grundlage zu einem freundlichen, aber sehr nachdrücklichen Appell, den alle Staaten, seien sie Mitglied des Völkerbundes oder nicht, bei der deutschen Regierung vorbringen sollten, einem Appell, der sich auf die Grundsätze der Menschlichkeit und des internationalen Friedens beruft. Sollte dieser Appell gegen alle Erwartung des gesunden Menschenverstandes und des menschlichen Fühlens nichts nützen, so entsteht eine Lage, daß die Verfolgungen der Juden, der christlichen Nichtarier, der Protestanten und der Katholiken nicht bloß durch philanthropische Maßnahmen gelöst werden können. Man wird sich entschließen müssen, auf die Grundursache aller dieser Verfolgungen zurückzugehen, denn sie stellen eine dauernde Bedrohung des internationalen Friedens und eine Schädigung der berechtigten Interessen der anderen Staaten, insbesondere der Nachbarstaaten Deutschlands, die die Flüchtlinge aufgenommen haben, dar. Der Völkerbund als ein Verband von Staaten müsse selbst diese Frage des gemeinsamen Interesses der Staaten prüfen. Der Völkerbundpakt sehe ausdrücklich vor, daß Rat und Völkerbundversammlung sich mit allen Fragen zu befassen haben, die den Weltfrieden berühren oder sonst in die Tätigkeit des Völkerbundes eingreifen. Das wichtigste Element des Friedens und der internationalen Sicherheit stelle aber die Sicherung des Individutuns gegen die religiöse und rassische Verfolgung dar. Der Völkerbund könne nicht anders als eingreifen, wo es gilt, eine drohende menschliche Tragödie zu verhüten. Der Hochkommissar James MacDonald schließt sein Schreiben an das Völkerbundsekretariat mit den folgenden Worten: Ich fühle in mir die Pflicht, diesen Brief in einem persönlichen Ton zu beschließen. Vor meiner Ernennung zum HcK±kommissar für die Flüchtlinge aus Deutschland, insbesondere in den Nachkriegsjahren, habe ich sehr oft und greifbar Beweise meines großen Interesses gegeben, daß dem deutschen Volke Gerechtigkeit widerfahre. Aber in der Ueberzeugung, daß, wenn die gegenwärtig im Reich geltenden Tendenzen nicht in Schach gehalten oder umgestoßen werden, Not und Verzweiflung der Flüchtlinge in den an Deutschland grenzenden Ländern sich steigern und ein noch furchtbareres menschliches Elend innerhalb der deutschen Grenzen Platz greifen wird, kann ich es mir nicht erlauben zu schweigen. Ich fühle es als die Pflicht des Hochkommissars für die deutschen Flüchtlinge, gleichzeitig mit der Erklärung des Rücktritts, meine Meinung über die wesentlichen Inhalte der Aufgabe, mit der der Völkerbundrat mich betraut hat, zum Ausdruck zu bringen. Tritt ein Fall ein, wo die Innenpolitik eines Staates hunderttausende Menschen mit Demoralisierung und Exil bedroht, dann müssen Erwägungen diplomatischer Courtoisie zugunsten allgemein menschlichen Erwägungen zurückgestellt werden. Es wäre eine Feigheit von mir, wenn ich nicht die Lage so darstellen sollte, wie sie wirklich ist, und nicht dafür plädieren würde, daß die öffentliche Meinung der Welt, repräsentiert durch den Völkerbund und seine Mitgliedstaaten, sowie durch andere Länder, etwas unternimmt, um die bestehende Tragödie aus der Welt zu schaffen und in Zukunft drohende Tragödien abzuwenden. Hochkommissar MacDonald fügte seinem Schreiben einen Tatsachenbericht bei, der die amtlichen Urkunden der Judenverfolgungen in Deutschland anführt; MacDonald nennt sie „erschütternde menschliche Dokument e". In den Kreisen des Völkerbundes hat James MacDonalds Abschiedsbrief großes Aufsehen erregt. Vornehmlich die englische Presse befaßt sich in langen Artikeln, darunter Leitaufsätzen mit dem Briefe und verlangt gleich seinem Absender einen raschen Schritt des Völkerbundes in Berlin. Man kann gespannt sein, ob der Völkerbund sich wirklich zu einer solchen Aktion aufraffen und welche Antwort er in Berlin erhalten wird. Ihr«» DUdherbedarf decken Sie am besten und billigsten in der DndMandiung - Antiquariat n zun AHN TECH IM ER, In Wien II, Ecke Taborstraße 52 Große Auswahl von Büchern aller Art, auch anti- Quariscl' zu billigsten Preisen. Verlangen Sie Preislisten umsonst! Für Auskünfte R 41-4-20 Moderne Bücher können Sie bei uns für nur 10 Gr. pro Tag lesen! Keine weiteren Gebühren. Einzelne Bücher und ganze Bibliotheken werden angekauft und gut bezahlt! Die offiziellen deutschen Stellen haben bereits im Rundfunk zu dem Brief MacDonalds Stellung genommen. Es geschah dies in — wie nicht anders zu erwarten — bezeichnend heuchlerischer Weise. Das Deutsche Nachrichten-Büro verweist auf die Hunderttausende, die nach dem Krieg entgegen den Gesetzen der Menschlichkeit heiroat- und existenzlos gemacht wurden, und auf die Ausbürgerungen und Ausweisungen Deutscher aus Eupen und Malmedy. Im letzteren Falle handelt es sich um ganze vier Mann, die sich für Nazi-Deutschland politisch betätigten, während für die halbe Million Menschen, die sich politisch überhaupt nicht betätigten, „Gesetze der Menschlichkeit" nicht gelten sollen. Diese halbe Million Menschen wartet, ob der Appell an das Weltgewissen Erfolg haben wird. Moses Mendelssohn Zur Erinnerung an seinen 150. Todestag. Am frühen Morgen des 4. Jänner 1786 starb Moses Mendelssohn nach kurzem Krankenlager, tief betrauert von dem großen Kreis seiner Verehrer und Freunde, aber auch von der gesamten deutschen Oeffentlichkeit, die ihn geliebt und bewundert hatte. Goethe beklagte in ihm „einen unserer würdigsten Männer" und Friedrich Nicolai sclirieb in seinem Nachruf: „Ich habe ihn seit dreißig Jahren in so vielen Vorfällen des menschlichen Lebens tätig gesehen. Ich habe die außerordentlichen Beispiele seines Edelmuts, seiner un- Caf€ Pension Echsfein Semmering erschütterlichen Redlichkeit, seiner Wohltätigkeit, seiner Uneigennützigkeit, seiner Menschenliebe, seiner Bereitwilligkeit, Feinden zu vergeben, seiner Sanftmut, seiner Freundschaft gesehen." Als den dritten großen Moses feierten ihn seine Glaubensgenossen, indem sie ihn dem biblischen Moses und dem Philosophen Moses ben Maimon zur Seite stellten. Aber auch in der deutschen Philosophie hatte Mendelssohn eine bedeutende Stellung eingenommen, und man geht nicht zu weit, wenn man ihn als den hervorragendsten, sicher aber als den tiefsten Vertreter der deutschen Aufklärungsphilosophie bezeichnet. Man ist heute nur allzusehr geneigt, die Bedeutung jener Periode des europäischen Geisteslebens, die man das Zeitalter der Aufklärung nennt, gering einzuschätzen. Oberflächlichkeit und Mangel an historischem Sinn werden einer Geistesrichtung vorgeworfen, die doch eine ungeheure Rolle in der Entwicklung des modernen Denkens gespielt hat und aus der in Deutschland Denker wie Lessing und Kant, aber auch Dichter wie Goethe und Schüler hervorgegangen sind. Man übersieht dabei, daß die vielgeschmähte Aufklärung es war, die das Vertrauen des Menschen in seine eigene Vernunft begründet hat und die gerade durch die Popularisierung der wissenschaftlichen und philosophischen Erkenntnisse zur Mündigmachung der Geister mehr beigetragen hat als irgend eine geistige Bewegung vor ihr. Aber auch in ethischer Beziehung ist die Bedeutung der Aufklärung nicht zu unterschätzen: sie hat den Menschen auch in sittlicher Hinsicht neue Impulse gegeben, indem sie den Glauiben an den Fortschritt der Menschheit zum Allgemeingut machte und die Ideen der gleichen Würde und des gleichen Glücksanspruchs aller Menschen zum ersten Male wieder verkündete, die dann in der Ethik eines Immanuel Kant ihren klassischen Ausdruck und in der Erklärung der Menschenrechte ihre erste Verwirklichung gefunden haben. Auch Moses Mendelssohn war von den Grundgedanken der Aufklärungsbewegung durchdrungen. Er glaubt an die Kraft der menschlichen Vernunft und in seiner ersten größeren philosophischen Arbeit, der Preisschrift „Ueber die Evidenz in metaphysischen Wissenschaften", schreibt er: „Der größte Teil der Menschen geht mit Wahn und Aberglauben zu Schiffe, des festen Vorsatzes, mit ihnen die Fahrt dieses Lebens zu beschließen. Man bewilligt der Stimme der Vernunft niemals ein Gehör, ohne sich von seinen Vorurteilen, wie Ulysses von den Reisegefährten, anbinden zu lassen, und ihnen zum voraus den Befehl zu geben: je beweglicher ich um meine Loslassung bitten werde, desto fester zieht die Stricke zusammen, bis wir die Sirene aus den Augen werden verloren haben." Und er glaubt an den Fortschritt der Menschheit, an den Fortschritt insbesondere auf dem Gebiet der Philosophie: „Nach so manchen barbarischen Jahrhunderten, die auf jenen schönen Morgen der Philosophie (in Griechenland) gefolgt sind, Jahrhunderte, in welchen die menschliche Vernunft dem Aberglauben und der Tyrannei hat frönen müssen, hat die Weltweisheit endlich bessere Tage erlebt. Alle Teile der menschlichen Erkenntnis haben durch eine glückliche Beobachtung der Natur ansehnliche Progressen gemacht. Unsere Seele selbst haben wir auf diesem Weg besser kennen gelernt. Durch eine genauere Beobachtung ihrer Wirkungen und Leidenschaften hat man mehrere Data festgesetzt und daraus ließen sich vermittelst einer bewährten Methode auch richtigere Folgen ziehen. Die vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion haben durch diese Verbesserung der Philosophie eine Evidenz erlangt, die.alle Einsichten der Alten verdunkelt und wie in den Schatten zurückwirft. Noch hat zwar die Philosophie ihren hellen Mittag nicht erreicht, in welchem sie vielleicht unsere Enkel dereinst erblicken werden; allein man müßte auf die Vernunft seiner Zeitgenossen sehr neidisch sein, wenn man den Neuern nicht in Absicht auf die Philosophie große Vorzüge einräumen wollte ..." Was Mendelssohn selbst zum Fortschritt der Philosophie beigetragen hat, kann hier nur in Umrissen artgedeutet werden. Seine Untersuchungen auf dem Gebiet der Psychologie und Aesthetik bedeuten zweifellos eine große Bereicherung dieser Disziplinen. Die stärkere Heranziehung des Gefühlslebens, die feinsinnigen Analysen des ästhetischen Erlebens waren von großer Bedeutung für die damals in den ersten Anfängen stehende Psychologie des Schönen, als welche Mendelssohn im wesentlichen die Aesthetik auffaßte. Ihm selbst galten diese psychologischen und ästhetischen Untersuchungen freilich nur als Randgebiete seiner philosophischen Arbeit, als deren Königsweg ihm selbst noch die Metaphysik erschien, wie er sie in seinem „Phädon" und in seinen „Morgenstunden" darstellte. Diese metaphysischen Lehren, die sich

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