Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 51 (20.12.1935)
- Date
- 1935-12-20
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064555-3064605--20493-3085744- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite b Nr. 51 — 20. Dezember 1935 DIE WAHRHEIT PENSIONS-VEREIN Versicherungs-A.-G. WIEN I., SCHELLINGGASSE 1 Telephon: R 22-1-10 Invaliditäts-, Alters- und Hinterbliebenen-Renten Biidier Ministerpräsident Dr. Milan liodia und die Juden der Tschechoslowakei. Ministerpräsident Dr. Milan Hodza empfing am Donnerstag, den 12. Dezember, eine Abordnung der Jüdischen Partei. Er gab der Abordnung gegenüber eine längere Erklärung ab, in der er u. a. ausführte: Er lehne den Rassenantisemitismus ab und stehe auf dem Standpunkt der Gleichberechtigung aller Bürger vor dem Gesetz und der strengen Einhaltung der Minderiieitenrechte; dies sei ganz im Sinne des tschechoslowakischen Volkes, sowie der internationalen rechtlichen Verpflichtungen. Er glaube an die Loyalität der jüdischen Bevölkerung. Er werde darauf achten, daß die kulturellen Forderungen der jüdischen Minorität, sowieit sie noch nicht erfüllt sind, erfüllt werden. Die" jüdischen Schichten die an der Tradition festhalten, werden in dieser Hinsicht nach wie vor volle Freiheit genießen, wofür unsere freiheitliche Verfassung eine genügende Garantie bietet. Der rumänische Innenminister verspricht . . . In der letzten Sitzung der rumänischen Deputiertenkammer befaßte sich der Führer der radikalen Bauernpartei und frühere Justizminister Grigore I u n i a n in einer Anfrage an den Innenminister mit den judenfeindlichen Ausschreitungen in Bukarest anläßlich der Wahl des neuen Vorstandes der Advokatenkammer. Der Abgeordnete schilderte eingehend den Verlauf der Vorfälle, durch die zahlreiche Mitglieder der Kammer verhindert wurden, ihr Wahlrecht auszuüben. Die Jugend des Landes dürfe nicht in einem dem rumänischen Volke fremden Geist des Rassenhasses erzogen werden. Nicht Haß, sondern Liebe und Zusammenarbeit müsse das einigende Band der Bevölkerung sein. Nachdem auch der Vizepräsident der Kammer, Marcea Djuvara, die Haltung der Behörden verurteilt hatte, die diese Unruhen nicht verhinderten, erklärte Innenminister Ion beulet, es sei ganz und gar nicht zu erwarten, daß eine neue Regierung aus Mitgliedern der antisemitischen extrem rechten Parteien gebildet werde. Der Minister versprach, eine Wiederholung judenfeindlicher Ausschreitungen mit allen Mitteln zu verhindern. „Ein Prälat der christlichen Liebe." Unter dieser Ueberschrüt befaßt sich der Generalsekretär des Verbandes jüdischer Gemeinden Altrumäniens und ehemalige Senator H o r i a C a r p im Leitartikel des „C u r i e r u 1 Israelit" mit der Haltung des Metropoliten der Bukowina, Wisarion, die dieser einnahm, als der zur Amtseinsetzung des Metropoliten eingeladene Bukarester Oberrabbiner Senator Dr. I. N i e m ir o w e r am Eingang des fürsterzbischöflichen Palastes von dem cuzistischen Abgeordnetem Robu beleidigt und am Eintritt verhindert worden war. Der Verfasser weist darauf hin, daß der Metropolit sich nicht mit der Absendung eines das Vorgehen Robus verurteilenden Telegramms an den Oberrabbiner begnügte, sondern R o b u zu den Sitzungen des Kirchenrates, dem dieser angehört, nicht mehr einlud. Als dieser versuchte, den Palast des Metropoliten uneingeladen zu betreten, wurde er festgenommen. Diese Haltung des Kirchenfürsten wird dem Vorgehen derjenigen Kreise gegenübergestellt, die im Namen des Christentums zum Judenhaß aufreizen. Es wird auch auf das freundschaftliche Verhältnis des Metropoliten zur jüdischen Bevölkerung hingewiesen, von der er einmal erklärt hat, sie bringe dem Vaterland unschätzbaren Nutzen und trage zu dessenBIüteundFortschritt bei. „Deutschland begeht intellektuellen Selbstmord." Die Jahrestagung der Londoner Jewish Hospital Medical Society wurde vom Ehrengast der Tagung, Lord Horder, Leibarzt des englischen Königs, begrüßt. Lord Horder erklärte, die außergewöhnlichen Aktionen, die in Deutschland gegen die Juden geführt werden, lassen leider erkennen, daß das Volk durch einen Diktator dem reinen Wahnsinn entgegengeführt wird. Deutschland begeht intellektuellen Selbstmord, indem es seine besten und kultiviertesten Gelehrten verbannt. Keine Milch für jüdische Kinder in Deutschland. In einer Anzahl deutscher Kleingemeinden wird immer noch nicht Milch an Juden und an jüdische Kinder geliefert. Besonders schlimm sieht es in den fränkischen Kleingemeinden aus, die der Machtbefugnis Julius Streichers unterstehen. In Magdeburg hat tatsächlich für kurze Zeit ein Verbot der Milchlieferung an Juden bestanden, hat sich aber auf die Dauer nicht halten können. Aus der allerletzten Zeit wird bekannt, daß in E1 b i n g (Ostpreußen) Juden bei der Besorgung von Milch für sich und ihre Kinder die größten Schwierigkeiten haben. Sie müssen froh sein, wenn sie durch irgend welche christlichen Bekanntschaften von früher Milch über die Hintertreppe erhalten. In zahlreichen Kleingemeinden Ostpreußens liegt es mit der Milchversorgung so oder noch ärger. Oeffentliche Verbote, die Juden mit Milch zu beliefern, bestehen selbstverständlich nicht, schon weil diese einen verheerenden WIEN Ii.. Praferstraße s$ Telephon D 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners ui>d andere Fesilichkeiten werden in und außer Maus elegantest ausgeführt. Eindruck auf das Ausland hervorrufen würden. Der mittelbare Weg führt zum gleichen Ziele. Die Bekanntmachungen der landwirtschaftlichen Genossenschaften (so z. B. im Landkreis Aachen und in vielen anderen Gemeinden Deutschlands), daß diejenigen, die mit Juden Geschäfte machen, der Mitgliedschaft verlustig gehen oder erheblich geringere Preise für einzuliefernde landwirtschaftliche Erzeugnisse erhalten, genügen, um in zahlreichen deutschen Städten die Milchlieferung an Juden und auch an jüdische Kinder unmöglich zu machen. Jubiläum der Judenemanzipation in Ungarn. Unter dem Vorsitz des Präsidenten der Ungarischen Isr. Landeskanzlei Hofrat Samuel Stern fand eine Sitzung der Gemeindedistriktspräsidenten der Kongreßgemeinden Ungarns statt, in der Präsidem Stern zunächst der 10. Wiederkehr des Todestages und der 100. Wiederkehr des Geburtstages Maurus Mezeis, ehemaligen Präsidenten der Isr. Landeskanzlei, gedachte. Dann würdigte er die Bedeutung des Rezeptionsgesetzes, das Franz Josef I. vor 40 Jahren sanktionierte und das die jüdische Konfession in eine Reihe mit den übrigen Glaubensgemeinschaften des Landes stellte. Angesichts der traurigen Lag« des deutschen Judentums im Zusammenhang mit den Nürnberger Gesetzen wurde folgende Resolution angenommen: „Die Sitzung der Gemeindedistriktspräsidenten als oberstes Organ des ungarischen Kongreßjudentums schließt sich in tiefem Schmerz und mit Erschütterung dem Proteste des Judentums der ganzen Welt und der unparteiischen öffentlichen Meinung gegen die Nürnberger Judengesetze an. Die schwere Demütigung und die Leiden unserer deutschen Glaubensbrüder erfüllen uns alle mit schmerzlichem Mitgefühl, doch wir vertrauen in festem Glauben an die göttliche Gerechtigkeit und sittliche Weltordnung darauf, daß ihre bitteren Heimsuchungen, die sie mit Würde und bewundernswerter seelischer Kraft ertragen, endlich doch aufhören werden und daß die Idee der Zusammengehörigkeit der Menschheit den Geist des Hasses bezwingen wird." bei der Sdiwedenbrttcfte! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER 4 Co. Wien I., Franz Joseis Wal f Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, 30 g und 50 g aufwärts Katalog gratis! Anläßlich des 40jährigen Jubiläums der Judenemanzipation in Ungarn fanden aueji in den übrigen jüdischen Gemeinden des Landes Fest- und Gedenkgottesdienste statt. In einer Reihe solcher Veranstaltungen sprachen der Redakteur des „Egyenlöseg" und bekannte jüdische Schriftsteller Dr. Ludwig S z a b o 1 c s i, Sohn des Vorkämpfers der jüdischen Emanzipation in Ungarn und Begründers der „Egyenlöseg" Max Szabolcsi, sowie der Abgeordnete Dr. Vazsonyi, Sohn des verstorbenen ehemaligen Justizministers Wilhelm Vazsonyi, der ebenfalls in der Erkämpfüng der Judenemanzipation eine Rolle spielte. Palästina-Nachrichten. Die Mitarbeiter der Versuchsstation und des biochemischen Instituts in Rechowot veranstalteten zu Ehren Dr. Chaim Weizmanns einen Empfang, in seiner Antwort auf die Ansprachen erklärte Weizmann u. a.: „Ich werde mit Lob überschüttet, bevor ich noch mit der Arbeit begonnen habe. Ich bin mir der großen Verantwortung für die kommenden Jahre bewußt. Es ist mir nicht leicht gefallen, mein Einverständnis zu der neuerlichen Uebernahme der Leitung der Organisation und der Bewegung zu geben, denn immer, wenn ich die Leitung übernehmen soll, treten Aenderungen in der Lage ein. Bisher war alles ruhig, alles blühte, und man sprach von Prosperity; und auf einmal ist der Horizont unseres Lebens ein anderer geworden. Kaum bin ich an die Arbeit herangegangen, da trat auch schon eine Art Krise ein." Er glaube nicht, fuhr Dr. Weizmann fort, daß dies auf einen schlechten Stern zurückzuführen sei. Die Aenderung der Lage halte er für eine bloß vorübergehende. „Ich hoff e", schloß Dr. Weizmann, „daß wir unsere Arbeit in derselben Weise wie einst fortsetzen werden. Wir werden die Schwierigkeiten, deren Gründe außerhalb des Landes liegen, überwinden. Die internationale Lage, die diese Nervosität hervorgerufen hat, wird sich zum Guten ändern. Jedenfalls führen wjr jetzt eine große kolonisatorische Aktion, eine großzügige Geulat Haarez. Arbeit gibt es mehr als früher." * Die arabische Presse weist darauf hin, daß der Touristenverkehr vor den diesjährigen Feiertagen äußerst schwach ist. Während im vergangenen Jahre in den Monaten Dezember bis März 31 Sonderschiffe mit Touristen nach Palästina kamen, sind für dieses Jahr bisher erst drei Schiffe angekündigt. Der Rückgang des Touristenverkehrs wird auf die Unsicherheit der internationalen Lage zurückgeführt. Geschädigt ist insbesondere der arabische Bevölkerungsteil, da die Reiseagenturen zum großen Teil in arabischen Händen Hegen und die Touristengesellschaften arabischen Führern anvertraut und in arabischen Hotels untergebracht werden. Bei den Wahlen zum Stadtrat von Tel Aviv wurden insgesamt 21.697 Stimmen abgegeben. Die Zählung der Stimmzettel ist noch nicht beendet. Von den bis zum 17. Dezember gezählten 8345 Stimmen waren 4156 für die Arbeiterpartei, die somit gegenüber den bürgerlichen Parteien stark im Vorsprung ist. Im bisherigen Stadtrat war die Arbeiterpartei in der Minderheit. Interpellationen im englischen Unterhaus. Im Unterhaus fragte Sir E. G r a h a m - L i 111 e den Minister für die Kolonien J. H. Thomas, ob im Minblick auf die wachsende Verfolgung der Juden in Deutschland sofortige Schritte unternommen werden würden, um die Quote der jüdischen Einwanderung nach Palästina zu erhöhen und diese Erhöhung den Juden, die Deutschland infolge des einzig aus rassischen Gründen gegen sie geübten wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Boykotts zu verlassen genötigt sind, zugute kommen zu lassen. Minister Thomas antwortete: Was Einwanderer betrifft, die als Arbeitnehmer nach Palästina kommen, &o werden 500 von den vor kurzem der Jewish Agency for Palestine als Vorschuß für die laufende Halbjahrs-Arbeiter-Schedule übersehenen 1000 Einwanderungszertifikaten deutschen Juden zugeteilt werden. Wie ich erfahre, untersucht gegenwärtig die Palästina- Regierung die Möglichkeit weiterer Erleichterungen für die Zulassung deutsch-jüdischer Einwanderer anderer Kategorien. Es wird jedoch darauf Wert gelegt werden, daß das Ausmaß der Einwanderung nach Pallästina zu jeder Zeit vom High Commissioner im Verhältnis zu der Aufnahmefähigkeit des Landes bestimmt wird. Abgeordneter Tom Smith fragte den Kolonienminister, ob er im Hinblick auf den Protest der Jewish Agency gegen die Beschränkung der Erteilung von Lizenzen an einwandernde jüdische Aerzte aus Deutschland den Grund für diese Einschränkung dem Hause mitteilen wolle. Minister J. H. Thomas erwiderte: Die Be-