Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1935-12-20 · Heft 51 (20.12.1935) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 51 (20.12.1935)
Date
1935-12-20
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3062972-3064555-3064605--20489-3085740
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

m Nr. 51 — 20. Dezember 1935 DIE WAHKHEH Christi Mardayn, Hermann Thiraig im österreichischen Spitzenfilm „3m weißen Roßt" Musik: Dr. Ralph Benatzky Es wirken mit: Marianne Stanior, Theo Lingen, Fritz Imhoff u. a. Frank Fox und sein Orchester Ab heute: Kärntner-, Gartenbau-, Busch-, Haydn- und Kolosseum Kino Verleih: Paul Freiwirtl*, VII. nur möglich. Als unter den österreichischen Politikern aller Nationen der Antisemitismus als das bequemste Auftriebmittel zur Höhe beliebt wurde, hat sich Masaryk durch seine Bekämpfung der Ritualmordlüge gelegentlich des Hilsner-Prozesses gefährlich exponiert. Damals schien er sich als „Judenknecht und Freigeist" endgültig unmöglich gemacht zu haben, heute wird der Wandel der Dinge durch die Episode gekennzeichnet, daß Dr. Baxa. im Hilsner-Prozeß als einer der gefürchtetsten Exponenten des Antisemitismus berüchtigt gewesen, jüngst als Bürgermeister von Prag einen jüdischen Sportler öffentlich durch Ueberreichung eines Ehrenpreises auszeichnete. Zieht man noch in Betracht, daß Masaryk, zum geschichtlichen Schöpfer der tschechischen- Freiheit geworden, bei seiner letzten Wahl das einmütige Vertrauen aller Nationen seines Staates ausgesprochen bekam und daß jetzt sein Schüler und Mitkämpfer Dr. Ben es mit überwiegender Majorität zu seinem Nachfolger gewählt wurde, dann erhält man das schöne Bild einer staatspolitischen Totalität, die um so überzeugender wirkt, als sie nicht mit den Mitteln der Gewalt, mit Konzentrationslagern und Sturmabteilungen, sondern mit den Methoden der Demokratie zustande gekommen ist. Gewiß sichert diese Demokratie nicht bioß den Juden, sondern auch den Judenfeinden die Freiheit des Bekenntnisses. Aber für den Geist dieser Judenfeinde ist es bezeichnend, daß sogar Konrad Henlein seine sudentendeutsche Nazi- Ersatzpartei, deren Agitatoren in den Wintermonaten in den sudetenländischen Weltkurorten üie nationalen Instinkte der Massen skrupellos aufpeitschen, während sie in der Kursaison keine Bedenken tragen, mit jüdischen Kurgästen Geschäfte zu machen, jüngst in London als nicht antisemitisch deklarierte und daß ein an- Peuiltetom Die Größe Uriel Birnbaums. t.Anläßlicli seiner am 12. Dezember abgehaltenen Vorlesung in der „Jüdischen Kunststelle". Wien 1.. Franz- Josefs-Kai 3.) Auch wer sich dessen rühmen zu dürfen glaubte, das Schaffen Uriel Birnbaums in seinem ganzen gewaltigen Umfang erfaßt zu haben, ist bei diesem letzten Zusammentreffen eines andern, völlig Neuen belehrt worden. , , „ Alan konnte bisher mit Recht annehmen, daß eine Steigerung dieser einzigartigen Persönlichkeit kaum mehr möglich wäre. Berufene Kritiker, berühmte Schriftsteller und namhafte Künstler haben, wenn sie in die Lage kamen, über das Werk Uriel Birnbaums auszusagen, ihn bedenkenlos unter die Größten, die Allergrößten eingereiht. Man sprach von Homer, von den Propheten, von Michelangelo, man stellte ihn — von maßgebender, zünftiger Seite her — selbst über .Michelangelo .... Und .nun — fast fürchtet man. sich damit lächerlich und knabenhafter Ueberschwenglichkeit schuldig zu machen — nun erlebt man mit einem Gefühl ehrfürchtigen rlrschauerns. daß auch diese Grenzen überholt.; ii.-h di;se Höhen überflügelt worden sind .... Hie Vielfalt der literarischen Begabung Uriel Birnbaums, die Gewalt seiner sprachlichen Kunst ist unbegrenzt. Die Fülle und Farbenpracht seiner Bildwerke ist staunenswert. Der Reichtum und die Tiefe seiner Gedankenkreise ist weltumfassend. Dennoch ist die Größe Uriel Birnbaums nicht von der Größe dieser äußeren Eigenschaften her, nicht von der rein schriftstellerischen, künstlerischen oder denkerischen Seite her — und seien diese auch noch so überragend — zu erfassen. Er selbst ist gelegentlich einem kritischen Versuch, der seiner Bedeutung von diesem Standpunkt aus beizukommeii sich bemühte, leidenschaftlich entderer Führer dieser Partei kürzlich verkündet hat, daß eis den Juden selbst überlassen bleiben muß, ob sie sich anderen Nationen assimilieren oder sich als eigene Nation konstituieren wollen. Das klingt immerhin anders als die amtlichen Enunziationen aus dem Dritten Reiche, wo man soeben den jüdischen Kulturbünden den revisionistischen Zionisten Kareski, der auch von jüdischnationaler Seite als Spitzel der Gestapo verdächtigt wurde, als Vorsitzenden aufgedrängt und bei der gegen eine solche ungerechte Bevormundung der Kulturbünde protestierenden R e i c h s v e rtretung der deutschen Juden eine Hausdurchsuchung vorgenommen und fünfzehn Mitglieder derselben durch die — Gestapo einvernommen hat. Die Vernehmungen dauerten fast den ganzen Tag. Es wurde den Mitgliedern der Reichsvertretung bedeutet, daß eine Auflehnung gegen die Berufung Kareskis als Widerstand gegenStaatsmaßnahmen aufgefaßt werden würde. Der schon erwähnte Bürgermeister von Prag, Dr. Baxa, gab in einer Polemik gegen die „Bohemia'-Meldung, daß der Prager Stadtrat beschlossen habe, deutsche und „deutschjüdische" Firmen von der Belieferung der Stadt Prag auszuschließen, eine Erklärung ab, die u. a. besagt: „Niemals wurde ein derartiger Beschluß bezüglich der Lieferungen gefaßt und wird auch, solange ich Bürgermeister bin, niemals gefaßt werden. Seitdem ich Bürgermeister von Prag bin, hat es sich bei Vergebung oder Besprechung einer Lieferung niemals darum gehandelt, ob es eine tschechische, eine deutsche, j üd i s c h e Firma ist, sondern wir sind stets bloß mt Pension Ecksfein Semmering vom rein wirtschaftlichen Standpunkt an Lieferungsfragen herangetreten, d. h. also, ob diese uder jene Firma leistungsfähig ist oder nicht." Auch in diesem Grundsatze, dem man allerorts huldigen sollte, springt*:der Gegensatz zum Dritten Reiche in die Augen, da im Hitler-Reiche die systematische Verdrängung der Juden aus dem Wirtschaftsleben schon so groteske Formen angenommen hat, daß sogar nationalsozialistische Zeitschriften die daraus für die Allgemeinheit resultierenden Gefahren zu erkennen beginnen. So schreibt „Die Deutsche Volkswirtschaft — Nationalsozialistischer Wirtschaftsdienst", daß die Tatsache der sich mehrenden Liquidation von Privatbankgeschäften unabhängig von dem zu lösenden Rassenproblem die wirtschaftliche Frage nach der Zukunft eines nicht unwichtigen Teiles der Kreditorganisation, nämlich der Privatbankiers, Secieid. Tirol, 1200 m Winterspoit — Höhensonne Erstklassige Verpflegung in der stieng H Abteilung dei Geschwister SCHEER im Hotel Hochalm Fahrpreisermäßigung. 1 „I aufwerte. Es wäre volkswirtschaftlich bedauerlich, wenn mit der Ausschaltung des nicht geringen jüdischen Einflusses im Privatbankiergewerbe die Institution des guten soliden Privatbankiers als solche zu völliger Bedeutungslosigkeit verurteilt würde. Zu gleicher Zeit, da derartiges geschrieben wird, verhaftet man den prominenten jüdischen Privatbankier Dr. Sigmund Wassermann und beschließt das deutsche Reichskabinett eine neue Reihe Gesetze zur weiteren Einschränkung der Betätigung der J uden. Außer dem Gesetz über Ausschaltung jüdischer Rechtsanwälte auch als private Rechtsberater von Firmen wurde auch eine neue Reichsärzteordn u n g erlassen, die am 1. April 1936 in Kraft tritt und vorschreibt, daß zur Ausübung des ärztlichen Berufs im Deutschen Reich nur befugt ist, wer von der zuständigen deutschen Behörde als Arzt bestellt ist. Die Bestallung ist zu versagen, wenn u. a. der Bewerber wegen seiner oder seines Ehegatten Abstammung nicht Beamter werden könnte und zur Zeit der Bewerbung der Anteil der nicht deutschblütigen Aerzte an der Gesamtzahl der Aerzte im Deutschen Reich den Anteil der Nichtdeutschblütigen an der Bevölkerung des Deutschen Reichs übersteigt. Der Reichsminister des Innern kann in Härtefällen im Einvernehmen mit der Reichsärztekammer Ausnahmen zulassen. Verliert der Arzt die Staatsangehörigkeit durch Aberkennung oder durch Widerruf der Einbürgerung, so erlischt zugleich die Bestallung. Eine auf Grund der bisherigen Gesetze erteilte Approbation als Arzt gilt als Bestallung im Sinne der Reichsärzteordnung. Es wurden auch Gesetze über Ausschaltung der Juden aus dem Apothekergew e r b e, aus dem Chemikalienhandel usw. beschlossen, die zum großen Teil von der Praxis bereits überholt sind. Sie sollen, wie verlautet, in einigen Tagen pubiziert werden. Der Unterschied der politischen Entwicklung im Staate Masaryks und im Reiche Hitlers erklärt sich aus der Charäkteranlage der Führer. Masaryk selbst erzählt in seinen Kindheitserinnerungen, daß er unter dem Einfluß der Volkslegenden und Kindergeschichten, in denen die Juden eine teils häßliche, teils turchterweckende Rolle spielgegenget-elen und li.it sich, bescheiden und stolz zugleich, für verkannt, für verraten erklärt. Denn alle seine Kunst ist nur Mittel für ein Höheres, Form und Inhalt seiner phantasievollen Dichtung und phantastischen Malerei nur Mittel für ein Wichtigeres, auf das es ihm einzig und allein ankommt. Sie sind der Ausdruck gewaltiger, moralisch-religiöser Kräfte, die sich in der Person dieses Mannes, auf dem Wege über Kunst. Literatur und Denken, in erhabener Weise offenbaren. Die Größe Uriel Birnbaums ist in erster Linie sittlicher Natur und nur vom sittlichen Standpunkt aus in ihrer ganzen Bedeutung zu erfassen. Er stellt in erster Linie ein ungeheures Reservoir an religiöser Kraft dar, ein sittliches Kraftzentrum allerhöchsten Ranges, aufgespeichert durch Jahrzehnte religiösen Erlebens, durch die er zu einem Brennpunkt der Moral geworden ist, zu einer Sonne der Sittlichkeit, vor deren gottdurchglühteu Strahlen alles Akute und Schwächliche, Gottabgewandte erbarmungslos versengt, alles Keimfähige und Gottzugeneigte aber befruchtet, gestärkt und erhöht wird. * * * Der preisgekrönte Gedichtband „In Gottes K r i e g" bildete bisher für den Kenner Birnbaums das Fundament, von dem aus man einen Schluß auf die mögliche Weite des Birnbaumschen Werkes, auf die mögliche Höhe seiner ferneren Entwicklung ziehen zu können vermeinte. Und wahrlich, es war ein mächtiges und solides Fundament, ein gewaltiges Geviert, das einen Riesenbau zu tragen vermochte. In diesem Werke hatte Birnbaum nichts Geringeres vollbracht, als alle Erscheinungen des Weltkrieges religiös zu deuten, die Schicksale der Völker und Individuen und sein eignes marterreiches Schicksal (Birnbaum ist Schwerinvalider) mit den Strahlen der Gotteserkenntnis zu durchleuchten. Man schien also nicht fehlzugehen, wenn man jenes blutige Geschehen (konnte es noch Leidvolleres geben als den Weltkrieg?) als das entscheidende und abschließende Erlebnis des Dichters auffaßte und nur mehr eine Entwicklung in die Breite prognostizierte. Gab es — so dachte man — für eine Seele, die in der Hölle des Krieges geschmiedet und gestählt worden war, noch die Möglichkeit gewaltigerer Erschütterungen? Gab es etwas unter der Sonne, das die Spannweite jener schwergeprüften und siegreichen Seele noch zu erweitern, die Glut ihrer Leidenschaft noch zu vergrößern, das Licht ihrer Flamme noch zu erhöhen imstande war? * . * Fast zwei Jahrzehnte bitterster Not, schauerlichsten Elends, bettlergleicher Armut haben das Werk vollbracht. Dieser Mann, dieser augenscheinlich von Gott Berufene, führt — trotz aller Anerkennung, die ihm zu Teil geworden — mitten in einem Zentrum der Literatur und der Kunst und mitten in einer großen Gemeinde seiner jüdischen Glaubensgenossen, seit fast zwanzig Jahren einen unerhörten Kampf um das tägliche Brot für sich, sein Weib und sein Kind. Diese so schwer heimgesuchte Seele wird weiter geprüft, dieser im Kriege zerfleischte Körper wird vom Eisenkamm der Not noch weiter zerfleischt, noch weiter gestriegelt, noch weiter zermartert. Und — er dichtet und malt. Aus den „Gedichten in einer neuen Form"', mit denen Uriel Birnbaum uns jetzt bekanntgemacht hat, erfährt man mit Grauen von seinem fortgesetzten, qualvollen Weg. Qualvoller noch als* im Krieg, da er dort im Lichte Gottes kämpfte, während jetzt Gott an ihm „vorübergeht". Qualvoller, aber heldenhafter zugleich, da er entschlossen ist, bis zu seinem letzten Atemzuge trotz Gottes für Gott zu kämpfen und — wenn es denn sein muß — „ohne Lohn", als Held zu fallen. Dieser Kampf Birnbaums, dies sein Verlassensei" von Gott und den Menschen ist schlechthin unerklärlich, und es gibt im Sinne des Lebens und der Lehre Birnbaums selbst nur die Möglichkeit einer Deutung. Wen Gott verlassen, um ihn solchen Qualen zu überlassen, mit dem kann er nur das Allergewaltigste vorhaben. Und in das tiefe persönliche Mitgefühl mü dem Menschen Uriel Birnbaum mischt sich ein Gefühl grausamer Bewunderung für den Erwählten Gottes!

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.