Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 50 (13.12.1935)
- Date
- 1935-12-13
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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ym Seite 6 Nr. 50 — 13. Dezember 1935 DIE WAHRHEIT PENSIONS-VEREIN Versicherungs-A,G. WIEN I., SCHELLINGGASSE 1 Telephon: * R 22-1-10 Invaliditäts-, Alters- und Hinterbliebenen-Renten Zu langsamem Untergang verurteilt. Wir veröffentlichen im folgenden den schlichten Brief eines gebildeten deutschen Juden, den er während der kurzen Tage eines Auslandsaufenthaltes in England an einen Freund in Dänemark gerichtet hat. In diesem Briefe ist kaum eine Tatsache neu. Wir empfinden aber die Hinnahme und Hingabe an ein schreckliches Schicksal, die aus dem Briefe sprechen, aufs tiefste und erschütterndste. Der Brief wächst damit über ein Einzeldokument weit hinaus. D. Red. Ich beeile mich, die paar Stunden, die ich hier Aufenthalt habe, zu benutze«, um Ihnen kurz meine Auffassung auseinanderzusetzen. Es herrscht bei uns, d. h. in fast allen Kreisen, eine ausgesprochene Aufbmohstimmung. Aber wir müssen mit der unabwendbaren Tatsache rechnen, daß von den heute noch 450.000 deutschen Juden zunächst mindestens 400.000 werden bleiben müssen. Und um diese 400.000 handelt es sich. So wie die Dinge jetzt liegen, sind sie zu einem langsamen Untergang verurteilt und es gehört ungeheure Nervenkraft dazu, sich gegen diesen seelischen und wirtschaftlichen Zusammenbruch zu wehren. Wie schwer das ist, habe ich gestern abend wieder gemerkt. Nachdem ich mich hier fast eine Woche wirklich gut erholt hatte, las mir meine Schwester aus einer hiesigen jüdischen Zeitung die-Nachricht vor, daß in Nürnberg sämtlichen Juden die Pässe abgefordert worden sind und daß sie nur mit Qenelunigung der Geheimen Staatspolizei ins Ausland reisen dürfen. Wie eine solche Nachricht fern von der Heimat wirkt, ist schwer zu sagen. Sie ist natürlich nur der Anfang, das Reich folgt. Wie das wieder (nicht auf die Welt — danach zu fragen haben wir fast verlernt) auf uns wirken wird, kann man sich leicht denken. Die Panikstimmung ist da, und jeder, der fortgeht, vergrößert sie noch. Schuld an dieser Panikstimmung sind durchaus nicht nur die erlassenen Gesetze, d. h. das furchtbare Gefühl, das heute wohl schon alle haben, daß keinem Wort und keinem Vertrag und keiner Zusicherung zu glauben ist, sondern daß zynisch und brutal im gegebenen Moment alles gebrochen und alles zerrissen wird. So entsteht ein zermürbendes Gefühl der Unsicherheit, und sicher ist nur das eine: daß der unbedingte Wille zur Ausrottung da ist und sich in jeder ihm gutdünkenden Form austobt, weil in Deutschland selbst keine Stimme gegen diesen brutalen Wahnsinn sich zu erheben wagt und das Ausland nicht stark genug seine Stimme erhebt. Es gibt nur eine Möglichkeit, das ist, daß die wirtschaftlichen Schwierigkeiten und andere Momente zusammenkommen, um eine Aenderung herbeizuführen. Solche Momente sind außer dem nicht leichten wirtschaftlichen Moment vorhanden. Die Unzufriedenheit, die Empörung, auch wohl schon die Scham über sich selbst wachsen immer mehr. Ob sie ausreichen werden, kann keiner sagen. Es wird sehr viel auch von der außenpolitischen Entwicklung abhängen, die wir bei unserem völligen Aigeschnittensein von der Welt kaum beurteilen können. Im übrigen sehe ich auch hier immer mehr, wie das von Deutschland ausgehende Gift wie eine Seuche sich ausbreitet und daß die Gefahren -für das Judentum überall wachsen, je länger die Zustände bei uns andauern. Ich sehe aber auch, daß, wenn es nicht ganz anders wird, uns keine Hilfe von außen kommen kann. Wir müssen unser schweres Schicksal im Grunde allein tragen und allein mit ihm fertig werden. WIEN II.. Pralerslraße Telephon D 47-4-49 Unter Aufsicht des ehrwürdigen Rabbinates der Adas Jisroel (Schiffschul). Ausgezeichnete Küche, zivile Preise und sorgsamste Bedienung. A la Carte-Speisen und Menüs von S 2.— aufw. Hochzeiten, Diners und andere Festlichkeiten werden in und außer Haus elegantest ausgeführt. „Auf die eigenen Kräfte angewiesen". Das Berliner jüdische Gemeindeblatt zu den Ausführungsbestimmungen der Nürnberger Gesetze. In seiner letzten Nummer behandelt das „Berliner G e m e i n d e b 1 a 11" die im Hinblick auf die Ausführungsbestimmungen zu den Nürnberger Gesetzen sich gestaltende Lage der Juden in Deutschland und die Rolle' der Gemeinden bei der jüdischen Gemeinschaftsbildung. Lückenlos ist der Kreis geschlossen, schreibt das Blatt, in den die Juden in Deutschland gewiesen sind, kaum etwas verbindet sie mehr mit dem allgemeinen Leben und mit der Kultur des deutschen Volkes. Die Geschichte kennt kein Beispiel einer so vollendeten Ausschaltung und ohne Beispiel ist demzufolge auch die Situation, in der sich die Juden in Deutschland befinden. War früher das Judentum in Deutschland ein Teil der Aligemeinheit, so ist es jetzt auf die eigenen seelischen und kulturellen Kräfte angewiesen, wird ihm die Aufgabe zugewiesen, aus sich selbst heraussein Dasein zu gestalten und seine eigenen Formen zu leben. Hatten wir in früheren Jahren die Aufgabe, aus jüdischen Menschen Juden heranzubilden, so tritt zu diesem Pflichtenkieis jetzt noch die weitere Aufgabe hinzu, aus dem Juden, der sich seines Judentums bewußt geworden ist, den jüdischen Genieinschaftsangehörigen zu formen. In dem Fortschreiten der Gemeinde zur Gemeinschaft kommt den jüdischen Gemeinden eine größere Bedeutung zu, als sie jemals besessen haben. Sie werden jetzt in vollem Umfange Inhalt des jüdischen Lebens. Auf die Ausführungsverordnungen im einzelnen eingehend, sagt das Blatt, wir Juden sähen in der Bezeichnung als Volljuden keine Kränkung und wenn uns auch der Ausschluß aus dem Leben unserer Umgebung, an dem wir länger als ein Jahrhundert teil hatten, mit Trauer erfülle, so seien wir doch entschlossen, durch Pflege unserer eigenen Werte aufs neue unter Beweis zu stellen, daß die jüdische Gemeinschaft als Glied des ganzen Menschengeschlechtes ihrer Geschichte und ihrer Vergangenheit würdig ist. Wir können nicht wissen, was die weiteren Verordnungen enthalten werden, insbesondere, welche Bestimmungen über den Anteil der Juden am Wirtschaftsleben zu erwarten sind; wohl aber mag es gestattet sein, zu sagen, daß der Inhalt des der Wirtschaft gewidmeten Teiles der Ausführungsbestimmungen für uns Juden eine ganz besondere Bedeutung hat. Die Bildung einer jüdischen Gemeinschaft, der so wichtige Pflichten obliegen, wird nur dann gelingen, wenn es ihr auch ermöglicht wird, in wirtschaftlicher Hinsicht ihre Funktionen zu erfüllen. Der Verarmungsprozeß des Judentums in Deutschland nimmt täglich deutlichere Formen an, die Ungewißheit, ob es den jüdischen Gemeinden möglich sein wird, ihre sozialen Institutionen zu erhalten, beschäftigt immer weitere Kreise. Soll die jüdische Gemeinschaft in Deutschland fähig sein, einerseits den Auswandererstrom in geordnete Bahnen zu lenken, anderseits die Menschen, die hierbleiben, zu betreuen, dann muß sie als Gesamtheit auch über gewisse wirtschaftliche Kraftreserven verfügen, die sie in den Stand setzen, ihre sozialen Aufgaben durchzuführen. Wir denken, daß auch bei den maßgebenden Stellen des Staates die Erkenntnis vorhanden ist, daß eine verarmte und wirtschaftlich zerrüttete jüdische Gemeinschaft nicht die Fähigkeit haben kann, die Funktionen durchzuführen, die ihr doch auch nach Ansicht der staatlichen Organe nach der neuen Gestaltung der Dinge obliegen. Koscherfleischeinfuhr in Deutschland verboten. Bekanntlich wurde nach der Machtergreifung durch Hitler ein generelles Schächtverbot für ganz Deutschland erlassen; den gesetzestreuen Juden wurde aber erlaubt, Koscheriieisch aus benachbarten Ländern einzuführen: die en'orderlichen Devisen wurden hierfür zur Verfügung gestellt. Nunmehr hat die Regierung ein Verbot der Koscherfleischeinfuhr am 8. Dezember erlassen und dies mit der Notwendigkeit von Devisenersoarnis begründet. Die rituell lebenden deutschen Juden können sich seit dem 9. Dezember kein Stückchen Fleisch mehr beschaffen — auch die S c h ä c htung von Geflügel ist in Deutschland verboten — und ernähren sich nur vegetarisch, was für die Dauer für die Betreffenden mit einem Rückgang ihrer Leistungsfähigkeit verbunden sein muß. Hilfe kann ihnen nur in der Form gebracht werden, daß jüdische Kreise des Auslandes Koscherfleischpakete an die Gemeinden und an Einzelpersonen in Deutschland senden. O bei der Bücher Sdiwedenbrttdfc! BUCHHANDLUNG SCHNEIDER & CO» Wien I., Eranz Joseis-Kai T Reichste Auswahl neuer Bücher bester Autoren von 20 g, 30 g und 50 g aufwärts Katalog gratis I Der Import von Koscherfleisch, erfolgte bisher aus Ländern, in denen Deutschland große Devisenguthaben hatte, so z. B. aus Ungarn und Dänemark. Jetzt aber, da in Deutschland akuter Mangel an Butter, Eiern und" Fett herrscht, werden die festliegenden Devisenbeträge zur Beschaffung dieser notwendigen Dinge verwendet; für die Juden aber will man keinerlei Opfer bringen. Durch das Einfuhrverbot für Koscherfleisch werden auch hunderte jüdische Fleischgeschäfte, Wurstfabriken und Restaurationen ruiniert. Das Verbot bedeutet direkt eine Mißachtung der jüdischen religiösen Interessen, die zu schützen die Nationalsozialisten immer wieder vorgeben. Der Nobelpreis und die deutschen Juden, Vor vierzig Jahren hat Alired Nobel, der berühmte Erfinder, sein denkwürdiges Testament errichtet, in dem er die Zinsen seines Riesenvermögens für die Nobel-Preise aussetzte. Anläßlich dieses Gedenktages findet es die nationalsozialistische Presse „nicht ohne Reiz", den Anteilen der einzelnen Nationen an den Nobel-Preisen nachzugehen. Die deutschvölkische Presse beruft sich auf eine Statistik, nach der bis zum Jahre 1931 zuerkannt wurden: dem Deutschen Reich 36 Preise, das ist mehr als ein Viertel, Frankreich 22 Preise, England 18, den Vereinigten Staaten 12, Schweden 11, der Schweiz 6, Oesterreich 5, Italien 5 usw. Ergänzend sei auf folgende Tatsachen hinge- ■ wiesen.. Von den insgesamt 170 Nobelpreisträgern erhielten 14 Juden und 6 Halbjuden, also 12 Prozent den Nobelpreis. Danach entfallen also auf Deutschland 11 „Nichtarier", und zwar 7 Juden und 4 jüdischer Abstammung, auf Holland 1 Jude, auf Oesterreich 3 Juden, auf Dänemark 1 Preisträger jüdischer Abstammung, auf Amerika 1 Jude, auf Frankreich sowie Rußland je 1 Jude. Bei Abtrennung der Juden würden also die Deutschen nicht mehr an erster Stelle stehen, die deutschen „Nichtarier" lallein nach Amerika an fünfter Stelle. Das muß natürlich den „Volksgenossen" verschwiegen werden, und so ist neben den vielen anderen jüdischen Nobel-Preis-Trägern auch der ausgebürgerte Einstöein auf einmal ein „echter Deutscher" geworden. Das ist die Mathematik der nationalsozialistischen Propaganda. König Georg an die griechischen Juden. König Georg II. von Griechenland hat eine Abordnung, bestehend aus dem Oberrabbiner Dr. Zwi K o r e t z, dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde Saloniki Leon Garregne und dem Vizevorsitzenden Haimachi Cohen, empfangen. Als Führer der Delegation brachte der Oberrabbiner gegenüber dem König die Loyalitätsgefühle der gesamten jüdischen Bevölkerung des Landes zum Ausdruck. In seiner Antwort sprach König Georg II. den Dank für das ihm von der jüdischen Bevölkerung entgegengebrachte Vertrauen aus. „Ebenso wie mein Großvater Georg i. und mein Vater Konstantin XII.". erklärte der König, „werde ich in meinen jüdischen Untertanen stets ein fortschrittliches Element schätzen und ihnen meine volle Sympathie schenke n". Zum Schluß forderte der König den Oberrabbiner auf, der gesamten jüdischen Bevölkerung seine Grüße mit der Versicherung herzlicher Geneigtheit zu übermitteln. Im Verlauf der Unterredung erkundigte sich der König auch nach seinem „Freunde" Rabbi Jacob M e i r, dem jetzigen sephardischen Rabbiner von Jerusalem und früheren Oberrabbiner von Saloniki. Der König erklärt, er habe Rabbi Meir anläßlich der Eroberung Salonikis durch.die griechischen Truppen kennen und schätzen gelernt und seither sei er mit ihm durch aufrichtige Freundschaft verbunden. — Rabbi Jacob Meir stand als Freund der königlichen Familie in engen persönlichen und politischen Beziehungen zu den Königen Konstantin und Alexander. Die früheren Könige haben ihm die höchsten Auszeichnungen verliehen. Ueber seinen Umgang mit den griechischen Königen, insbesondere mit König Alexander, den der Rabbi noch als Kind kannte, sind unter den Juden Griechenlands viele Anekdoten verbreitet. flgende lür Trauungen Unentbehrlich für Rabbiner und Kantoren (Die Gesänge mit Noten von S. Snlzer) Sinniges ErioDerungsgescbenk an Brautleute Zn beziehen beim Herausgeber: Max Schwager Wien II., Zirkusgasse 50