Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1935
- Issue
- Heft 50 (13.12.1935)
- Date
- 1935-12-13
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Nr. 50 — 13. Dezember 1935 Seite 7 GROSSFLEISCHHAUEREI flEGM. KORNMEHl WIEN IX., BERGGASSE HR. 19 FILIALE i XVIII., WÄHRINGERSTRASSE 97 Telephon Nr. A 17-3-99 und A 16-9-34 Lieferant für Heilanstalten AbteilungetifarKoscherfleisch unter Aufsicht des ehrw. Rabbinates der Isr. Kultusgemeinde Wien« Sämtliche Fleischsorten von ausschließlich Prima-Qualitat zu den billigsten Marktpreisen Schwere antisemitische Exzesse in Bukarest. Nachdem vor einiger Zeit der antisemitische Teil der Bukarester Advokatenkammer durch einen Coup die Leitung der Kammer an sich gerissen hat, die Regierung aber diesem Zustand der Gesetzlosigkeit ein Ende machte, sollten am Samstag, den 7. Dezember, die ordnungsmäßigen Wahlen in die Leitung der Advokatenkammer vor sich gehen. Der Führer der antisemitischen Advokaten, Istrate Micescu, aber mobilisierte mehrere _ tausend seiner Anhänger, in der Hauptsache Studenten, die das Gerichtsgebäude, wo die Wahlen stattfanden, umstellten und den jüdischen Rechtsanwälten den Zutritt zur Urne verwehrten. Diese Aktion artete noch im Verlauf des Vormittags zu ausgedehnten antisemitischen Exzessen aus, die den Nachmittag hindurch und am Abend andauerten. Automobile, Autobusse und Straßenbahnen wurden von den Demonstranten angehalten, jüdische Fahrgäste wurden hinausgeworfen und verprügelt, ein Auto wurde vollständig demoliert. An jüdischen Läden und Wohnungen wurden die Fensterscheiben zertrümmert. Nationalistische Studenten zogen durch die Straßen und mißhandelten die jüdisch aussehenden Passanten, von denen zahlreiche mehr oder weniger erheblich verletzt wurden. Die Rettungsstation mußte in zehn schwereren Fällen intervenieren, doch ist die Zahl der Schwerverletzten weit größer. Die Polizei griff im Verlauf des Tages wiederholt ein, doch immer -wieder sammelten sich die zerstreuten Demonstranten zu neuen Angriffstrupps. Es "wurden insgesamt 50 Personen verhaftet. Es siegte die Liste Micescu. Lieber Ehrenmann, als Ehrenbürger. Das „Pariser Tageblatt" gibt einen charakteristischen Briefwechsel zwischen dem Bürgermeister von Königsberg Flöter und Landrat a. D. von der Osten aus Warnitz, wieder. In dem Brief des Bürgermeisters heißt es u. a.: „Von verschiedenen Seiten bin ich darauf hingewiesen, daß es doch nicht angängig sei, wenn Sie, sehr geehrter Herr von der Osten. Ihren Getreidehandel in Königsberg durch eine jüdische Firma tätigen, da dies mit der Würde eines Ehrenbürgers der Stadt Königsberg unvereinbar ist." Herr von der Osten erwiderte u. a.: „Die Firma Brisch in Königsberg hat mich in langen Jahren zuverlässig und gut bedient und der geschäftliche Verkehr mit ihr hat niemals zu den geringsten Schwierigkeiten Anlaß gegeben. Weiterhin hat der Inhaber der Firma auch in der schweren Kriegszeit seine volle Schuldigkeit gegenüber Volk und Stadt Königsberg getan ... Es ist mit meinen Grundsätzen von Treue und Ehre nicht vereinbar, wenn ich einem äußeren Drucke folgen wollte, diese alte Geschäftsverbindung aufzugeben. Wenn an dieser meiner Haltung in Königsberg Anstoß genommen und die Ansicht vertreten wird, daß sie mit der Würde eines Ehrenbürgers der Stadt Königsberg nicht vereinbar sei, so bin ich unter diesen Umständen leider gezwungen, auf diese Würde hiermit zu verzichten." Nationalvermögen und Nationaleinkommen in Palästina. Eine sichtlich falsche Berechnung. In einer Arbeit Jacob Adlers wird versucht, das Nationalvermögen und Nationaleinkommen Palästinas zahlenmäßig zu erfassen. Dieses Vermögen wird unter Außerachtlassung des Wertes von Grund und Boden auf 115 Millionen Pfund geschätzt. Davon entfallen auf Investitionen in Orangen-Plantagen 18 Millionen, auf andere Zweige der Landwirtschaft 12 Millionen, Industrie und Handwerk 9 Millionen, Verkehrsmittel 10 Millionen, Handel 4 Millionen, Edelmetalle 1,5 Millionen, Wohnhäuser und öffentliche Gebäude 45 Millionen, Regierungsfonds im Ausland 11 Millionen, Privatkapital im Ausland 4 Millionen, verschiedene bewegliche Güter 9,5 Millionen. Der Anteil der Juden an dem gesamten Volksvermögen wird mit 56,5, der der Araber mit 39,5 und der der Regierung mit 11,5 Millionen angenommen; als „gemeinsamer Besitz" (Geldumlaut u. dgl.) wird ein Betrag von 6 Millionen eingesetzt, das Vermögen der Kirchen, religiösen Körperschaften usw. wird auf 1,5 Millionen geschätzt. Als Durchschnittseigentum werden bei den Juden 162, bei den Arabern 46 Millionen angenommen. Dieses Verhältnis ändert sich jedoch v/esentlich, wenn man auch GrundundBoden, der vorwiegend in arabischen Händen ist, berücksichtigt. Das allgemeine Jahreseinkommen wird von dem Verfasser auf 18,5 Millionen Pfund geschätzt, und zwar beträgt der Ertrag der Orangen-Pflanzungen 3 Millionen, der der übrigen Landwirtschaft ebenfalls 3 Millionen, Industrie und Handwerk bringen 7,5 Millionen, das Einkommen der freien Berufe, der Banken, des Hausbesitzes usw. beträgt 5 Millionen. Der Anteil der Juden an dem Gesamteinkommen wird mit 10,8, der der Araber mit .6,7 und der der Regierung mit 1 Millionen Pfund beziffert. Während das Gesamteinkommen 18,5 Millionen ausmacht, betragen die Gesamtausgaben 22,5 Millionen. Da® Defizit von 4 Millionen wird durch Kapitalzustrom gedeckt. (Die Berechnung dürfte nicht richtig sein. Es ist ausgeschlossen, daß das investierte Vermögen von angeblich 115 Millionen Pfund ein Erträgnis von 18,5 Millionen Pfund, also etwa 15 Prozent, abwirft. Anm. d. Red.) Palästina-Nachrichten. In schriftlicher Beantwortung der vom Abgeordneten Colonel Josiah W e d g w o o d eingebrachten A nfrage über das Bandenunwesen in Palästina hat Kolonienminister J. H. Thomas erklärt, diese Anfrage beziehe sich offenbar auf die am 20. November von der Polizei bei Jenin aufgegriffene arabische Bande. Bei diesem Zusammenstoß sei der englische Polizist R. C. V. M o 11 getötet worden. Eine Bestätigung der Preßmeldung, daß diese Bande auch mit dem vor kurzem an dem jüdischen Polizeisergeanten R os e n f e 1 d v e r ii b t e n M o r d in Zusammenhang stehe, liege seitens des High Commissioner bisher noch nicht vor. Die palästinensischen Behörden seien sich durchaus bewußt, daß es wichtig sei, jede Spur unerlaubten Waffenhandels bei irgendeinem Teil der Bevölkerung zu verfolgen. Zum Schluß erklärt der Minister, er sei überzeugt, daß keine Notwendigkeit für die Einleitung einer besonderen Untersuchung, wie sie in der Anfrage angeregt wurde, gegeben sei. Kürzlich haben mehrere englische und jüdische Polizeifunktionäre, die die Untersuchung über das arabische Bandenwesen führen. MÖBEL Moderne Kuchen' Vorzimmer- Wohnzlmmer- F. KOHN, Wien IL, TABORSTRASSE Nr. 22 Telephon R 40 7-14 Samstag geschlossen. STEININDUSTRIE CARL BENEDICT Zentrale: III.. Rennweg 112, Tel. U 15-0-52 GRABSTEINLAGER: Zentralfriedhof, 3. Tor, Tel. B 530-53 Drohbriefe erhalten. In einem an den Leiter der Tel Aviver Polizei, Rosenstein, gerichteten Brief heißt es: „Die Vereinigung der arabischen Jugend, die seit mehreren Jahren besteht und die Befreiung des arabischen Vaterlandes von den englischen und zionistischen Ketzern anstrebt, ricKtet ohne Furcht vor dem Tod und entschlossen, alles zu wagen, um unsere Feinde zu Fall zu bringen, an Sie, Rosenstein, die Warnung, nicht zu versuchen, die arabischen Briganten zu verfolgen." Der Brief war in Jaffa angeschlagen. Trotz des Dementis der Palästina-Regierung behauptet die arabische Tageszeitung „Feiestin" weiter, daß in der Gegend von J e n i n eine zweite Terroristenbande sich verborgen hält. Seitens der Executive der Jewish Agency wird der JTA auf ihre Anfrage mitgeteilt, daß die Gerüchte, wonach die J e w i s h A g e n c y auf Rechnung der Halbjahresschedule Oktober 1935 bis März 1936 5000 Zertifikate vorschußweise erhalten hat, der Wirklichkeit nicht entsprechen. Bisher hat die Executive vorschußweise 1000 Zertifikate bekommen, von denen 500 für jüdische Palästinawanderer aus Deutschland bestimmt sind. Weiter wird der JTA mitgeteilt, daß die Gerüchte, wonach der Aufenthalt sämtlicher bisher unter Außerachtlassung der Einwanderungsvorschriften nach Palästina gekommenen Personen demnächst legalisiert werden solle, der Grundlage entbehren. Für die am 15. Dezember stattfindenden Wahlen zum Gemeinderat von Tel Aviv, bei denen 15 Stadtverordnetenmandate vergeben werden, sind nicht weniger als 24 Kandidatenlisten mit insgesamt etwa 100 Kandidaten eingereicht worden. Wie die palästinensischen Zeitungen melden, haben die Sanktionen gegen Italien zu einer etwa 25prozentigen Erhöhung der Preise für Palästina-Orangen geführt Insbesondere die arabischen Kaufleute rechnen mit der Eroberung von Märkten, die der italienischen Orange jetzt verschlossen sind, und haben den Export nach England gedrosselt, wodurch eine Preiserhöhung auf dem dortigen Markt von 4 auf 5 Schilling pro Kiste im Laufe einer Woche herbeigeführt wurde. | Moritz Felsenburg | Am Donnerstag, den 5. d. M., wurde unter starker Beteiligung Herr Moritz Felsenburg zu Grabe getragen. Der Heimgegangene war eine Persönlichkeit eigener Prägung, die jedem unvergeßlich bleiben wird, der ihn gekannt hat. Unbegrenzt war die Hochachtung und der Respekt, die ihm auch von nichtorthodoxen Kreisen entgegengebracht wurden, insbesondere in der „Union"', der er als treues Mitglied seit Jahrzehnten angehörte, genoß er große Beliebtheit. Moritz Felsenburg sei. Ang. war u. a. Präsident der Stumperschul. Von kleinen Anfängen hat er an der Peripherie des jüdischen Wien ein blühendes orthodoxes Gemeindeleben geschaffen, eine Institution, die mit ihrer Talmud Thora, ihrem Bes-Hamidrosch und ihren sonstigen Einrichtungen als beispielgebend und musterhaft zu betrachten ist. Als Obmann der Stumperschul legte er besonderes Gewicht auf den standigen Kontakt mit den Führern der Adas Jisroel, der er selbstverständlich seit vielen Jahrzehnten angehörte und in der er immer die Zentralstelle des jüdischorthodoxen Lebens in Wien sah. Moritz Felsenburg war seit dem Tode des Herrn Bernhard H o f b a u e r Präsident der „E i n h e i t". Ke>n Opier war ihm zu groß und keine Mühe zu schwer, um nicht mit allen Kräften für das Wohl seiner Schützlinge zu sorgen. Auch die „Einheit" ist von ihm aus kleinen Anfängen zu einer der größten Einrichtungen ihrer Art in Wien gemacht worden, die, weil sie die einzige orthodoxe Ausspeisestelle für jüdische Mittellose in Wien ist, aus dem jüdischen Leben dieser Stadt auch gar nicht mehr weggedacht werden kann. Die Sorgen jedes einzelnen unter den armen Güsten der „Einheit" waren auch seine Sorgen. Solauge es sein Gesundheitszustand ihm erlaubte, war er mehrmals wöchentlich Gast in der Küche der ...Einheit", wo er selbst die Speisen kostete, um sich davon zu überzeugen, daß seinen Schützlingen nur das Beste geboten wird. Die „Einheit" verliert in ihm einen treuen Führer, der seine ganze Krait in den Dienst der Armen gestellt hat. Moritz Felsenburg war Präsident des „S c Ii o in r e S c h a b b o s". An der Wiege dieses Vereines, im Jahre 1909, hate er gestanden und ganz kurz vor seinem Tode hat er noch eine Vorstandssitzung einberufen, damit über die Unterbringung der aus der Jeschiwoh zurückkehrenden Bachurim beraten wird. Der Stellenvermittlung galt stets sein besonderes Augenmerk. Aber weit darüber hinaus beschäftigte er sich mit allen Problemen und mit allen Sorgen der schabboshaltenden Kauimannschaft, für die er in dem Verein „Schomre Schabbos" eine Organisation geschaffen hat, deren Wort und Einfluß heute ein mächtiger und bedeutender ist. Moritz Felsenburg war — und das nicht erst in letzter Linie — Mitglied des Zentralrates der A g u d a s Jisroel und des Vorstandes de.r österreichischen Landesorganisation der Aguda. Hier hit er eine Opierfreudigkeit an den Tag gelegt, die sonst schwerlich Nachahmung findet. Unbegrenzt war die materielle Hilfe, die er der Weltorganisation der orthodoxen Juden in ihren ersten Jahren gewährte, und so eine aufstrebende Entwicklung bis auf den heutigen Tag ermöglichte. Die orthodoxe Judenheit Wiens hat einen schmerzlichen und kaum ersetzbaren Verlust erlitten. GemeindechTonUk. New York. In der Carnegie Hall fand eine von der Free Synaigoguc und dem American Jewish Congress veranstaltete, massenhaft besuchte Gedenkfeier für den vct kurzem verstorbenen Vorsitzenden der New Yorker Stadtverordnetenversammlung Bernard S. Deutsch statt Der New Yorker Bürgermeister. Fiorella La Guardia, Rabbi Stephen S. Wise, Louis Lipski und Horace Allen hielten Ansprachen. Chewra Kadischa. I. Mittwoch, den 18. Dezember 1. J., 7 Uhr abends, findet im Saale des Hotel de France, I., Schottenring 3, die Generalversammlung statt. Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs. Die diesjährige Chanukafeier findet Samstag, den 21. d. M. um 20 Uhr 30 im Großen Musikverein s s a a 1 im Rahmen einer großen repräsentativen und kulturellen Veranstaltung statt. Mitwirkend u. a. der jüdische Gesaugsverein ('100 Mann), der Wiener jüdische Kinderchor und das S i nfonieorchester des „Bund jüdischer Frontsoldaten Oesterreichs" unter Leitung des Bundeskapellmeisters Dr. Kurt P a h 1 e n sowie mehrere hervorragende Solisten. Zur Aufführung gelangt „Der Turm von B a b e 1" von Arthur R u b i n s t e i n. eines der epochalsten Werke jüdischer Musik. Restliche noch vorhandene Karten im Sekretariat der Btindesführung, Wien I., Bräunerstraße 2. Telephon R 26-5-43. Chanuka-Festeottesdienst ' Im Pazmanitentenioe!. Wie seit vielen Jahren wird auch heuer im Pazman:tentempel Sonntag, den 22. Dezember 1935, um 8 Uhr abends, ein besonderer Chanuka-Festgottcsdienst stattfinden, bei welchem Herr Rabbiner Dr. Taubes eine Ansprache halten und Herr fibjrtoamtor Müller mit dem Chore unter Leitung des Dirigenten Hirsch mann d'e Gesänee vortragen wird. Zu d."eser Tempelfeier werden Eintrittskarten ausgegeben, welche zum Preise von S 3.—. 2.— und 1.— im