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Die Wahrheit · 1935-12-13 · Heft 50 (13.12.1935) · page 5

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 50 (13.12.1935)
Date
1935-12-13
Page
– (sequence 5)
Language
German
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DDE WAHRHEIT Nr. 50 — 13. Dezember 1935 Seite 5 Die deutsche Flüchtlingsfrage. Der vom Völkerbundrat eingesetzte Ausschuß zur Prüfung der Flüchtlingsfrage hat am Montag, den 9. Dezember, seine Arbeiten beendet. Den Vorsitz führte der tschechoslowakische Gesandte in Paris Dr. Stefan Osusky. In seinen Entschließungen sprach sich der Ausschuß dahin aus, daß zur Lösung der Fragen der Flüchtlinge eine Zusammenarbeit aller direkt i n t e r e ss i e r t e n S t aa t e n notwendig sei. Aber auch eine Mitarbeit der nicht direkt interessierten Staaten zur Lösung des Flüchtlingsproblems durch Aufnahme einer bestimmten Zahl von Flüchtlingen in ihr Staatsgebiet sei zu fordern. Hinsichtlich der Flüchtlinge aus Deutschland wird gefordert, daß für dieselben ein international gültiges Rechtsstatut ausgearbeitet werde. — Das MacDonald-Kommissariat stellt Ende Jänner 1936 seine Tätigkeit ein. Ueber den Inhalt des Berichtes der Kommission erfährt der Genfer JTA-Berichterstatter, daß ein Alternativvorschlag an den Völkerbundsrat ausgearbeitet wurde, demzufolge entweder für die ■ Auswanderer aus Deutschland eine besondere autonome Abteilung dem Nansenamt angegliedert werden und der künftige Präsident des Nansenamtes gleichzeitig auch als Oberkommissar für die Auswanderer aus Deutschland gelten soll oder ein völlig selbständiges Amt für die Fragen der Auswanderer aus Deutschland mit einem eigenen Oberkommissar geschaffen werden soll. Für diesen Alternativvorschlag haben vier Mitglieder der Kommission gestimmt, das fünfte jedoch, der Italiener Senator de Michaelis lehnte ihn ab und vertrat den Standpunkt, daß die Regelung der Auswandererfürsorge ohne Schaffung eines neuen ständigen Völkerbundsamtes den privaten philanthropischen Organisationen überlassen werde. Da die endgültige Entscheidung über diesen Vorschlag der erst im September 1936 zusammentretenden Völkerbundsversammlung zusteht, beantragt die Expertenkommission für die Zeit vom Januar -bis September ein provisorisches Amt mit einem eigenen Oberkommissar für Auswanderer aus Deutschland einzurichten. Dieser Oberkommissar soll die laufenden Angelegenheiten der Auswanderer aus Deutschland in der Zeit bis Sptember 1936 unter technischer Mithilfe des Vökerbundssekretariats erledigen. Schließlich wird in dem Bericht ein detaillierter Ueberbück über die Lage der Juden in Deutschland gegeben, wobi die Notwendigkeit einer endgültigen Regelung und Liquidierung des Transferproblems hervorgehoben wird. Jüdische Wanderung aus Deutschland nach Palästina geht zurück. — Die Ueberseeländer und Italien werden bevorzugt. In der am 6. Dezember in Berlin eröffneten Jahresversammlung des Hilfsvereins der Juden in Deutschland stand die Auswanderungsfrage im Mittelpunkt. Es wurde festgestellt, daß die Auswanderung deutscher Juden nach Palästina, namentlich die von Kapitalisten, nach und nach abnimmt, weil es immer schwerer wird, die als Ersatz für zurückgelassene Kapitalien ausgeführten deutschen Waren in Palästina und den übrigen Orientländern zu Geld zu machen; hingegen mache sich immer mehr ein Drang zur Auswanderung nach Uebersee bemerkbar. Von den Führern des Hilfsvereiro wurde angekündigt, daß die jüdische Auswanderung aus dem Reich im Jänner 1936 das Dreifache der Auswanderung im November betragen dürfte; es wurde demgemäß beschlossen, für die Auswanderungsarbeit im Jänner 65.000 Mark, gegenüber 25.000 Mark im November 1935, zur Verfügung zu stellen. Zum Präsidenten des Hilfsvereins für das Jahr 1936 wurde der hervorragende Bankier Max M. War bürg, Hamburg-Berlin, gewählt; er hat sich die Organisierung der Uebersee-Auswanderung zur besonderen Aufgabe gemacht. Es kommen Südamerika, Ferner Osten und Südafrika in Betracht. In der Versammlung wurde von einer Erklärung des italienischen Generalkonsulats Mitteilung gemacht, daß die italienische Regierung der Einwanderung deutscher Juden, denen die Mitnahme von je 30.000 Mark in Form von Reichsbankschecks, lautend auf italienische Lire erlaubt wird, keine Schwierigkeiten in den Weg legen wird. (Es handelt sich hier um deutsche Lire-Guthaben, die in Italien eingefroren sind und bereits! Neueröffnung! Am 29. Dezember wird in dem weltberühmten Thermalbad und Winterkurort mit prachtvollem Skigelände HOfgaSleill (Osterreich) eine Streng rituelle Pension unter Aufsicht der Wiener „Adass Jisroel Gemeinde" (Schiffschul), im Karhotel .„Alte Post'- eröffnet. Wiener Küche, schöne Zimmer. Zentralheizung, Thermalbäder im Hause, Fahrpreisermäßigung! Anfragen: Frau H. Wolff, Hofgastein. Alte Post, oder G. Wolff, Wien IJFreyung 6, 6 Stiege. Tel. U 23-&-S5 40 Prozent irires Goldwertes1 verloren haben, wobei aber die auswandernden Juden die Lire- Beträge im Goldwerte übernehmen müssen, ohne dann dem Kapital aus Italien in ein anderes Land transferieren zu können. Anm. d. Redaktion.) Ein Delegierter des Hilfsvereins wird sich in den nächsten Tagen nach Italien begeben, um dort die Niederlassung« mögl,ichkeiten für deutsche Juden zu studieren. Seitens der zentralen italienisch-jüdischen Organisationen liegt ein Bericht vor, daß in Italien für mehrere tausend deutscher Juden, die Kapital besitzen, Platz wäre. Tolstoi über Judentum und Antisemitismus. Vor einigen Tagen ist ein Vierteljahrhundert seit Tolstois Tode verflossen. Nicht überall ehrte man aus diesem Anlaß das Andenken dieses großen, reinen Christen, dessen Lehre heute mancherorts als unzeitgemäß gelten mag. Wir greifen ein paar Sätze aus jenen Briefen heraus, die er nach dem Pogrom von Kischinew an S c h o 1 e m A1 e j e m, den Herausgeber eines jüdischen Sammelwerks zugunsten der Opfer und ihrer Angehörigen, richtete. Tolstoi steuerte zu dem Buch drei Legenden bei, die zum Tiefsten und Schönsten gehören, was er geschrieben hat. Die Red. Mein Verhältnis zu dem Verbrechen von Kischinew ergibt sich von selbst aus meiner religiösen Anschauung. Bevor ich noch über all die schrecklichen Einzelheiten unterrichtet war, begriff ich schon nach den ersten Zeitungsnachrichten die ganze Furchtbarkeit dessen, was geschehen war. Wien II., Praterstraße 30 das Haus für elegante Wohnungseinrichtungen Restaurant Hotel Stefanie vormals Operer II., Taborsiraße iz, fei. R 46-3-37 : Brafen-M GeUUgel- Ausgiebige Braten-Menüs S 1 60 •>»**•> \WJ .. GeflÜMl- .. 3 2.20 >W * Vorzügliche Zubereitung — Sehwechater Biere Naturweine. Ich hatte ein schwer bedrückendes, qualvolles Gefühl, das sich aus mannigfachen Empfindungen zusammensetzte: aus dem Mitleid mit den schuldlosen Opfern der zur Bestie gewordenen Menge, aus einer starren Verblüffung über diese vertierten Menschen, die sich Christen nennen, aus Abscheu und Ekel vor jenen sogenannten Gebildeten, welche die Menge aufhetzten und mit ihren Untaten sympathisierten, und vor allem aus dem Entsetzen vor jenen Gewalten, welche die wahren Schuldigen in dieser Sache sind. * Was mein Verhältnis zu den Juden anlangt, so sollte es — glaube ich — allen denjenigen klar sein, die sich für meine Auffassung der menschlichen Dinge interessieren. Mein Verhältnis zu den Juden kann kein anderes sein als ein Verhältnis zu Brüdern, die ich nicht darum liebe, weil sie Juden sind, sondern darum, weil wir und sie wie überhaupt alle Menschen Kinder eines Gott-Vaters sind. Und diese Liebe heischt von mir keine besondere Anstrengung, da ich Juden begegnet bin und Juden gekannt habe, die sehr gute Menschen gewesen sind. * Die Juden haben — wie alle anderen Menschen — um ihres Glückes willen nur eins zu tun: so viel wie möglich in ihrem Leben den für die gesamte Menschenwelt geltenden Grundsatz zu befolgen, daß man sich anderen gegenüber so zu verhalten habe, wie man wünscht, daß sie sich gegen einen selbst verhalten möchten. Nicht mit den Mitteln der Gewalt mögen sie die Regierung bekämpfen, sondern durch ein wahrhaft gutes Leben, das nicht nur jede unmittelbare Gewalttat gegen den Nächsten, sondern auch jede mittelbare Beteiligung an einer Gewalttat, jede Ausnutzung einer fremden Gewalttat zu eigenem Vorteil ausschließt. Der Jud ist an allem schuld. Ernste Anzeichen sprechen daiür, daß die nationalsozialistischen Führer in Deutschland entschlossen sind, die Erregung weiter Bevöikerungskreise über den immer fühlbarer werdenden Mangel an notwendigen Nahrungsmitteln und die sich mehrende Arbeitslosigkeit infolge des Mangels an Rohstoffen auf die Juden abzulenken. In der Schlußsitzung der Reichstagung der Deutschen Arbeitsfront, die am Freitag, den 6. Dezember, in Leipzig stattfand, hielt der Führer der. Arbeitsfront Dr. Robert Ley eine Rede, in der mit einer in Deutschland jetzt nicht gewohnten Offenherzigkeit die Wirtschaftslage darlegte, aber iür alles Uebel die Juden verantwortlich machte. Das Reichspropagandaministerium hat erst am 8. Dezember Teile der Rede Leys zur Veröffentlichung freigegeben. Sie wird als eine Parole für die Unterführer aufgefaßt, die Aufmerksamkeit der „Volksgenossen" auf die „wirklich Schuldigen" zu lenken. Dr. Ley führte aus, die Situation sei eine sehr ernste und man dürfe nicht mit einem künstlichen Enthusiasmus sich über den wirklichen Stand der Dinge hinwegzutäuschen versuchen. An gewissen notwendigen Nahrungsmitteln besteht ein Mangel von etwa 40 Prozent, das gleiche gilt für die Bekleidungsindustrie. Die Reichshank verfügt kaum noch über eine Goldreserve und über sehr wenig Auslandwährung. Die wenigen Kredite, die Deutschland besitzt, müssen zur Einiuhr von Rohstotfen verwendet werden, weil sonst mindestens 4'A Millionen Menschen arbeitslos werden würden; für die Einfuhr von Nahrungsmitteln aus dem Ausland bleibt nichts übrig. Bei all dem, fügte Ley hinzu, hat der Jude die Hand im Spiele. Er überzieht das Dritte Reich mit einem „kalten Krieg", indem er in allen Ländern den Boykott deutscher Waren organisiert. Deutschland gleicht jetzt einer belagerten Festung. Wären nicht die Juden, so würde das nationalsozialistische Deutschland heute in den internationalen Angelegenheiten eine bedeutende Rolle spielen. Der Jude aber hindert dies. Er verbreitet Greuelmärchen und schürt die Feindschaft gegen uns. Wir aber werden nie vor dem Juden kapitulieren, unsere Losung muß sein: Deutsches Volk, erhoffe nichts vom Ausland! Die deutschenJuden im Jahre 1933 Im neuesten Heit der vom Statistischen Reichsamt herausgegebenen Zeitschrift „Wirtschaft und Statistik" beiindet sich eine Untersuchung über „die Glaubensjuden im Deutschen Reich nach Staatszugehörigkeit, Gebürtigkeit, Alter und Beruf" auf Grund der Ergebnisse der Volkszählung von 1933. Aus der Darstellung geht hervor, daß die Zahl der jüdischen Erwerbspersonen (einschließlich der Erwerbslosen) sich auf 240.000 beläuft. Das ist knapp die Hälfte der jüdischen Bevölkerung überhaupt, ähnlich dem Anteil der Erwerbspersonen innerhalb der Reichsbevölkerung. Von den jüdischen Erwerbspersonen waren 34.000 oder 14% erwerbslos. In der Wirtschaftsabteilung Land- und Forstwirtschaft waren am Stichtage, dem 16. Juni 1933, 4167 oder 1,7% tätig; in Industrie und Handwerk 55.655 oder 23,1%; in Handel und Verkehr 147.314 oder 61,3%: in öffentlichen Diensten und bei privaten Dienstleistungen 29.974 oder 12,5%; in häuslichen Diensten standen 3377 oder 1,4%. Für die Gesamtbevölkerung des Reiches sind die entsprechenden relativen Zahlen in den angeführten Wirtschaftsabteilungen 28,9%, 40,4%, 18,4% und 3,9%. Auf den Warenhandel entfielen 114.659 oder 47,7% aller jüdischen Erwerbspersonen. Als Rechtsanwälte und Notare waren 3030 jüdische Personen oder 16,25% sämtlicher Erwerbspersonen des Reiches in diesem Berufe. 5557 Aerzte gab es oder 10,88% aller. Als Reisende, Vertreter und Agenten verdienten 24.386 Personen ihr Brot. Als kaufmännische Büroangestellte 30.167, als Verkäuter 12.835. In der Kürschnerei waren 1198 Personen tätig, von denen fast 73% zugewandert waren; über 50% betrug auch der Anteil der Zugewanderten bei den jüdischen Heimarbeitern, den Optikern und Uhrmachern und Hut- und Mützenmachern, bei den Schneidern und Nähern erreichte er 48%. Von 100 jüdischen Erwerbspersonen waren 40 selbständig, bei der Reichsbevölkerung dagegen nur 16. 1933 gab es 434 Rabbiner, von denen 28.8% zugewandert sind. (Die Ziffern auf Grund der Volkszählung von 193? haben sich seither natürlich gewaltig verschoben: nicht nur hat die Gesamtzahl der jüdischen Bevölkerung durch starke Auswanderung abgenommen, sondern auch die Zahl der jüdischen Erwerbslosen stieg infolge der öffentlichen Praxis, des Boykotts und der Judengesetz^ebung ins Ungemessene. Die Red.)

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