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Die Wahrheit · 1935-12-13 · Heft 50 (13.12.1935) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1935
Issue
Heft 50 (13.12.1935)
Date
1935-12-13
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
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Seite 4 Nr. 50 — 13. Dezember 1935 DIE WAHRHEIT ie Juden Polens in Not und Gefahr. Die tiefe Besorgnis, die in der polnischen Judenheit angesichts der von den Universitäten ausgehenden und in Stadt und Land um sich greifenden antijüdischen Hetze und der sich häufenden Angriffe herrscht, fand ihren Ausdruck in einer Reihe Interpellationen der jüdischen Parlamentarier im Sejm der polnischen Republik. Abg. Pr. Emil Sommerstein verlas im Namen der jüdischen Parlamentarier eine Interpellation an den Ministerpräsidenten und die Minister für Inneres und für Justiz, in der u. a. ausgeführt wird: Seit einer Reihe von Monaten führt eine gewisse Organisation (gemeint sind die Nationaldemokraten) eine systematische Aktion gegen die jüdische Bevölkerung Polens durch. Unter Ausnutzung der schweren Wirtschaftskrise appelliert sie. an die niedrigsten Instinkte und erklärt die Juden als verantwortlich für alle Leiden und Schwierigkeiten des polnischen Volkes und Staates. Dieser politischen Partei, die von der Teilnahme an der Regierungsmacht beseitigt wurde, ist der kämpferische Antisemitismus ein Instrument zur Wiedereroberung der Macht; durch Provozierung von Unruhen und Untergraben von Ordnung und Sicherheit will sie die Basis der jetzigen Regierung untergraben und bedient sich hiezu fast ausschließlich der antisemitischen Hetze. Die Schwarzhundert-Methode des russischen Zarismus und die Methoden des heutigen nazistischen Deutschland werden von ihr nachgeahmt. In l>esonderen Zentren wird die Aktion vorbereitet und kontrolliert, von dort werden Losungen, Befehle und „Kriegsmaterial" ausgeteilt. Alle diese Aktionen tragen terroristischen und pogromistischen Charakter. Die große nationaldemokratische Presse bringt täglich Alarmnachrichten über „jüdische Uebertlutung" Polens und fordert zum Boykott der Juden und zur Entrechtung der jüdischen Bevölkerung auf. Der „Warszawsky Dziennyk Narodowy" fordert sogar die Vertreibung der Juden aus Warschau und dann aus ganz Polen. Diese Propaganda wird durch massenhaft vertriebene Flugblätter verstärkt. Boulevard-Zeitungen wie z. B. der „Szabbes-Kurier" (ein Blatt von der Art des Nürnberger „Stürmer") erklären, die Juden gehören nicht zur menschlichen Gemeinschaft, sondern seien A bkömmlinge des Teufels, die man durch physische Pogrome und wirtschaftliche Isolierung vernichten dürfe. Der gleichen Hetze dienen in Hunderttausenden von Exemplaren verbreitete Volkskalender. Die Schuljugend, auch die der unteren Klassen, wird durch solche Propaganda geistig vergiftet. Alte diese Aktionen werden durch die Faktoren, die über die Ordnung im Lande zu wachen haben, nicht im geringsten gestört. Der Zensor, der mit seinem Rotstift jeden geringsten Angriff gegen einen öffentlichen Funktionär auslöscht, greift niemals ein, um die jüdische Bevölkerung gegen Verunglimpfung und Morddrohung zu schützen. So wird eine Atmosphäre geschaffen, in der breite Schichten der chris"? liehen Bevölkerung in die antijüdische Aktion eingereiht werden; im Kampf gegen die Juden besteht nicht die geringste moralische Hemmung mehr. E'n solcher Zustand muß sich in Gewalttaten auslösen. Gruppen von Automobilen ziehen durch die Städte, beschmieren die Schilder jüdischer Geschäfte mit Teer, demolieren die Schaufenster, überschütten die Waren mit Lysol oder Salzsäure. Gruppen von Schulkindern blockieren die Eingänge zu den jüdischen Geschäften, um Käufer am Betreten derselben zu verhindern. Die jüdischen Kaufleute und ihr Personal werden terrorisiert und mißhandelt. Jüdische Passanten werden überfallen und mit eisernen Stöcken und anderen gefährlichen Schlagwerkzeügen blutig geschlagen. In einer großen Reihe %'on Städten zählt man zahlreiche schwerverletzte Juden, in einigen Städten auch Tote. In Truskolasi. Klobuck und Myslowice gibt es in den jüdischen Häusern keine einzige ganze Fensterscheibe. Jüdische Händler dürfen die Dörfer nicht betreten, jüdische Hausierer werden an Leben und Eigentum bedroht. Auf den offenen Marktplätzen in den Städten werden die Warenstände der Juden zerstört. Es mehren sich die Fälle, wo Stinkbomben und Petarden in jüdische Geschäfte und Restaurants geschleudert werden. Fast niemals gelingt es, die Schuldigen einer Strafe zuzuführen. Im Zentrum von Lemberg wurde eine große Synagoge in einer einzigen Woche zweimal durch Bomben schwer beschädigt. In die Synagoge von S o s n o w i c e wurde eine Bombe geschleudert, durch die das Bethaus zerstört und der zwölfjährige Rosenblum, der nach seiner verstorbenen Mutter das Kaddisch gebet sprach, mitten im Gebet in Stücke gerissen wurde. Jüdische Fried- Für die Mitglieder der „Union österreichischer Juden" Beratungsstelle für kaufmännische, gewerbliche, Steueruncl Versicherungs- Angelegenheiten. Leiter: Komm.-Rat Alexius Salzer. Eingehende Informationen für jedes Mitglied der »Union" unentgeltlich, Wien I„ Kohlmarkt 8,1.Stock,Tür 4, täglich (mit Ausnahme von Samstag) von 10 —12 Uhr vormittags. höfe werden geschändet, Tote werden aus den Gräbern geworfen. Wir fragen den Herrn Ministerpräsidenten und die Herren Minister für Inneres und Justiz: 1. Sind Verordnungen zur Verhinderung verbrecherischer antüüdischer Aktionen und zur Sicherune von Leben, Gesundheit und Hab und Gut der jüdischen Bevölkerung erlassen worden? 2. Wurden Anstalten getroffen, um die Schuldigen an den Unruhen zur Verantwortung zu ziehen und die Haltung der Sicherheitsorgane zu kontrollieren? Abg. Sommerstein richtete ferner an den Minister für Kultus und Unterricht eine Interpellation, die u, a. besagt: Seit einer Reihe von Jahren ist der Monat November ein Monat antijüdischer Unruhen an den Hochschulen. In diesem Jahre wird die Aktion durch eine politische Partei zu politischen Zwecken, als Mittel zur Eroberung der Macht, geführt. In Warschau, Krakau und Wilna mußte der Hochschulbetrieb unterbrochen werden. In Lemberg und in Posen dauert die antijüdische Aktion noch an. Das Ziel ist die vollkommene Beseitigung der jüdischen Jugend von den Hochschulen, zumindest die Erniedrigung der .akademischen jüdischen Bürger zu Bürgern zweiten Grades und ihre Absonderung von den übrigen Akademikern. Die jüdische Hörerschaft an den Hochschulen hat Furchtbares erleiden müssen. Auch Studentinnen wurden nicht geschont. Mehrere jüdische Studenten erlitten durch die erhaltenen Schläge Gehirnerschütterungen, andere Schädelverletzungen. An der P o s e n e r Universität, wo unter 5258 Studierenden nur 84 Juden sind, wurden nicht weniger als 25 jüdische Studenten durch Schläge erheblich verletzt. Der Rektor erklärte den jüdischen Studenten, er habe nicht die Macht, sie zu schützen. In Lemberg wurden mit schweren Wunden am Boden liegende jüdische Studenten nochmals geschlagen und mit Füßen getreten. Die akademischen Behörden haben nicht interveniert, obwohl ihnen die Namen der Arrangeure und Hetzer bekanntgegeben wurden. Wir fragen: 1. Sind der Regierung diese Fälle bekannt? 2. Was gedenkt sie zu tun, um Leben und Gesundheit der jüdischen studierenden Jugend zu Schützen und einen normalen Hochschulbetrieb zu garantieren? Außerdem sprachen in der Plenarsitzung des polnischen Sejm der agudistische Abgeordnete Leib Häuseradministration Adolf Krall IV., Schleiffmühlgasse 11 Beste Empfehlungen von in- und ausländischen Hausbesitzern M i n z b e r g, der schwere Klage darüber führte, daß die Machtorgane nichts unternehmen, um der gefährlichen Judenhetze im Lande entgegen zu treten und den Juden die Möglichkeit einer normalen wirtschaftlichen Betätigung zu garantieren, sowie der M i s r a c h i- Führer Abg. Rabbiner R u b i n s t e i n, der in einer großangelegten Rede u. a. ausführte: Wir haben eine neue Verfassung und eine neue Regierung, nur in bezug auf die Juden hat sich nichts geändert. Minister Kwiatkowski hat zugegeben, daß 85 Prozent der gesamten Steuerlasten auf die städtische Bevökerung fallen, die sich zu 40 Prozent aus Juden zusammensetzt. Handel und Handwerk liegen darnieder. Die jüdische Jugend ist ohne Zukunft. Die ganze Welt ist ihr verschlossen, und die Möglichkeit der Wanderung nach Palästina ist gering. Wir haben ein Recht, zu fordern, daß die polnische Erde, auf der wir seit urdenk liehen Zeiten leben, auch uns ernährt. Das Milliardenbudget enthält im ganzen, 180.000 Zloty für jüdische Bedürfnisse. Die jüdische Bevölkerung, besonders die Jugend, befindet sich in einem Zustand von Erbitterung und Verzweiflung. Was in den Zeitungen über die antijüdischen Exzesse berichtet wird, ist nicht alles; die Zensur erlaubt nicht, d:2 ganze Wahrheit zu schreiben. Aber was man liest, ist genug: Es werden den Juden die Köpfe eingeschlagen, Hände und Füße gebrochen, Fälle von Mord an Juden häufen sich. Ich weiß, weder die Regierung, noch der Sejm wünschen es, aber warum dulden sie es? Wissen sie doch, daß diese schändlichen Taten einer gewissen Parlei die Brücke zur Macht schlagen sollen. Aber wo es sich um Juden handelt, wird sogar die Brücke schwach verteidigt. Wir Juden, schloß Rabbiner Rubinstein, glauben an moralischen und humanitären Fortschritt, an den Sieg der Idee von Gerechtigkeit, Gleichheit und Brüderlichkeit unter Menschen und Vöikern. Dieser Sieg ist eine Existenzfrage auch für Polen. Das Gift des Antisemitismus fließt zu uns von unserem westlichen Nachbar, mit dem wir eben ein Handelsabkommen geschlossen haben. Es ist das Gift blutigen Wahnsinns, welches die Seele des deutschen Volkes bereits verkrüppelt hat. Wißt ihr aber nicht, daß nicht allein für die Juden, sondern für alle Völker, die sich als schwächer als die Deutschen erweisen sollten, ein Gift gebraut wird? Während Herr Dr. Goebbels das Gift zur Tötung von uns Juden fabriziert, stellen die deutschen Fabriken Gift- Herrenkleidersalon S. FROST III., Landstraße Hauptstraße 28 Telephon U 11-2-72 bringt für die jetzige Saison die schönsten Maßanzüge und Winterröcke in den herrlidisten Dessins Billigste Preise Feinste Ausführung Garantierte Paßform gase gegen alle Länder und Völker her, um sie zu unterjochen. Der moralischen Kraft auf der einen Seite, die die Probleme des Zusammenlebens von Menschen und Völkern nach dem Gebote von Recht und Moral lösen will, steht auf der anderen Seite die brutale Gewalt gegenüber, die die eigenen Bürger unterdrückt und fremde Völker unterjochen will. Die Zukunft Polens aber ist nicht an brutale Gewalt, sondern an den Sieg der Idee der Gerechtigkeit in der Welt gebunden. Auf Giesen Sieg hoffen auch wir Juden. Eine andere Hoffnung gibt es weder für uns noch für Polen, welches schon einmal ein Opfer dieser brutalen Gewalt gewesen ist. Wegen der Ausführungen Rabbiner Rubinsteins in bezug auf einen „benachbarten Staat" wurde ihm vom Sejmvoritzenden der Ordnungsruf erteilt. Unruhewelle noch nicht abgeebbt. — Anschlag auf Synagoge in Kattowitz. Am Sonntag, den 8. und am Montag, den 9. Dezember, kam es in verschiedenen Orten Polnisch- Oberschlesiens und Posens zu ernsteren anti jüdischen Ausschreitungen und zu Sabotageakten gegen jüdischen Besitz. In Kattowitz wurden in der Nacht zu Montag gegen das jüdische Gemeindehaus und die Synagoge Bomben geschleudert, die explodierten. Das Innere des Gemeindehauses und das Eingangstor der Synagoge wurden demoliert. In Lipinnen und in Chropaczow wurden in mehreren jüdischen Geschäften die Auslagenfenster eingeschlagen, in letzterem Orte wurden zwei jüdische Kaufleute verletzt. Die Polizei nahm Verhaftungen vor. In Posen wurden in ein jüdisches Kaffeehaus und in ein jüdisches Warenhaus Stinkbomben geschleudert. Im Warenhaus wurden Waren in. großen Mengen vernichtet. Außer gegen die Kattowitzer Synagoge und das jüdische Gemeindehaus wurden Bombenanschläge auch gegen mehrere jüdische Häuser verübt. In Hrobaczow wurde der jüdische Kaufmann Laub aurch eine in sein Geschäft geschleuderte Petarde erheblich verletzt, sein Laden wurde zerstört. Auch der Lagerraum des Kaufmanns oieinitz wurde durch Sprengkörper vernichtet. In Lipiny wurde das Haus des jüdischen Kaufmanns Schell durch eine Bombe teilweise zerstört, eine in das Haus des Juden Fleischer geschleuderte Bombe konnte rechtzeitig unschädlich gemacht werden. In den Städtchen der Umgebung von Radom leben die Juden in solcher Panik, daß sie ihren Geschäften nicht nachgehen können. Die Abhaltung von Märkten wurde verboten. Die Not steigt ins Ungeheuerliche. An der Warschauer Universität kam es am Dienstag, den 10. Dezember, erneut zu Ueberfällen nationaldemokratischer auf jüdische Studenten. In einem der Vorlesungssäle stürzten sich die Nationaldemokraten auf ihre jüdischen Kollegen, die sich weigerten, die ..Ghetto-Bänke" einzunehmen, und drängten sie hinaus. Einige jüdische Studenten wurden verletzt. Die Vorlesung mußte ausfallen. In der Lutomierska-Straße überfielen Huligans den 70jährigen Juden Meir Turkeltaub und brachten ihm so schwere Verletzungen bei, daß der Greis in einem hoffnungslosen Zustand ins Spital gebracht wurde. Litauische Regierungspartei gegen Antisemitismus. In einer Pressekonferenz betonte der Generalsekretär der litauischen Nationalen Front (Regierungspartei), daß die Partei an dem Grundsatz der Gleichberechtigung aller Bürger Litauens festhalte und daher der Ansicht sei, daß eine Hetzkampagne gegen bestimmte Nationalitäten nicht zugelassen werden dürfe. Die „Nationale Front1' werde zugleich mit dem Kampf gegen alle ■staatsfeindlichen Elemente auch eine starke .Offensive gegen die antisemitischen Organisationen eröffnen. Der Antisemitismus müsse aus dem öffentlichen Leben Litauens verschwinden. Leset den Morgen Verbreitet den Morgen Inseriert im Morgen €s ist 6uer Watt es fldft mit €ucfi €s denkt mit €u$ €s kämpft für €u$!

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